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Vor hundert Jahren, am 3.Juni 1924, starb Franz Kafka in Kierling bei Klosterneuburg an Lungentuberkulose. Gedanken von Otto Brusatti.

Gedanken von Otto Brusatti

©Gemeinfrei

Vor hundert Jahren, am 3.Juni 1924, starb Franz Kafka in Kierling bei Klosterneuburg an Lungentuberkulose. Gedanken von Otto Brusatti.

Franz Kafka hat mehr Konjunktur als erwartet, als gedacht noch vor ein paar Jahren, als überhaupt vermutet etwa vor ein paar Jahrzehnten. Er ist zur Nr.1 im Andenken-Jahr 2024 geworden (also jedes für Bruckner oder Kraus, Kant oder Schönberg, Bittner oder Schmidt, Schütz oder Brando, Lenin oder Mayröcker und so fort). 

Warum? Ja, zugegeben, das Geheimnisvolle, Gefährliche, Undurchschaubare oder die schwarzen Seelen vor allem Erkundende, das man zurecht seiner Literatur nachsagt, es fasziniert allemal. Andererseits: Kafka zu lesen erfordert nicht nur Ausdauer, sondern auch Mut (die Romane selbstverständlich, die Erzählungen in ihrer Unterschiedlichkeit, die Tagebücher als Kafka- oder schlicht Psyche-Geheimtipp). Und nun doch noch eine Anmerkung: Ja, es wird ungemein viel über Kafka und seine Werke publiziert. Es herrscht die einhellige Übereinstimmung, dass er zu den prägendsten Literatur-Menschen des ganzen 20. Jahrhunderts zählt, er, der noch vor seinem 41. Geburtstag (ziemlich elend) verstarb. Viel wird aber auch geschrieben, ohne wirklich über die Voraussetzungen firm zu sein – das bürgerliche Leben um und während des 1. Weltkriegs etwa, die Position von Frauen als hehre Gattinnen, Verehrte und gebrauchte Huren, die altösterreichische Literatur-Situation an sich oder bloß rein Praktisches, was in den Texten viel mehr eine Rolle spielt als zunächst zu vermuten wäre.

Dennoch: Der Selbsterkennungswert bei Kafka-Lektüre ist auch um den 100. Todestag so gewaltig wie nur bei ganz wenigen Meistern des Faches. 

Aber noch eines, bloß erzählt: Diesen Franz Kafka konnte man – noch und geradezu brutal – verstehen, nachvollziehen und mehr, ging man etwa in den Hoch-Kommunismus-Jahren (also so zwischen 1970 und 1980) in Prag spazieren. Man begegnete in den Gassen, die damals noch immer aussahen, als hätte sie ein Expressionismus-Stummfilm-Regisseur errichtet, engen, schaurigen oder verstörenden Bildern, Szenen, Menschen, wie aus Angstträumen entsprungenen Situationen, als befände man sich eng zwischen Kafka-Buchseiten.


KAFKA – Kommentar von Otto BrusattiKAFKA – Kommentar von Otto Brusatti

KAFKA – Kommentar von Otto Brusatti

Szene aus KAFKA. – ©ORF

Kann man Franz Kafkas Leben (und sein Werk natürlich und vor allem) verfilmen? Selbst mit hohem Aufwand, erarbeitet und von Spezialisten zwischen Dramaturgie (Daniel Kehlmann) und Quellenkundigsten (Reiner Stach) betreut, mit einem Regiestar (David Schalko) und mit mehr als einem Dutzend an Schauspielern und Darstellerinnen aus der ersten Kategorie für Fernsehspiele?

Die Antwort lapidar: Ganz hübsch ist das ja geworden als sechsteiliges Monster mit ziemlichem Aufwand an Material, Szenen und – naja – Film- und Traumwirklichkeiten. Man sieht bestimmende Frauen, brutale Verwandte und ziemlich harmlos gezeichnete Schriftstellerkollegen, schöne Ausstattungen (zwischen alten Kostümen oder alten Autos). Es wird ungemein viel geraucht, die Sprache in den Filmen ist – wie aktuell üblich auch etwa bei den Tatorten – verhudelt, die behandelte Zeit, Kafkas Haupt-Schreibezeit, ändert sich in mehr als zwei Jahrzehnten in der Bilddarstellung kaum. Manchmal schwindelt sich alles in leicht irrationale Sequenzen hinein, gelegentlich wird aus dem off was erzählt, Musik, Klänge oder Hintergrundrhythmen sind immer da und stören leider zu oft, ein paar Mal kippt es ohne gestalterischen Rhythmus für das Ganze z.B. aus recht kindisch aufgelösten Bordell-Szenen in verfilmte Szenen aus Kafkas Texten (Prozeß oder Schloß oder Strafkolonie oder Verwandlung).

Sechs also hübsche Dreiviertelstundenfilme sind das. Wenn man allerdings von Franz Kafka und seinem Werk wenig bis kaum eine Ahnung hat, dann versteht man wenig oder kriegt kaum was als logische Abfolge mit. Das Kafka-Umfeld, also Kollegen, vor allem Max Brod, die Familie, vor allem der Vater, die Arbeitsstätte bei der Versicherung und zentral die wichtigsten Frauen (Geliebte, Verschmähte, Pflegerinnen, nächste Verwandte) stehen im Mittelpunkt. Der Hauptdarsteller (Joel Basman) bleibt bis auf wenige Einstellungen (im Tod vor allem) ein Bürscherl, jemand ohne Ausstrahlung – sozusagen: kafkaesk ist der nicht. Die meisten um ihn herum Spielenden sagen ihre Texte auf, die Natur ist weitgehend schön, der Weltkrieg spielt fast keine Rolle, man redet nicht pragerdeutsch; ja überhaupt: die besondere, wohl das literarische Werk fast durchgehend prägende Stimmung vor allem seiner Heimatstadt vermisst man ziemlich schmerzlich. Warum all das Gezeigte und Gespielte nun Basis gewesen sein soll für eine bestimmende Literatur des 20. Jahrhunderts, wird nicht klar.

Trotz aller Kritik, basierend jetzt halt auf Anschau-Enttäuschungen nach vielen Stunden vor dem Schirm (es zieht einen sozusagen nie weg, wie das beim Lesen von Kafka-Texten fast jedes Mal passiert, oder auch – simpler – die dargestellten Zeitgenossen zwischen Kunst, Familie und Vorbildern (?) für den Autor agieren zumeist harmlos und uninteressant) sollten trotzdem ein paar Besonderheiten in diesen neuen Kafka-Filmen hervorgehoben werden: vor allem die lebendige, auch verstörende Milena, dargestellt von Liv Lisa Fries, oder generell die Kafka-Schwestern.

Dieser Franz-Kafka-Sechserpack, immerhin von vielen der wichtigsten deutsch-sprachigen Stationen vorgelegt, war, wie man liest, kein Publikumserfolg. Man hätte den allerdings mit besseren Erzählstrukturen im selben Aufwand durchaus erzielen können.

In der ORF-Tvthek abspielbar.

-Otto Brusatti

Ein Film der wieder in der gloriosen Wien-Österreich-Musik-Vergangenheit herumknetet.

ALMA UND OSKAR – Eine Filmkritik von Otto Brusatti

Bild: ©Film AG Produktions GmbH

Ein Film der wieder in der gloriosen Wien-Österreich-Musik-Vergangenheit herumknetet.

Alma Mahlers Mann stirbt initialiter gerade. Seine letzten Szenen sind – was die Fakten betrifft – ein Witz (wie vieles in den nachfolgenden knappen eineinhalb Stunden). Seine Frau ist jetzt Witwe und vernascht die Männer. Rundum herrscht tatsächlich beglückender Jugendstil. Die meisten Randfiguren, und mögen die der Thronfolger oder Altenberg oder Bruno Walter heißen sind etwas täppisch. Derjenige, welcher kurz darauf die Alma-Trophäe heimträgt, Walter Gropius, fürchtet sich parallel vor der Mama und seiner jungen Frau, genau, vor Alma. Währenddessen aber hat diese Alma mit einem Jungstar der Zeichenkunst, Oskar Kokoschka, zehn Jahre jünger als die bald 35Jährige, wüste Begegnungen, wenige Jahre hindurch, im Film aber so alle 5 – 6 Minuten zuerst in der Form von einem (bitte um Nachsicht ob des Viennensiums, aber die Sache spielt zur Hälfte dort, wo sich der metaphorische kleine Maxi die Fin de Siècle-Ausläufer und die erste Weltkriegszeit vorstellt) also in der Form von einem Mann-Frau-Geraufe das dann im wilden (bitte um Nachsicht ob des Viennensiums) grenzwertig gefilmten Pempern endet.


Na gut und fein, Rosamund Pilcher für Gebildete, Kinofreaks und Feinsinnige.

Aber die beiden Protagonisten? 

Valentin Postlmayr hat wenig mit Kokoschka zu tun, so wie ihn die Überlieferung, betrieben auch durch ihn selbst kennt. Allein, er ist, grindig-spielend, ein Ereignis.

Emily Cox, weiterhin einer der rising stars, gibt die Alma so, wie sie sich selber gern sah und beschrieben hat. Sie ist eine bald harte, selbstbestimmte, ungemein intensive Frau, die sich vor fast nichts scheut. Sie ist sicher nicht ein Biopic der legendären Frau. Aber sie spielt großartig.

Natürlich fragt man sich, warum präsentiert man so einen herumwühlenden Kitsch mit gelegentlichem Tiefgang. Ja, zugegeben: Emanzipation und Musik und die Moderne auf der Staffelei. Hier in Wien und am Semmering. Trotzdem nimmt man viele Fehler in Kauf und gibt die im Abspann sogar noch zu: Also Zurechtrückungen im Historischen und im Aufführungspraktischen, Alma als Komponistin, welche sie ja – die Alma-Adorantinnen und die Alma-Frauenmusikfans werden nun wieder ganz wütend sein und mögen wieder verzeihen – nie gewesen ist. Und so fort. 

Hingehen, freudig und verzagt zuschauen. Musikalisch hat man nichts von alledem. In den feinen Bilderabfolgen aber viel.

(N.B. es wird jetzt auch schon ein Ingeborg-Bachmann-Film, die Dichterin in der Wüste und so, angekündigt. Die Trailer dafür schon lassen Schlimmes vermuten. Aber, s.o., wir kneten gern in der Vergangenheit herum.)


Alma & Oskar (88 Minuten), Regie: Dieter Berner, wird in mehreren Wiener Kinos gespielt.

Kleo auf Netflix – Spaß muss sein, auch in der Geschichte. Serientipp von Helmut Schneider.

Spaß muss sein, auch in der Geschichte

Kleo auf Netflix – Spaß muss sein, auch in der Geschichte. Serientipp von Helmut Schneider.

Umbruchszeiten sind etwas ganz Besonderes in der Geschichte und der Zusammenbruch des Ostblocks war zweifelsohne die größte der letzten Jahrzehnte. An den Folgen, den vielen Fehlern (etwa den Oligarchenwahnsinn, um nur einen zu nennen), leiden wir leider noch immer. Und sogar dort, wo der Umbruch im Vergleich noch relativ gesittet stattfand wie bei der deutschen Wiedervereinigung sind die Wunden längst noch nicht verheilt.

Die neue Netflix-Serie KLEO spielt sozusagen im Auge des Orkans der deutschen Umbruchszeit, nämlich in Berlin als nach dem Fall der Mauer alles möglich schien. Während die deutschen Industriebonzen großspurig erklärten, sie würden die DDR in ein paar Monaten auf Vordermann bringen können, glaubten einige Ost-Bürger noch, sie könnten aus der alten DDR einen linken, liberalere Vorzeigestaat machen. In diesem Gemenge spielt die neue Serie.

Die ziemlich harmlos ausschauende Titelfigur Kleo (herrlich gespielt von Jella Haase) ist eine ehemalige Killerin des DDR-Apparats in einer Einheit, die es offiziell natürlich gar nicht gibt. Denn ihr Operationsfeld war der Westen. Dort räumte sie feindliche Spione und Überläufer aus dem Weg – in der ersten Szene gleich mit präpariertem Koks. Ihre Karriere nimmt allerdings noch vor dem Mauerfall ein jähes Ende als sie ohne zu wissen warum verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Dabei ist sie doch das Enkelkind eines Stasi-Obersten. Als dann die DDR den Geist aufgibt, kommt sie aus dem Gefängnis und beginnt einen Rachefeldzug gegen alle, die für ihren jähen Absturz – im Gefängnis verliert sie auch noch ihr Kind – verantwortlich sind. Wobei das Problem besteht, dass sie bis zum Schluss im Dunkeln tappt. Damit aber nicht genug kommt ihr ein eher tollpatschiger westdeutscher Polizist auf die Spur. Ein Kampf jeder gegen jeden beginnt. Doch bei Kleo handelt es sich eben nicht um eine Action-Serie wie es sie zuhauf gibt, sondern um eine Komödie, bei der man auch auf historische Fakten wenig Rücksicht nimmt. So killt Kleo etwa den Stasi-Minister Erich Mielke obwohl der in Wahrheit viel später im Altenheim gestorben ist.  Im Vorspann wird freilich eingeblendet: „Dies ist eine wahre Geschichte, nichts davon ist wirklich passiert.“

Den Machern der deutschen Serie (Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad) ging es einfach um den Spaß. Und den hat man schon deshalb, weil man sich an dem nachgebauten 80er/90er-Jahre-Ambiente nicht satt schauen kann und weil dauernd neue – oft absurde – Wendungen in der Story auftauchen. Am lustigsten ist Thilo (Julius Feldmeier), ein verstrahlter, verkiffter Raver mit Topfschnitt, der in Kleos Abwesenheit in ihre alte Wohnung zieht. Hausbesetzung war ja das Ding der Stunde. Und Vincent Redetzki spielt einen schwer an Quentin Tarantino erinnernden Ex-Kollegen und Psychopathen, der mit schief sitzender Brille die Kränkung des kapitalistischen Siegs mit Laibach-Songs verwinden will.

Serie – Peaky Blinders

Peaky Blinders – Am Beispiel einer Streaming-Serie

Sagenhafte 261 Minuten – also viereinhalb Stunden – schauen die Österreicherinnen und Österreicher durchschnittlich am Tag fern oder im Netz Bewegtbild. So dokumentiert es zumindest eine aktuelle Studie. Das ist enorm viel Lebenszeit und ich will jetzt gar nicht darüber nachdenken, wie viele Menschen uns etwa erklären, sie hätten keine Zeit für Sport, Lesen oder gemeinnützige Aktivitäten. Tatsache ist freilich auch, dass das Fernsehen bei Menschen unter 30 zugunsten von Streaming immer stärker abnimmt und schon an zweiter Stelle steht. Und Tatsache ist auch, dass Serien das stärkste Argument für Streaming-Dienste sind. Und das ist eine Frage der Qualität.
Foto: Netflix

Klar gibt es auf Netflix und Co auch sehr, sehr viel Schrott. Erfreulicherweise haben sich die Ästhetik und die Machart der Spitzenserien aber wirklich weiterentwickelt. Sie stehen echten Filmkunstwerken um nichts nach. Natürlich gab es auch schon vor Streaming wirklich tolle Serien, meist bei den amerikanischen Bezahlsendern wie HBO. Man erinnere sich etwa nur an die Sopranos, Wire oder Six feet under. Aber diese zeichneten sich vor allem durch ein intelligentes Drehbuch und herausragende Schauspielerleistungen aus. Bei manchen aktuellen Serien kann man aber längst die Fortschritte in der filmischen Erzählweise und nicht zuletzt bei der Kameraführung sehen. Bestes Beispiel ist die letzte Staffel von „Peaky Blinders“, einer Zusammenarbeit von Netflix und BBC.  Da haben die Kameraleute grandiose Bilder zu dieser ebenso skurrilen wie zeitgeschichtlich interessanten (wir erleben das Aufkommen des Faschismus in England zur Zeit Hitlers) Geschichte geliefert. Man kann das nur episch nennen und dass der Gangsterboss vor seinem – wegen einer gefakten Krankheit – für sicher gehaltenem Ende eine Sozialsiedlung auf seinem Grund bauen will, erinnert gar an den Deichbau des Dr. Faust.


peakyblinders.tv

Theaterkritik – Shakespeare am Burgtheater

Der Sturm ist nur ein weiches Lüfterl


Shakespeares „Der Sturm“ am Wiener Burgtheater. Eine Theaterkritik.
Foto: Burgtheater/Horn


Die Drehbühne dreht sich, die Darsteller schleichen auf der dunklen Bühne herum und singen sich ein, das Orchester spielt ein Medly aus Jazz-Standards, Schlager und Rolling-Stones-Hits, während es im Zuschauerraum anfangs noch hell bleibt. Es vergeht eine Viertelstunde, bevor das erste Wort gesprochen wird. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson macht im Wiener Burgtheater aus Shakespeares „Der Sturm“ einen Liederabend mit eingestreuten Szenen aus dem berühmten Theaterhit. So wirklich Interesse zeigt Arnarsson an dem vielgespielten Stück aber nicht.

Das Bühnenbild von Elín Hansdóttir bietet viel Platz zum Verstecken. Während eines Dialogs rieselt von oben leichtes Material auf die Sprechenden herab und versenkt sie schließlich. Das ergibt ein schönes Bild, aber eben wofür? Dabei ist das achtköpfige Ensemble durchaus erstklassig. Maria Happel verkörpert zwar souverän den Prospero, so wirklich reinziehen kann sie uns aber auch nicht in die Geschichte. Michael Maertens und Roland Koch sind als Blödelpaar Trinculo und Stephano natürlich lustig und Mavie Hörbiger scheint als fragiler Luftgeist das Geschick in Händen zu halten. Florian Teichtmeister spielt den bösen Caliban.

Fast zweieinhalb Stunden nettes Musikhören in sehr unterschiedlicher Gesangsqualität und dazu ein halbgares Theater. Schade um die vielen vergebenen Chancen, die gerade dieses Drama bieten würde.


Informationen & Details auf: burgtheater.at

Buchtipp – Abigail Assor, So reich wie der König

Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Marokko in den 90ern


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.


Marokko in den 90ern: Die Masse der Menschen ist bitterarm, doch einige wenige schwimmen in Geld und Luxus. Mit Autos und Rolex-Uhren wird der Status angezeigt. Sarah ist 16, bildschön und geht auf die französische Schule in Casablanca, wo ihre Klassenkameraden vom Chauffeur nach Hause gebracht werden. Doch sie selbst ist darauf angewiesen, sich ein Mittagessen zu schnorren, die Schule kann sie nur besuchen, weil französische Staatsbürger hier kein Schulgeld zahlen müssen. Aber Sarah hat begüterte Freunde, die sie gerne auf ein Panini einladen. Ihre Mutter, die ihr ganzes Geld an einen Betrüger verloren hat, ist eine bessere Prostituierte. Beiden leben sie am Rande einer Barackensiedlung, haarscharf vom untersten Elend der Stadt getrennt.

Sarahs einziges Kapital ist ihre Schönheit, ihre Liebhaber spendieren ihr allerdings nicht viel mehr als Jeans und ein paar Mahlzeiten. Da hört sie von Driss, dessen Familie reicher sein soll als der König. Sarah träumt davon, seine Frau zu werden und im Familienpalast zu wohnen. Aber Driss ist ein Einzelgänger, der sich fast nur für sein Motorrad zu interessieren scheint. Sarah schafft es letztendlich doch, seine Geliebte zu werden. Ja, es sieht sogar bald nach echter Liebe aus. Auf seine Weise ist allerdings auch Driss ein Gefangener seiner Herkunft. Sein Vater, der größte Textilfabrikant des Landes, hält ihn für einen Versager. Ein Deal mit einem amerikanischen Partner geht schief. In Sarah findet er endlich jemanden, der  ihm zuhört und der zu ihm zu gehören scheint. Als Driss seiner Familie eröffnet, Sarah heiraten zu wollen, erntet er nur Hohn und Ablehnung. In der Schlüsselszene des Romans kommt Sarah anlässlich des islamischen Opferfestes zum ersten Mal ins Haus der Familie. Sarah ist absichtlich schwanger geworden, um ihre Chancen auf eine Hochzeit zu erhöhen. Allerdings hat sie nicht mit der Kaltschnäuzigkeit der Reichen gerechnet. Die Mutter eröffnet ihr unumwunden, was mit den Geliebten ihres Mannes, die ein Kind von ihm haben, passiert. Sie werden ganz einfach aus dem Haus geworfen.

Abigail Assor wurde 1990 in Casablanca geboren und studierte in Paris und London. Ihr Debütroman „So reich wie der König“ schaffte es bereits auf die Shortlist für den Prix Goncourt. Denn Assor ist ohne Zweifel ein erzählerisches Talent. In ihrem Roman wird Casablanca zum nach Armut und Verfall stinkenden Moloch, mit heruntergekommenen Jugendlichen, fliegenverseuchten Imbissbuden und überquellenden Mülleimern. Die Botschaft des Romans ist einfach und brutal – sowohl bei den ganz Armen als auch bei den Reichen dreht sich alles immer nur um Geld.


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Abigail Assor: So reich wie der König
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-64284-8
220 Seiten
€ 23,70

Ein halbes Jahr Musik

Ein halbes Jahr Musik


Musik-Streaming – Wie sich meine Hörgewohnheiten nach einem halben Jahr veränderten.
Text: Helmut Schneider


1976 gründete Richard Branson seinen ersten Plattenladen in der Londoner Oxford Street. In den 90er-Jahren – am Höhepunkt der CD-Welle – gab es in hunderten Ländern Virgin Megastores mit einem breiten Angebot an Musikträgern, auch in Wien existierte bis 2004 ein komfortabler Laden in der Mariahilfer Straße. Heute sind nur noch Reste des Megastore-Imperiums übrig, bekanntlich verdient der britische Milliardär und Abenteurer sein Geld heute unter anderem mit Weltraumtouristen. Denn wer Musik hören will, bedient sich jetzt meist eines Steamingdienstes.

Lange Zeit dachte ich, das wäre nichts für mich – vor allem weil ich der Qualität der Wiedergabe misstraute. Seit einem halben Jahr bediene ich mich nun eines Netzwerkplayers von NAD und eines Abos des angeblich hochwertigsten Musikstreaminganbieters Tidal. Das kostet bei Master-Qualität 20 Euro im Monat – aber sonst würde ich mich wohl jeden Tag fragen, warum ich mir in den Jahren eine hochwertige LINN-Anlage mit B&W-Boxen angeschafft habe. Wahrscheinlich werde ich nie wieder CDs kaufen, denn die Streaming-Qualität ist wirklich beachtlich. Bei Schallplatten sieht die Sache allerdings anders aus. Da schätze ich nach wie vor den „wärmeren“ Sound von Pressungen – vor allem von jenen vor dem Beginn der Digitalisierungswelle – ich kaufe daher fast ausschließlich gebrauchte Platten. 

Was sich am meisten geändert hat, sind allerdings meine Hörgewohnheiten. Ich mag beispielsweise Filmmusik. Der amerikanische Komponist Bernard Herrmann (1911-1975) ist für mich in diesem Bereich der Maßstab, kaum jemand kommt an ihn, der die großen Hitchcock-Erfolge oder Scorseses „Taxi Driver“ komponierte, heran. Ein Genre, das wohl nicht so viele Menschen schätzen, denn nicht alles ist auf CD lieferbar oder kostet viel Geld. Auf Tidal steht nun wirklich viel von ihm auf Abruf bereit. Zum Vergleich schaue man sich auch an, wie wenig vom zurzeit wohl besten Filmkomponisten Thomas Newman auf CD oder Vinyl bei Amazon oder jpc.de angeboten wird. Mein Lieblingsscore „Angels in America“ ist überhaupt nicht verfügbar, auf Tidal aber sehr wohl.

Das „auf Abruf“ ist für mich übrigens auch nicht unwichtig, denn wer viele CDs besitzt (und nicht sehr ordentlich ist), findet das Gesuchte nicht immer gleich. Aber natürlich: kein Vorteil, wo nicht auch ein kleiner Nachteil wäre. Dadurch, dass man mit einem Antippen sofort zum nächsten Titel springen kann, muss man sich zur Geduld, die nötig ist, um ein größeres Werk zu genießen, verpflichten. Deshalb habe ich mit ein paar Ausnahmen auch weniger Klassik als sonst gehört. Natürlich nahm ich mir vor, die verschiedenen Interpretationen eines Lieblingsstück wie etwa Monteverdis Marienvesper zu vergleichen – was jetzt problemlos möglich wäre – aber irgendwie kam es bislang nicht dazu. Dafür lief etwa das neue Album von Igor Levit (On DSCH) in Dauerschleife. Auch das Jazzrepertoire ist wirklich beachtlich, da werden sich wohl nur echte Nerds beschweren können.

Wie alle Streamingdienste arbeitet natürlich auch Tidal mit Algorithmen, das heißt die wissen genau, was ich wie lange höre und schlagen mir Ähnliches vor. Was mir aber oft wirkliche Entdeckungen beschert. Gut sind auch die Funktionen wie Liedtexte zum Mitlesen oder diverse Kurzbios der Künstler. Jetzt weiß ich etwa, dass der Filmkomponist Jonny Greenwood (grad auf Netflix zu sehen ist „The Power of the Dog“) Multiinstrumentalist bei „Radiohead“ ist. Herrlich ist es aber auch im Frühwerk späterer Berühmtheiten zu stöbern, wo vieles noch wunderbar direkt oder verspielt ist. Und gut ist auch die Funktion Download von Alben, denn so lässt sich – ohne eine große Telefonrechnung zu produzieren – im Schwimmbad auf dem iphone Musik hören.

Mein Fazit: Wer wirklich viel Musik hört, für den zahlt sich das teure Abo aus, wer aber nicht so eine hohe Qualität braucht, kommt auch mit günstigeren Diensten aus.


Theaterkritik – Theater in der Josefstadt, „Rechnitz (Der Würgeengel)“


Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ im Theater in der Josefstadt.
Text: Helmut Schneider / Foto: Philine Hofmann


Als man die Geschütze der Roten Armee schon hören konnte, feierte Gräfin Margit von Batthyány mit lokaler NS-Prominenz auf ihrem burgenländischen Schloss in Rechnitz noch ein orgiastisches Fest. Als krönenden Abschluss wurden dabei 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen und verscharrt. Das Massengrab ist bis heute nicht gefunden. Nach dem Krieg setzte bekanntlich das Verdrängen ein. Erst viel später haben sich Historiker ausführlich mit diesem zynisch-schaurigen Massenmord der Nazis beschäftigt. Da waren die meisten Zeitzeugen im Ort schon tot.

Elfriede Jelinek hat aus diesem historischen Grauen ihr Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ gemacht, das 2008 uraufgeführt wurde. Die deutsche Regisseurin Anna Bergmann hat es jetzt sehr effektvoll und stimmig im Theater in der Josefstadt inszeniert. Jelineks Text wird dabei kunstvoll überhöht – fast hat man den Eindruck, einer Oper beizuwohnen. Die Drehbühne wird dabei zum Mitspieler. Sona MacDonald hinterlässt im festlichen neongrünen Abendkleid als Gräfin einen gespenstigen Eindruck, zumal im Hintergrund gerade ein Massengrab geschaufelt wird. Auch das übrige Ensemble ist überzeugend. Ein gelungener Abend in der Josefstadt.


Karten und Infos: josefstadt.org

Musikalische Meilensteine I

Syd Barrett: Kindermärchen auf LSD


„The Piper at the Gates of Dawn“ – das erste Studioalbum von Pink Floyd – zählt zu den wegweisenden Produktionen des Psychedelic Rock. Wer sich für die Pop- und Rockmusik der 1960er Jahre interessiert, sollte sich dieses Meisterwerk nicht entgehen lassen.
Text: Andreas Cavar / Foto: Getty Images


Es muss wild zugegangen sein damals im Londoner UFO Club. Auch wenn der Klub nur zwischen 1967 und 1977 existierte, genoss er einen legendären Ruf. Hier traf sich jedes Wochenende die Underground-Szene der Metropole, um zu feiern und – nicht selten unter Drogeneinfluss – experimentelle Musik zu hören. Zu einer Art Hausband des Klubs entwickelte sich eine damals noch weitgehend unbekannte Band rund um den Musiker Syd Barrett namens Pink Floyd.

Menschen, die zum ersten Mal die frühen Aufnahmen von Pink Floyd hören, können sich nur wundern, wie sehr sich die Musik vom Sound späterer Jahre unterscheidet. Keine Spur von bombastisch inszenierten und bis ins kleinste Detail ausgefeilten Konzeptalben wie „The Wall“ oder von achtminütigen Gitarrensoli David Gilmours (der war damals noch gar nicht in der Band). Der Sound der frühen Jahre war vor allem von einer Person geprägt: Syd Barrett. Gemeinsam mit seinem Schulfreund Roger Waters hatte er die Band gegründet und komponierte zu Beginn so gut wie alle Songs. In der britischen Undergroundszene machte sich die Band schnell einen Namen. Die psychodelischen Klänge und abgedrehten Texte unterschieden sich deutlich von jener Musik, die zu dieser Zeit im Radio zu hören war und muss auch ganz ohne Drogeneinfluss wie von einer anderen Welt gewirkt haben. Kombiniert wurde der Sound mit ausgefallenen Lichteffekten – ebenfalls ein Novum in der damaligen Zeit.

Im März 1967 veröffentlichte die Band mit „Arnold Layne“ ihre erste Single. Schon hier zeigt sich, dass Barrett mit seinen Kompositionen einen völlig anderen Ansatz verfolgte als die meisten populären Bands dieser Zeit. Deren Songs drehten sich fast ausschließlich um das Thema Liebe – in „Arnold Layne“ beschreibt Barrett hingegen einen Fetischisten, der Nachts durch Wohngegenden schleicht, um Frauenkleidung von Wäscheleinen zu entwenden. Für das Lied wurde sogar eines der ersten Musikvideos überhaupt gedreht. Der Song erreichte immerhin die Top-20 der britischen Charts. Der ganz große Erfolg blieb aber wohl auch aufgrund der für damalige Verhältnisse heiklen Thematik aus. Der legendäre Sender Radio London weigerte sich sogar, den Song abzuspielen.

Von Februar bis Juni begab sich die Band in die legendären Londoner Abbey Road Studios, um ihr erstes Album „The Piper at the Gates of Dawn“ aufzunehmen. Das Werk zählt zu meinen absoluten Lieblingsalben und sei allen ans Herz gelegt, die sich für die Musik der 1960er Jahre interessieren. Fun fact: Zur gleichen Zeit nahmen die Beatles ebendort ihr legendäres Album „Sgt. Pepper“ auf, das ich schon an anderer Stelle erwähnt habe. Über die Frage, ob und wie stark sich die beiden Bands beeinflussten, kann nur spekuliert werden. Die Erinnerungen der Beteiligten gehen jedenfalls stark auseinander. Keyboarder Richard Wright erzählte in Interviews, dass es durchaus einen Austausch gab und man sich sogar gegenseitig Material vorspielte. Laut Bassist Roger Waters blieb die Beziehung zwischen den beiden Studionachbarn hingegen eher kühl – man wollte sich eben nicht in die Karten schauen lassen.

„Kindermärchen auf LSD“ ist so ziemlich die beste Beschreibung, die ich einmal über das Album gelesen habe. Schon der Titel bezieht sich auf Kenneth Grahames Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“, dessen siebtes Kapitel die Überschrift „The Piper at the Gates of Dawn” („Der Pfeifer an den Toren der Morgendämmerung“) trägt. Grundsätzlich lassen sich die Songs in zwei Kategorien einteilen: Zum einen sind da die experimentellen Songs aus den Live-Shows der Band. Dabei wurde oft nur ein Akkord vorgegeben, um den herum die Band ausgiebig improvisierte. Für „Piper“ wurden diese Songs freilich in eine albumtaugliches Format gepresst. Zum anderen sind da märchenähnliche Geschichten von Zwergen und sprechenden Vogelscheuchen, in denen – so zumindest die gängige Interpretation – Barrett seine idyllische Kindheit in Cambridge wiederaufleben lies. „Arnold Layne“ findet sich ebensowenig auf der UK-Version des Albums wie die zweite und noch erfolgreichere Single „See Emily Play“. Statt auf radiotaugliche Singles zu setzen, trieb die Band lieber ihren experimentellen Live-Sound voran – durchaus zum Ärger der Plattenfirma sowie des Produzenten Norman Smith.

Wie sehr sich die Musik von Pink Floyd von den Werken anderer britischer Bands dieser Zeit unterschied, unterstreicht schon das erste Lied auf dem Album – die psychedelische Hymne „Astronomy Domine“. Zu Beginn hört man die Stimme von Pink Floyd-Manager Peter Jenner, der durch ein Megaphon die Namen von Sternen vorliest. Barrets E-Gitarre, das Orgelspiel von Wright und jede Menge Effektgeräte sorgen für einen psychedelischen Sound, dessen Stimmung sich immer wieder ändert.

Es folgt der wunderbar atmosphärische Song „Lucifer Sam“, dessen Riff perfekt in jeden James Bond-Film passen würde. Wer angesichts des Titels einen düsteren oder gar satanistischen Hintergrund befürchtet, der irrt: das Lied handelt von Barretts Siamkatze – „that cat’s something I can’t explain“. Der Song ist auch ein gutes Beispiel für Barretts humorvolle, fast kindliche Texte – „Hiding around on the ground. He’ll be found when you’re around“.

Mit „Matilda Mother“ folgt ein Highlight des Albums. Es ist einer der Songs, in denen Barrett wohl einen Blick auf seine Kindheit wirft. Dabei liest eine Mutter ihrem Kind Märchen vor, etwa über einen König, der einst über das Land herrschte – „oh mother, tell me more“ erschallt es bei jeder Strophe als Antwort. Wie bei fast allen Songs von Barrett ändert sich auch bei „Mathilda Mother“ mehrmals Stimmung und Rhythmus. Vor allem in der letzen Strophe, die von Barrett gesungen wird, nimmt das Lied kurz richtig Fahrt auf – „For all the time spent in that room. The doll’s house, darkness, old perfume. And fairy stories held me high on clouds of sunlight floating by“ – um dann am Ende mit Mantra-ähnlichen Gesängen und Wrights Orgelspiel langsam zu entschwinden.

Richtig abgedreht wird es mit dem Song „Flaming“, in dem uns Barrett auf eine Reise durch eine psychedelische Märchenwelt mitnimmt. „Sleeping on a dandelion“, „Traveling by telephone“ – hier scheint alles möglich. Zu den wohl legendärsten Songs der Frühphase von Pink Floyd zählt das Instrumentalstück „Interstellar Overdrive“, das den Live-Sound der Band gut abbildet. Tempo und Struktur – sofern überhaupt erkennbar – ändern sich auch in der Album-Version ständig. Ein fast zehnminütiger Rausch, in dem sich die Bandmitglieder so richtig austoben konnten.

Zwei meiner persönlichen Höhepunkte auf dem Album sind „The Gnome“ und das wunderbar verträumte Stück „Scarecrow“, zu dem es auch ein Musikvideo gibt (besonders die nicht gerade oscarreife Duellszene am Ende des Videos sollte man sich nicht entgehen lassen!). Hier zeigt sich auch gut, dass bei Barretts Songs meist die Akkorde dem gesprochenen Wort folgen und nicht wie üblich umgekehrt.

Das letzte Lied auf dem Album – „Bike“ unterstreicht einmal mehr Barretts Talent, abgedrehte und gleichzeitig charmante Texte zu schreiben – „I’ve got a bike, you can ride it if you like, it’s got a basket, a bell that rings and things to make it look good. I’d give it to you if I could, but I borrowed it“. Die Entengeräusche am Ende des Lieds haben übrigens keine tiefere Bedeutung. Wright verriet einmal in einem Interview, dass die Band von den vielen im Studio verfügbaren Soundeffekten so begeistert war, dass sie einige davon unbedingt in ihre Songs einbauen wollten.

„Piper at the Gates of Dawn“ erreichte Platz 6 der britischen Charts und machte die Band auch außerhalb der Underground-Szene bekannt. Heute gilt es als eines der wegweisendsten Alben des Psychedelic Rock und hat zahlreiche KünstlerInnen sowie Bands beeinflusst. David Bowie soll etwa ein großer Bewunderer Barretts gewesen sein. Vor allem imponierte ihm der Umstand, dass dieser ohne Scheu im britischen Akzent sang, während damals quasi alle Musiker auf der Insel versuchten, US-amerikanisch zu klingen.

Während Pink Floyd später zu einer der erfolgreichsten Rockbands in der Musikgeschichte aufstieg, entwickelte sich das Leben von Barrett in eine andere Richtung. Der exzessive Konsum psychedelischer Drogen richtete an seiner Psyche irreparablen Schaden an. Sein Verhalten schwankte zunehmend zwischen Chaos und totaler Lethargie. Wie Waters erzählt, starrte er oft stundenlang ins Leere und war nicht mehr ansprechbar. Sein Blick, der einst voller Lebensfreude war, wurde zunehmend leer und düster. Für alle, die ihn besser kannten, war er nicht mehr wiederzuerkennen, beschrieb Wright in einem Interview. Barretts fortschreitender Realitätsverlust machte es immer schwieriger, Songs aufzunehmen oder Konzerte zu spielen. Wright berichtete von einem US-Auftritt, bei dem Barrett weder sang noch einen einzigen Akkord spielte. Stattdessen stand er während der gesamten Show regungslos auf der Bühne, starrte ins Leere und stimmte die Seiten seiner E-Gitarre um. Als sich die Lage nicht besserte, wurde David Gilmour als Unterstützung in die Band geholt – ein Jugendfreund Barretts, der dessen Part übernehmen sollte. Anfang 1968 trennte man sich schließlich endgültig vom ehemaligen Band-Leader.

Nach zwei Solo-Alben, die Barrett unter großen Schwierigkeiten mit der Hilfe des Managers Peter Jenner und seinen ehemaligen Kollegen von Pink Floyd aufnahm, zog er schließlich zu seiner Mutter nach Cambridge, wo er bis zu seinem Tod 2006 abgeschieden von der Öffentlichkeit lebte und sich hauptsächlich mit Malerei beschäftigte.

Auf dem zweiten Pink Floyd Album „A Saucerfull of Sectrets“ ist Barrett nur noch mit einem Lied vertreten – dem grandiosen „Jugband Blues“, zu dem auch ein Video aufgenommen wurde. Die Komposition kann durchaus als eine Art Abschiedsgruß an die Realität verstanden werden. Der Text lässt darauf schließen, dass sich Barrett über seinen Zustand zumindest phasenweise durchaus bewusst war – „It’s awfully considerate of you to think of me here. And I’m most obliged to you for making it clear that I’m not here“. Am Ende des Videos blickt Barrett noch einmal mit leerem Blick in die Kamera und verabschiedet sich mit der vielsagenden Textzeile: „And what exactly is a dream? And what exactly is a joke?“