Klassiker des Feminismus im Akademietheater

©Lalo Jodlbauer

Virginia Woolfs Roman „Orlando“, 1928 erschienen, ist quasi die Wiederentdeckung der schon in der Antike stark diskutierten Thematik vom natürlichen und gesellschaftlichen Geschlecht. Damals gab es die heute fast schon gebräuchlichen Begriffe „Non Binary“ oder „genderfluid“ natürlich noch nicht. Aber der Roman ist zu einem der wichtigsten literarischen Werke des Feminismus geworden, denn mitten in der Erzählung vom nicht alternden Jüngling Orlando, die sich vom 16. Jahrhundert bis zur Woolfs Gegenwart erstreckt, wird der Held zur Heldin und erlebt, wie sich weniger in ihm als in seiner Person in der Gesellschaft alles ändert. Es gibt zahlreiche Adaptionen, einen erfolgreichen Film von Sally Potter und eine Oper von Olga Neuwirth.

Im Akademietheater lässt die schwedischen Regisseurin Therese Willstedt in der Bühnenfassung von Tom Silkeberg Orlando von 7 Darstellerinnen und Darstellern spielen. Das bringt witzige Szenen, in denen die Figuren sich sozusagen selbst kommentieren und verschiedene Aspekte ihres langen Lebens einbringen. Der Schock, als Orlando sich plötzlich als Frau erlebt, wird dadurch aber natürlich verkleinert. Elisabeth Augustin, Markus Meyer, Seán McDonagh, Stefanie Dvorak, Nina Siewert, Martin Schwab und Itay Tiran zeigen große Spielfreude, das Premierenpublikum dankt ihnen auch mit viel Applaus. Eine Zwei-Stunden-Fassung eines großartigen Prosawerkes, das man aber vielleicht doch lieber lesen sollte. Wann ist den Theatern eigentlich der Mut, genuin neue, für die Bühne geschriebene Werke, zu spielen abhanden gekommen?

Infos & Karten: burgtheater.at

Hamlet ist viele – Saisonstart an der Burg

©Lalo Jodlbauer

Mit „Hamlet“ in der Regie von Karin Henkel begann die neue Burgtheater-Ära unter Intendant Stefan Bachmann. Die Regisseurin hat dabei den Prinzen von Dänemark in 5 Figuren (2 Frauen, 3 Männer) aufgespalten, wobei jede Figur einen der vielen Charaktere Hamlets widerspiegelt – von draufgängerisch bis zu zögerlich abwartend und nachdenklich. Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz, Tim Werths, Benny Claessens und Alexander Angeletta liefern das adäquat ab. Gleich zu Beginn stimmt Karin Henkel den Abend komödiantischer an, als man dieses vielleicht berühmteste aller Dramen erwarten würde. Ein riesiges Ensemble an Geistern mit weißen Leintüchern soll Hamlet zur Rache an den Vater bewegen, der Mörder Claudius gibt unvermutet Regieanweisungen. Und so chargiert diese Inszenierung fast 3 Stunden lang (inklusiver Pause) zwischen Dramatik und Klamauk. Hamlets Mutter Gertrud (Kate Strong) verfällt immer wieder ins Englische, niemand weiß warum. Michael Maertens als Brudermörder bringt den ihm eigenen Komödienton ein und appelliert immer wieder an die Vernunft. Dass die Hamlets auch alle anderen Figuren spielen, passt da gut in das Gesamtbild. Ein sicher kurzweiliger Abend mit etwas wenig Shakespeare und einer Prise Heiner Müller („Die Hamletmaschine“) als Botschaft von einer immer komplizierter werdenden Welt. Dass die finale Degenszene und somit das große Morden nur nacherzählt werden, enttäuscht dann aber doch.

Infos & Karten: burgtheater.at

Die Zeit anhalten – Kino auf der Bühne bei „Bullet Time“ am Volkstheater

©Marcel Urlaub

Ein Western am Theater? Warum nicht – Alexander Kerlin hat ein Stück über „Die Geburt des Kinos aus dem Geiste eines Mörders“ geschrieben, konkret geht es um den Fotografen Eadweard Muybridge, der im Auftrag des amerikanischen Eisenbahn-Milliardärs Stanford dessen schnelles Lieblingspferd Occident beim Galopp ablichten soll – und zwar so, dass geklärt werden kann, ob es einen Augenblick gibt, in dem das Pferd nicht mehr den Boden berührt. Das war im 19. Jahrhundert freilich ein technisches Problem, Verschluss und Fixierungsmaterial mussten erst entwickelt werden. Doch Muybridge wurde auch zum Mörder seines Nebenbuhlers, mit dem sich seine Frau in den langen Zeiten seiner Abwesenheit getröstet hatte. Die Gerichtsverhandlung in dessen Verlauf Muybridge freigesprochen wird, bildet die Klammer des Abends.

VT-Chef Kai Voges lädt uns in seinem Theater dabei zu einem Filmabend, eine riesige Leinwand beherrscht die Bühne, mehrere Kameras liefern Live-Bilder von den auf der Bühne gespielten Szenen. Das in historisch inspirierten Kostümen tapfer agierende Ensemble (Frank Genser, Lavinia Nowak, Anke Zillich, Evi Kehrstephan, Fabian Reichenbach, Uwe Rohbeck, Elias Eilinghoff, Uwe Schmieder, Claudia Sabitzer, Christoph Schüchner) wird zur Filmcrew. Oft sieht man sie gar nicht mehr, weil die Kameras sie verdecken.

Der Abend bietet gute Unterhaltung. Es ist natürlich witzig zu erfahren, dass man den ersten Zeitlupe-Bildern des galoppierenden Pferdes nicht traute und nach Betrug rief, während heute Fake News mit manipulierten Bildern fast schon die Regel sind. Der Regisseur scheint von der Fülle an Bezügen zu heute allerdings geradezu berauscht, das Finale gerät unnötigerweise allzu pathetisch.

Infos & Karten: volkstheater.at

Rauf und runter, schwarz und weiß – Colson Whiteheads Debütroman

Colson Whiteheads Debütroman „Die Intuitionistin“ über eine Fahrstuhlinspektorin in neuer Übersetzung.

Als 1999 der Debütroman von Colson Whitehead erschien, ahnte natürlich noch niemand, dass aus dem New Yorker ein vielbeachteter Bestsellerautor werden würde. Sein Vater – verriet er mir bei einem Interview in Wien – schlug die Hände zusammen, weil sein bestens ausgebildeter  (Harvard) Sohn, Schriftsteller werden wollte. Colson Whitehead ist zwar schwarz, aber entstammt der oberen Mittelschicht – sein Vater verdiente gut an der Börse. Glücklicherweise blieb Whitehead bei seiner Berufswahl und seit „The Underground Railroad“ gehört der 1969 Geborene zu den US-Bestsellerautoren. Dass Hanser jetzt diesen Erstling, der ursprünglich auf Deutsch bei Hoffmann und Campe erschienen ist, jetzt neu übersetzen ließ, erweist sich als ein Glücksfall. Denn 2024 liest man diesen vielschichtigen Roman anders als vor der Jahrtausendwende.

„The Intuitionist“ weist noch Elemente des postmodernen Romans auf, in seinen Themen ist er allerdings brandaktuell. Wir sind in einer sehr großen Stadt in den USA, die nicht genannt wird und in einer Zeit, als es noch keine Handys gab. Auch fotografiert wird noch analog, wahrscheinlich sind wir gar erst in den 50er-Jahren. Es geht um den Kampf zwischen zwei Richtungen innerhalb der Fahrstuhlinspektoren, den Empirikern und den Intuitionalisten. Erstere prüfen brav Motor, Aufhängung und Sicherheitseinrichtungen, zweitere führen eine Art Zwiegespräch mit dem Fahrstuhl, lauschen auf die Geräusche beim Anfahren und Bremsen und haben damit eine um 10 Prozent bessere Quote beim Aufspüren von Mängeln. Trotzdem gelten sie als Spinner und sind geächtet. Wer denkt da heute nicht an die Gläubigen der reinen Wissenschaft und die Anhänger alternativer Medizin. Lila Mae gehört den Intiutionalisten an und sie ist nicht nur die allererste weibliche Inspektorin, sondern auch noch schwarz. In der rassistischen Matschowelt hat sie daher einen doppelt schweren Stand – da nützt es nichts, dass sie bei der Arbeit keine Fehler macht und auch sonst nur durch Leistung auffällt.

Da stürzt just ein Lift in einem Regierungsgebäude, den sie kurz vorher inspiziert hatte, in die Tiefe. Etwas, das es nicht geben dürfte. Noch dazu ist gerade Wahlkampf für den Vorsitz der Inspektorengilde und der Fauxpas einer Intuitionistin kommt den überheblichen Empirikern gerade Recht. Die Intuitionisten sind indes schon lange auf der Suche nach den letzten Notizen ihres verstorbenen, legendenumwogten Theoretikers, der vor seinem Tod einen Fahrstuhl ganz ohne Mechanik entwickelt haben soll. Lila Mae sucht nach diesen Aufzeichnungen, zumal sie in den Schriften erwähnt sein soll. Spätestens hier ist der Roman mit seinen vielen Wendungen – Hausdurchsuchungen, Gefangennahmen, sogar Folter – zum Krimi geworden. Und man merkt bei jeder Zeile, dass Whitehead viel Spaß daran hatte, seine Leser rätseln zu lassen. Am Ende gibt es noch eine gute Pointe.


Colson Whitehead: Die Intuitionistin
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Hanser
272 Seiten
€ 26,80

Biederes Zaubermärchen ohne Biss – Ferdinand Raimunds „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ im Theater in der Josefstadt

Foto: ©Moritz Schell

Der Saisonstart in der Josefstadt beginnt mit einer Zeitreise. Wie bei einer Oper wird die Original-Musik von Wenzel Müller durch ein kleines Orchester (dirigiert und arrangiert von Jürgen Goriup) gespielt – erst dann geht der Vorhang auf, die Wilde Jagd des Alpenkönigs (Günter Franzmeier) steigt aus den Lüften herab und sehr brav wird der Text von Raimund gegeben. Es geht um den Menschenfeind Rappelkopf (Michael Dangl), der sich von Freunden betrogen, in einem Schloss verbarrikadiert hat und seine Frau samt Tochter plus Liebhaber sowie seine Dienerschaft bei jeder Gelegenheit zusammenputzt. Regisseur Josef E. Köpplinger – Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz – schwebte wohl eine Renaissance des Raimundschen Zaubertheaters vor, denn seine Inszenierung verzichtet auf fast jeglichen Zeitbezug – allein die Köhlerhütte wird aus unerfindlichen Gründen zum Wohntrailer. Dabei ist Pessimismus und Menschenhass heute so verbreitet wie schon lange nicht mehr. Die Wut der Bürger auf alles und jeden ist geradezu zum Common sense rechter Politik geworden. Als Außenseiter muss ein von Rappelkopf natürlich besonders gehasster Künstler (harmlos Tobias Reinthaller) herhalten. Mit Minderheiten assoziiert man heute freilich ganz andere Bevölkerungsgruppen.

Und so ist das von Raimund geschickt eingesetzte Rollenspiel im zweiten Teil nach der Pause – der Alpenkönig führt Rappelkopf sich selbst vor – dann zwar ganz witzig, vermisst aber trotzdem jegliche Schärfe. Ein nostalgischer Abend sozusagen in der Josefstadt, der dem Premierenpublikum offensichtlich gefiel. Ob man mit solchen Produktionen verlorene Theaterbesucher zurückgewinnen kann, ist allerdings zu bezweifeln.

Infos und Karten: josefstadt.org

Die letzten Tage des Weltenkaisers – der ungewöhnliche Historienroman „Reise nach Laredo“ von Arno Geiger

Obwohl keine 300 Seiten lang, ist Arno Geigers Roman über das Sterben Kaiser Karls V. im 16. Jahrhundert – das ist jener Habsburger, in dessen Reich niemals die Sonne unterging, wie es so schön heißt – ein Text, auf den man sich einlassen muss. Geiger wirft uns auf den ersten Seiten keine literarischen Häppchen hin, die uns den Sinn dieser Unternehmung gleich verraten würden. Der gichtkranke, fettleibige und hässliche – seine Kinnlade steht immer offen – alte Mann – damals war man mit 58 eben schon wirklich alt – lässt sich von seinen Bediensteten mittels einer eigens dafür konstruierten Apparatur in einen Waschzuber heben, weil er sich selbst nicht mehr waschen kann. Am liebsten dämmert er, betäubt von Laudanum vor sich hin. Er hat abgedankt, die Macht ist nicht mehr bei ihm in diesem spanischen Kloster Yuste, wo er sich mit seinem Beichtvater und einem kleinen Hofstaat zurückgezogen hat. Was will er noch vom Leben ist die Frage, die ihn bewegt, als ihn ein elfjähriger Knabe – ein illegitimer Sohn, der seine Herkunft aber nicht kennt – besucht und er wie zum Scherz mit ihm ausmacht, aus dem Kloster zu fliehen. Man könnte doch den Wallfahrtsort Laredo an der Küste aufsuchen – und das seltsame Abenteuer beginnt.

Geronimo und Karl treffen bald schon auf zwei Ausgestoßene – Cagots – die Geschwister Honzo und Angelita, die gerade furchtbar misshandelt werden, denn jede Gesellschaft hat ihre Minderheiten als Prügelknaben. Mit einer Pistole kann Karl die Angreifer vertreiben und so sind sie bald schon zu viert auf den Weg.

Und es wird zunehmend märchenhafter: Zwischen Yuste und Laredo liegt ein Gebirge und ganz oben die tote Stadt, wo die Reisegesellschaft in einem Wirtshaus einkehrt. Dort wird ein riesiger Greif gehalten – das Fabeltier haust ganz jämmerlich im Keller, während Karl nichts Besseres zu tun hat als zu saufen und sein Geld zu verspielen. Wer denkt da nicht an Goethes Auerbachs Keller? Schließlich müssen sie gar fliehen, wobei Honzo ums Leben kommt – er wollte seine Schwester überreden, im Tausch für den Greif beim widerlichen Wirt zu bleiben, stürzt freilich bei der Greifbefreiung vom Turm. Karl muss da an seine vielen Verwandten denken, die er gegen ihren Willen verheiratet hat. Das Ende wird nach den Abenteuern dann fast idyllisch. Karl schein beim Baden im Meer einen friedlichen Abschied vom Leben zu finden. Jeder Mensch ist ein zurückgetretener König, denkt Karl und wir denken an Geigers wunderbares Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“.

„Reise nach Laredo“ ist nicht wirklich ein Historienroman, Geiger nimmt sich aus der Geschichte, was er braucht, um das Elend einst mächtiger Männer nach ihrem Ausscheiden aus den Ämtern zu beschreiben (Frauen tun sich da meist leichter). Das kann man täglich beobachten – nicht nur in der Politik und Wirtschaft. Was bleibt, wenn der Schein verblasst? Geiger spielt geschickt mit literarischen Vorbildern und findet eine Sprache, die dem Stoff angemessen ist. Ja, es zahlt sich aus, wenn man sich auf diesen Roman einlässt.


Arno Geiger: Reise nach Laredo
Hanser
272 Seiten
€ 27,50

Ein Autor sucht nach seiner Herkunft – Kurt Palm: Trockenes Feld

Kurt Palm kennt man als umtriebigen Regisseur – er machte mit Phettberg etwa die „Nette Leit Show“, Sachbuchautor und erfolgreichen Krimiautor – „Bad Fucking“ wurde auch verfilmt und für seinen ungewöhnlichen Krimi „Der Hai im System“ erhielt er den Leo-Perutz-Preis. Schon lange in Wien Neubau lebend, stammt er aus dem oberösterreichischen Neukirchen an der Vöckla. Seine Eltern waren da aber als Vertriebene lange Zeit staatenlos, sie gehörten einer Minderheit im heutigen Kroatien an und lebten im heute verfallenen Ort Kapan, was damals Slawonien genannt wurde, der größere Ort daneben Suhopolje heißt übersetzt „Trockenes Feld“ – das ist der Titel von Palms Familienbuch. Als die Deutschen Ende des Weltkrieges vor den Partisanen zurückwichen, mussten Pals Verwandte „Heim ins Reich“, kamen aber nur bis Oberösterreich, wo sich Palms Vater als Hilfsarbeiter durchschlagen musste. Der Roman ist jetzt eine Art Spurensuche, denn die meisten Angehörigen und Zeitzeugen sind bereits gestorben. Und nach dem Krieg waren bekanntlich alle daran interessiert, die Jahre der Katastrophen zu vergessen – das Thema war für Nachkommen tabu.

„Trockenes Feld“ ist bestimmt keine Autobiografie, Kurt Palms Werdegang kommt zwar vor, steht aber nicht im Mittelpunkt. Vielmehr fragt sich der Autor, wie seine Eltern die schweren Schicksalsschläge meistern und dabei ihren Kindern eine beste Ausbildung ermöglichen konnten. Vieles aus der Kriegszeit muss dabei im Dunklen bleiben. Palms Vater wurde für die SS Polizei zwangsrekrutiert, hatte aber das Glück, nicht an der Ostfront kämpfen zu müssen. Eine relativ leichte Verwundung rettete ihm wahrscheinlich das Leben. In Kapan wäre er hingegen von den Partisanen ermordet worden. In Österreich tut die Familie alles, um möglichst schnell als Einheimische zu gelten. Bis zum Speiseplan orientiert man sich an den Nachbarn. Das Buch ist auch die Geschichte einer Assimilation von Staatenlosen in Österreich und erzählt viel über die politische Stimmung nach dem verlorenen Krieg.

Eine zentrale Rolle spielt auch die Tragödie von Kurt Palms Bruder Reinhard. Der erfolgreiche Dramaturg und Übersetzer nahm sich 2014 im Alter von 56 Jahren im Wald von Neuwaldegg das Leben – der Selbstmord schien sorgfältig vorbereitet.

„Trockenes Feld“ ist der Versuch, Herkunft aufzuarbeiten. Besonders spannend ist etwa der Besuch des Autors mit seiner Schwester in Kapan, das heute kaum mehr besteht. Sie treffen da auf einen Einheimischen, der ihnen Gräueltaten der Wehrmacht erzählt. Ein wichtiges und interessantes Buch für alle, die an der verdrängten Geschichte Österreichs und Jugoslawiens interessiert sind.


Kurt Palm: Trockenes Feld
Leykam
304 Seiten
€ 25,50

Roman über eine zerbrochene Familie in England – Jahreszeiten

Ein Leben auf dem Lande, Gemüse pflanzen und verkaufen, ein ideales Umfeld für die gerade geborenen Zwillinge Sonny und Max – das erschien Tess und Richard das ideale Dasein. Doch im Süden Englands stört gar vieles das Idyll. Tess, deren Mutter aus Jamaika stammt, wenngleich sie in London aufgewachsen ist und sich als Großstädterin fühlt, ist die einzige Schwarze im Dorf, in dem die Familie von Max tief verwurzelt ist. Und dass die Söhne Zwillinge sind, ziehen manche in Zweifel, denn Sonny ist schwarz, Max weiß.

Fiona Williams lässt alle vier Familienmitglieder erzählen, wenngleich Richard nicht in der auktorialen Form. Und sie verwendet eine blumige Sprache, ergeht sich in Naturschilderungen, die freilich nur den Hintergrund für eine wenig idyllische Geschichte bilden. Denn Sonny ist im Fluss ums Leben gekommen, wobei die Tragödie nur indirekt aufscheint, denn der Ertrunkene spricht weiter und sein Bruder hält auch Zwiesprache mit ihm. Richard kapselt sich vollkommen in sein Gewächshäusern ab und trinkt zu viel während Tess ihre Heimatlosigkeit immer mehr spürt. Ihre Mutter will ihren Lebensabend in Jamaika verbringen, die Schwester rät ihr, Richard zu verlassen.

Die Autorin ist in Südlondon aufgewachsen, hat eine Farm in Australien betrieben, in Singapur gewohnt und lebt mittlerweile mit ihrer Familie in den Somerset Levels, einem Feuchtgebiet im Südwesten Englands. Es gelingt ihr in „Jahreszeiten“ ganz gut, die Stimmungen im Landhaus der Familie zu schildern. Ein bisschen mehr Klarheit hätte dem Werk aber gut getan.


Fiona Williams: Jahreszeiten
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
S. Fischer
350 Seiten
€ 24,00

September – Arnold Schönberg Uraufführung „UND PIPPA TANZT!“ in der Galerie bel etage

Foto: Arnold Schönberg Center, Wien, Schönberg 1907, im Hintergrund Mathilde Schönberg

Wienlive-Mitarbeiter und Kolumnist Otto Brusatti präsentiert im Schönberg-Gedenkjahr (150. Geburtstag am 13. September) ein vergessenes Fragment mit einem hochkarätigen Ensemble:  UND PIPPA TANZT!

Aus den überlieferten Skizzen Schönbergs zu einem Musik-Bühnenstück nach dem Märchendrama in 4 Akten „UND PIPPA TANZT!“  von Gerhart Hauptmann.

Neu eingerichtet als vielfältiges Musik-Kammerspiel für 6 SolistInnen (im expressiven Naturalismus des beginnenden 20. Jahrhunderts, sowie aus Schubert und bis in die Jetztzeit)

Musik: Trio Stippich (Maria/Helmut/David) und Otto Brusatti (auch Gestaltung und Sprechrollen), Schauspiel: Julia Prock-Schauer, Tanz: Elisabeth Kneissl

Schönberg hinterließ Entwürfe; aber: kombiniert mit Musik zwischen Schubert und Aktuellem wird erstmals ganz „Neue Musik“ der überraschenden Art geschaffen!

Theatralisch: ausgerissen, absurd-realistisch, in Bewegung, ein andres Musiktheater …
Inhaltlich: (ACHTUNG) weiterhin aktuell mit Brutalem, Süßem, Aggressivem, Frauenverachtendem …

12. September, 19 Uhr
Galerie bel etage Kunsthandel
Mahlerstraße 15, 1010 Wien

Eine Anmeldung für die Performance und Uraufführung um 19 Uhr ist unbedingt erforderlich unter:
office@beletage.com  oder  schoenberg.pippatanzt@gmail.com

Wilde Jahre in L.A. – Eve Babitz: Sex & Rage

Die 2021 verstorbene Eve Babitz ist auf einem der berühmtesten Fotos der Kunstgeschichte zu sehen: 1963 ließ die 20-Jährige sich von Julian Wasser nackt beim Schachspiel mit Marcel Duchamp fotografieren. Der Maler ist natürlich voll angezogen – heute wäre eine solches Setting wohl undenkbar. Aber die Tochter eines Musikers und einer Künstlerin – ihr Patenonkel hieß Igor Strawinski. Sie war in den 60er-Jahren die Verkörperung einer freien Frau, das It-Girl der Hippie-Ära, wenn man so will. Sie schrieb für den »Rolling Stone«, gestaltete Plattencover, und traf Stars wie Harrison Ford, Jim Morrison, Steve Martin oder Frank Zappa und Salvador Dalí. Sie war Künstlerin, begann aber auch schon früh zu schreiben. Vor etwa 10 Jahren wurden ihre Bücher in den USA und dann auch in deutscher Übersetzung wieder aufgelegt. Babitz soll dazu gesagt haben: „Früher mochten mich nur Männer, heute sind es nur die Frauen.“ Der jetzt bei S. Fischer erschienene Roman „Sex & Rage“ aus dem Jahr 1979 erklärt vielleicht warum.

Im Zentrum steht eine junge Frau, die natürlich an die Autorin erinnert. Jacaranda wächst in L.A. auf, genauer dort am Strand, in Santa Monica – der Stadtmoloch ist schon damals eine Aneinanderreihung von Vierteln, die vielfach wie Dörfer funktionieren. Samt Misstrauen den Nachbarn gegenüber. Eine Frau erklärt etwa, sie sei noch nie südlicher als den Huntington Beach gekommen, der selbstverständlich noch zu Los Angeles gehört. Jacaranda ist begeisterte Surferin und Drogenkonsumentin, pflegt diverse Liebschaften und kümmert sich wenig um ein geregeltes Einkommen. Ab und zu bemalt sie Surfboards gegen Barzahlung oder schreibt für Szenemagazine. Die Handlung des Romans ist aber nicht wirklich entscheidend, es geht vielmehr um das Lebensgefühl dieser Zeit. Als Jacaranda plötzlich eine toughe Agentin hat, die sie in einer Bar aufgelesen hat, soll sie nicht nur ein Buch schreiben, sondern zur Promotion desselben nach New York kommen. Das erscheint ihr wie eine Reise zu einem anderen Planeten. Außerdem ist sie bereits schwere Alkoholikerin. Als sie dann tatsächlich ein Flugzeug besteigt ist das gleichzeitig ihr Entzug.

Eve Babitz erzählt witzig aber in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Versagensängsten – womit sie natürlich völlig ihrer Protagonistin entspricht. Ein Roman der sich natürlich besonders für den Sommer empfiehlt.


Eve Babitz: Sex & Rage
Aus dem amerikanischen Englisch von Hanna Hesse
S. Fischer
270 Seiten
€ 24,00