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Laudatio für Peter Sengl zu seinem 80. Geburtstag

Von Michael Schottenberg, gesprochen in der Galerie Suppan zur Eröffnung der Ausstellung am 4. März. | Foto: Peter und Susi Sengl. ©Willi Denk

Ich kenne einen Jongleur, der wirft sich einen kleinen Löffel auf die Stirn, und er bleibt stehen. Was für eine Umkehrung der Natur. Das Löffelchen widerspricht jeder Schwerkraft. Ich weiß nicht, weshalb das Leben manchen schwer fällt und manchen leicht. Der heute zu belobende Künstler ist einer, der in Permanenz Löffelchen auf seine Stirn wirft, und alle bleiben sie stehen. Er kann etwas, was sonst kaum einer kann. Er schmiegt sich quer durch alle Stilrichtungen, trotzt seit Jahrzehnten höchst erfolgreich jenen, die alles wissen und alles können und doch nicht den Mumm haben, herauszutreten aus dem Schatten der engen Gassen, wo sie als Nager überleben, immer die nächste Wade im Visier, um darüber herzufallen, sich zu ihr zu verbeißen und ihr Opfer zu Fall zu bringen, um so ihr eigenes Überleben zu sichern.

Peter Sengl ist und bleibt nicht zu übersehen. Auf dem Weg in sein Atelier, bei Premieren, Vernissagen, auf Unauffälliges wird verzichtet: Perfekt geschnittene Anzüge, Hingucker, sind sein Markenzeichen. Mal in sattem purpurrot, als wäre der Leibhaftige im Hause Gaultier auf einen kleinen Stepp vorbeigekommen. Mal in wellensittich-gelb-schwarzem Karo, als wäre er extravaganter Schrittmacher einer Tanzformation im Sambadrom zu Rio. Peter Sengl ist wandelnde Haute Couture. Die Anzugfarben findet man übrigens auch in seinen Rückzugsorten wieder. Obwohl: Die Grundfarbe seiner Bilder ist zumeist Rot.

Kleiderbewusstsein besaß der Halbwüchsige schon in der Mittelschule in Graz. Oder sollte es heißen: Der Fetisch „besaß ihn“? Tatsächlich hat es etwas von Besessen-heit, die ihn von klein auf gefangen hält. Im Laufe der Jahre hat Sengl sich als eigene Kunstfigur erfunden. Nicht nur in vorzugsweise asiatischen Lokalen lümmelt er nachlässig hingegossen, mit übereinander geschlagenen Beinen herum.  Auch auf seinen Bildern tut er es. Er „besitzt“ sie, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen nackten Frauen, dämonisierten Gestalten oder in nachgemalten Vorlagen berühmter Malerkollegen. Da hockt er dann und kennt kein Pardon. Wo Sengl rein will, kommt Sengl auch rein. Und ist er dann drin, werden die Sujets, garniert mit seiner ihm eigenen Skurrilität, nur noch surrealer – und die Aschenbecher voller. Er raucht die dünnsten Kippen der Welt. Sengls Begeisterung für filigrane Zigarettensorten ist legendär. So schmal sind sie, dass man sich erstens fragt, wo er sie um Himmels Willen herhat und zweitens, ob es sich überhaupt lohnt, sie anzustecken. Ohne Humor und hochkonsequent arbeitet er an ihrer Vernichtung. Voller Geringschätzigkeit schnippt er die Asche von sich, als gelte es sie zu demütigen. Wie einem Ritual folgend lässt er unmittelbar darauf sein schönes Ronson-Feuerzeug zwischen den Fingern erscheinen und zündet, nachdem die halb gerauchte Kippe in schönem Schwung im Aschenbecher landet, erneut eine der Superschlanken an, um das laszive Spiel genussvoll von Neuem zu beginnen.

Peter Sengl, du „Maß-Schneider in eigener Sache“, wie du einmal liebevoll genannt wurdest, du Dandy-Raucher, du spitzbübischer Überlebenskünstler, du Gesamtkunstwerk, du achtzigjähriges, lass dich feiern heute – umgeben von deinen Werken, deinen Freunden und all denen, die dich beneiden. Denn davon sind einem Jeden jede Menge zu gönnen.

Wir beide kennen einander aus der Klingklang-Zeit zu Ende der grauen 1970er, als Hans Gratzer Wien mit einem neuen Kultort nachhaltig veränderte: das Schauspielhaus. Dort stand nächtelang, jahrelang ein Paar an der Bar – sie, eine prachtvoll erotische Frauensperson, schön und malenswert, er, ein aufsehen-erregender Mensch in grellbunten Anzügen, beide Gallonen von Weißwein vernichtend – ein Paar, wie von einem anderen Stern. Ich war damals ein gertenschlankes, unerfahrenes, halbhübsches Wesen, das seine ersten Schritte auf eben dieser Bühne tat, die Sengls waren stadtbekannte glamouröse Künstler, die sich mir auf der Netzhaut einbrannten. Auch nur ein einziges Bild von ihnen zu besitzen war der unerreichbare Wunsch meiner frühen Jahre. Es sollten zwei werden. Sengl schenkte mir eines, und verkaufte mir ein anderes. Immer noch hüte ich sie wie einen Schatz, trotzdem noch weitere, in eben diesem Verhältnis dazugekommen sind. Peter Sengl ist gleichermaßen unerreicht großzügig, wie nachvollziehbar geschäftstüchtig.

Auch später, lange nach dieser Pionierzeit, haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, ziemlich oft sogar. Umso mehr freue ich mich, dass ich hier im Rahmen dieser opulenten Ausstellung anlässlich deines unaussprechlichen Geburtstages zu dir und über dich sprechen darf. Eines haben wir beide gemeinsam: Ich bin auf der Bühne geboren. Und du nicht weit davon entfernt, im Zuschauerraum. Damals liebtest du das Theater mindestens so wie ich. Was uns trennte, war die Rampe. Aber auch nur imaginär.

Deine Bilder nämlich sind hochtheatralisch. Sie haben etwas von Weltwunder-maschinen. Menschen werden von scheinbar höherer Macht verschraubt, vernietet, verkettet, mittels Halseisen zu Posen gezwungen, von Pfeilen durchpflockt, von Fauna und Flora umwachsen. Dies alles aber macht sie offensichtlich nicht leiden, im Gegenteil. Durch den Schmerz in einen schwerelosen Schwebezustand befördert, bewohnen sie eine postmodern-farbenfrohe Fortschreibung einer Welt die von Kubin, Seurat, Redon inspiriert scheint, und die von Sengl in eine hochglänzende Schule neuer Sinnlichkeit überführt wird – eine Welt die der Künstler seinen Geschöpfen verordnet und zu deren Mittelpunkt er selbst wurde. In Kompanie übrigens mit seiner wunderbaren Frau, Susanne Lacomb, die immer schon weit mehr war als bloß Muse. Selbst eine hochsensible Künstlerin, ihre gemeinsame Tochter Deborah, die dritte im Künstlerbunde, hat sie nicht umsonst einmal als „Konzeptkünstlerin der ersten Stunde“ bezeichnet, hat sie sich und ihr Leben dem Herrn Sengl verschrieben. Oder sollte es besser heißen: Sie haben einander gesehen, sich aneinandergeschmiegt, ineinander verschlungen, bis sie sich in einem unentwirrbaren Kokon ihrer selbst wiedergefunden haben. Beseelt von praller Lebensfreude bauen sie unentwegt an einer Welt voller Wunder und bewohnen sie selbst auch. Man möchte mit eintauchen in dieses verrätselte, anziehend elegante Unbewusste. Man sehnt sich geradezu danach, Teil einer Welt zu sein, die so postkartengrell verführerisch ist wie die Geschöpfe, die sie bewohnen – voller Leben und Erotik.

Sengls Werk und sein Lebensumgebungsstil lässt an Herzmanovsky-Orlando denken. Ihr habt eines gemeinsam: Die überbordende Anmutung verknüpft mit der Lust am Absurden. Dazu kommt noch das herrlich verkauzte Spiel mit Bildtitel, die in Ecken gekrakelt werden: „Sackaufbläser im Blumenkranz“, „Ein kleiner Anpumperer kann sich im Erdbeer-Nacht-Amphibien-Aufzuchtraum selbst an den Ohren in die Höhe ziehen“, „Tiermenschalpenwaldrebekasten“, oder „Schuhspitzenverlängerungs-tänzer“, wie du eines meiner Bilder benanntest. Oft allerdings ist die Gegenständlichkeit der Titel auf der Leinwand gar nicht mehr sichtbar. Der Künstler hat die Lust daran verloren – und hat sie übermalt.

Und dann noch die Unmenge an Bildern in deinem Atelier! In Regalen, Schubläden, an den Wänden, in allen Ecken, an allen Enden hängen, stehen, lehnen und lagern sie. Wie zum Leben erweckte Zeugen innerer Umtriebigkeit und nicht enden wollender Energie. Und immer griff- und servierbereit: Die gut gekühlte, frostbeschlagene, in Flaschen abgefüllte Lebensfreude. Weißburgunder, Rotgipfler, Welschriesling. Dazwischen überall und unübersehbar – die Menge überfüllter Aschenbecher.

Für mich bist du ein aus der Barockzeit herüber geretteter Mensch mit großer, unzerstörbarer Lust am Leben, immer auch im Bewusstsein deiner Endlichkeit. Du bannst den Tod, indem du ihn malst, festschraubst, fixierst. Und diesem Bild gibst du den Titel: „Der Tod ist schwarz, gelb, blau und rot, dennoch ist der Tod nicht tot.“ Das hat etwas trotzig-anarchisches, zugleich auch konservativ-religiöses an sich. Nicht von ungefähr. Sengls Vater war Pfarrer und Beichtbeauftragter seiner ursprünglichen Familie. Ein liebenswertes, Tartuffe’sches Wesen. Er hatte Peters Mutter in einem Cabrio das Chauffieren beigebracht. Die Lektion endete in gegenseitiger Annäherung. Das ansehnliche Ergebnis war Peters älteste Schwester. Für den neuen Herrn Papa bedeutete dies aber auch gleichzeitig das Ende der Soutane. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass der kleine Peter in Unterbergla, in der Weststeiermark, in einer Gemischtwarenhandlung zur Welt kam – auf einem Mehlsack (nach abermaliger Cabrio-Lektion). Es könnte sein, dass dies in späteren Jahren zu einer Phobie geführt hat. Mails zu beantworten ist nicht seins. Auch WhatsApp lehnt er ab. Da bleibt er stur. Er bevorzugt das Gespräch. Bei einem wohl temperierten Glas Wein.

Peters Sengls Geheimnis um die Leichtigkeit des Löffelchens kann ich mir immer noch nicht erklären. Aber wie ein guter Zauberer seinen besten Trick nicht verrät, nimmt Sengl sein Geheimnis in sein verwunschenes Atelier mit und heißt die Welt einen Narren.

Als Senglerianer alter Schule darf ich mich im Namen aller im Klub Befindlichen bei der Direktion des Hauses bedanken. Peter, ich wünsche dir noch eine Menge Löffel auf die Stirn und Ihnen, verehrte Damen und Herren danke ich für die Aufmerksamkeit – wissend, dass ich weder Kunstexperte bin, noch mich dazu berufen fühle, Sengls Werk zu kommentieren. Nichts anderes hatte ich im Sinn, als ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern, wenn auch aus einem Jahrzehnte alten – aus Bewunderung meinen allerbegabtesten Freunden gegenüber. Ich verwende die Mehrzahl. Täte ich es nicht, ich würde denen, die denselben Namen tragen, nicht gerecht werden. Denn es ist eine dreifaltige, faltenfrei verschworene Einheit: Die Löffelchen werfenden Sengls. 


Die Ausstellung „Peter Sengl – Sein Universum zum 80iger“ ist in der Galerie Martin Suppan, Palais Coburg, Seilerstätte 3C, 1010 Wien bis 22 April nach Vereinbarung zu sehen: suppanfinearts.com

KAFKA – Kommentar von Otto Brusatti

Szene aus KAFKA. – ©ORF

Kann man Franz Kafkas Leben (und sein Werk natürlich und vor allem) verfilmen? Selbst mit hohem Aufwand, erarbeitet und von Spezialisten zwischen Dramaturgie (Daniel Kehlmann) und Quellenkundigsten (Reiner Stach) betreut, mit einem Regiestar (David Schalko) und mit mehr als einem Dutzend an Schauspielern und Darstellerinnen aus der ersten Kategorie für Fernsehspiele?

Die Antwort lapidar: Ganz hübsch ist das ja geworden als sechsteiliges Monster mit ziemlichem Aufwand an Material, Szenen und – naja – Film- und Traumwirklichkeiten. Man sieht bestimmende Frauen, brutale Verwandte und ziemlich harmlos gezeichnete Schriftstellerkollegen, schöne Ausstattungen (zwischen alten Kostümen oder alten Autos). Es wird ungemein viel geraucht, die Sprache in den Filmen ist – wie aktuell üblich auch etwa bei den Tatorten – verhudelt, die behandelte Zeit, Kafkas Haupt-Schreibezeit, ändert sich in mehr als zwei Jahrzehnten in der Bilddarstellung kaum. Manchmal schwindelt sich alles in leicht irrationale Sequenzen hinein, gelegentlich wird aus dem off was erzählt, Musik, Klänge oder Hintergrundrhythmen sind immer da und stören leider zu oft, ein paar Mal kippt es ohne gestalterischen Rhythmus für das Ganze z.B. aus recht kindisch aufgelösten Bordell-Szenen in verfilmte Szenen aus Kafkas Texten (Prozeß oder Schloß oder Strafkolonie oder Verwandlung).

Sechs also hübsche Dreiviertelstundenfilme sind das. Wenn man allerdings von Franz Kafka und seinem Werk wenig bis kaum eine Ahnung hat, dann versteht man wenig oder kriegt kaum was als logische Abfolge mit. Das Kafka-Umfeld, also Kollegen, vor allem Max Brod, die Familie, vor allem der Vater, die Arbeitsstätte bei der Versicherung und zentral die wichtigsten Frauen (Geliebte, Verschmähte, Pflegerinnen, nächste Verwandte) stehen im Mittelpunkt. Der Hauptdarsteller (Joel Basman) bleibt bis auf wenige Einstellungen (im Tod vor allem) ein Bürscherl, jemand ohne Ausstrahlung – sozusagen: kafkaesk ist der nicht. Die meisten um ihn herum Spielenden sagen ihre Texte auf, die Natur ist weitgehend schön, der Weltkrieg spielt fast keine Rolle, man redet nicht pragerdeutsch; ja überhaupt: die besondere, wohl das literarische Werk fast durchgehend prägende Stimmung vor allem seiner Heimatstadt vermisst man ziemlich schmerzlich. Warum all das Gezeigte und Gespielte nun Basis gewesen sein soll für eine bestimmende Literatur des 20. Jahrhunderts, wird nicht klar.

Trotz aller Kritik, basierend jetzt halt auf Anschau-Enttäuschungen nach vielen Stunden vor dem Schirm (es zieht einen sozusagen nie weg, wie das beim Lesen von Kafka-Texten fast jedes Mal passiert, oder auch – simpler – die dargestellten Zeitgenossen zwischen Kunst, Familie und Vorbildern (?) für den Autor agieren zumeist harmlos und uninteressant) sollten trotzdem ein paar Besonderheiten in diesen neuen Kafka-Filmen hervorgehoben werden: vor allem die lebendige, auch verstörende Milena, dargestellt von Liv Lisa Fries, oder generell die Kafka-Schwestern.

Dieser Franz-Kafka-Sechserpack, immerhin von vielen der wichtigsten deutsch-sprachigen Stationen vorgelegt, war, wie man liest, kein Publikumserfolg. Man hätte den allerdings mit besseren Erzählstrukturen im selben Aufwand durchaus erzielen können.

In der ORF-Tvthek abspielbar.

-Otto Brusatti

Ingeborg – im Gewitter der welkenden Rosen

Bild: ©Polyfilm

Otto Brusatti zum Film „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“.

In letzter Zeit sind wieder einmal die – vielleicht – spannenden Frauen im Kino dran. Leider etwas simpel und schlimmer. Eine lesbische Super-Dirigentin namens Tár, die nicht dirigieren kann (und schon gar nicht Gustav Mahler). Dessen leicht betrügerische Frau, Alma, von der wundersamen Emily Cox gegeben und mit der Mahler-Frau wenig bis nichts zu tun habend. Von diversen Sisi/Sissi-Behübschungen reden wir lieber nicht. Apropos – eine davon ist ja die ebenfalls intensive Vicky Krips, welche aktuell in einem Frau-Trotta-Film, wie es genannt wird, „Ingeborg Bachmann – [auf der] Reise in die Wüste“ verkörpert. Man vermittelt dort die vier Jahre dauernde Beziehung der Poetin zu Max Frisch und dann – in einigen zwischengeschnittenen Film-Fetzen – Bachmanns Reisefluchtversuch vor allem nach Ägypten, gemeinsam mit ihrem Liebhaber Adolf Opel, lustig und erotisch auf der Suche nach Erholung aus der Trennungspsychose von Frisch. Und apropos Frisch – da agiert auf der Leinwand ein umgänglicher, dicklicher, oft gemütlicher, grinsender Mann, der wenig mit dem wiewohl brutalen wie ihr manchmal hündisch nachlaufenden wie sie betrügenden Schweizer Dichter zu tun hat.

Gleichviel. Sozusagen Pilcher für Maturanten. Beziehungsgewitter, nicht solitär.

Das Pech für die Regisseurin und Gestalterin ist, dass in den letzten Monaten sowohl Bachmanns Traumdarstellungen zur Eigentherapie als auch der ziemlich umfangreiche Briefwechsel zwischen den beiden herausgekommen ist. Und dort steht ganz was anderes, auch wüstes, auch peinigendes. Die Veröffentlichungen handeln von außergewöhnlichen, sich peinigenden Menschen. Sie zeigen Ingeborg Bachmann bereits am Weg in den selbst herbeigeführten Untergang, zeigen – wie viele Bilder es vermitteln – eine eitle, nur um sich kreisende, durchaus faszinierende Frau, die bereits mit 25 Jahren begann auszusehen, wie von einem heftigen Holzschnitzer gefertigt. Frisch hingegen, der von Bachmann wohl tausend Mal in ihrem Schreiben als ihr Mörder apostrophiert wird und der – zugegeben – seine heftigsten Affären in wunderbare Romane gezwängt hat, der noch diesbezüglich bis vor kurzem von der Frauenforschung gehasst worden ist, kommt vor allem als fader Kumpel rüber.

Dennoch, ein hübscher Streifen. Man hat aber von dem wohl nichts, wenn man über dessen literarhistorische Voraussetzungen nichts weiß.

Und nun doch noch was – was Böses vielleicht und mehr. Ingeborg Bachmann ist, ob mancher ihrer vor allem Gedichte und den Roman „Malina“ als besondere Poetin zurecht geschätzt. Allein, und nun kommt das Böse: Wird einmal es auch zu einer Bachmann-Neubewertung, -deutung, -abfuhr gar kommen, wenn, getragen vielleicht zunächst durchaus von wissenschaftlich-analytischer Seite dokumentiert ist, wie viel (um nicht zu sagen: wie beinahe alles) sie aus den Bildern in der Lyrik des Frisch-Vorgängers Paul Celan gezogen hat. Abgesehen davon, dass ihr fertiggestelltes Oeuvre, so sehr man es auch bereits bis hin zur letzten Skizze auseinandergenommen hat, schmäler ist als bei fast allen tatsächlich Großen der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Aber – Frau Krips (die im Film maximal für 5 Sekunden auch als schreibende I.B. agieren darf) ist lieb und hübsch und hat eine Ausstrahlung. Immerhin doch.

In den Wiener Kinos wie z.B. Admiral, Filmcasino, Votiv, De France und mehr.

Shakespeare in langsamer Düsternis – „Ein Sommernachtstraum“ im Burgtheater

Bild: ©Matthias Horn

Man gibt wieder einmal den Sommernachtstraum, das vielleicht vielfältigste Stück des großen William Shakespeare. Im Burgtheater präsentierte man als Koproduktion mit der Ruhr Triennale (Duisburg), wo im Sommer bereits die Uraufführung lief, vor allem mit Hauskräften und unter der Regie von Barbara Frey dies alles (?) in etwas mehr als durchgehenden zwei Stunden. Es war schon eine zwingende Aufführung als ein dahinziehendes Gesamtbild mit Drehbühne und vor allem (seit Wochen in den Medien derart beworben) mit dem „Gag“ (?), dass die Männer und die Frauen mehrfach die Rollen wechseln. (Achtung: Aktuelle Diskussion!) Ein wenig Musik gibt es zum Auflockern. Die Sache ist stets in ein Grau getaucht. Es wird nie laut, nie ausgelassen, manchmal zieht es sich, die Sprache ist nett gefasst, aus dem Ensemble stechen Sylvie Rohrer und vor allem der Zettel des Oliver Naegele hervor. Weitgehende Begeisterung wogte im Premieren-Publikum, das sich – das Stück wurde allerdings bewusst als ernsthafte Auseinandersetzung mit Ängsten, Fluchtgedanken oder Partnerproblemen inszeniert – manchmal wie im Sommer-Bauerntheater laut kichernd gerierte. Na gut.

Eine Neudeutung ist das nicht gewesen, viel Stehtheater gab es, manchmal wurden die Texte mehr oder weniger nur aufgesagt. Na, auch gut.

Es sei aber zu diesem Anlass (Saisoneröffnungspremiere und internationale Produktion) erlaubt, doch drei Dinge anzumerken:

. Das arge Bühnenbild (mit Fensterscheibenreihen zwischendurch, mit ein paar leicht kaputten Bäumen und mit vier, im Sand halbversunkenen Auto-Wracks) ist in Zeiten von Klimakatastrophen zumindest etwas grenzwertig.

. Es strengt an, eine Inszenierung verfolgen zu müssen, wo sich nichts entwickelt, noch dazu im „Sommernachtstraum“!). Meistens kommen und gehen die Protagonisten, liefern was ab und verschwinden wieder im satten Herbstnebel.

. Aber dann! Ja, ganz bewusst jetzt behauptet: Es geht zu, wie in vielen Inszenierungen jüngst in diesem Theater (es sei beispielhaft auf die Stücke Geschichten aus dem Wienerwald, Die gefesselte Fantasie oder die letzten Inszenierungen von Jelinek-Texten verwiesen, ja sogar zudem auf die handwerklich ausladende, intensive Zauberberg-Bearbeitung), also, nochmals und weiter bewusst salopp: Es geht zu, ohne dass man wirklich mitkriegt, worum es geht. Oder noch schärfer gesagt: Würde man, ohne zuvor irgendwas über den Inhalt des Stückes zu wissen, da ins Burgtheater hineingesetzt, man hätte am Schluss keine Ahnung, worum es auch im weitesten Sinn eigentlich gegangen ist.

[N.B. das ist zwar bei einem Großteil der gängigen Opern auch so, doch dort entschädigt zumeist die Musik.]

Von Otto Brusatti


Infos & Karten: burgtheater.at

Otto Brusatti: Zum Putin-Verstehen!

Text: Otto Brusatti / Foto: Bubu Dujmic

Und zum Putin/Russland-etc.-Götterdämmern.

Ja, die „Wagner“-Truppe, die sich ja expressis verbis in Verehrung sogar nach dem Richard nennt.

Bloß, wer ist wer? Putin ein Siegfried und Prigoschin ein Hagen, ein Alberich? Der Joe Biden mit dem Scholz-Olaf und eventuell dem englischen/französischen Bundeskanzlertypen: Rheintöchter. Und der Fafner in der Gestalt der Oligarchen. Und die Nornen das Direktorium der Salzburger Festspiele? Und die Mannen eben die Mannen?

Die Gutrune eher die Meloni oder auch die EU-Chefin herself.

Der Xi eine Art Scheinsoft-Hunding.

Und was war dann das eben abgelaufenen Treffen in Südafrika, zu dem der Putin nicht durfte, wo sich aber der Modi und der Lula aufgepudelt und doch nur wie ein lächerliches Zwergen-Zwillingspaar gewirkt haben (Siegmund und Sieglinde)?

Brünhilde wäre jedenfalls zu besetzen mit österreichischen Ex-Außenministerinnen oder Aktuell-Verteidigungsministerinnen.

Und so weiter.

Aber der Selenskjy? Wotan? Nur Gunther? Ein Mix-up aus Donner und Froh?

[Und doch, apropos Wagner: Ist die Putin-Prigoschin-Sache nicht vielleicht nur eine Tannhäuser-Parodie mit all den lächerlichen Sänger-Kriegern oder dasselbe – gesteigert wie stets – mit sogar Meister-Sänger-Kriegern?

Und doch: Es ist vielleicht bloß ein Shakespeare: mehrere Richards, Coriolans und Caesar-Brutonen in einem Anti-As-you-like-it?]

Mit verzagten Grüßen (gez. der Lohengrin – oder besser eigentlich bloß: der Bruder der Elsa, am Schluss der Oper vom Über-Parsifal aus dem Schwanenwagen gehoben, „Seht her, den Helden von Trabant! Zum Führer sei er euch ernannt!“ – übrigens, und ungemein trefflich in der Parodie des Nestroy mit anderem Namen versehen, nämlich Pafnutzi.)


Schubert Mengen – von Otto Brusatti

Schubert Mengen – Kolumne von Otto Brusatti
Illustration: Berenice Darrer

Die Frage hat man schon so oft gestellt und sie quasi verzeihend-lächelnd zurückgenommen. Allein – wie schafften das die Großmeister überhaupt? Jene Komponisten, die nun Riesenbüsten in Konzertsälen haben oder starre Steinabbilder in Parks, die Straßennamen oder Festspielzyklen gewidmet bekamen! Schubert ist einer davon. Aber Vorsicht. Ein Nachrechnen, vor allem bei ihm, ebenso wie beim Händel oder Telemann, beim Haydn, Mozart, Beethoven oder Schumann wird nicht nur verblüffen, sondern gar verstören.

Werkverzeichnisse, also die Großabstraktion, täuschen auch. So verbergen sich etwa im Bach- oder im Köchelverzeichnis viele tausend Minuten an oft vielstimmigster Musik in Hinweisen, zusammenfassend und faktentreu, auf Millionen von Takten oder Noten.

Rund herausgesagt. Es ist nicht nachvollziehbar, wie dieser Franz Schubert seine rund 1.000 Kompositionen in etwa 18 Jahren geschrieben hat, selbst wenn im Genialen konzipiert. Unter diesen sind zudem Sammlungen oder Zyklen, sind mehr als ein Dutzend an Opernarbeiten, manche (obwohl kaum zu prägenden Hauptwerken geworden) beinahe im Umfang wie beim frühen Wagner. Aber – über 600 Lieder, Kammermusik, Sonaten, Symphonien, Messen, Chöre …

Allein um heute sein Werk bloß zu kopieren (vom Skizzieren, das er sowieso vergleichsweise geringhielt, nicht zu reden), bräuchte ein Notenprofi Jahre. Und es gibt bei Schubert fast keinen einzigen Schreibfehler. Aber er formulierte die Vokalmusik neu und gültig bis heute, er war perfekt in den Formen. Tja, er schloss schon mit 31 Jahren das Komponieren todesbedingt ab. Beethoven war zu dieser Lebenszeit erst am Durchbruch, selbst Mozart hatte in dem Alter noch ein Drittel seines Hauptwerkes vor sich.

Ein Exemplum bloß für den Kompositionsfuror, welchen dieser gern als gemütliches Schwammerl Tradierte aus sich herausließ; in Wien, in Untermiete, mit wenigen sozialen Kontakten lebend; aus den letzten Monaten, nur aufgezählt in Hauptwerken, die zum Größten der Kunst auf dieser Welt überhaupt zählen. Letztes Schaffensjahr: mehrere Riesensonaten, die Symphonie in C, Winterreise, ein Dutzend an Klaviergroßmusiken, Geistliches, das Streichquintett … (allein aus solchen Werken zusammengezählt, die Weltkulturerbe wurden: beinahe 17.000 Takte). Verstörend beinahe.