Buchtipp von Helmut Schneider

Pockenausbruch an der Eifel


Auch 1962 gab es eine Seuche in Deutschland: Steffen Kopetzky (Bild) erzählt in „Monschau“ höchst spannend über einen Pockenausbruch an der Eifel.
Text: Helmut Schneider / Foto: Creative Commons (CC BY-SA 4.0)


Als ein Außendienstmitarbeiter bei den Rither-Werken aus Indien die Pocken mit nach Hause mitbringt, ist in dem kleinen Ort Monschau an der belgischen Grenze Feuer am Dach. Die Fabrik ist der größte Arbeitgeber und außerdem ist gerade Karneval-Zeit – da kann man doch nicht einfach alles zusperren. Die Diskussionen sind uns vertraut, doch Steffen Kopetzky bringt uns in seinem genau recherchierten Roman aus dem Jahr 1962 doch auch vor Augen, wie wenig Staaten damals wie heute auf Pandemien vorbereitet sind. Damals gab es etwa noch keine Schutzanzüge – der für die Seuchenbekämpfung engagierte Arzt in Ausbildung muss etwa einen umgebauten Stahlarbeiter-Anzug tragen und wankt als Raumfahrer durch die idyllische Berglandschaft. Und die Erbin der Rither-Werke schleicht sich einfach mit einer Karnevals-Krankenschwestern-Tracht ins längst abgesperrte Krankenhaus weil sie ihre Freundin besuchen will – die völlig Naive muss dann natürlich für Wochen in Quarantäne drinnen bleiben.

Der Erzählkunst des Autors ist es zu verdanken, dass wir auf 350 Seiten gleich mehrere durchaus komplexe Schicksale miterleben können. Kopetzky erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte im noch verklemmten Nachkriegsdeutschland, sondern dröselt auch noch die zahlreichen Stränge, die zwischen dem 3. Reich und dem Wirtschaftswunder laufen, auf. Der mächtige Chef der Rither-Werke (Vorbild war die Otto Junker GmbH) war Liebkind der Nazis und ein Profiteur des Systems von Zwangsarbeitern. In seinem Unternehmen hat er sich mit Kriegsversehrten eine treue Gefolgschaft aufgebaut. Abhängig ist er nur von den Investoren im nahen Luxemburg, wo eine Alte Dame nach dem Vorbild Dürrenmatts, alle Fäden in der Hand hält. Dazu schnüffelt ein lästiger, unsympathischer Journalist der „Quick“ herum, der unschwer als Johannes Mario Simmel zu erkennen ist. Mit Jazzmusik, Sartre (Vera, die Erbin studiert in Paris) und vielen Details (der griechischstämmige Jungarzt kann etwa kein Moussaka kochen, da Melanzani in Deutschland zu dieser Zeit unbekannt sind) wird eine Atmosphäre geschaffen, in die der Leser wie in einen Mantel schlüpfen kann.

Und Kopetzky hält die Spannung wie in einem Krimi bis zuletzt aufrecht. Man wird da etwa an die frühere Meisterin dieses Genres Vicki Baum erinnert. Viele Fragen müssen schließlich beantwortet werden: Kriegen sich die beiden Verliebten aus gänzlich anderen Kreisen am Ende, gelingt es die Seuche einzudämmen und mit welchen Verlusten und entgeht der Ex-Nazi seiner Entlarvung? Schließlich fällt im Winterwald sogar noch ein Schuss. Aber mehr sei hier nicht verraten.


„Monschau“ von Steffen Kopetzky
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0112-7
Preis: 22,00€