Kunst & Genuss

Bild: ©Ludwig Schedl

Nina Katschnig, Chefin der „Galerie Gugging“, hat in Marco Simonis Kult-Treff „Bastei 10“ eine Wiener Dependance installiert. Die „Galerie Gugging Vienna“ zeigt internationale Art brut in Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Galeristin & der Gastro-Star im Interview.


Von Caroline Autherry


Ein Besuch in Marco Simonis „Bastei 10“ ist immer ein Fest für die Sinne. In seinem Restaurant auf der namensgebenden Dominkanerbastei 10 in der Innenstadt gibt es ein herrlich buntes Potpourri an exquisiten Dingen zu kaufen, von leckeren Lebkuchen bis zum besten Gin – und natürlich kann hier auch gut gegessen werden. In diesem Kult-Treff hat Nina Katschnig, 50, die erfolgreich die Geschicke der Galerie Gugging in Niederösterreich leitet, eine Wiener Dependance eingerichtet, die „Galerie Gugging Vienna“, eine Galerie für die Sinne, wie es keine zweite in Wien gibt. Hier werden Werke internationaler Art-brut-Künstler*innen gezeigt. Katschnig ist Expertin für Art brut, eine Kunstrichtung, zu der die weltweit gefragten Werke der Gugginger Künstler zählen – spontan gestaltete, autodidaktische Kunst, roh, intensiv und unverfälscht.

Marco Sumonis, der Art brut sammelt, ist mit Leib und Seele Gastronom. Neben „Bastei 10“ betreibt der 48-Jährige die „Brasserie Zögernitz“ in Döbling und ein Cateringservice, unlängst eröffnete er „Tatarie Marie“ in der Freisingergasse. Überdies arbeitet er im Gastronomie-Coaching und -Consulting.

Das Doppelinterview über ein ebenso ungewöhnliches wie faszinierendes Galerie-Konzept.

Schokotrüffel, Kunstbücher, Weine, Kulinarik und Kunst – und das alles in einem Lokal, der „Bastei 10“. Ein interessantes Crossover. Was war die Inspiration?

Marco Simonis:
Die Idee für „Bastei 10“ habe ich vor neun Jahren aus den USA importiert – ein Wohnzimmer-Shop-Galerie-Restaurant, ein moderner Marktplatz. Hier kann man essen, einkaufen und Kunst genießen.

Nina Katschnig:
Ich schätze diese Wohlfühloase sehr. Es gibt so viel zu entdecken. Man kann hier alles kaufen, Eier vom Hendlbauern, Kuchen, Weine … Und man kann etwas Gutes essen, dazu gibt es Kunst zu genießen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit der „Galerie Gugging“ und „Bastei 10“?

Katschnig:
Wir hatten hier in der „Bastei 10“ bereits zwei Ausstellungen, die Zusammenarbeit war immer großartig. Im Vorjahr war ich auf der Suche nach einer fixen Location in Wien als Dependance der Galerie Gugging in Niederösterreich. Ich wollte aber nicht einfach weiße Räume, sondern eine Galerie der Sinne.

Simonis:
Nina hat mich angerufen und gefragt, ob ich etwas Passendes in Wien weiß. Wir haben überlegt und am Ende habe ich gesagt: „Nina, mach es doch bei uns“.

Katschnig:
(Lacht) Das war die perfekte Idee! Seit einem Jahr gibt es nun die „Galerie Gugging Vienna“ in der „Bastei 10“. Für mich ist es tatsächlich eine Galerie der Sinne, genau so, wie ich mir unsere Dependance immer vorgestellt habe.

Wie läuft diese Zusammenarbeit ab?

Katschnig:
Wir zeigen vier Ausstellungen pro Jahr (Details im Kasten), außerdem finden Veranstaltungen der Galerie Gugging statt. Hier in der „Galerie Gugging Vienna“ können sich unsere Wiener Kunden Werke anschauen, sie können sich hier treffen, über Kunst austauschen. Gleichzeitig erreichen wir Gäste der „Bastei 10“, die zum esten Mal mit Art brut in Kontakt kommen.

Simonis:
Es ist wichtig, dass die Ausstellungen wechseln, dass immer wieder neue Werke zu sehen sind. Auf diese Weise gibt es eine stetige Bewegung, die Spannung bleibt erhalten. Das ist auch bei allen anderen Produkten, die es hier zu kaufen gibt, der Fall.

Frau Katschnig, warum präsentieren Sie Kunst in Wohnzimmer-Atmosphäre?

Katschnig:
Die Idee ist, Kunst so zu erleben, wie es zu Hause sein könnte. Nicht im typischen sterilen Galerie-Ambiente, sondern so, dass man sich vorstellen kann, wie ein Werk, das man mag, daheim an der Wand aussehen würde.

Simonis:
Das unterscheidet die „Galerie Gugging Vienna“ von allen anderen Galerien der Stadt, diese Art Kunst zu präsentieren, gibt es nirgendwo sonst in Wien.

Marco, mögen Sie persönlich Art brut?

Simonis:
Ich schätze Art brut sehr. Meine Frau und ich sammeln Kleinformate. Wir haben eine hohe Wand damit bestückt. Ich mag diesen unverfälschten puren Zugang zur Kunst, auf mich wirkt Art brut beruhigend.

Nina, welches Gericht auf der „Bastei 10“-Speisekarte mögen Sie besonders?

Katschnig:
Sehr viele, und die Karte wechselt regelmäßig. Aber vor kurzem haben meine Eltern und ich Bio-Schweinebauch mit Maroni-Semmelknödelfülle und dazu einen feinen warmen Sauerkrautsalat gegessen. Herrlich! Auf der Karte gibt es aber auch Einfaches wie Semmel mit Extrawurst – das Lieblingsessen des international anerkannten Gugginger Künstlers August Walla. Man kann hier aber auch Leichtes essen, wie etwa Basensuppe.

Simonis:
Bei uns geht es in erster Linie um die Qualität der Produkte, wir arbeiten mit heimischen Produzenten zusammen. Wir kochen für unsere Gäste Soul Food, Essen das gut tut und schmeckt. Wir schränken uns aber nicht regional ein, auf der Karte stehen auch Chicken Curry oder Spicy Chili Beef mit Glasnudeln. Wir wählen die besten Dinge aus und präsentieren sie hier auf kleinstem Raum, das gilt für die Küche ebenso wie für die Dinge, die wir im Shop verkaufen.

Katschnig:
„Bastei 10“ ist ein feiner internationaler Marktplatz.

Simonis:
Das führt uns wieder zur Kunst, wir präsentieren auch internationale Künstler.

Katschnig:
Unsere derzeitige Ausstellung zeigt Werke internationaler Art-brut-Künstler*innen, von Gugginger Künstlern bis zu Werken renommierter italienischer und kubanischer Künstler*innen.

Marco, welchen Wein empfehlen Sie beim Genießen der Art-brut-Kunstwerke?

Simonis:
Keinen Wein, sondern Champagner. Das Prickelnde, Lebhafte des Champagners passt zu dieser ursprünglichen Kunst.

Katschnig:
Das passt in doppeltem Sinn. Art-brut-Begründer Jean Dubuffet war Weinproduzent, ihn hat die rohe, ursprüngliche Kunst immer fasziniert. Er hat „brut“ (roh, unverfälscht, Anm.) vom „Brut Champagner“ zu „Art“ (Kunst, Anm.) dazu gestellt, so entstand der Terminus Art brut.  Galerie Gugging Vienna. Irina Katnik kuratiert als Leiterin der „Galerie Gugging Vienna“ jährlich vier Ausstellungen in der „Bastei 10“.


Alle Infos: galeriegugging.com

Stimmtalent Maddy Rose

Bild: ©Stefan Joham

Maddy Rose. Die Musikerin mit der wunderbar souligen Stimme spielte schon als Opener der Ö1-Bühne am Donauinselfest, man kann sie aber auch in Wiener Hotelbars hören.
 

Sie ist junge 26, hat in Wien mit einem Stipendium Musik studiert, lebte vier Jahre in London und stammt ursprünglich aus Salzburg. Maddy Rose ist zwar ein Künstlername (getauft wurde sie auf Magdalena), aber inzwischen nennen sie auch ihre Freunde so. Dass sie Musikerin werden wollte, wusste sie schon als Kind. Bereits mit 15 öffnete sie einen YouTube-Kanal, wo sie Songs spielte und mit 18 ging sie „in die große weite Welt“ (Rose) nach London, wo sie – oft nur mit einem Glas Bier bezahlt – in zahlreichen Klubs auftrat und bei vielen Projekten mitspielte. Anfangs noch als Au-pair, studierte sie in London Songwriting. Kein Wunder, dass sie an der Themse gut ankam, denn ihre Stimme erinnert an Amy Winehouse und Norah Jones – ist also ideal für jenen Jazz- und Soulsound, den sie so liebt. Beim Donauinselfest 2022 war Maddy Rose mit ihrer Band als Opener für die anspruchsvolle Ö1-Bühne gebucht.

Als Frau im Männerbusiness

Mitten in der Pandemie erschien auch ihr erstes Album „Pure“ auf Silvertree Records – ein Indie-Label, das nur Frauen als Künstlerinnen unter Vertrag nimmt. Maddy Rose singt eigene Songs – auf Englisch und zu sehr persönlichen Themen. Liebe natürlich, aber auch über seelische Verletzungen und der Notwendigkeit, manchmal klar Nein sagen zu müssen: „When
sometimes saying No means / Saying Yes to myself. Yes to myself / When it gets hard / Saying Stop means saying / Go to myself“. Als junge, gut aussehende, blonde Musikerin muss man sich im Musikbusiness ganz gewiss öfters behaupten. Rose: „Männliche Kollegen nehmen einer jungen Frau nicht immer ab, dass sie genau weiß, was sie will. In England lernt man aber auch Disziplin.“ Noch immer stammen nur etwa 20 Prozent der veröffentlichen Songs von Frauen, als Produzenten muss man Frauen sowieso mit der Lupe suchen.

Leben in Wien

In London hatte sie als Musikerin viel Konkurrenz – „man fühlt sich ganz schnell ganz klein“, während sie in Wien „nicht so einen enormen Druck“ verspürt und auch viele bezahlte Auftritte machen kann.: „In London gibt es sehr viele Musiker, die Qualität ist aber nicht so hoch – da ist Wien schon besser. In meiner Heimat Salzburg komme ich mit meiner Musik aber nicht weit, da gibt es viel zu wenig Angebote für Auftritte.“ Im Jänner tritt sie einen Job als Musik- und Gesangslehrerin an einer Wiener Musikschule an – eine wunderbare Gelegenheit, in ihrem Metier zu arbeiten. Gerne macht sie aber weiterhin auch rein kommerzielle Auftritte – sie spielt in Wiener Hotelbars und gelegentlich auch bei Hochzeiten, Firmenevents oder privaten Feiern (Bookings: maddy.rose.co@gmail.com). Rose: „Das ist schon schön und ich mache das auch gerne, aber mit der Zeit wird es natürlich etwas eintönig. Meine große Leidenschaft ist das Songwriting.“

Wie sie sich musikalisch einordnet?: „Mein großes Idol ist tatsächlich die Norah Jones, weil sie Soul und Jazz perfekt verbindet. Dann mag ich aber auch Amy Winehouse oder Billy Joel – alles Künstler, die ihre Songs selbst schreiben und auch selbst performen. Die haben nicht 10 Songwriter zur Hand, die ihnen alles aufbereiten.“ Als sie aus England zurückkam, sagte man ihr, sie klinge wie eine Amerikanerin, die gerade versucht, Deutsch zu lernen – „Ich habe vielleicht so englische Vibes in meiner Stimme und deshalb sind meine Texte auch auf Englisch.“ Gerade hat sie aber ihren ersten Song im Salzburger Dialekt – „Wie Dahoam“ – veröffentlicht.

Corona und danach

Die Pandemie war wegen der wegfallenden Auftrittsmöglichkeiten für Maddy Rose eine Durststrecke. „Ich hab sogar Balkon- und Onlinekonzerte gegeben …“ Die meiste Zeit verbrachte sie bei ihrer Familie in Salzburg – „Das war sogar eine ziemlich gute Zeit für mich, ich habe online studiert, habe viele Songs geschrieben und war viel in der Natur. Das war so ein bisschen Wellness für die Seele. Im Dorf fällt es ja gar nicht so auf, ob jetzt Lockdown ist oder nicht, da sind ja auch sonst oft nur Katzen und Hunde unterwegs …“. Aber inzwischen genießt sie wieder – auch zur Freude ihres Publikums – ihr Leben in der Musikstadt Wien. 


Info: maddyrose-music.com

„Ich verdanke dem Abfall sehr viel“ – ein Gespräch mit Arno Geiger über sein gerade erschienenes Buch „Das glückliche Geheimnis“

Mit dem Roman „Es geht uns gut“, der 2005 den Deutschen Buchpreis gewann, wurde der in Wien lebende, in Vorarlberg geborene Autor Arno Geiger international bekannt. Seit Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“ wurde 2011 zu einem Bestseller. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ berichtet Geiger von seiner jahrzehntelang gepflegten Leidenschaft, in Altpapiercontainern nach Briefen, Tagebüchern und Handschriftlichem zu suchen. In einem Interview, geführt im Rüdigerhof, gibt Arno Geiger Auskunft über sein Schreiben und Leben in Wien. 

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein sehr persönliches Buch. Nie ist in Frage gestellt, dass das „ich“ im Text der Autor ist. War das eine Überwindung, so etwas zu veröffentlichen?

Nein, ich habe das immer als sehr befreiend empfunden, wenn jemand offen erzählt von dem, was ihm in seinen Leben zustößt – weil wir profitieren natürlich vom Austausch.

Sie haben aber sicher als bekannter Autor Erfahrungen gemacht mit einer nicht immer passenden Distanz zu den eigenen Lesern. Jeder/Jede will sein/ihr Buch signiert haben, obwohl er Sie persönlich natürlich nicht kennt.

Die Distanz, die bleibt bestehen. Durch diese Transformationen der Literatur – es ist ja nicht gelebtes Leben, das ich nach außen trage, sondern in Worte gefasstes. Und wir wissen ja, dass eine gemalte Orange etwas anderes ist als eine echte Orange. 

Mich hat immer fasziniert, wenn man das Werk eines Schriftstellers liest, vermeint man, ihn zu kennen – was natürlich falsch ist.

Ich denke viel darüber nach, was es heißt, sich preiszugeben. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto plausibler kommt es mir vor, dass die Fragen mehr werden und nicht weniger. Das Geheimnis Mensch wird in Wahrheit nicht kleiner, wenn ich viel preisgebe. Vielleicht ist das genaue Gegenteil der Fall. Jemand der sich komplett abschottet, der ist eigentlich langweilig. Jemand der im Auskunft-geben über sich selbst äußerst zurückhaltend ist oder sich selbst stilisiert – das finde ich platter und weniger Fragen-aufwerfend, als wenn jemand einmal die Tür aufmacht. Wie Sokrates sagte: Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich auch, wie wenig ich weiß. So ist das vielleicht auch, wenn ich von mir selber erzähle, dann denke ich mir, ja die Menschen wissen mehr, aber sie wissen auch mehr, wie wenig sie wissen. Weil das Geheimnis Mensch tiefer wird. Genau darum geht es beim Schreiben – dass ich tiefer hinabsteige, dass das Geheimnis Mensch in der Tiefe ausgelotet wird und nicht an der Oberfläche. Indem ich schreibe, verwandelt sich mein Leben in Literatur. Eine Autobiografie ist eine Form von Geschichtsschreibung, aber die allersubjektivste.

Das Buch hat wohl bewusst keine Genrebezeichnung wie Roman oder Autobiografie.

Das war aber auch schon bei „Der alte König in seinem Exil“ so. „Das glückliche Geheimnis“ ist in gewisser Weise ein Geschwisterbuch von „Der alte König in seinem Exil“. „Das glückliche Geheimnis“ ist aber vieles, denn es geht ja nicht nur um mich als Person, sondern es geht auch um Themen.

Was hielten sie von der Bezeichnung Beichte?

Früher gab es das angesehene und traditionsreiche Genre der Bekenntnisliteratur. Beichte würde ich jetzt nicht sagen. Aber Bekenntnis in dem Sinn: Hier stehe ich und ich kann und will auch nicht anders – und Amen. Eine Beichte hat natürlich diesen stark religiösen Konnex – das spielt für mich überhaupt keine Rolle, auch weil ich hier nichts zu beichten habe.

Aber auch wenn man nicht religiös ist – man ist ja im Katholischen aufgewachsen…

Das Katholische – die Beichte – findet in einem ganz engen Raum statt, es wird geflüstert. Für mich ist das in keiner Hinsicht eine Beichte, sondern ich habe als Schriftsteller in meinem Empfinden die Verantwortung, über die Dinge zu schreiben, die mir am wichtigsten sind, und das zu sagen, was ich zu sagen habe – und das mache ich.

Sehr spannend ist das Thema Abfall. Sie bearbeiten zwar quasi den Edelabfall – Papier – aber wie Sie auch in der Einleitung schreiben: Für Archäologen ist der Abfall das spannendste. Und für einen Schriftsteller auch, denn sie haben dort ja Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher gefunden.

Ich habe dem Abfall wirklich viel zu verdanken. Er ist die Rückseite unserer Lebensform, der Abfall ist das in Ungnade Gefallene, das nicht mehr Benötigte, das Schwache, das Kaputte. Ich habe sowieso eine Zärtlichkeit für in Ungnade Gefallenes. Es gibt von unten her Auskunft über die Gesellschaft – nicht eine geschönte Auskunft, sondern eine sehr bunte Mischung. Es ist Zweitrangiges, Hingeschmiertes, Beiläufiges – es ist nicht artifiziell, nichts Gestelltes, sondern in einem guten Sinn Alltagsding. Und der Zugang über den Alltag – denn der Alltag sagt uns andere Dinge als Kunstwerke uns sagen –, diesen Zugang habe ich auch – nicht nur als Schriftsteller. Ich habe vor allem als Person davon profitiert. Man darf ja nicht vergessen wie jung ich war, nämlich 23/24. Ich war so neugierig und aufnahmefähig. Meine Streifzüge haben sich durch Zufall ergeben, und letztlich haben sie mich stark als Person geprägt.

Beim Lesen hat man das Gefühl, das Sammeln, die Streifzüge sind so eine Art Sucht – sie haben nicht aufhören können…

Nein, das war keine Sucht, weil dann hätte ich nicht aufgehört. Alles, was schön und bereichernd ist – das ist ja naheliegend –, dass man das gerne macht. Aber von Sucht war keine Rede. Ich erwähne das auch im Buch, dass ich zwischendurch monate-, teils jahrelange Pausen gemacht habe. Es gab oft wichtigere Dinge, zum Glück. Der Süchtige würde sich immer der Sucht unterwerfen und nicht von heute auf morgen weggehen und sagen, ich lasse das jetzt, weil gerade andere Dinge wichtiger sind. Außerdem war es immer angenehm für mich, dass es etwas war, das ich auf Knopfdruck an- und abstellen konnte.

Was hat Sie am meisten gereizt bei Ihren Streifzügen?

Besonders geschätzt habe ich, dass meine Streifzüge mir die Möglichkeit verschafft haben, Nachrichten zu bekommen über die hiesigen Sitten und Bräuche – also wie leben die Menschen? Wenn man Schriftsteller ist und vom Leben der Menschen erzählen will, ist es hilfreich, wenn man auf diesem Gebiet eine gewisse Spezialkenntnis erwirbt. Aber in der Früh musste ich immer kämpfen beim Aufstehen – weil im Bett ist es schöner.

Als Schriftsteller will man authentisch erzählen und das eigene Leben bietet nicht unbegrenzt Geschichten…

Wie die allermeisten Menschen habe ich ein Leben mit Familie, mit Freunden, mit Beruf – aber in meinem Alltag werde ich natürlich immer als der angesprochen, der ich bin, in meiner Rolle. Wir passen uns in dem, was wir sagen, immer dem Vis-à-Vis an. Ich begegne mir also in dem, was andere zu mir sagen, in gewisser Weise selber, weil es ja auf mich zugeschnitten ist. Und das konnte ich ganz geschickt umgehen dadurch, dass ich mich um Nachrichten bemüht habe, die nicht auf mich zugeschnitten sind – sondern für die beste Freundin usw. Wenn ein 14jähriger einem 14jährigen schreibt, kommt etwas anderes dabei heraus, als wenn er mir etwas erzählt.

Haben Sie wirklich so viel Persönliches gefunden? Früher hat man natürlich mehr Handschriftliches produziert, jetzt ist es fast die Ausnahme…

Ich habe einer Kultur beim Untergehen zugesehen. Das ist vorbei. Die erste Zäsur war das Telefon – dadurch ging schon vieles an Handschriftlichem verloren. Die menschliche Gesellschaft hat sich über Jahrtausende auf Papier gestützt – um Dinge festzuhalten, um Nachrichten zu übermitteln. Dann kommt das Telefon, und es bricht schon einmal die Hälfte weg. Und dann kommen Computer, E-Mail und Social Media, und es brechen weitere 40 Prozent weg. Ich habe mich diesem Metier mit geschultem Blick vermutlich gründlicher gewidmet als je ein Mensch. Es gibt natürlich andere Leute, die im Abfall etwas suchen, aber die beschäftigen sich nicht inhaltlich damit – sie machen das aus Not, während ich es aus Neigung gemacht habe.

Ich hätte vermutet, dass ein Fund von Tagebüchern eher ein Glücksfall ist…

Nein, ich habe nie auf das Glück des Dummen vertraut, ich war ziemlich beharrlich und habe mich nicht entmutigen lassen, wenn einmal monatelang nichts Brauchbares dabei war. Vieles hatte posthumen Charakter, wird also nach dem Tod eines Menschen weggeworfen wie alte Zeitungen oder zerbrochenes Spielzeug. Es stirbt jemand, und niemand blättert auch nur hinein – die Brösel der gepressten Blumen, 30, 40 Jahre alt, rieseln einem entgegen. Der Staub vom Dachboden liegt wie Verbandswatte über den Dingen – das wird einfach weggeworfen, entsorgt – ent-sorgen, sich einer Sorge entledigen, weg damit, ich brauche das nicht, ich kann das nicht einmal lesen, weil es in Kurrent ist.

Für Ihren Roman „Unter der Drachenwand“ habe Sie ja einiges Vorgefundene verwenden können, oder?   

Ich verdanke vor allem als Person dem Abfall ungeheuer viel, weil ich mich entwickeln konnte in diesen Begegnungen. Und wer mehr vom Leben weiß, der hat auch mehr zu sagen. Künstler war ich sowieso schon, aber ich habe daraus Inspiration gezogen. Bei „Unter der Drachenwand“ verschaffte ich mir auch viele Briefe übers Internet. Ich wusste, dass ich diesen Roman schreiben wollte und brauchte O-Töne, um ein besseres Gespür für die Zeit zu bekommen. Der Roman selbst ist erfunden, die Charaktere sind von mir entworfen. Aber ohne das Fundament aus dem Material wäre das Buch nicht das, was es ist. Woher sonst soll ich dieses so präzise Gefühl für die Zeit haben – für den damaligen Gebrauch der Sprache? Wenn man hundert, zweihundert Briefkonvolute gelesen hat, dann merkt man, es spricht nicht nur der Mensch, sondern die Sprache spricht aus ihnen heraus. Die Konventionen der Sprache sind ja gerade im Alltagsschreiben omnipräsent. Und das ist für mich als Schriftsteller unglaublich spannend – wenn die Sprache spricht. Und zwar anders spricht als wir heute sprechen würden.

Apropos Sprache: Als Vorarlberger hat man es in Wien ja, was die Sprache betrifft, nicht leicht. Die meiste sprechen dann Hochdeutsch, denn es gibt kein Dazwischen zwischen den Dialekten.

Ja – sprachlich gesehen sind fast alle Österreicher Bayern, nur die Vorarlberger sind Alemannen. Ich musste mir in Wien ein aktives Hochdeutsch aneignen. Wir haben ja auch in der Schule Dialekt geredet. Hochdeutsch war für mich, passiv konsumiert, selbstverständlich – aber ich habe es nie gesprochen. Wie beim Englischen, brauchte ich fürs Hochdeutsche etwa 30 Prozent der Gehirnkapazität nur fürs Übersetzen aus dem Dialekt – das empfand ich in der ersten Zeit als anstrengend.

Ich vermute, dass dieser Prozess für einen Schriftsteller auch fruchtbringen ist – man muss sich schließlich notgedrungen intensiv mit Sprache beschäftigen.

Ja, genauso ist es. Ich glaube der Grund, warum so viele österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller von den Rändern kommen, hat damit zu tun. Dass sie ganz früh mit Sprachnuancen konfrontiert sind und wissen, dass sie nicht verstanden werden, wenn sie dem Gegenüber sprachlich nicht entgegenkommen. Die Faszination Sprache wird im Kind eher geweckt, wenn es erkennt, dass es unterschiedliche Sprachformen, unterschiedliche Sprachnuancen gibt und dass es gar nicht so einfach ist, diese im richtigen Moment einzusetzen.

Fühlen Sie sich inzwischen als Wiener?

Ich bin geborener Vorarlberger und gelernter Wiener. Aber dieses Aufwachsen in Vorarlberg, meine Wurzeln, sind schon sehr wichtig. Dass ich sagen würde „Ich bin Wiener“ – nein. Aber ich bin sehr glücklich in Wien und schon viel länger in Wien als in Vorarlberg. Wie man so sagt „Stadtluft macht frei“. In die Großstadt zu kommen, wo einen niemand kennt, da fällt es leichter, gewissen Konventionen die Gefolgschaft aufzukündigen. Mich hat die Stadtluft tatsächlich frei gemacht. Für mich, der ich aus bäuerlich-katholischem Milieu stamme, war das ein – im schönen Sinn – harter Kontrast. Ich konnte mich hier ausprobieren als Mensch, der sich entwickelt und der nicht mehr in der Rolle gefangen ist, die ihm zugewiesen ist. Für mich war das großartig. Letztlich ist das Buch „Das glückliche Geheimnis“ auch ein Buch über Lebenswege, die nicht geradlinig verlaufen. In meinen Augen sind die nicht geradlinigen Lebenswege die besseren, weil Umwege die Ortskenntnis erhöhen. Manche Dinge muss man ausprobieren, um herauszufinden, ob das etwas für einen ist oder nicht. Nicht jede Geschichte passiert jedem.


Am 17. Jänner stellt Arno Geiger im Gespräch mit Kristina Pfoser im Akademietheater sein neues Buch vor. www.burgtheater.at

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis
Hanser Verlag
240 Seiten
€ 25,70

Ocean State – Interview mit Stewart O’Nan

©Trudy O’Nan

Mörderische Liebe

In „Ocean State“ erzählt Stewart O’Nan vom Mord unter Teenagern – und von den Bruchlinien der Gesellschaft. Ein Interview.

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“ Mit diesem Spannung versprechenden Satz beginnt der in Pittsburgh lebende Autor Stewart O’Nan seinen neuen Roman. Marie erzählt rückblickend von ihrer Schwester Angel, die gegen Ende des Romans gemeinsam mit ihrem Freund Myles wegen Mordes an der ebenfalls in Myles verliebten Birdy vor Gericht steht. Wir sind an der Küste von Rhode Island in einer ehemaligen Industriestadt, in der die Menschen eher schlecht als recht über die Runden kommen. Sogar die Schülerinnen schuften, miserabel bezahlt in Aushilfejobs im Supermarkt & Diner.

Stewart O’Nan, der 2017 mit seinem Roman über ein schließendes Lokal „Letzte Nacht“ Gast bei „Eine Stadt.Ein Buch.“ war, ist ein Meister der Darstellung von gesellschaftlichen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen. Als Leser erleben wir Liebe und Neid, Hass, Verzweiflung und Hoffnung sogenannter „einfacher“ Menschen hautnah ohne moralische Verurteilung mit. Am Schluss ist es natürlich die Tochter der geschiedenen Krankenschwester, die länger ins Gefängnis gesteckt wird als der Sohn der reichen Familie.

Wie entstand „Ocean State“? Gibt es einen realen Fall?

Stewart O’Nan: Der Fall, der meinen Roman inspiriert hat, ist der Mord an der 13-jährigen Mary Ann Measles in einer kleinen Flussstadt in Connecticut.

War der eindrucksvolle erste Satz des Romans  gleich zu Beginn Ihres Schreibens da?

Mein ursprünglich erster Satz war „Diesen Sommer lebten wir in einem Haus am Fluss.“ – eine Verneigung vor Hemingways „In einem anderen Land“ und Shirley Jacksons „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“. Mein tatsächlicher erster Satz kam also später.

Der Satz bringt natürlich Spannung, aber Sie scheinen mehr an den Umständen als am Mord selbst interessiert, warum?

Das „Wie“ und besonders das „Warum“ ist für mich wichtiger – und dann vor allem die Konsequenzen des Mordes, also wie die Betroffenen damit leben müssen.

Nur eine Person spricht direkt – und zwar ausgerechnet die jüngste, die 13-jährige Marie, die natürlich am wenigsten versteht, warum?

Marie ist ruhig und introvertiert, aber sie ist auch die moralisch Wertende – und bis zum Mord war ihre große Schwester Angel ihr Idol. Ohne ihr Vorbild weiß sie nicht, wie sie sein soll – sie muss sich quasi neu erfinden. Sie versteht die Geschichte nicht ganz, obwohl sie ja auch betroffen ist, und deshalb trägt sie den Roman. 

Sie haben vier Hauptcharaktere, alle sind weiblich, warum?

Die Männer sind in dieser Geschichte schwach und kümmern sich nicht um das, worauf es ankommt, nämlich ihre Familien. Sie sind passiv, wärend Carol, Angel und Birdie die Konsequenzen ihres Handeln tragen müssen.

Die Gegend um Rhode Island scheint wie ein zusätzlicher Charakter im Roman, warum spielt der Roman gerade hier?

Ich habe die Küste von Rhode Island gewählt, weil ich sie besser kenne als die Kleinstadt in Connecticut. Im Lockdown konnte ich auch meine üblichen Erkundungen vor dem Schreiben nicht machen. Und die Küste bringt mehr Romantik und mehr Kontrast.

Der Roman spielt 2009, im ersten Jahr von Obama als Präsident, ist das wichtig für die Geschichte?

Ich wollte eine retrospektive Erzählerin, brauchte also eine Zeit, die zehn Jahre vergangen ist. Es passte auch gut in die Zeit des Zusammenbruchs der Immobilienblase, die wie ein Echo aus der Epoche des Industrieverfalls in den 70er- und 80er-Jahren erschien.

Ich lese den Roman als eine Parabel über Besitz. Beide Mädchen wollen den schönen, reichen Myles?

Ja, daran besteht kein Zweifel. Myles ist eine Trophäe. Sie brauchen ihn als eine Bestätigung ihrer Besonderheit, ihres Wertes. Aber was passiert, wenn sie diese Trophäe verlieren?

Das Streben nach Besitz erzeugt Gewalt – eine Kapitalismuskritik?

Ich denke, es ist mehr eine Warnung davor, was Liebe vermag. Uns in dem einen Moment erhöhen und im nächsten Moment unser Selbstwertgefühl völlig zu zerstören. Liebe macht uns glücklich, aber auch verzweifelt und eigentümlich. Birdy denkt sich Liebe als Besitz, der sie verändern kann und uns Dinge machen lässt, von denen wir wissen, dass wir sie nicht tun sollten.     


Stewart O’Nan: Ocean State
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00268-8
254 Seiten
€24,70

John Irving

John Irving wird 80


John Irving wird 80 – wir bringen ein Interview, das in Vorbereitung auf seinem Wien-Besuch 2005 bei „EineStadt.EinBuch.“ entstand.
Text: Helmut Schneider / Foto: Basso Cannarsa


John Irving, geboren 1942 in Exeter, New Hampshire, ist einer der erfolgreichsten Autoren weltweit. Viele seiner Romane wurden zu Weltbestseller, vier davon wurden verfilmt. 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans Gottes Werk und Teufels Beitrag.

Seit Jahren lebt Irving mit seiner kanadischen Frau in Toronto, wo ich ihn anlässlich der Wiener Gratisbuchaktion „EineStadt.EinBuch.“ auch besuchen durfte. 2005 wurde nämlich sein Erstlingsroman „Laßt die Bären los!“ in 100.000 Exemplaren in Wien verteilt. Irving lebte nämlich nach dem Weltkrieg eine Zeitlang in Wien und „Laßt die Bären los!“ ist eine Wiener Geschichte. Wie es zu diesem Buch kam, erzählte er mir im Interview – siehe unten. Wir gratulieren John Irving zu seinen 80. Geburtstag am 2.3.2022. 2023 soll wieder ein umfangreicher Roman von John Irving erscheinen.

Interview mit John Irving, geführt am 21. Dezember 2005 in Irvings Wohnung in Toronto

Das erste Buch eines Schriftstellers ist ja immer etwas Besonderes. Was sind Ihre Gefühle, wenn Sie an „Laßt die Bären los!“ zurückdenken?

IRVING: Es war ein Glücksfall für mich. Denn ich wählte zufällig eine Geschichte, die ich kannte, und somit hatte ich für meinen Roman sozusagen ein Fundament in der Faktenwelt. Eine der Geschichten, die ich in Wien erfuhr, war nämlich, dass während des Krieges die Tiere im Zoo sicher waren. Niemand bedrohte sie. Aber als die Wiener wussten, dass die Stadt fallen und von den Russen eingenommen werden würde, waren die Tiere des Zoos plötzlich verschwunden. Die Wiener waren sicher schon vorher hungrig und verzweifelt – aber sie beschützten den Zoo. Als sie hörten, dass die Sowjets kämen, wollten sie ihnen anscheinend die Tiere nicht überlassen. Es gibt allerdings keine schriftlichen Aufzeichnungen von dieser Geschichte, sondern das war etwas, was sich die Menschen in Wien erzählt haben. Ich habe mit Überlebenden darüber gesprochen; auch mit Menschen, die im Zoo arbeiteten, als die Stadt bombardiert wurde, und die die Tiere damals in Sicherheit gebracht haben.

Diese Zoo-Geschichte hat mich bewegt. Daneben zog ich Parallelen zu meiner Generation in den USA. Meine Generation wuchs auf, als Krieg in Vietnam war; aber sie wuchs auch auf mit den Erinnerungen an die Vätergeneration, die in einem anderen Krieg – dem Zweiten Weltkrieg – gewesen war. Die Vätergeneration konnte ja stolz sein auf ihren Einsatz im Weltkrieg. In meiner Generation war aber niemand mehr stolz darauf, im Vietnamkrieg zu kämpfen. Ich sah die österreichischen Studenten, die eine ähnliche, aber auch unterschiedliche Erfahrung wie ich hatten. Sie waren stolz auf einige Geschichten, die sie über ihren Krieg gehört hatten, aber ganz sicher nicht auf alle. Sie hatten das Gefühl, dass sich ein wichtiger Moment in der Geschichte bereits ereignet hatte, bevor sie auf die Welt gekommen waren. Aber für sie war das bereits Vergangenheit und sie fühlten sich nicht mehr dafür verantwortlich.

Was mich damals bewegte, war nun Folgendes: Ich fand zwar, dass es gute Beweggründe für einen Protest gegen den Vietnamkrieg gab, aber persönlich habe ich nie daran geglaubt, dass das irgendetwas bewirken könnte. Wir – die Amerikaner – sind letztendlich aus Vietnam abgezogen, weil wir verloren hatten und nicht weil wir auf irgendeine Meinung gehört hätten. Ich wollte dazu eine Geste finden, die ähnlich gut gemeint war, aber völlig dumm ist. Diese Jugendlichen in „Laßt die Bären los!“ haben ein gutes Herz, aber sie irren sich ja vollkommen – die Befreiung des Zoos endet in einem Desaster.

Ich hatte das Gefühl, die Frustrationen meiner Generation beschreiben zu müssen, obwohl ich persönlich mit Glück dem Vietnamkrieg entkommen bin. Ich war 1961 zu einer Offiziersausbildung vorgemerkt, weil ich damals Ringer war, und ich dachte, falls ich einen Einbruch hätte und nicht mehr ringen könnte, würde das Militär für mich die restliche Universitätsausbildung bezahlen. Das war für mich eine Absicherung. Ich wäre 1965 als Leutnant sicher nach Vietnam gekommen. Die Armee dachte damals, es wäre gut, wenn ich mein Deutsch verbessern würde und in ein deutschsprachiges Land käme. Aber als ich von Wien zurückgekommen war, habe ich gesehen, dass niemand mit meiner Ausbildung zum Dienst nach Berlin kommen würde. Ich bin da einer Katastrophe entkommen.

Darüber zu schreiben, war für mich nicht sinnvoll – weil das damals ja jeder tat. Jeder wurde auf die eine oder andere Weise vom Vietnamkrieg vereinnahmt. Ich dachte daher, dass ich einige Aspekte der Verunsicherung meiner Generation besser darstellen könnte, wenn meine Helden Österreicher und nicht Amerikaner wären. Und wenn sie gegen eine andere Historie rebellieren würden. Meine persönliche Biografie war hingegen wieder vom Zufall bestimmt. Ich heiratete, bevor ich Europa verließ, und mein erster Sohn wurde geboren, als ich noch an der Uni war. Das machte mich unantastbar für das Militär, denn sie nahmen keine Väter.

Sie hatten also einfach Glück.

Ja, das hatte ich. Denn dadurch sind mir die ganzen Überlegungen, was ich tun soll, erspart geblieben. Damals haben die jungen Menschen ja viele Dinge angestellt, um nicht nach Vietnam zu kommen – von Finger abschneiden bis sich ins Bein schießen. Aber ich hatte sozusagen eine Freikarte und schrieb stattdessen meinen ersten Roman „Laßt die Bären los!“

„Laßt die Bären los!“ ist also doch auch ein amerikanischer Roman.

Der Vietnamkrieg und die Generation, die mit diesem Krieg leben musste, waren der Hintergrund für das Buch. Denn man kann die Geschichte manchmal nicht richtig beurteilen, wenn sie gerade passiert. Aber es war leicht für mich, eine geschichtliche Periode zu beschreiben, die bereits vorbei war – konkret eben all die Verrücktheiten in Jugoslawien während des Zweiten Weltkrieges. Und es war leichter, diese Geister zum Leben zu erwecken und die zwei jungen, naiven österreichischen Studenten zu erschrecken. Und ich konnte es so aus dem amerikanischen Kontext nehmen, gleichzeitig aber das Thema behandeln.

Als das Buch zum ersten Mal erschien, bekam es gute Kritiken, wurde aber von den Lesern nicht viel beachtet. Aber ich verkaufte die Taschenbuchrechte und jemand wollte sogar einen Film daraus machen. Ich ging sogar zurück nach Wien, um am Drehbuch zu arbeiten. Es passierten interessante Dinge, aber nicht ein Kritiker von „Laßt die Bären los!“ sah Parallelen zum Vietnamkonflikt. Erst als das Buch in einige europäische Sprachen übersetzt wurde – speziell ins Französische und ins Deutsche –, erkannten die jeweiligen Kritiker, dass die Fatalität und Verzweiflung viel mit Vietnam zu tun hat. Die Franzosen und Deutschen sahen das als eine Art Parodie auf Vietnam. Allerdings wurde „Laßt die Bären los!“ eben erst zehn Jahre später, nämlich nach meinem Erfolg mit „Garp“, übersetzt.

Sie müssen für „Laßt die Bären los!“ viel  österreichische und jugoslawische Geschichte studiert haben.

Mein Vater war Geschichtslehrer und so wusste ich von ihm, wie man sich Geschichte aneignet. Und ich wusste auch, dass die interessantesten Aspekte der Geschichte nicht die großen sind, sondern die eng umrissenen. Spannend ist sozusagen eine Art Tunnelblick auf die Geschichte. Man muss ganz tief in ein sehr begrenztes Feld gehen, um den Schlüssel für eine Zeit oder Epoche zu finden. Beispielsweise den Prozess studieren, in dessen Verlauf Mihailovic´ von einem Helden zu einem Schurken wurde und dann wieder zu einem Helden. Das ist ja noch immer nicht abgeschlossen im früheren Jugoslawien. Offensichtlich haben aber die Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit ihrem Überfall auf Jugoslawien ahnungslos einen bereits bestehenden Krieg unterbrochen.

Weiters war für mich jene Zeit interessant, als Wien geteilt war. Einer meiner Lieblingsfilme als Jugendlicher war „Der dritte Mann“, mit den Szenen auf dem Schwarzmarkt und dem Leben im Untergrund. Das hat mich fasziniert.

Ich hatte jedenfalls schon mit dem Schreiben angefangen, als ich nach Wien gekommen bin, und der Lehrer, den ich hatte – auch ein Schriftsteller – riet mir, dass ich ins Ausland gehen solle. Denn all die Dinge, die einem in all den Jahren als normal vorkommen – so simple Sachen wie eine Milchflasche oder eine Zahnpastatube –, sieht man dann ganz anders. Wenn man ins Ausland geht, heißt das automatisch, dass einem die Augen geöffnet werden für  einfachste Dinge – wie etwa dass der Kaffee in einem anderen Häferl serviert wird. Völlig unbedeutende, alberne Sachen. Aber die Erfahrung, wenn man in einem fremden Land lebt, ist die, dass man dort zunächst jedes Detail bewusst wahrnimmt. Und das gehört ja zum Handwerkszeug eines Schriftstellers, etwas, das ich durch meine erste Reise erfahren habe.

Ich habe hier in Wien zum ersten Mal begriffen, dass ich mein Leben lang immer wieder aus meiner Heimat herauskommen muss. Ich würde immer reisen müssen. Eine Zeit lang ging ich mindestens zwei bis drei Mal im Jahr nach Europa. Ich lebe sehr gerne einen Teil des Jahres in Kanada, nicht nur weil es das Heimatland meiner Frau ist, sondern weil es immer wichtiger wird, sein eigenes Land von außen zu sehen. Wenn man immer nur als Inländer sein Land betrachtet, sieht man gar nichts. Ich behaupte: Wenn mehr Amerikaner ihr Land mit den Augen anderer sehen würden, könnte Bush niemals ihr Präsident sein.

Ich lernte in Wien viel über eine bestimmte Phase der österreichischen und jugoslawischen Geschichte. Das sieht man ja auch im Roman. Aber im Rückblick war die Zeit in Wien nicht deshalb so wichtig für mich, weil ich so viel über Wien erfahren habe, sondern weil es meine erste Erfahrung damit war, meine Heimat aus der Distanz zu sehen. Ich verbringe heute noch viel mehr Zeit mit meinen europäischen Verlegern als mit meinen Verlegern in New York. Dort ist das, offen gesagt, einfach eine Geschäftssache, es gibt da keine persönliche Beziehung. Ich mache in den USA auch viel weniger in den Medien als in Europa. Und ich habe auch mehr mit meinen kanadischen Verlegern als mit meinen amerikanischen zu tun. Und natürlich ist es auch viel interessanter für mich und meine Familie, nach Berlin, Hamburg oder Wien zu fahren als nach Kansas City.

Und nicht zuletzt lernte ich in Wien viel über Musik. Ich habe damals schon gerne Opern gehört – obwohl ich nie eine im Theater gesehen habe. Aber viele meiner Romane haben auch etwas Opernhaftes. Man könnte sagen, dass meine Geschichten viel mehr Gemeinsamkeiten mit Opern haben als mit Romanen anderer Autoren.

Auch meine ersten Erfahrungen im Drehbuchschreiben habe ich in Wien gemacht. Ich hatte keine Ahnung, wie man ein Drehbuch schreibt, als mich Direktor Irvin Kershner einlud, mit ihm das Drehbuch zu „Laßt die Bären los!“ zu schreiben. Ich hatte absolut keine Idee, wie man diesen Roman verfilmen könnte. Aber gefreut hat mich vor allem, dass ich dafür nach Wien geschickt wurde.

Sie waren ja im Schloss Eichbüchl untergebracht – einem für die österreichische Geschichte wichtigen Ort –, also gar nicht in Wien.

Ja, aber ich kam fast jeden Tag nach Wien und war viel im Theater. Aber auch das Schloss habe ich sehr geliebt. Da wohnte mein ehemaliger Professor, den ich von meiner Studienzeit her kannte.

„Laßt die Bären los!“ ist gekennzeichnet durch die für Sie sehr spezielle Mischung aus Komödie und Tragödie. Wir lernen da zwei junge Menschen kennen und lieben und dann stirbt einer ganz unvermutet. So etwas erwartet man nicht – es sei denn, man ist ein gelernter Irving-Leser.

Ja, das wurde sehr charakteristisch für mich. Die Figuren in meinen Romanen tun oft etwas, weil Menschen verloren gehen. Hannes Graff hat nicht einmal die Hälfte von Siggis Vorstellungsvermögen und er hat auch nicht annähernd so viel historischen Hintergrund. Graff ist ein Gefolgsmann. Es war meine erste Erfahrung als Autor mit dem Thema Verlust eines geliebten Menschen. Ich habe das später noch ausführlicher dargestellt.

In der Figur von Graff spiegelt sich aber auch so etwas wie die naive erste Annäherung eines Amerikaners an die europäische Kultur wider. Da sind auch meine Erfahrungen als Amerikaner in Wien drinnen. Ich stieß hier in Wien auf eine Kultur, die bis zum Römischen Reich zu-rückreicht, während unsere eigene ja gerade einmal ein paar hundert Jahre ausmacht. Dabei kam ich ja vom einzigen Teil Amerikas, wo es wirklich so etwas wie eine Historie gibt. Wir waren ja zumindest eine englische Kolonie. Dabei stellt sich Neuengland höchst unterschiedlich zum Rest von Amerika dar. Es war etwa definitiv keine gute Wahl, John Kerry gegen Bush ins Rennen zu schicken. Weil Kerry den ältesten, am besten gebildeten und geschichtsbewusstesten Teil der USA repräsentiert. Die meisten Amerikaner fühlen sich da nicht angesprochen.

Komödie und Tragödie waren in meinem Denken immer beisammen. Das hängt auch mit meinen Leseerfahrungen als Heranwachsender zusammen. Meine erste Liebe als Leser war Charles Dickens. Dickens ist auch in einer Minute tragisch und in der nächsten voll Komik. Und in meiner Zeit in Wien habe ich die „Blechtrommel“ von Günter Grass gelesen. Keine Frage, dass Grass auf mein erstes Buch Einfluss hatte. Und auch bei Grass gibt es diese Kombination von Tragödie und Komödie – da stirbt auch jemand von einer Minute auf die andere. Grass ist eben auch sehr „dickenshaft“. Auch in dem Punkt, dass er eine soziale Intention hat. Grass ist ein Moralist – genauso wie ich. 

Wie entwickeln Sie Ihre manchmal ja sehr ungewöhnlichen Ideen?

Was ich brauche, ist Folgendes: Ich muss jene Obsessionen meiner Charaktere kennen, die sie nicht kontrollieren können. Denn es muss etwas geben, das sie außerhalb der Norm agieren lässt, sie sogar zu Helden machen kann. Wenn ich eine Romanfigur gefunden habe, die von etwas besessen ist, weiß ich, dass ich damit arbeiten kann.

Nach meiner Erfahrung haben Sie in Wien besonders viele weibliche Fans. Überrascht Sie das?

Das ist sicher richtig, aber keine österreichische Besonderheit. Ich denke, dass einfach viel mehr Frauen Romane lesen als Männer. Wenn Männer überhaupt lesen, lesen sie eher Sachbücher. Das ist in den USA so wie auch überall sonst. Jedes Mal wenn ich in ein Flugzeug steige, sehe ich, dass wenn Männer überhaupt Romane lesen dann jene von John Grisham oder Tom Clancy. Aber meistens lesen Rechtsanwälte Bücher über Gesetze usw. Wenn mich jemand anspricht – im Flugzeug oder wie gestern beim Weihnachtseinkauf –, dann ist das in neun von zehn Fällen eine Frau. Oder – was auch vorkommt – ein Mann erzählt mir, dass ich der Lieblingsschriftsteller seiner Frau, seiner Tochter oder seiner Mutter bin.

Lesen Sie selbst aktuelle amerikanische Literatur?

Ich war ein sehr eifriger Leser als Kind und Heranwachsender. Jetzt lese ich nur dann viel, wenn ich gerade zwischen zwei meiner Romane bin. Wenn ich also gerade einen neuen Roman abgeschlossen habe und mir nur Notizen für den nächsten mache. Da schreibe ich dann zwei Stunden am Tag anstatt zehn. In dieser Phase kann ich dann auch viel lesen. Im Prozess des Schreibens arbeite ich sehr lange Zeit jeden Tag am neuen Roman und lese gar nichts. So gibt es eben nur alle drei, vier, fünf Jahre diese Periode – die ungefähr ein halbes bis ein ganzes Jahr dauert –, in der ich lesen kann. Leider habe ich aber auch mit dem Drehbuchschreiben begonnen, sodass meine Schreib-pausen immer kürzer werden. So bin ich nicht mehr der eifrige Leser, der ich einmal war. Aber es gibt natürlich Autoren, die ich lese und schätze. Nicht allzu viele amerikanische – Hemingway verabscheue ich geradezu und ich war auch nie an Faulkner oder Fitzgerald interessiert wie viele meiner intellektuellen Freunde. Am bedeutendsten sind für mich, wie gesagt, Dickens und auch Thomas Hardy.

Von den lebenden Autoren schätze ich Günter Grass, Gabriel García Márquez und Salman Rushdie. Und kanadische Autoren finde ich besonders interessant. Ich habe mehr Freude an kanadischer Literatur, weil Toronto die Stadt ist, in der ich einen Teil des Jahres lebe. Dann habe ich natürlich auch Freunde, deren Bücher ich immer lese, wie den bereits erwähnten Salman Rushdie oder Julian Barnes, mit dem ich eng befreundet bin. Ebenso verbunden bin ich mit Michael Ondaatje und Peggy Atwood. Seit dem Tod von Robertson Davies schlage ich jetzt immer Alice Munro vor, wenn mich das Nobelpreiskomitee fragt. Bei Davies bin ich ja nicht erfolgreich gewesen. Ich hoffe, dass Alice den Preis bekommt, bevor sie stirbt.

Für Freizeitbeschäftigungen haben Sie demnach – außer fürs Ringen – nicht mehr viel Zeit.

Ringen mache ich seit meiner Verletzung nicht mehr – das habe ich meiner Frau versprochen. Zumal die Verletzung einen Finger betroffen hat, mit dem ich schreibe. Das konnte ich dann sechs Monate lang nicht. Aber ein bisschen Boxen und Kickboxen mache ich wieder. Und ich bin jeden Tag im Fitnessraum. Daneben laufe ich, fahre ich Rad, aber auch Ski und spiele ich Tennis.

(Das Interview führte Helmut Schneider – Alice Munro hat 2013 dann tatsächlich den Nobelpreis für Literatur bekommen.)


Interview mit Karola Kraus

20 Jahre mumok im MuseumsQuartier


Interview mit der Direktorin des mumok Karola Kraus anlässlich 20 Jahre mumok im MuseumsQuartier und 40 Jahre Österreichische Ludwig-Stiftung.
Text: Helmut Schneider / Foto: Stefan Joham


„Enjoy“ – das ist der programmatische Titel der Jubiläumsschau, mit der sich das mumok seiner Aufgabe und Geschichte stellt. Gezeigt werden Werke aus der Sammlung sowie Neuerwerbungen unter der Direktion von Karola Kraus. Der Ausstellungstitel „Enjoy“ zitiert dabei ein Motiv aus einer Plakatserie von Corita Kent (Sister Corita), die sich in ihren Arbeiten Text- und Bildmaterial aus der Konsum- und Populärkultur, aus Kunst, Politik und Religion aneignet.

Die studierte Kunsthistorikerin Karola Kraus wurde im Schwarzwald geboren und baute von 1999 bis 2006 den Kunstverein Braunschweig zu einer renommierten internationalen Institution aus. 2006 übernahm sie die Leitung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, seit Oktober 2010 ist sie Direktorin des mumok Wien, wo sie bereits mit ihrer Antrittsausstellung „Museum der Wünsche“ für viel Beachtung sorgte. Weitere Highlights waren eine Schau der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin, die von Jakob Lena Knebl kuratierte Ausstellung der Sammlung und im Vorjahr die letzte Werkschau der österreichischen Künstlerin Ingeborg Strobl.

wienlive: Fangen wir mit dem längsten Jubiläum an: 40 Jahre Österreichische Ludwig-Stiftung. Ist die Stiftung immer noch bedeutsam?

KAROLA KRAUS: Ja, die Österreichische Ludwig-Stiftung ist für das mumok von immenser Bedeutung. Sie prägt die Sammlung bis heute entscheidend mit, indem sie Werke und Werkblöcke von Künstlerinnen und Künstlern für das mumok ankauft, die wir aus unserem Budget nicht finanzieren könnten. Dabei handelt es sich um die einzigen Dauerleihgaben im mumok. Mit Hilfe der Stiftung konnten wir in den letzten Jahren unsere Sammlungsschwerpunkte um kapitale Werke erweitern. Ein erklärtes Ziel von mir war von Beginn an, in die stark von Männern dominierten Sammlungen der 60er- und 70er-Jahre vermehrt Künstlerinnen zu integrieren – wie etwa Evelyne Axell, Sister Corita, Kiki Kogelnik, Lee Lozano oder Ree Morton, die alle in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind.

Jetzt zu 10 Jahre Karola Kraus im mumok. Was hat Sie in den ersten beiden Perioden angetrieben?

KRAUS: Anlässlich meiner Antrittsausstellung, dem „Museum der Wünsche“, erarbeitete ich mit meinem Team Schwerpunkte für die zukünftige Sammlungserweiterung. Den ersten habe ich bereits genannt – die fehlenden Künstlerinnen.

Das zweite Ziel war, aufgrund der geopolitischen Lage Wiens im Zentrum Europas und der Brückenfunktion zwischen dem Westen und dem Osten vermehrt Werke osteuropäischer Künstlerinnen und Künstler an unsere Sammlung zu binden, so beispielsweise von Július Koller, dem wir im mumok eine Retrospektive ausrichteten. Unlängst wurden wir von einem Sammler mit einem umfangreichen Konvolut an Werken von Stano Filko beschenkt.

Und drittens haben wir den Fokus auf Malerei gelenkt, nachdem mein Vorgänger verstärkt auf neue Medien und Fotografie gesetzt hatte. Eine weitere Konzentration lag auf Werken von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Nicht zuletzt konnten wir außereuropäische nichtwestliche Positionen in die Sammlung integrieren.

Gibt es persönliche Highlights in Ihrer Arbeit?

KRAUS: Die Vermittlung ist in einem Museum moderner Kunst von zentraler Bedeutung. Zeitgenössische Kunst kann durchaus sperrig und erklärungsbedürftig sein. Mein Team und ich haben sehr strukturiert unsere Zielgruppen definiert und für jede Zielgruppe entsprechende Angebote entwickelt. So haben wir einen Kinderclub gegründet, der mittlerweile Tausende von Mitgliedern hat. Das mumok richtet als einziges Museum jedes Jahr einen Kinderaktionstag aus. Letztes Jahr musste dieser aufgrund der Pandemie leider ausfallen, aber 2019 wurde das Haus von Kindern überrannt und im Eingang haben sich die Kinderwägen getürmt. Wir stellen den Kindern auch Saalfolder und Audioguides zur Verfügung. Für Erwachsene bieten wir multilinguale Führungen in Farsi, Slowakisch oder Türkisch, Führungen in Gebärdensprache und Kunstgespräche per Zoom an. Mit dem Format „Weltbilder“ und dem EU-Projekt „Cope“ etablierten wir zwei Integrationsprojekte, die Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen.

Haben Sie dabei auch auf die Corona-Situation reagiert?

KRAUS: Während der Pandemie etablierten wir den mumok Blog, auf dem wir Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern publizieren oder Einblicke in die mumok Sammlung und Tipps von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geben oder DIY-Projekte für Kinder zeigen. Worauf ich auch stolz bin: das mumok bietet als einziges Museum weltweit Scratchkurse an, bei denen Kinder spielerisch Programmierbasics lernen, eigene digitale Kunstwerke erschaffen und wichtige mediale Kompetenzen entwickeln. Scratch ist eine visuelle Open-Resource Computersprache, die am MIT (USA) von der Long Life Kindergarten Group entwickelt wurde. Mit Hilfe einer großzügigen Förderung der Art Mentor Stiftung Lucerne können wir die Scratch-Kurse auch Familien anbieten, die sich solche Weiterbildungen normalerweise nicht leisten können. Auch die Laptops können wir dank einer Förderung den Kindern zur Verfügung stellen.

Kunstvermittlung ist also ein zentraler Bereich Ihrer Arbeit …

KRAUS: Die Architektur des mumok und die Treppe können durchaus eine Hemmschwelle sein. Mir ist es wichtig, nicht in einem Elfenbeinturm zu sitzen, sondern möglichst viele Menschen abzuholen. Daher bieten wir ein breit gefächertes Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm sowohl für ein dezidiertes Fachpublikum als auch für eine breite Öffentlichkeit an.

Das mumok kino hat sich zu einer Anlaufstelle für ein junges Publikum entwickelt. Auch die alljährliche Kooperation mit ImPulsTanz ist bei unserem Publikum äußerst beliebt. Das mumok ist ein lebendiges Museum für Besucherinnen und Besucher jeglicher Altersgruppen und sozialer Herkunft. Mein Ziel ist es, das Museum in den viereinhalb Jahren bis zu meiner Pension wieder dort hinzubringen, wo unsere Erfolgsgeschichte durch die Krise gestoppt wurde: auf das Niveau von 2019, dem Jahr mit den höchsten Besucherzahlen seit Bestehen des Museums. Das ist ein ambitioniertes Ziel, denn der Wien-Tourismus rechnet nicht damit, dass sich der Fremdenverkehr vor 2024 normalisieren wird.

Noch einmal wollen Sie Ihren Vertrag nicht verlängern?

KRAUS: Nein, ich bin dann 15 Jahre als Direktorin im Haus – aber ich habe jetzt schon die längste Amtszeit in der Geschichte des Museums. Und was man in 15 Jahren nicht erreicht hat, schafft man auch in 20 Jahren nicht.

Haben Sie noch weitere Ziele?

KRAUS: Ja, ich möchte bis zu meinem Ausscheiden zumindest den Grundstein für eine räumliche Erweiterung des Museums legen. Anhand unserer aktuellen Sammlungsausstellung wird einem wieder sehr deutlich vor Augen geführt, dass unsere Schätze permanent präsentiert werden müssen. Unsere unterschiedlichen Sammlungsschwerpunkte sind Touristenmagnete, die von der klassischen Moderne bin hin zur zeitgenössischen Kunst der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen müssen. In dem Erweiterungsgebäude würde ich Sonderausstellungen ausrichten sowie auf einer Ebene unsere Archive für Forschungszwecke öffentlich zugänglich machen.

Das Gebäude lässt sich ja nicht erweitern, was gäbe es da für Möglichkeiten?

KRAUS: Ich habe mehrere Konzepte in der Schublade, die ich mit den verantwortlichen Personen besprechen werde.

Die aktuelle Ausstellung „Enjoy“ soll das verdeutlichen …

KRAUS: „Enjoy“ ist einerseits Resümee der letzten 10 Jahre und gleichzeitig auch Ausblick. Sie zeigt auf beinahe allen Ebenen in einer losen Chronologie von der Klassischen Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst die Schwerpunkte unserer Sammlung, wobei auf jeder Ebene generationsübergreifende Dialoge stattfinden.


„Enjoy“ im mumok, MuseumsQuartier Wien, Samstag, 19. Juni 2021 bis Montag, 18. April 2022

Bildrecht:
Corita Kent (Sister Corita)
the sea queen, 1973
50 x 58 cm
Siebdruck
mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien,
erworben mit Unterstützung des mumok Boards/acquired with support of mumok Board 2020
© Bildrecht, Wien 2021

Eine Stadt. Ein Buch. – 2021

Der Hase mit den Bernsteinaugen


„Eine Stadt. Ein Buch.“ Heuer werden ab 11. November 100.000 Exemplare von Edmund de Waals Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ verteilt. Ein Interview mit dem in London lebenden Künstler & Autor.
Text: Helmut Schneider / Foto: Tom Jamieson


Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, war längst ein weltbekannter Keramikkünstler und Professor in London, als er von seinem Großonkel Iggy in Tokio 264 japanische Netsukefiguren erbte und plötzlich mit seiner Familiengeschichte konfrontiert wurde, die ihn auch wieder nach Wien brachte. De Waal ist ein Nachfahre der berühmten Ephrussis, die im Wien um 1900 an Reichtum den Rothschilds um nicht viel nachstanden. Das Palais Ephrussi gegenüber der Universität am Ring war bis zur Enteignung durch die Nazis das Stammhaus der Bankerfamilie. Wie durch ein Wunder waren die kleinen japanischen Netsukefiguren aus Elfenbein oder Holz – Tierfiguren wie eben der Hase mit den Bernsteinaugen, aber auch Menschenfigürchen – der Plünderung entgangen. Ein Dienstmädchen hatte sie in seiner Kittelfalte nach und nach in Sicherheit gebracht. De Waal recherchierte vier Jahre lang anhand der abenteuerlichen Reise dieser Netsuke – von Japan nach Paris, dann nach Wien und wieder retour – und somit auch des Hasen mit den Bernsteinaugen die Geschichte seiner Urahnen. Die Ephrussis stammten ursprünglich aus Odessa, wo sie mit dem Verkauf von Getreide reich geworden waren. Später schufen sie Bankhäuser und Dynastien in Paris und Wien, ehe sie von den Nazis in die ganze Welt vertrieben wurden. De Waals Mühe hat sich freilich gelohnt. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ wurde 2010 zu einem internationalen Bestseller und Edmund de Waal ist seither nicht nur ein gefragter Künstler, sondern auch ein gefragter Autor.

Und durch diesen Bucherfolg wurde die Geschichte der Familie Ephrussi auch in Wien wieder bekannt. Das Jüdische Museum Wien stellte 2019/2020 die Familiengeschichte in der Ausstellung „Die Ephrussis. Eine Zeitreise“ dar. Das Kunsthistorische Museum zeigte Edmund de Waals Keramikarbeiten zuerst zu einer Schau im Theseustempel und lud ihn dann ein, eine persönliche Ausstellung mit Objekten aus der Schatzkammer zu kuratieren – „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer. During the Night.“ 2018 übergab Edmund de Waal den größten Teil seiner Netsuke-Sammlung dem Jüdischen Museum als Dauerleihgabe. Und im Vorjahr wurde Edmunds Vater Victor de Waal österreichischer Staatsbürger – ein Herzenswunsch des Vertriebenen.

Wir erreichten Edmund de Waal am Tag des EM-Spiels England gegen Deutschland („die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher, aber nicht alle halten zu England …“) telefonisch in London.


wienlive: Wann waren Sie das erste Mal in Wien und wie haben Sie sich damals gefühlt?

Edmund de Waal: Das war vor 25 Jahren. Ich habe die Stadt nicht verstanden, war sogar ängstlich und irgendwie fremd. Das war ja lange bevor ich begonnen hatte „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ zu schreiben. Ich kannte einige Geschichten meines Großonkels Iggy in Japan und von meiner Großmutter, aber mein Vater wollte überhaupt nicht über seine Kindheit sprechen. Kurz: Wien war damals für mich ein sehr schwieriger und komplizierter Ort. Ich erinnere mich, dass ich vor unserem alten Familienhaus gestanden bin und ich mich sehr schlecht fühlte – so völlig von der Geschichte des Ortes ausgeschlossen. Ich traute mich auch gar nicht hineinzugehen.

Sie haben alle Ihre Netsuke dem Jüdischen Museum in Wien vermacht. Warum wollten Sie, dass sie in Wien bleiben?

De Waal: Wir haben in der Familie beschlossen, unser ganzes Archiv – also Papiere, Fotografien und Briefe – an das Jüdische Museum zu geben. Die Netsuke sind eine 10-jährige Leihgabe. Der Grund ist sehr einfach: Diese Figuren können sehr kraftvoll eine Geschichte über eine jüdische Familie in Wien erzählen. Ich liebe sie sehr und habe sie auch gerne bei mir, aber ich dachte, während der nächsten zehn Jahre könnten sie hier in Wien ihre Geschichten erzählen, was sie sicher wundervoll tun werden. Es ist also ein Statement.

Ihr Vater hat letztes Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Warum war ihm das so wichtig?

De Waal: Er sagte sehr deutlich, dass er das für seinen Großvater tut, der als Flüchtling staatenlos starb, weil man ihm die österreichische Staatsbürgerschaft weggenommen hatte. Interessant ist, dass jetzt meine Brüder und auch ich um die Staatsbürgerschaft angesucht haben. Ich möchte Teil von Österreich sein – und zwar nicht nur symbolisch, sondern ich möchte wirklich mit diesem Land verbunden sein. Deshalb bedeutet mir auch die Einladung zu „Eine Stadt. Ein Buch.“ sehr viel.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ war ein internationaler Hit. War das Buch in deutschsprachigen Ländern am erfolgreichsten?

De Waal: Ja, tatsächlich – ist das nicht außergewöhnlich? Einer der unglaublichsten
Momente in meinem Leben war, als ich 2010 anlässlich der Veröffentlichung des Buches eine Rede in Wien im Palais Ephrussi halten durfte. Die ersten beiden Besprechungen in Deutsch kamen heraus, ich fühlte, dass das Buch in der deutschsprachigen Welt gelesen und ernst genommen wurde. Absolut außergewöhnlich! Es ist für mich immer noch erstaunlich, dass eine Familiengeschichte eine so große Wirkung entfalten konnte.

Wer hat diesen genialen Buchtitel erfunden?

De Waal: Das war ich, aber wir hatten in der Familie eine lange Diskussion darüber.

Sie waren inzwischen schon oft in Wien. Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen, vielleicht ein Besuch in einem Kaffeehaus?

De Waal: Immer wenn ich in Wien bin, gehe ich sehr viel alleine herum – um mit meinem Vater, meiner Großmutter, meinem Großonkel in Verbindung zu treten, die zum Teil hier gelebt haben – das sind ganz private Orte. Aber natürlich bewege ich mich in Wien von einer Schale Kaffee zur nächsten. Schon bevor ich das Buch zu schreiben begonnen habe, war mein Verlangen nach Kaffee tief in mir verankert. Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater hatten alle ihre Lieblings-Kaffeehäuser. Ich werde von einem zum anderen gehen.       


Interview mit Renate Brauner

Unser Netz gibt Sicherheit


Am 23. Juni ist Tag der Daseinsvorsorge. Daseinsvorsorge ist geradezu lebensnotwendig, geht es doch um so wichtige kommunale Services wie Energie, Müllabfuhr, Gesundheit, Wasser, Verkehr & Wohnen. Renate Brauner leitet das Wiener Büro.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Stefan Joham; iStock


Es sind die Dinge, die man erst bemerkt, wenn sie einmal nicht funktionieren. Aber wir alle kennen Bilder von überquellenden Müllcontainern in italienischen Städten oder erst zuletzt vom Ausfall des Stromnetzes in Texas aufgrund veralteter Infrastruktur nach einem Schneesturm. Zumeist passiert das gerade dort, wo Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie etwa der öffentliche Verkehr, die Wasserversorgung, die Müllabfuhr oder die Energieanbieter privatisiert wurden. Denn in der Regel fühlen sich Private mehr ihren Aktionären als ihren Kunden verpflichtet. Die Wiener Stadtregierung ist niemals der Verlockung des schnellen Geldes durch den Verkauf kommunaler Einrichtungen wie etwa der vielen Gemeindebauten erlegen. Anders als beispielsweise viele deutsche Städte, die bei exorbitant steigenden Mieten jetzt voll Neid auf Wien schauen. Wiens langjährige Vizebürgermeisterin und Finanzstadträtin Renate Brauner kümmert sich jetzt im Büro für Daseinsvorsorge um Daten und das Image aller kommunalen Einrichtungen.

wienlive: Ihr Büro hat – gemeinsam mit dem Städtebund – die Studie „Die Qualität der Daseinsvorsorge in Österreichs Städten und deren Auswirkungen auf die Lebensumstände im Europavergleich“ veröffentlicht – was sind die wichtigsten Erkenntnisse daraus?
RENATE BRAUNER: Kurz zusammengefasst: Daseinsvorsorge bringt wirklich allen etwas, weil im Vergleich mit anderen Städten den Wienerinnen und Wienern mehr Geld im Börsel übrig bleibt. Ganz entscheidend dabei sind die Preise fürs Wohnen – vor allem international gesehen. Dazu kommt eine gute und günstige Infrastruktur wie das öffentliche Verkehrsnetz oder die Energieversorgung. Der Gratis-Kindergarten und die Gratis-Ganztagsschule tun ein Übriges. Was die Studie aber auch empfiehlt, ist der Ausbau der Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige – aber das ist auch schon im Programm der Stadtregierung. Ganz entscheidend dabei ist die Qualität der Einrichtungen – was hat man etwa von einem Kindergarten, der um 14 Uhr schließt oder den ganzen Sommer geschlossen hält – das ist kein Angebot für berufstätige Eltern. Und hier ist Wien top.

Also ein Plädoyer für mehr Kommunales und weniger Privates?
BRAUNER: So generell würde ich das nicht ausdrücken. Denn eine gut funktionierende Daseinsvorsorge ist sicher auch im Interesse der Privatwirtschaft. Die Hauptgründe, warum sich Betriebe in Wien ansiedeln, sind die qualifizierten Arbeitskräfte sowie die funktionierende Infrastruktur. In Wien muss niemand Angst haben, dass – wie kürzlich in Texas nach einem Schneesturm – alles zusammenbricht, von der Schneeräumung bis zur Energieversorgung. Soziale Sicherheit – wie etwa ein gutes Gesundheitssystem – ist ebenfalls ein wichtiger Standortvorteil.

Vor der Krise wurde gelästert, dass Wien zu viele Spitalsbetten hätte – jetzt schweigen die Kritiker …

Was ist die zentrale Aufgabe des Büros für Daseinsvorsorge?
BRAUNER: Daseinsvorsorge ist ein sehr wichtiges Thema der Stadtregierung und deshalb ist es auch wichtig, in diesem Bereich national und international Vernetzungsarbeit zu leisten sowie dieses Thema in der Öffentlichkeit zu promoten. Ich war ja schon zuvor genau in diesem Feld tätig und bin seit zehn Jahren Präsidentin des Verbandes für gemeinwirtschaftliche Unternehmungen in Österreich. Die Daseinsvorsorge wird ja hierzulande als Selbstverständlichkeit gesehen, aber wie der Blick über die Grenzen zeigt, ist es das anderswo nicht. Wir haben alle verfolgt, wie das etwa in Großbritannien schief gegangen ist, wo etwa die Wasserversorgung oder die Bahn privatisiert wurden – im Endeffekt bringt das meist höhere Preise für die Kunden bei einer schlechteren Qualität der Leistungen. Zusätzlich wird in der Regel die Infrastruktur vernachlässigt und die Arbeitnehmer werden schlechter bezahlt. Von Umweltschutzmaßnahmen ganz zu schweigen. Gleich im ersten Jahr meiner Tätigkeit habe ich gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung (ÖGPP) eine Studie beauftragt, die 200 Fälle dokumentiert hat, in denen in Europa rekommunalisiert wurde – also auf Deutsch: wo die Kommunen private Versorgungsunternehmen meist mit sehr viel Geld wieder zurückkaufen mussten. Bei einer Konferenz in Amsterdam wurden weltweite Beispiele von Rekommunalisierung in mehr als 2.400 Städten diskutiert, ich habe dort als positives Beispiel das Wiener Modell der Daseinsvorsorge präsentieren dürfen.

Wird Daseinsvorsorge jetzt in der Krise mehr geschätzt?
BRAUNER: Ja, denn die Corona-Krise ist mittlerweile eine schwere Wirtschaftskrise. Keinesfalls dürfen jene Leistungen, die uns jetzt durch die Krise bringen, später wieder gekürzt oder gar eingespart werden, und jene Menschen, die diese Leistungen für uns erbringen, zu Verlierern werden. Starke, gut ausgebaute Daseinsvorsorge-Einrichtungen mit ausreichend Personal und guten Arbeitsbedingungen brauchen wir alle auch in Zukunft für unsere Lebensqualität und Sicherheit.


Ina Regen

Begegnung mit sich selbst


Top. Nicht nur ihre Songs sind großartig, auch mit ihr zu skypen ist sehr erfrischend. Die Rede ist von Amadeus-Preisträgerin Ina Regen, die vor kurzem ihr neues Album „ROT“ präsentierte.
Text: Andrea Buday / Fotos: Gerd Schneider


Sie befinde sich gerade in einer Phase der Erholung, erzählt die 36-jährige Sing-Songwriterin, die rund zwei Jahre an ihrem neuen Album „ROT“ gearbeitet hat. Das erste Lied begann Ina Regen schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Klee“ zu schreiben. „Weil ich möglichst unabhängig von den Kritiken und Feedbacks auf ,Klee‘ sein wollte.“ Gemeinsam mit Florian Cojocaru hat sie sich an die Arbeit gemacht. Ursprünglich hätte das Album bereits im April 2020 fertig und im Herbst veröffentlich werden sollen, aber sie habe gespürt, dass diese außergewöhnliche Zeit auch das Zeitgefühl bzw. das Bedürfnis der Menschen verändert habe. Zudem entschied die Wahlwienerin, ein paar Songs, die vielleicht noch lauter oder verstörender sein wollten, zurückzuhalten. „Ich dachte nämlich, dass die Menschen jetzt mehr Ruhe und Zuversicht brauchen“, so die gebürtige Oberösterreicherin im Skype-Interview, die zudem gesteht, dass auch sie selbst das eine oder andere Lied brauchte, um Hoffnung zu schöpfen.

„Fenster“ von Ina Regen – aus dem neuen Album „ROT“.

wienlive: Die Musik Ihres neuen Albums ist ruhig und angenehm, die Texte regen zum bewussten Zuhören bzw. Nachdenken an.
INA REGEN: Meine Lieder sollen schon dazu bewegen, bewusst reinzuhören und sich mit sich selbst zu konfrontieren. Es ist Musik, um sich berühren zu lassen, sich auf sich selbst einzulassen genauso sehr wie auf meine Gedanken.

Ihre Lieder haben teils auch eine kritische Message.
REGEN: Ich beschreibe, was ich an unserer Zeit verstörend finde, und mitunter auch das, was ich an mir selbst verstörend finde oder wo ich selbst nicht so eindeutig zuzuordnen bin, sondern merke, ich befinde mich in einem Prozess. Bei der Flüchtlingsthematik etwa, die mich seit 2015 sehr beschäftigt, stelle ich fest, wie mich neue Sichtweisen und Gespräche immer wieder neu beeinflussen. Und ich merke dann auch, wie vermeintliche Lösungen bzw. Antworten, die ich gefunden zu haben glaubte, neu evaluiert werden müssen. Aber: „ROT“ soll nicht anprangern, sondern ein Aufruf sein, um im Gespärch und im Mitgefühl zu bleiben. Sobald wir ein Ideal von Menschen haben, neigen wir dazu, den Kontakt zu jenen zu verlieren, die eine andere Meinung vertreten. „ROT“ ist ein verzweifelter Aufschrei, damit wir speziell mit jenen kommunizieren, mit denen wir nicht übereinstimmen.

Sind Sie ein streitbarer Mensch oder harmoniebedürftig?
REGEN: Ich tendiere mehr zu Harmonie, aber ich habe zu streiten gelernt, weil ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich selbst zu behaupten und seine Grenzen zu wahren. Was voraussetzt, dass man die eigenen Grenzen erst entdecken muss, und das wiederum funktioniert nur, wenn man viel reflektiert und seine eigenen Fehler großherzig annimmt.

Ihre Texte sind eher ernst, nicht gerade Leichtigkeit versprühend …
REGEN: „Wien am Meer“ z. B. ist ein Sommersong, der zum Leben einlädt. Auch „Leuchten“ ist positiv und feiert die Kraft der Veränderung, die in jedem von uns steckt. Aber ich gebe zu, ich halte nicht zu viel von Oberflächlichkeit. Ich habe Leichtigkeit in meinem Leben erst gefunden, als ich integrieren konnte, dass das Leben auch kompliziert und manchmal schwierig ist, und dass es Diskrepanzen gibt, denen man sich stellen muss. Selbst das Liebeslied auf dem Album ist keine Überhöhung, sondern eine realistische Betrachtung einer Liebe. Ich verteile keine leichten Rezepte. Es gibt aber einen Bonustrack: „Jo, na eh“ ist ein Lied, das augenzwinkernd gemeint ist und zur Leichtigkeit aufruft.

Wie geht es Ihnen in Zeiten wie diesen?
REGEN: Es gab schon Phasen, in denen ich verzweifelt war, weil alles, wofür ich die letzten Jahre hart gearbeitet hatte, plötzlich zu implodieren schien. Da drücken die eigenen Gedanken und Ängste natürlich sehr auf die Stimmung. Dann habe ich immer wieder nach der Nadel gesucht, mit der ich meine Gedankenblase aufstechen konnte, um neue Perspektiven einzunehmen. Außerdem muss ich dankend erwähnen, dass meine Fans mich großzügig unterstützten mit Spenden via Spotify bzw. einem Paypal-Konto.

Was erwarten Sie sich vom neuen Album?
REGEN: Immer, wenn man ein weiteres Stückchen von sich selbst preisgibt, ist es mit einer Grundanspannung verbunden, die einerseits aus Euphorie besteht, andererseits mit der Sorge, dass es den Menschen gar nicht so gut gefällt. Diesen Erwartungsdruck spüre ich schon, aber ich versuche, diese Gedanken beiseite zu schieben. „ROT“ ist ein positives Signal. Eine Einladung zum Menschsein, neugierig zu bleiben – auf den Menschen, der man gerade ist und auch auf den, der man vielleicht gerade nicht so gern wäre, aber trotzdem ist. Es ist jedenfalls eine Einladung zum Leben.


Ina Regen – ROT

Erhältlich hier.

Dreigroschenoper

Zuversicht kann man lernen


Susa Meyer, 55, und Swintha Gersthofer, 35, brillieren in Bertolt Brechts & Kurt Weills Welterfolg „Dreigroschenoper“ als „Spelunken-Jenny“ bzw. „Polly Peachum“ – demnächst in den Kammerspielen.
Text: Andrea Budey / Foto: Stefan Joham


Treffpunkt Kammerspiele. Probenende. Regisseur Torsten Fischer verlässt das Haus, wenig später Claudius von Stolzmann alias „Mackie Messer“. „Polly Peachum“ Swintha Gersthofer und „Spelunken-Jenny“ Susa Meyer winken ins Foyer. Fast könnte man meinen: ein Interview wie damals. Vor Corona. Ursprünglich war die Premiere für 11. März angesetzt, nun heißt es wieder warten. Geprobt wird dennoch. Denn ORF III setzt vermehrt auf aktuelle Theateraufzeichnungen – stark vertreten dabei sind Produktionen der Josefstadt. Und ein Dauerbrenner wie Brechts & Weills Welterfolg durfte wohl auch nicht fehlen.

wienlive: Wie geht’s Ihnen in Zeiten wie diesen?
SWINTHA GERSTHOFER: Ich hatte bis vor kurzem eine längere Pause, was angenehm war, weil ich endlich Zeit für andere Dinge fand. Für den Kulturbereich ist dieser Stillstand natürlich extrem schlimm, vor allem für die Freischaffenden, die dringend wieder Einnahmen zum Überleben bräuchten. Ich befinde mich in einer Luxussituation, weil ich als Ensemble-Mitglied bezahlt werde.
SUSA MEYER: Das stimmt. Wir sind in einer sehr privilegierten Situation. Wir haben das Glück, dass wir regelmäßig getestet werden und die Möglichkeit haben, ganz normal zu proben. Diese Kontinuität wissen wir sehr zu schätzen. Ein Freund erzählte erst kürzlich von einer Schauspielerin und einer Opernsängerin, die sich in Berlin als Kassiererin bzw. Grabrednerin über Wasser halten.

Trotz dieser Sicherheit, belastet es nicht trotzdem psychisch?
MEYER: Den ersten Lockdown haben viele – auch ich – noch als entspannend empfunden. Jetzt ist es anders. Dennoch: Man muss immer versuchen, jede Situation, mit der man konfrontiert wird, positiv zu formulieren. Positives Denken wird gern belächelt, aber ich glaube, es ist eine Strategie. Wenn man sich permanent auf Angst fokussiert, dann wächst diese auch. Zuversicht kann man lernen.

GERSTHOFER: Es ist manchmal sehr schwierig, für alle von uns, aber man darf sich nicht unterkriegen lassen und muss optimistisch bleiben, um diese Zeit gesund zu überstehen. Für Menschen, die permanent alleine auf sich gestellt sind, ist es bestimmt besonders hart. Man braucht die Energie von anderen, den Austausch, die Inspiration oder auch die Unterstützung. Ich vermisse ebenso vieles. Aber dennoch: Es ist, wie es ist. Also gilt: „Mach’ das Beste daraus, mit guten Gedanken und mit positiver Energie!“

Dreigroschenoper. Brecht verspottet den Kapitalismus, prangert Doppelmoral an und zeigt soziale Missstände auf. Noch zeitgemäß?
GERSTHOFER: Total aktuell. Schon allein die soziale Schere, die immer weiter auseinanderklafft. Auf der einen Seite profitieren etliche enorm von der Krise, andererseits geht es vielen finanziell an den Kragen. Auch all die politischen Skandale, die jetzt wieder am Aufbrechen sind. Leider wiederholt sich alles ständig.
MEYER: Wir leben in einer kapitalistischen wie korrupten Gesellschaft, in der sich die Mächtigen scheinbar alles richten. Beispiel Donald Trump – zweites Impeachment, aber dem passiert nichts!

Glauben Sie an eine ausgleichende Gerechtigkeit?
GERSTHOFER:Ja, ich glaube daran, auch wenn wir vieles nicht mitkriegen. Und ich will auch daran glauben. Es kann ja nicht sein, dass Trump schon wieder ungeschoren davonkommt. Vielleicht macht ihm ja Melania das Leben zur Hölle?! Hoffentlich (beide lachen)!

Wie klappt’s mit dem Singen?
GERSTHOFER: Es ist eine Zeit lang her, dass ich musikalisch so gefordert wurde. Zumal auch fast alle Lieder für die Frauen irrsinnig hoch sind!
MEYER: Kurt Weill würde die Songs heute anders schreiben, er würde die Tonlagen für Frauen schreiben, die mit beiden Beinen im Leben stehen, für Frauen also, die mehr Eier haben (beide lachen).

Ist das Stück nur ernst oder darf man auch mit gewisser Leichtigkeit rechnen?
GERSTHOFER: Es ist eine gute Mischung aus beidem. Die große Kunst besteht stets darin, dem Unterhaltsamen eine Tiefe zu geben, die betroffen macht. Und umgekehrt. Ich hoffe, wir kriegen das hin.