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Essay

Dr. Österreich – Oder wie ich lernte, Erwin Ringel zu lieben


Seine äußere Erscheinung stand in scharfem Gegensatz zur Kraft seiner Rede. Eine schleichende Krankheit lähmte seinen Körper in den letzten Lebensjahren zunehmend. Umso unvergesslicher seine letzten öffentlichen Auftritte, etwa in der legendären ORF-Sendung „Club 2“, in denen der Seelenarzt der Nation vom Rollstuhl aus, mit hinter dicker Hornbrille blitzenden Augen seine scharfsichtigen Analysen zum Besten gab. Beide Formate, Erwin Ringel wie den Club 2, gibt es nicht mehr in diesem Land.
Text: Dominik Orieschnig


Wenn dabei seine Stimme immer höher wurde und gelegentlich hinüber kippte ins Überzogene, ins bewusst überspitzt Formulierte, dann verschwamm plötzlich der Seelenarzt mit dem Kabarettisten – jener zweiten Profession, die man nur in Österreich und hier vor allem in Wien nach allerhöchsten Maßstäben ausüben kann. Wie das? Darauf gab Ringel selbst mit raunender Stimme die Antwort, als er am 26. Oktober 1983, dem österreichischen Nationalfeiertag, seine berühmt-berüchtigte „Neue Rede über Österreich“ in einem Saal des Wiener Musikvereins hielt: „Ich will das Verdienst Freuds, dieses einmaligen Genies, wahrlich nicht schmälern, aber es war nicht schwer, in diesem Land die Neurose zu entdecken.“ Ringel und Qualtinger, das waren zwei Sprachpartituren ein und desselben Landes und seines schwierigen Verhältnisses zur Vergangenheit, das lange von den drei großen „S“ geprägt war: Schweigen, Suff und Suizid. Helmut Qualtinger verbriefte dies mit seiner Darstellung des österreichischen Mitläufers „Herrn Karl“, Erwin Ringel mittels Tausender psychiatrischer Befunde, hunderter Fachpublikationen und seiner an Anton Wildgans angelehnten, „neuen Rede“. In dieser benannte er auch gleich die heimliche Bundeshymne der Österreicher, nämlich das Lied aus der „Fledermaus“: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Ringels Kernthese hinter solchen psychokabarettistischen Ausritten: Die nicht aufgearbeitete, verschwiegene und verdrängte Beteiligung und Mitschuld so vieler Österreicher am Nationalsozialismus und seinen Verbrechen seien die Ursache weit verbreiteter psychosomatischer Krankheiten mit teils dramatischen Auswirkungen in unserer Gesellschaft.

Erwin Ringel (1961) – ©MA 8 Wiener Stadt- und Landesarchiv (CC BY-NC-ND 4.0)

Erwin Ringel, Psychiater, Neurologe und Suizidforscher, geboren am 27. April 1921, kleidete seine Analysen über Österreich und die Österreicher in Worte, die sich wie ein Schwarm weißer Tauben aus der Masse öffentlicher Gebrauchsprosa erhoben. Für mich als jungen Menschen der 80er- und 90er-Jahre hatten seine Worte etwas Seherhaftes, fast Heiliges. Die Welt, in der ich mich als Wiener Sängerknabe und späterer Schüler altehrwürdiger kirchlicher und staatlicher Bildungseinrichtungen bewegte, war ja das kulturelle und klerikale Österreich mit allen seinen Qualitäten – ein fantastisches Land des Donauwalzers und des Beamtenwesens, des Dressurritts und der Mozartkugel, in einer bedeutenden Tradition, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Es war aber auch eine Welt des pädagogischen Drills und der Tabuisierung von Bedürfnissen, des in patriarchalen Strukturen verordneten Silentiums. In diesem Altwiener Suppentopf aus Monarchie, Klassenkampf, Nazitum, Kitsch, Kirche und 68er-Bewegung schwamm mit Erwin Ringel plötzlich einer daher, der das alles bestens zu kennen schien, ohne aber irgendeine dieser Suppeneinlagen unkritisch zu schlucken. Als ich den Ringel zum ersten Mal im Fernsehen sah, vertraute ich ihm sofort. Der ging ans Eingemachte, sprach schonungslos zur Sache, hatte offensichtlich als Österreicher schon genug andere Österreicher auf der Couch gehabt.

Als er 1994 verstarb, verlor das Land einen seiner glaubwürdigsten Mahner und Humanisten. Der kürzlich verstorbene Hugo Portisch hat uns die Oberflächenkarte Österreichs erklärt, Erwin Ringel das unterirdische Keller- und Kanalsystem des Landes. Er war ein besonderer Wissensträger, ein moderner Schamane, ein Orakel, das wissenschaftliche Evidenz mit therapeutischem Zuspruch und moralischem Anspruch verband. Der Augur Ringel las nicht im Vogelflug die Zukunft Österreichs, sondern in den nicht bewältigten Gefühlen jener Tausenden von Patienten, denen er als Seelenarzt zu helfen versuchte. Er hat in individuelle Vergangenheiten geblickt und gesehen, wie sehr der geglückte oder missglückte Umgang mit persönlichen Tragödien das Schicksal vieler anderer mitbestimmen kann. Er, der selbst eine äußerst liebevolle Kindheit genoss, erlebte früh die Verführbarkeit einer aus so vielen Unglücklichen bestehenden Gesellschaft: 1939 als Achtzehnjähriger für einige Wochen von der Gestapo in Haft genommen, weil er bei einer antinationalsozialistischen Großkundgebung am Wiener Stephansplatz als Pfarrjugendhelfer mitgewirkt hatte, stand sein Medizinstudium bereits im Schatten von Krieg und Wehrmachtsdienst.

Als Ringel in den letzten zwei Kriegsjahren im Reservelazarett im Rudolfspital ärztlich tätig war, betreute er dort 1945 mehrere Wochen lang die von der österreichischen Schauspielerin Dorothea Neff über vier Jahre vor den Nazis versteckt gehaltene Jüdin Lilli Wolff. Ringel wohnte im selben Haus wie Neff und war von ihr eingeweiht worden. Es war zugleich eine Einweihung in die Abgründigkeit der Österreicher und der Beginn von Ringels lebenslanger ärztlicher Obsession: Die Freilegung und Durchtrennung des gefährlichen roten Fadens, der die Neurosen von Individuen mit dem emotionalen Leben von Nationen verbindet. Skandalös für viele seine spätere Bezeichnung Kaiser Franz Josephs I. als den „Totengräber Österreichs“ und des Ersten Weltkriegs als Ergebnis einer in diesem Monarchen sich vollziehenden „lebenslangen neurotischen Selbstvernichtung auf allen Ebenen“. Diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts sah Ringel fortgesetzt im „kleinen, unbekannten Gefreiten“ aus Braunau am Inn, „von allen verkannt und verstoßen, das ideale Identifikationsobjekt für den gedemütigten und sich getreten fühlenden Österreicher“. Hitlers menschliche Deformation im Elternhaus und später in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs musste laut Ringel gerade in einem Österreich so vieler ähnlich Beschädigter auf fruchtbaren Boden fallen und schließlich zur Nemesis Europas und der halben Welt werden. Geleitet von dieser Einsicht in die Wechselwirkung individueller Todessehnsucht und kollektiver Selbstvernichtung baute Erwin Ringel 1948 das weltweit erste Suizidpräventionszentrum in Wien auf, ursprünglich im Rahmen der Wiener Caritas. 1975 wurde daraus das von der Kirche unabhängige „Kriseninterventionszentrum“, das bis heute existiert. Nachdem er über 700 gerettete Selbstmordkandidaten untersucht hatte, beschrieb Ringel 1953 das „Präsuizidale Syndrom“, bis heute ein Meilenstein in der Selbstmordforschung. In den USA nannte man ihn dafür liebevoll „Mr. Suicide“.

Erwin-Ringel-Denkmal auf dem Schlickplatz in Wien. – ©Gerhard Murauer (CC BY-NC-ND 4.0)

Mit der Suizidverhütung war der Seelenarzt der Nation unweigerlich bei der Psychosomatik angekommen: Denn was kränkt, macht nicht nur krank (Max Herz), sondern kann unbehandelt auch zum Selbstmord führen. Unter Überwindung schwerster Widerstände gründete Ringel 1954 in Wien die erste psychosomatische Station in Österreich. Öffentlich kritisierte er die Verweigerung der Österreicher, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. „Die österreichische Seele“, sein berühmtestes Buch und Kompendium seiner zehn Reden zur Lage der Nation, ist zum allgemein verwendeten Begriff geworden und gehört zum Besten, was je über dieses Land geschrieben wurde. Es war seine Kampfschrift für ein gesünderes, weil ehrlicheres Österreich. 1984 erschienen, enthielt sie Prophetisches: 1986 erschütterte die Affäre Waldheim das Land und der Patient Österreich begann langsam zu verstehen, dass er mit seinem sorgfältig gepflegten Narrativ, bloß ein Opfer Hitlers gewesen zu sein, nicht weitermachen konnte. Etwas war faul im Staate Österreich.

In diesen Tagen jährt sich Erwin Ringels Geburtstag zum hundertsten Mal. Wird sein Vermächtnis noch gebraucht? Als Ringel „Die österreichische Seele“ schrieb, war der Suizid in Österreich gerade dabei, mit ca. 2.200 Personen pro Jahr seinen Höchststand seit dem Zweiten Weltkrieg zu erreichen. Heute sterben hierzulande jährlich „nur“ etwa 1.200 bis 1.300 Menschen durch eigene Hand. Sind wir etwa auf dem Weg zur psychisch gesunden Gesellschaft? Als Erwin Ringel in seiner „Rede über Österreich“ beklagte, dass wir Österreicher „nirgendwo gelernt haben, mit unseren Gefühlen zurechtzukommen“ und dass wir mit unseren unbewältigten und krankmachenden Emotionen alleingelassen werden, gab es für das von ihm diagnostizierte Heer psychosomatisch Kranker in Wien ganze 16 Kranken- hausbetten. Heute gibt es einen „Psychosomatischen Versorgungsplan Wien 2030“, der eine flächendeckende medizinische Versorgung nicht nur im stationären, sondern auch im ambulanten Bereich zum erklärten Ziel hat. Seit Erwin Ringel hat ein Kulturwandel dafür gesorgt, dass heute mehr Menschen als früher psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Die Zahl psychischer Diagnosen ist laut den Abrechnungsdaten der Krankenkassen gestiegen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass es mehr psychische Erkrankungen gibt als früher. Vieles war immer schon da, aber es wurde in unserer Gesellschaft tabuisiert. Doch es gibt auch Neues unter der Sonne: Eine ganze Generation, die von Google, Facebook und Co. geprägt wird, verfügt über nie da gewesene Möglichkeiten des sozialen Austauschs, ist aber auch den Gefahren noch nie da gewesener kollektiver Beeinflussung und Manipulation ausgesetzt. In einem neuen virtuellen Biedermeier, in dem jeder Smartphone-User zu seinem eigenen Metternich und zu dem aller anderen wird, verschwimmen Banales und Sakrales. Das Selfie mit Cappuccino-Tasse am Strand von Jesolo wird zum heiligen Gral, den es ebenso zu sharen oder zu liken gilt wie die schwer magersüchtige jugendliche Influencerin, der ein Millionenpublikum in ihren wöchentlichen Diät-Blogs online beim Sterben zusehen kann. Erwin Ringel hätte solchen Zeitphänomenen gewiss einige markante Sager entgegenzusetzen gewusst.

Über manches aber, vor allem über die stromlinienförmige Belanglosigkeit der heutigen politischen (und leider auch kirchlichen) Sprache, wäre vermutlich auch er ratlos. Ringels Ziel war es gewesen, die Sprache des Österreichers aus dem Dienst der Verdrängung herauszuholen. Doch wie soll man Sprache aus der Belanglosigkeit holen? Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnte so einfach getextet, gemailt, getwittert, ge-SMS-t und ge-WhatsApp-t werden wie heute. Statt an präsuizidaler Sprachlosigkeit zu leiden, quatschen wir uns täglich zu Tode. Möglicherweise würde der Opernfreund und Opernexperte Dr. Ringel dem offiziellen Österreich heute statt einer psychoanalytischen Rede-Kur ein, wie es in Mozarts „Zauberflöte“ heißt, „heilsames Schweigen“ verschreiben. Danach aber bräuchte es dringend eine aktualisierte neue Rede über Österreich. Ein analytisches Update, das uns schonungslos ehrlich, aber respektvoll wie Ringel zeigt, wo wir heute wirklich stehen. Doch wer wird diese Rede schreiben? Und vor allem: Wer wird sie im elektronischen Stimmengewirr der Zeit noch hören?


Dominik Orieschnig geboren 1971 in Leoben, ist Bischöflicher Sekretär und Pressesprecher der Diözese Eisenstadt. Er ist Absolvent der Diplomatischen Akademie Wien und Träger des Kardinal-Innitzer-Förderpreises für wissenschaftliche Leistungen und war u. a. als Redakteur des ORF und als Rechtsreferent der Österreichischen Bischofskonferenz tätig. Orieschnig ist Herausgeber mehrerer Bücher kulturwissenschaftlichen und historischen Inhalts.

In Therapie

Anspruchsvolle TV-Unterhaltung


In Therapie. Die Arte Mediathek lädt zu einer Psychoanalyse nach den Terroranschlägen in Paris 2015 – die momentan anspruchsvollste TV-Unterhaltung.
Text: Helmut Schneider / Foto: ARTE


2005 ging in Israel eine TV-Serie auf Sendung, deren Konzept ebenso einfach wie spannend ist: Die Zuschauer erleben eine halbstündige Therapiesitzung bei einem Analytiker und bekommen dabei eindrucksvoll mit, wie Menschen Probleme, Ängste, Begierden verdrängen und wie das Unbewusste ihr Leben bestimmt. Jede Folge eine Sitzung, nach ein paar Folgen sind wir wieder bei Patient 1 und so weiter. Die Serie „BeTipul“ (deutsch: In Behandlung) wurde zu einem internationalen Erfolg, denn sie ließ sich leicht für jedes Land adaptieren. In den USA hieß sie etwa „In Treatment“, es gibt aber auch eigene Fassungen in den Niederlanden, Serbien, Polen oder in Tschechien. Fast fragt man sich, warum in Österreich, wo bekanntlich die Psychotherapie erfunden wurde, noch niemand an eine Adaption gedacht hat.

Neufassung
Jetzt hat Frankreich die Idee aufgegriffen und dem Ganzen noch einen zusätzlichen Kick verpasst. „En thérapie“ (Hier geht es zum Trailer.) spielt nämlich in Paris unmittelbar nach dem größten Terroranschlag, den die Stadt nach dem 2. Weltkrieg erleiden musste. Kein Franzose wird je vergessen, wo er am 13. November 2015 war, als 130 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt wurden – mitten bei einem Sport- oder Kulturevent, im Café oder auf der Straße im Zentrum von Paris. Ein solcher Anschlag lässt niemand kalt, auch wenn er nicht direkt betroffen ist. Und das wird auch bei den Therapiesitzungen schnell klar, in denen es natürlich zuvorderst um Probleme wie Leistungsdruck, Ehekrisen oder männliche und weibliche Rollenzwänge geht. Die Serie ist in Frankreich jedenfalls schon ein Hit. Noch vor dem Fernsehstart hatten dort bereits sechs Millionen Menschen die Serie in der Arte-Mediathek angeklickt, wo bis Sommer jetzt auch bei uns alle 35 Folgen jederzeit online zu sehen sind.

Talent
Die beiden Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano konnten – und das ist auch das Wichtigste bei dieser Art von TV-Show – grandiose Schauspieler verpflichten. Allen voran Frédéric Pierrot als Therapeut Philippe Dayan, der natürlich in allen Folgen zu sehen ist. Ein bisschen erinnert er in seiner professionellen Distanz an Michelle Piccoli. Auch wenn ihm selten aber doch einmal der Kragen platzt, wenn seine Patienten ihre Vorurteile und Neurosen an ihm abzuarbeiten versuchen. Deswegen geht er ja auch wie jeder gute Analytiker zu einer Supervision, nämlich zu einer früheren Kollegin und Freundin, dargestellt von Carole Bouquet, die als 20-Jährige für Buñuel spielte, neben Roger Moore in „James Bond – In tödlicher Mission“ das Bondgirl und viele Jahre lang das Gesicht für Nummer 5 von Chanel war. Zu seinen Patienten gehören so unterschiedliche Charaktere wie die 16-jährige Hochleistungsschwimmerin Camille (Céleste Brunnquell), eine Chirurgin (Mélanie Thierry), die am Abend der Attentate Notdienst hatte, ein Paar (Clémence Poésy und Pio Marmaï), das vor der Frage steht, ob es das zweite Kind abtreiben soll oder nicht und Adel Chibane, Mitglied einer Spezialeinheit der französischen Polizei, der an Panikattacken leidet und sich das natürlich nicht eingestehen will. TV-Unterhaltung ist selten anspruchsvoller.


The Eddy

Eine Serie für Nicht-Fans


Close-Ups, Nachtszenen und lange Einstellungen von unschönen Umgebungen – „The Eddy“ ist eine neue Netflix-Serie, die sich auch für Menschen empfiehlt, die im Grunde keine Serien-Fans sind.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Lou Faulon/Netflix


Diese neue Netflix-Serie empfiehlt sich auch für Menschen, die keine Serienfans sind. Denn „The Eddy“ – so heißt auch der Jazzclub, der im Zentrum der Handlung steht – ist eher ein langer Independent-Film denn eine typische TV-Show. Auch der Stil und das Film-Design ist ganz anders. Viele Close-Ups, viele Nachtszenen, lange Einstellungen auf die nicht gerade schöne Umgebung des Clubs und vor allem: Viel interessante Musik abseits des Mainstreams.  Im Zentrum steht besagter Jazzclub in Paris, nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie, der nach dem Mord an einem seiner Eigentümer ums Überleben kämpft. Hauptperson ist der international gefragte Musiker Elliot (André Holland), der plötzlich nicht nur für die Musik des Clubs, sondern auch für dessen Betrieb verantwortlich ist. Und dann kommt da auch noch seine schwer handle-bare, pubertierende Tochter (hinreißend: Amandla Stenberg) aus New York zu ihm und seine Sängerin Maja (Joanna Kulig) droht, einen lukrativen Job im Popbusiness anzunehmen.

Das Drehbuch von Jack Thorne (unter anderem „Shameless“, „Skins“) ist nicht der Grund, sich das anzusehen – der Mord und die Bedrohung durch das organisierte Verbrechen sind nicht gerade originell und der Schluss ein wenig unbefriedigend. Aber: Damien Chazelle (La La Land) ist mit „The Eddy“ eine atmosphärisch dichte Arbeit gelungen, die lange nachwirkt. Wir sehen ein komplett anderes Paris – eine multikulturelle Metropole mit all ihren Problemen – von Drogensucht über Mafia bis zu den prekären Verhältnissen im Kulturbetrieb. Und nicht zuletzt sind die Schauspielerleistungen hervorragend. Die Jazzclubband besteht etwa aus Schauspielern, die musizieren können, und aus Musikern, die schauspielern können. Und die Musik ist so spannend, dass man sich auch den Nachspann anschaut, weil man keine Note versäumen möchte. Noch ein Tipp: Unbedingt die Originalversion (mit Untertiteln) schauen, denn nur so wird verstanden, dass die Protagonisten immer wieder in verschiedenen Sprachen – Englisch, Französisch und Arabisch – wechseln.


„The Eddy“: Eine Netflix-Serie mit grandioser Musik und gelungener Atmosphäre.

Große Erzählkunst

Leben in der Blechstadt


Abbas Khiders Roman über einen Jungen in den Slums von Bagdad, der im Gefängnis landet, ist aufwühlend, erschreckend und trotzdem oft unterhaltsam.
Text: Helmut Schneider / Foto: Peter-Andreas Hassiepen


Es gibt nicht mehr viele Historiker, die den Irak-Krieg von George W. Bush nicht als schweren außenpolitischen Fehler betrachten – hat er doch die Region nachhaltig destabilisiert. Aber wie lebte man im Irak unter Saddam Hussein? Einer, der es wissen muss, hat jetzt einen Roman veröffentlicht, der die Regentschaft des Diktators aus der Sicht eines Heranwachsenden beschreibt. Abbas Khider saß zwei Jahre lang in einem der berüchtigten Gefängnisse Husseins, weil er mit 19 Flugblätter gegen das Regime verteilt hatte. Nach seiner Freilassung gelang es ihm, nach Deutschland zu flüchten. Er erhielt Asyl, studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und fing an, in der Sprache, die er hier lernte, zu schreiben. Denn als er in Deutschland landete, kannte er nur drei deutsche Wörter: „Hitler, Scheiße, Lufthansa“.

Dieser Sozialisation ist es geschuldet, dass sein Stil ganz anders ist, als man von deutschen Autoren gewohnt ist. Seine Bücher lesen sich extrem flüssig und spannend, es mangelt ihnen aber keineswegs an Poesie und Schönheit.
Und das schafft Abbas Khider sogar, wenn es wie in seinem neuen Roman „Palast der Miserablen“ um ein alles andere als erfreuliches Thema geht. Gleich zu Beginn leidet der Ich-Erzähler, der Student Shams, in einem Gefängnis und rechnet sich die kaum vorhandenen Chancen aus, dort wieder lebend herauszukommen. Die Gefängnisszenen durchziehen das ganze Buch, aber die Geschichte selbst ist die Kindheit und Jugend von Shams. Seine Familie – er hat noch eine Schwester – wohnt im Süden des Irak, doch nach dem blutigen Krieg mit dem Iran beschließt der Vater, aus dem umkämpften Gebiet in die Hauptstadt Bagdad zu ziehen. Da sie kein Geld haben, landen sie dort, wo die Ärmsten der Armen leben – im Blechviertel gleich neben der Müllkippe, wo sich die Besitzlosen aus dem Abfall selbst kleine Hütten bauen. Da es so viele sind, ist der vom Krieg geschwächte Staat zu schwach, um sie zu vertreiben. Im Gegenteil, Husseins Regime verdient noch etwas an den Armen. Denn ohne Schmiergeld geht nichts im Irak. Von Kindheit an verkauft Shams – allein oder mit seinem Vater – Kleinigkeiten wie Plastiksackerln oder Wasser und muss diese geringen Einkünfte auch noch gegen große Konkurrenz verteidigen.

Bitter arm, aber lebensfroh
Was den Leser aber noch mehr erstaunt, ist, dass Shams’ Familie zwar oft nicht weiß, wie sie am nächsten Tag Essen beschaffen soll, alle aber trotzdem immer guter Dinge sind. Man freut sich über Kleinigkeiten und gibt die Hoffnung nicht auf. Das größte Glück für Shams ist seine Schwester Qamer, mit der er bis zur Pubertät in einem Bett schläft und mit der er alle seine Erlebnisse, Freuden und Sorgen teilt. Zwar ist Shams kein guter Schüler, aber ausgerechnet über das Lesen von erotischer Literatur – im Müll findet er ein Buch von Alberto Moravia – entdeckt er die Welt der Literatur. Sein Lieblingsort in Bagdad wird der Buchmarkt, wo er schließlich später sogar selbst Buchhändler wird. Allerdings muss er die Schule schaffen und auf die Universität. Wer durchfällt, wird sofort zur Armee eingezogen, was zwei Jahre schwerste Schikanen bedeutet. Wer sich zu drücken versucht, riskiert zumindest ein paar Fingerglieder – oft aber sein Leben.

Leben in der Diktatur
Der „Palast der Miserablen“ ist auch ein Buch, das zeigt, wie Diktaturen funktionieren. Denn zu deren Kennzeichen gehört es auch, dass massenweise Unschuldige leiden. Shams wird verhaftet, weil er als areligiöser Mensch in seiner finanziellen Not auch illegale schiitische Schriften verkauft. Und an der Wahrheit ist natürlich niemand interessiert.


Abbas Khider:
„Palast der Miserablen“, Hanser Verlag – 318 Seiten, € 23,70

Durch das andere Japan

Durch eine andere Welt flanieren


Ein YouTuber zeigt, wie Entschleunigung geht – ohne Ausschmückungen und ohne Gerede. Ein Spaziergang durch Japan.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Rambalac/YouTube


Stundenlang wandert er systematisch durch die Straßen japanischer Städte und Ortschaften. Stets dabei: eine Videokamera. Was wir dabei nicht sehen sind touristische Hotspots. Den Mann, der sich auf YouTube hinter dem Pseudonym „Rambalac“ verbirgt, interessieren gewöhnliche Straßen, Hintergassen und Wege, die alles andere als repräsentativ sind – Orte, die man als Tourist wohl nie im Leben besuchen wird.

Manchmal ist es Nacht, manchmal regnet es oder es liegt Schnee. Rambalac scheint das nicht zu kümmern. Der Weg ist das Ziel. Auf seinem YouTube-Kanal kann man ihm dabei folgen. Und was auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär klingt, entwickelt sich bald schon zu einem veritablen Sog. Man kann nicht anders, man muss ihm folgen, wie die Besucherdaten – bis zu 90.000 Aufrufe pro Wanderung – zeigen. Gerade in Zeiten, in denen wir nicht zu spektakulären Orten reisen können, scheinen diese Videos besonders gut zur Stimmung zu passen.

Die Spaziergänge des YouTubers sind auch ein Hinweis darauf, was uns bei unseren Urlaubsreisen alles entgeht. Denn Rambalac zeigt uns das Leben der Einheimischen völlig ungeschminkt. Wir sehen überfüllte Bahnstationen, schlafende Vorstadtsiedlungen oder belebte Einkaufszeilen. Und das ergibt nebenbei eine höchst reizvolle Art von Entschleunigung.


Gehen Sie mit „Rambalac“ durch Japan spazieren: https://www.youtube.com/user/rambalac

Corona ist überall

Abstand ist der neue Anstand


Die Coronakrise verändert unser Verhalten. Was bleibt davon?
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Stefan Joham


Beim Billa vor der Maskenpflicht
Eine alte Frau schlurft durch die Regale, drängt sich an mir vorbei, um ein Sonderangebot aus der Nähe zu betrachten. Ich bitte sie freundlich, Abstand zu halten. Sie schaut mich verständnislos an. An der Kassa ist sie wieder hinter mir, ignoriert die Markierungen am Boden. Erneut bitte ich sie, Abstand zu halten. Sie drängt sich wieder an mir vorbei und beschimpft mich: „Ihr seid’s alle deppat wurn.“ Wir könnten die Polizei rufen? „Bist eh schiach wia da Zins, da schadt da Corona ah nix mehr.“ Auch eine Behandlungsphilosophie.

Beim Hofer war’s
Ein alter Mann möchte den Supermarkt ohne Maske betreten. Eine Mitarbeiterin weist ihn höflich darauf hin, dass er sich eine an der Kasse besorgen soll – kostenlos! Er schimpft. Statt die Zange zu nehmen, greift er mit der bloßen Hand in die Schachtel und wühlt sich eine Masker heraus – auch nicht im Sinne des Erfinders. Eigentlich möchte ich Obst und Gemüse gerne unverpackt kaufen, aber als ich sehe, wie eine Frau jeden Paradeiser extra angreift und wieder zurücklegt, überlege ich es mir und nehme doch das in Plastik eingeschweißte Gemüse.

Beim Spar
Die Schlange an der Kassa ist lang, alle halten sich an den vorgeschriebenen Abstand. Dadurch kommt es vor, dass einige glauben, es stünde keiner an. Alle entschuldigen sich, es wäre ein Versehen gewesen. Eine ältere Frau irrt zwischen den Kassen herum, offenbar hat sie nichts eingekauft und sucht den Ausgang, um gleich wieder durch das Drehkreuz den Supermarkt zu betreten. Eine Frau in der Nebenschlange: „Sie sollte eigentlich nicht aus dem Haus gehen. Ich möchte sie fragen, ob wir für sie einkaufen gehen sollen.“

Beim Spaziergang im Wienerwald
Hinter mir höre ich einen Mountainbiker heranbrausen. Ich gehe rasch zur Seite und ärgere mich innerlich. Er rast vorbei, lächelt und ruft: „Herzlichen Dank!“ So geht’s also auch. Der Weg wird schmaler. Eine Mutter mit Kind, der 6-Jährige muss pinkeln, sie bleiben stehen. Ein übergewichtiger Mann mit Nordic Walking Stöcken kämpft sich den Berg herauf und bleibt ebenfalls stehen. Er wartet, bis der Bub sein Geschäft erledigt hat. „Was sein muss, muss sein“, er lächelt. „Es ist ja Platz für alle da, ein bisschen Verschnaufen schadet nicht.“

Am Flötzersteig
Wo normalerweise die Autos entweder im Stau stehen oder die Geschwindigkeitsbeschränkung überschreiten, gehe ich zu Fuß von den Steinhofgründen herunter. Wenige Spaziergänger sind unterwegs, darunter eine ältere Dame mit Ihrem Hund an der langen Leine. Fröhlich hüpft er auf einen Mann zu, der panisch zur Seite springt. Können jetzt auch schon Hunde Corona übertragen? Ein junger Mann mit Dreadlocks und Kopfhörern, er ist in sein Handy vertieft, schaut nicht auf seinen Weg. Ein älteres Ehepaar, beide mit Maske, Händchen haltend, kommen ihm entgegen. Ratlos bleiben sie am Gehsteig stehen, dann entscheiden sie auf die Fahrbahn zu wechseln, nicht ohne dem jungen Mann das Götzzitat hinterher zu rufen. Ein Obdachloser sitzt an der Kreuzung. Er verkauft Masken, die er in den Straßen gesammelt hat, gegen eine kleine Spende. Zwar gut für die Umwelt, aber … Ich nehme ihm drei Masken ab und werfe sie in den nächsten Mistkübel.

Auf der Donauinsel
Endlich wieder einmal meine 42km-Runde mit dem Rad drehen, denke ich mir. Ich rolle so dahin. “Fahr rechts, fahr rechts!” Eine Mutter versucht Ihrem kleinen Sohn das Ausweichen beizubringen, ich schaffe gerade noch eine Notbremsung, den geforderten Meter Abstand allerdings leider nicht mehr. Die Mutter schaut mich verzweifelt an, “Entschuldigen Sie bitte, entschuldigen Sie.” Alles ist gut, der Kleine mäandert weiter, vermutlich seine erste Ausfahrt mit dem Ostergeschenk. Auf dem letzten Anstieg beim Wehr schalte ich zu spät und die Kette blockiert. Zu dumm, ich habe kein Werkzeug dabei. Ich schiebe mein Rad auf die Brücke und versuche mit bloßen Händen die Kette wieder einzulegen. Keine Chance, 10 km von den nächsten Öffis entfernt. Ich bin am Verzweifeln, in Corona-Zeiten wird keiner anhalten und helfen. ABER: ein mittelalterlicher Herr beobachtet mich aus einiger Entfernung, dann ruft er mir zu: “Legen Sie das Rad zur Seite und halten Sie Abstand.” Tatsächlich, er bekommt die Kette wieder rein, seine Finger sind ganz ölig. Er lacht: “Wenn wir schon Corona haben, dann sind wir jetzt wenigstens gut geschmiert.” Drei junge Mädchen auf einer Decke beim Picknicken. Mitbwewohnerinnen oder bloß Freundinnen, den Mindestabstand halten sie jedenfalls nicht ein. Man weiß nicht, was man denken soll. Eine Großfamilie sitzt in der Wiese, die Räder vor ihnen, mindestens sechs Kinder. Ist das wirklich alles eine Familie? Zwei sportliche Männer oder solche, die es gerne sein würden, auf Rennrädern. Sie fahren nebeneinander in ziemlichem Tempo und denken natürlich nicht daran auszuweichen. Zwei Männer mit großem Gepäck. Wie sind sie bloß hierhergekommen? Sie sprechen spanisch. Als sie mich kommen hören, weichen sie entsetzt aus. Schau ich so gefährlich aus?

In der Siedlung
Gelächter und der Geruch von gegrilltem Fleisch. Ostersonntag. Da wohnt doch sonst niemand? Ich spähe über den Zaun und sehe eine Gruppe Jugendlicher beim Feiern. Darf man das jetzt noch?

Im Bus
Ein Geschwisterpaar steigt ein. Der 8-Jährige mahnt seine 10-jährige Schwester: „Setz deine Maske auf, das hilft dem Opa.“ Er deutet auf meinen Mann.

Auf der Straße
Ich stehe vor dem Zebrastreifen und warte bis endlich ein Auto stehen bleibt. Jeder zweite Fahrer, der alleine im Wagen sitzt, trägt Maske. Ich frage mich wozu? Drei Kinder spielen miteinander, sie sind offenbar keine Geschwister, sondern Nachbarskinder. Die Mütter unterhalten sich im gebotenen Abstand von 2 Metern, aber „die Kinder sollen ruhig spielen, sie picken ohnehin die ganze Zeit zusammen.” Hmmm. Ein Mädchen schaut aus einiger Entfernung sehnsüchtig auf die Spielenden. „Mama, warum darf ich nicht mitspielen?” Ich möchte nicht in der Haut der Mutter stecken. Der Gehsteig ist schmal. Ein Ehepaar trifft offenbar auf einen Bekannten. Sie kommen ins Gespräch. Der Bekannte rückt ihnen ordentlich auf die Pelle, die Frau weicht zurück, aber er redet sich so richtig in Rage. „Des hamma jetzt davon, wegen die ganzen Ausländer, die kriegn jetzt des Göd einigschobn. Wann I kane zehn Kinda daholten kaun, dann derf I kane mochn.” Ein echter Wiener Philosoph offenbar … Misstrauen, Vernadern, angemessene Vorsicht, übertriebene Hysterie, aber auch unheimlich viel Hilfsbereitsschaft und ein Zusammenrücken trotz Abstandhaltens, vor allem aber viel Unsicherheit und ein total komisches Gefühl. Das wird lustig im Sommer, wenn es heiß wird, und man unter den Masken schwitzt. Wenn alle den geforderten Abstand hielten, könnte das Virus bald baden gehen – und wir auch in den Schwimmbädern und Seen. Eines ist sicher, das Virus hat unser Verhalten verändert. Wie nachhaltig wird sich erst in einiger Zeit herausstellen.