Tito-Partisanen und Winnetou – Clemens Meyers Monumentalroman „Die Projektoren“

Die 1050 Seiten dieses Romans sind sowohl ein Lesevergnügen als auch ein Bergwerk für Germanistik-Seminararbeiten. Clemens Meyers „Die Projektoren“ schafft nämlich zweierlei – eine spannende Handlung zu erzählen und Sätze zu finden, die nachwirken. Dabei schert sich Meyer erfrischend wenig um drohende Kitschvorwürfe. Da hat endlich wieder einmal einer einen Roman geschrieben, der Position bezieht.

„Die Projektoren“ beleuchtet die dunkelsten Kapitel der Geschichte des Balkans. Schon der 1. Weltkrieg hatte hier seinen Ausgangspunkt, aber im Roman sind wir vor allem im blutigen Partisanenkrieg gegen die Nazis und die mit ihnen verbündeten kroatischen Ustascha-Faschisten, im Tito-Kommunismus und später im Bürgerkrieg nach dem Tod des Diktators. Als logischer Abschluss dient das Flüchtlings-Leid auf der sogenannten Balkanroute. Und als Kontrastprogramm sind wir bei den ungemein erfolgreichen deutschen Karl-May-Verfilmungen dabei, die um die Plitvicer Seen herum gedreht wurden. Da kämpfen zwar auch Indianer ums Überleben, aber das Publikum durfte eben auch „echte“ Helden anhimmeln. Ein Franzose – Pierre Brice – spielte den Winnetou, ein Amerikaner – Lex Barker – den Deutschen Old Shatterhand.

In „Die Projektoren“ werden viele Geschichten erzählt – so reist etwa Pierre Brice mit einem jugoslawischen Schauspieler, der im Film Winnetous Vater spielt und ein veritabler Schürzenjäger ist, durch die USA, um echten Indianern bei ihrem Kampf um mehr Rechte zu unterstützen. Als Hauptperson dient Meyer aber ein Mann, der immer nur als der Cowboy genannt wird, weil er ein kariertes Halstuch trägt. Der diente als Halbwüchsiger den Partisanen als Meldegänger, sitzt dann aber trotzdem Jahre auf der berüchtigten Gefängnisinsel und macht sich bei den May-Dreharbeiten als Komparse und Übersetzer unentbehrlich. Denn just vor seiner Haustüre auf einer Schäferhütte kämpfen Mays Helden ihre gerechten Kämpfe. Am Ende sucht er seine Nichte mitten auf den Schauplätzen des IS-Terrors im Iran, wo er zur Unterhaltung der Dorfbewohner Winnetou-Filme zeigt – Karl May hatte ja auch einige Orient-Abenteuer hinterlassen. Sehr wichtig sind aber auch die gar nicht harmlosen Spiele blutjunger Neonazis in der damaligen DDR. An der Seite der Kroaten ziehen diese später im Balkankrieg gegen die Serben. Die verschiedenen Handlungsstränge lassen sich freilich kaum nacherzählen – da fällt einem Wiener natürlich gleich Doderers Ausspruch ein: „Ein Werk der Erzählungskunst ist es umso mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann“, verlautbarte der Autor 1966. In den „Projektoren“ löst eine groteske Szene die nächste ab.

Als Schlüsselszene könnte man den historischen Vortrag, den Karl May 1912 in Wien gehalten hat und bei dem angeblich Adolf Hitler unter den begeisterten Zuhörern gewesen sein soll. Der Titel: „Empor ins Reich des Edelmenschen“, denn der Schilderer unzähliger Kämpfe soll in Wirklichkeit ein großer Humanist gewesen sein. „Die Projektoren“ ist ein Roman, bei dem man nach der letzten Seite das Gefühl hat, ihn gleich noch einmal lesen zu müssen.


Clemens Meyer: Die Projektoren
S. Fischer, 1056 Seiten, € 36,00

Publikumsdialog statt innerer Monolog – „Fräulein Else“ frei nach Schnitzler im Volkstheater

Bild: ©Marcel Urlaub

Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ gilt neben „Leutnant Gustl“ als Prototyp des literarischen inneren Monologs. Eine junge Frau wird von ihrem bankrotten Vater genötigt, einen reichen Kunsthändler anzupumpen, um Gefängnis und Schande von der Familie abzuwenden. Der will allerdings einen „Deal“ – eine Viertelstunde soll Else nackt vor ihm stehen. Bei Schnitzler nimmt sie sich daraufhin mit Veronal das Leben. Aber funktioniert das heute noch, nach Weinstein & Metoo? Regisseurin Leonie Böhm und Schauspielerin Julia Riedler versuchen im Volkstheater eine Antwort.

Dabei startet ihre Else gleich zu Beginn einen Dialog mit dem Publikum. Banalitäten werden ausgetauscht, Else fragt nach Veronal, spricht die Souffleuse als Tante an, einen jungen Mann als ihren Cousin.  Aus dem inneren Monolog wird ein äußerer. Dazu ist eine enorme Bühnenpräsenz notwendig, die Julia Riedler auch aufbringt, als Requisite dient nur ein Kronleuchter. Nach und nach kommen aber die Umstände des Deals zutage, der Kunsthändler als schmieriger Typ, der seine Knie an ihre presst entlarvt. Aber Else darf ausschweifen: wie wäre es, wenn alle bei ihrer Entkleidung dabei wären – würde ihm das den Spaß versauern? Wenn sie dann nur mit Unterhose bekleidet vor ihm steht, käme er vielleicht sogar zur Selbsterkenntnis und er sieht ein: „Mein Verhalten war ja megatoxisch!“ Das ist dann wieder so absurd, dass es komisch rüberkommt. Am Ende öffnet sich der Eiserne Vorhang und Else darf in ein Nebelmeer tanzen.

Schnitzler hat in „Fräulein Else“ den Frauenkörper brutal als Ware dargestellt – einmal schauen kostet 30.000 Kronen. Diese Kapitalismuskritik geht an diesem Abend vielleicht doch etwas unter. Das Premierenpublikum jubelte Schauspielerin und Regisseurin dennoch frenetisch zu.

Infos & Karten: volkstheater.at

Dialog zwischen Wien und München – Daniel Glattauers Roman „In einem Zug“

Ein Buchtipp von Otto Brusatti

Er reizt wieder seinen Plot aus (Stichwort „Nordwind“). Ein erzählender Mann, diesmal schon ein Kleinwenig jenseits seiner Lebensmitte und von Schreibhemmungen geplagt (seit vielen Jahren nun schon, noch dazu eine für Liebesromane; sowie dauernd ihm gegenüber eine leicht aggressive, straffe, jüngere Frau (tätig zwischen Psycho und Marathon). Sie sitzen voreinander im Zug, zufällig, so scheint es. In den anstehenden viereinhalb Stunden über die Westbahnstrecke von Wien nach München kommt man ins Reden und mehr. Es entstehen langsam Offenheiten. Man tauscht sich immer mehr aus über Zwischenmenschliches, über die seit Dezennien glücklich laufende Ehe des einen sowie über die wechselnden Beziehungen der anderen.

Glattauer schreibt in der Einheit des Ortes und (fast) der Zeit, er – zugegeben – versteht es virtuos, Dialoge vom Vertrautwerden bis zu einer ersten Erotik zu formulieren; zudem wechselt er oft aus dem Gespräch in das Parallel-Denken des Mannes, witzig und ironisch und beklommen. Kaum Aktuelles kommt vor, aber die beiden Menschen (nur gelegentlich unterbrochen) breiten etwas aus voreinander – und sie breiten dabei sich vor allem selbst und viel vom eigenen Scheitern aus. Der Mann ist am Weg, im Verlag zur Verantwortung gezogen zu werden; er ahnt, es müsste alles dort in München schiefgehen. Die Frau wird immer begieriger zu erfahren, wie denn eine gute Beziehung tatsächlich laufen könne, so lange und so treu, wie ihr (zu) oft versichert wird. Zudem kommen einige Alkoholprobleme heraus, zudem wird es immer schwerer, sich weiterhin ohne geradezu kindliche Scheu mit dem Faktor Sex auseinanderzusetzen.

Der Schluss des Buches soll überraschen und verblüffen. Er ist dennoch irgendwie erwartbar gewesen. Der Dialog läuft sich ab Salzburg langsam fest, nachdem er etwa in Amstetten oder noch in Attnang-Puchheim blühte.  

Ein Lesebuch, ein feines, eines zum Dranbleiben während 200 Seiten. Man nimmt den beiden Protagonisten zwar bald nicht mehr alles ab. Der Mann ist ja doch ein bisschen ein Lulli und kein cooler Bestseller-Autor, die Frau reagiert wie die Erfolgs-Tussies in bemühten Magazinen. Manchmal möchte man aber, ganz am Schluss, sogar doch noch wissen, wie es weitergehen würde/könnte/sollte. Und das ist ja für solche Geschichten-Bücher ein großes Kompliment.


Dialog zwischen Wien und München – Daniel Glattauers Roman „In einem Zug“. Ein Buchtipp von Otto Brusatti.

Daniel Glattauer: In einem Zug
Roman, Dumont, 204 Seiten, € 24,50

Eine Geschichte für jeden Tag im Jahr – Monika Helfer: Wie die Welt weiterging

Kurzgeschichten besitzen in der deutschsprachigen Literatur leider nicht die Anerkennung, die sie verdienen und die sie etwa in den angelsächsischen Ländern haben. Dabei sind stark verdichtete Geschichten manchmal viel interessanter als dicke Romane.

Die Vorarlberger Autorin Monika Helfer beweist in ihrem neuen Band Meisterschaft. Die 365 Kurzgeschichten – eine für jeden Tag im Jahr – wirken oft autobiographisch. Dabei geht es in vielen auch sehr phantastisch zu – Männer werden zu Bodyguards, Ohrringe werden gesucht, ein Urgroßvater ist mit der Aufsicht über ein Kind überfordert und eine grazile Frau wird als Fitnesstrainerin von einem Kunden schlecht behandelt. Aus Situationen entwickeln sich Gespräche oder umgekehrt. Schlagertexte oder Werbesprüche aus der Kindheit gewinnen eine andere Bedeutung.

Die meisten Geschichten hat Helfer für die Vorarlberger Nachrichten geschrieben, deshalb haben sie auch oft die gleiche Länge von etwa anderthalb Buchseiten. Aber das genügt der Autorin auch für ihre wunderbare Prosa und die Entwicklung ihres Personals, das manchmal an Franz Kafka erinnert.

Das Konzept eines Buches, das man nicht in einem durchliest, hat ja Potenzial. Ich habe selbst immer Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe“ neben dem Bett liegen. Die Gedanken des fiktiven Hilfsbuchhalters Soares sind wie ein Tagebuch der Erkenntnis über die Tücken des Lebens.


Was war J. Strauß jun. und was nicht? – Ein Essay von Otto Brusatti

Text: Otto Brusatti | Bild: ©KHM-Museumsverband, Theatermuseum

Er hat nun selbst Anteil am leichten Furor des so beliebten Jahresbedenkens oder -erinnerns, nach Bruckner und Kafka, nach Schönberg und Kant, Lenin, Marco Polo, Marlon Brando, Strindberg, Munch, Lord Byron, Puccini, Parkinson oder Uschi Glas und so fort. Aber zugegeben: Die Kulturpolitik braucht Hinweise, Haken, leicht sentimental-vermittelbare Daten, sie benötigt Genies und Stars, tolle Typen oder Verbrecher, dann aber Dutzende vor allem von solchen, welche das Kreative im Menschen zum Höhepunkt der Schöpfung hinaufgebracht haben. Man braucht sie, um jeweils aktuell seltsame Feier-Budgets ausschütten zu können (sozusagen: denn nur so geht im Kulturellen, vor allem in Österreich, was weiter). Aber jetzt! 2025: Der sogenannte Sohn, bezeichnenderweise verstorben wenige Monate vor der vorletzten Jahrhundertwende, dieser Johann Strauß (wir schreiben den nun gelegentlich dergestalt, halt einfach nostalgisch und nicht ganz korrekt, aber solch eine Überlieferung gibt es eben auch, eine mit dem scharfen „ß“), hat den Zweihunderter im Oktober.

Okay, er war einer der kreativsten Musiker aller Zeiten, Völker und Kulturen. (Hier darf man so einen Maximaltopos durchaus verwenden.) Wien, die Strauß-Stadt Nr. 1, macht nun ein zum Teil etwas seltsam programmiertes Strauß-Jahr mit dem Schani. Geschenkt. Es wird viel Geld für zum Teil nicht sofort einsichtige Projekte und deren Ausführende aufgewendet. Auch geschenkt. Kitsch wird sich nicht vermeiden lassen, schräge Nostalgie auch nicht, und der Tourismus braucht seine Turbos. Es sollte hoffentlich der Bedeutung dieses Mannes schon entsprechen. Wien, wo und von wo die Bühnen-, Orchester- und Tanzunterhaltungswerke von Strauß plus Familie noch allemal als unangefochtener Welthit tradiert werden, will sich halt fein-schräg herausputzen. Und das geschieht jedenfalls anständiger als noch vor Jahrzehnten.

Damals hat man etwa zu den Jubiläumsdaten, also vor 50 oder 25 Jahren, gerade einmal Ausstellungen plus ein wenig neue Literatur und Medienarbeit zu einem der weltweit wirkungsvollsten Kapiteln der Wiener und österreichischen Kultur- und Kunstgeschichte ermöglicht, gefördert und diese aus rein wirtschaftlichen Erwägungen international zu platzieren versucht. Mehr nicht. Man hat daneben Jahrzehnte hindurch die notwendige, voraussetzende und für die Strauß-Stadt eigentlich selbstverständliche Quellenarbeit an seinem und seiner Familie riesigen Nachlass vernachlässigt, nein, weitgehend trotz Betteleien seitens der Wiener Musikwelt ausgehungert und mickrigen Sponsoren überlassen. Geschenkt nun auch diesmal und 2025. Dieser Maestro Strauß ist sozusagen unbefleckt spannend geblieben! Das sei einmal vorweg behauptet, nein, festgestellt.

Den ganzen Essay können Sie im aktuellen Heft lesen. Otto Brusatti bereitet ein Buch über Johann Strauß vor, das noch im Frühjahr erscheinen und Beiträge diverser Autorinnen und Autoren (u.a. von Elfriede Jelinek) beinhalten wird.

Eine Familie auf der Flucht – Micha Lewinskys „Sobald wir angekommen sind“

Ein Zwischenfall auf NATO-Gebiet in Europa lässt Schlimmes befürchten – wird gar mit Atomwaffen geantwortet? In Zürich läuten für den wenig erfolgreichen Drehbuchautor Ben Oppenheim die Alarmglocken. Auch seine von ihm kürzlich getrennte Frau Marina macht sich Sorgen und so bucht sie für Ben und die zwei Kinder Moritz und Rosa einen Flug nach Brasilien. Obwohl Ben längst eine andere Freundin – die erfolgreiche Künstlerin Julia – hat. Der Hintergrund: Jüdische Familien sind aufgrund der Lehren aus der Geschichte stets fluchtbereit. Werden Ben und Marina in Recife wieder ein Paar?

Micha Lewinsky ist eigentlich Filmregisseur, „Sobald wir angekommen sind“ ist sein erster Roman. Und er packt nicht wenig in die Story: Jüdische Selbstzweifel, Ehekrise, Kindererziehung, neue Liebe. Aus der Sicht von Ben erzählend bleibt er dabei aber immer auf der humorvollen Seite und scheut sich nicht, seinen Protagonisten blöde aussehen zu lassen. Ben weiß ja selbst, dass er einiges vergeigt hat. Sein Drehbuch über Stefan Zweig in Brasilien wird von seiner Produzentin abgelehnt, Neues fällt ihm nicht ein. Zwischen Frau und Geliebter kann er sich nicht entscheiden, wahrscheinlich bleibt er sowieso allein zurück. Wir folgen ihm auf seiner Flucht ebenso wie bei seinen Selbsttäuschungen. Stilistisch ist der Roman sicher nicht der Hammer, aber mit seinen vielen Reflexionen über das Judentum, Männer in der Krise oder grundsätzlich die Situation unserer Welt ist das Buch mit Vergnügen zu lesen.


Micha Lewinsky: Sobald wir angekommen sind
Diogenes, 280 Seiten, € 26,50

Vom Schreiben schreiben – Bestsellerautor Benedict Wells erzählt in „Die Geschichten in uns“ seinen mühevollen Weg zum Schriftsteller

Nach dem Lesen von Wells letztem Roman „Hard Land“ fragte ich mich, warum gerade ein deutscher Autor eine – zugegeben sogar perfekte – Geschichte vom Aufwachsen in einer amerikanischen Kleinstadt geschrieben hat. Deshalb war ich neugierig, etwas aus der Werkstatt dieses – seit „Vom Ende der Einsamkeit“ 2016 – Bestsellerautors zu erfahren. Kurz gesagt: jetzt weiß ich, warum Wells diesen Roman schreiben musste…

Benedict Wells erzählt aber zuerst vom eigenen Aufwachsen. Im Vorwort berichtet der Autor, dass dieses Buch sein gescheiterter Versuch sein, einmal für eine Zeit kein Buch zu schreiben. Nun, wir profitieren ja unentwegt davon, dass Schriftsteller schreiben müssen. Wells hatte freilich eine problematische Kindheit. Da seine Mutter manisch-depressiv war und sein Vater in die Insolvenz abrutschte, kam Wells in ein Heim in Bayern. Schon bald wurden Bücher sein Trost. Im Sommer 2003 zieht er 19-jährig nach Berlin, um dort Autor zu werden. Es folgen Jahre, in denen er viele schlechte Texte schreibt, Brotjobs macht, ehe er mit „Becks letzter Sommer“ seinen ersten Roman herausbringen kann. Seinen Namen Wells hat er sich aus John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ geliehen, denn er ist – wie er nicht öffentlich machen wollte, aber eine Zeitschrift aufdeckte – ein Enkel Baldur von Schirachs und Cousin des Schriftstellers und Juristen Ferdinand von Schirach.   

„Hard Land“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der in den 80er-Jahren in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt spielt. Wells erkannte, dass Sehnsucht der prägende Begriff der Eighties war, denn schließlich gab es die Angst vor dem Atomkrieg ebenso wie Tschernobyl, Aids und den sauren Regen. Diese Sehnsucht verspürte der Autor auch in seiner Erinnerung in Bayern. Und die USA waren auch in Deutschland mittels Filme und Songs allgegenwärtig. Also siedelte Wells seinen Roman gleich dort an.

„Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Lesen“ enthält aber auch sehr viele Reflexionen über das Schreiben von Literatur. Das ist interessant, erfahren wir doch auch von bekannten Romanen und der Arbeitsweise von Schriftstellern. Die praktischen Tipps sind sicher für angehende Autoren hilfreich, so mancher große Roman wäre allerdings nicht zustande gekommen, wäre der Verfasser ihnen gefolgt. Das Nachdenken über Literatur ist freilich immer ein Gewinn.


Vom Schreiben schreiben – Bestsellerautor Benedict Wells erzählt in „Die Geschichten in uns“ seinen mühevollen Weg zum Schriftsteller.

Benedict Wells: Die Geschichten in uns
Vom Schreiben und vom Lesen
Diogenes, 400 Seiten, € 26,80

Thomas Manns Zauberberg – 2 Bücher zum Literatur-Jubiläum

1924 erschien Thomas Manns wohl bekanntester Roman „Der Zauberberg“. Die Geschichte des lungenkranken Hans Castorp gilt zurecht als einer der profiliertesten Romane in deutscher Sprache – ein Jahrhundertbuch und ein Abgesang auf eine Epoche, die mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs endete.

Der deutsche Autor Norman Ohler hat jetzt ein Buch über Davos geschrieben, das er selbstbewusst „Der Zauberberg, die ganze Geschichte“ nennt und etwas kokett in einer Art Rahmenhandlung als Steuerabschreibprogramm definiert. Er fährt mit Tochter und deren Freundinnen zum Schiurlaub nach Davos, wo er dann tatsächlich über die Geschichte des Ortes recherchiert. Und das ist nicht uninteressant. Ausgerechnet ein deutscher politischer Flüchtling und Arzt begründete den Ruf dieses Ortes, der Mitte des 19. Jahrhunderts noch völlig unbekannt war. Dem Arzt fiel auf, dass hier hoch in den Bergen niemand an der Geisel der Zeit – der Tuberkulose – erkrankt war. Er schaffte es, das erste Sanatorium einzurichten und bald schon kamen vor allem Gutbetuchte, um sich hier zu kurieren. Ein wissenschaftlicher Nachweis fehlte allerdings bis zuletzt. Schließlich wurde bekannt, dass Tbc von einem Bakterium ausgelöst wird. Antibiotika waren allerdings noch nicht erfunden. Ohler zeichnet die Entwicklungsstufen von Davos sehr plastisch nach, denn natürlich reagierten die Ärzte auch auf die neuen medizinischen Erkenntnisse. Nach und nach traten strenge Hygienemaßnahmen in Kraft – man war auf den Weg in eine Gesundheitsdiktatur. Das profitable Geschäft mit den Kranken blieb freilich und so manch Gesunder wurde gleich mitbehandelt. Thomas Manns Begegnung mit einem Davoser Arzt ist bekannt – der Dichter, der ja nur seine Frau besuchte, floh vor der falschen Diagnose und schrieb eben den Zauberberg. Heute ist Davos aber auch durch das Treffen der Superreichen beim World Economic Forum bekannt und unter Verschwörungstheoretikern berüchtigt. Spannend ist auch die Nazi-Geschichte des Ortes. Wilhelm Gustloff baute hier mitten in der Schweiz eine starke NS-Ortsgruppe auf, ehe er von einem jungen Juden erschossen wurde. Hitler hatte seinen ersten Märtyrer…

Während Ohler doch eher ein Sachbuch geschrieben hat, stürzt sich Heinz Strunk in die Literatur. Sein „Zauberberg 2“ spielt allerdings nicht in den Bergen, sondern in eine psychiatrische Klinik im sumpfigen Niemandsland Mecklenburg-Vorpommerns. Dort kommt sein 36 Jahre alter Unternehmer Jonas Heidbrink, um seine Angstzustände zu überwinden. Dabei ist Heidbrink in einer sozial privilegierten Situation – als reich gewordener Start-up-Unternehmer hat er mehr Geld, als er ausgeben kann. In der Klinik trifft er ein Panoptikum heutiger psychisch angeschlagener Bürger, die in diversen Therapien – von Musik, Theater, Physio – behandelt werden, die alle aber in ihrem eigenen existenziellen Saft schwimmen. Das ist eine Zeit lang ganz unterhaltsam, wirklich interessieren können die an der Nähe zur Karikatur angesiedelten Leiden und Figuren aber nicht. Die philosophischen Dispute in Manns Zauberberg verkommen zur Brabbelei. Ausgerechnet ein 80-jähriger, der sich zu seinem Geburtstag mit Hochprozentigem ins Koma säuft, kann da am ehesten noch mithalten.


Heinz Strunk: Zauberberg 2
Rowohlt, 228 Seiten, € 25

Drei Meister, drei hinreißende Ballette! 

BIld: ©Ashley Taylor

Die erste Saisonvorstellung des Wiener Staatsballetts ist der dreiteilige Ballettabend Shifting Symmetries. Er vereint drei herausragende Choreografien von Hans van Manen, William Forsythe und George Balanchine, deren verbindendes Element die ebenso konsequente wie zupackende Auseinandersetzung ihrer Schöpfer mit der Kunstform Ballett ist.

Musikalisch erwartet das Publikum ein abwechslungsreicher Abend mit Kompositionen von Frank Martin, Thom Willems und Johannes Brahms, dessen Klavierquartett g-Moll op. 25 Sie in einer prächtigen Orchesterfassung von Arnold Schönberg erleben können.

Für das Nederlands Dans Theater II schuf Hans van Manen 1994 Concertante zu Frank Martins Petite symphonie concertante – eine Komposition, von deren Ausdrucksvielfalt, dynamischen Rhythmen und zwingendem Charakter er sich zu einer Choreografie inspirieren ließ, in der sich acht Tänzerinnen und Tänzer wie Teile eines Puzzles zu tänzerischen Momentaufnahmen fügen und wieder lösen. Komplexe Strukturen im Raum und streng definierte Blickrichtungen bauen wie in einem Krimi eine unauflösbare Spannung auf, durch die sich der Tanz zu einer Begegnung zwischen Menschen weitet, über die Hans van Manen sagte: »Man kann sich noch so sehr nahestehen, letztlich weiß man nie genau, was der andere denkt.«

©Ashley Taylor
©Ashley Taylor

„Das ursprünglich für das Ballett der Pariser Oper geschaffene In the Middle, Somewhat Elevated ist ein Thema mit Variationen im strengsten Sinne“, schreibt William Forsythe über sein 1987 im Auftrag Rudolf Nurejews entstandenes Werk zu den kraftvoll stampfenden elektronischen Klängen seines langjährigen künstlerischen Partners Thom Willems. „Es nutzt die akademische Virtuosität des klassischen Balletts, und erweitert und beschleunigt deren traditionelle Figuren“, so der Choreograph. Mit In the Middle, Somewhat Elevated ist ein Werk William Forsythes zu erleben, welches das Ballett grundlegend revolutioniert hat.

Den Vorschlag, sich mit dem Klavierquartett g-Moll op. 25 in der prächtigen Orchesterfassung, die Arnold Schönberg 1937 von Johannes Brahms’ Komposition angefertigt und stolz als dessen »Fünfte Symphonie« bezeichnet hatte, auseinanderzusetzen, nahm George Balanchine von Igor Strawinskis Assistenten Robert Craft an, als er 1964 nach einem großen Werk für seine neue Spielstätte – das New York-State-Theater – suchte. 1966 kam das Brahms-Schoenberg Quartet schließlich zur Uraufführung – nicht nur als Feier der Bühne im Lincoln Center, sondern auch als Hommage an eine unvergleichliche Compagnie, die sich als 55-köpfiges Ensemble in vier, den Sätzen der Komposition folgenden Miniaturballetten von unterschiedlichsten Seiten zeigt: voller Eleganz im Allegro, voller Romantik und Lyrik in den beiden Mittelsätzen, mit Virtuosität in dem von Volkstanzelementen gefärbten »alla zingarese«-Finale. Brahms-Schoenberg Quartet zählt nicht zu den experimentellen Werken Balanchines, sondern ist ein Tanz- und Orchesterfest.

Spielstätte
Wiener Staatsoper

Termine
11., 14., 16., 18. & 23. Jänner 2025

Werkeinführung jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Gustav-Mahler-Saal

wiener-staatsoper.at/staatsballett

Ein Walzer soll das Land retten – Mario Vargas Llosas Roman „Die große Versuchung“ über die Musik Perus

Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist schon 88, also vielleicht ist sein aktueller Roman „Die große Versuchung“ sein letzter großer Roman. Wobei er im Nachwort noch einen Essay über Sartre ankündigt.

Toño Azpilcueta ist ein Kenner der peruanischen Volksmusik – seine Familie mit zwei Töchtern lebt freilich von den kargen Einkünften seiner Ehefrau, die sich nie beschwert. Seine Artikel in Zeitschriften bringen kaum Geld, seine Hoffnung auf eine Professur hat sich zerschlagen. Da hört er eines Abends den ungemein talentierten Gitarristen Lalo Molfino spielen und ist bezaubert. Als dieser junge Musiker dann unerwartet stirbt, beschließt er, eine Biografie zu schreiben, in der er nebenbei auch noch die komplette peruanische Volksmusikgeschichte erklären will. Ein Freund hilft ihm, die Recherchen zu finanzieren. Das Buch erscheint und hat sogar Erfolg. Doch Toño ist trotzdem unzufrieden – immer wieder erweitert er sein Buch, in dem er nichts Geringeres als die Entwicklung, ja Erlösung Perus aus dem Geist der Volksmusik und des Walzers – des Vals – propagiert.

Mario Vargas Llosa hat seinen Roman zweigeteilt – jedes zweite Kapitel ist sozusagen von Toño Azpilcuetas Buch über Lalo, der von seiner Mutter auf einer Müllhalde ausgesetzt und von einem Pfarrer gerettet wurde, übernommen. Leser bekommen also auch die Geschichte Perus mitgeliefert.

Das klappt leider nur teilweise. Zu spröde ist die Historie. Und für Toño Azpilcueta kann man sich auch nicht wirklich begeistern. Zwar erregt seine Besessenheit von seinem Thema und seine psychische Krankheit – er wähnt sich in Stresssituationen von Ratten angegriffen, die in seiner Kleidung stecken – Mitleid. Aber wirklich interessant ist die Geschichte seines Scheiterns nicht. Immerhin – wir erfahren einiges über das Alltagsleben in Lima.


Mario Vargas Llosa: Die große Versuchung
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Suhrkamp
304 Seiten
€26,00