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Serie – Peaky Blinders

Peaky Blinders – Am Beispiel einer Streaming-Serie

Sagenhafte 261 Minuten – also viereinhalb Stunden – schauen die Österreicherinnen und Österreicher durchschnittlich am Tag fern oder im Netz Bewegtbild. So dokumentiert es zumindest eine aktuelle Studie. Das ist enorm viel Lebenszeit und ich will jetzt gar nicht darüber nachdenken, wie viele Menschen uns etwa erklären, sie hätten keine Zeit für Sport, Lesen oder gemeinnützige Aktivitäten. Tatsache ist freilich auch, dass das Fernsehen bei Menschen unter 30 zugunsten von Streaming immer stärker abnimmt und schon an zweiter Stelle steht. Und Tatsache ist auch, dass Serien das stärkste Argument für Streaming-Dienste sind. Und das ist eine Frage der Qualität.
Foto: Netflix

Klar gibt es auf Netflix und Co auch sehr, sehr viel Schrott. Erfreulicherweise haben sich die Ästhetik und die Machart der Spitzenserien aber wirklich weiterentwickelt. Sie stehen echten Filmkunstwerken um nichts nach. Natürlich gab es auch schon vor Streaming wirklich tolle Serien, meist bei den amerikanischen Bezahlsendern wie HBO. Man erinnere sich etwa nur an die Sopranos, Wire oder Six feet under. Aber diese zeichneten sich vor allem durch ein intelligentes Drehbuch und herausragende Schauspielerleistungen aus. Bei manchen aktuellen Serien kann man aber längst die Fortschritte in der filmischen Erzählweise und nicht zuletzt bei der Kameraführung sehen. Bestes Beispiel ist die letzte Staffel von „Peaky Blinders“, einer Zusammenarbeit von Netflix und BBC.  Da haben die Kameraleute grandiose Bilder zu dieser ebenso skurrilen wie zeitgeschichtlich interessanten (wir erleben das Aufkommen des Faschismus in England zur Zeit Hitlers) Geschichte geliefert. Man kann das nur episch nennen und dass der Gangsterboss vor seinem – wegen einer gefakten Krankheit – für sicher gehaltenem Ende eine Sozialsiedlung auf seinem Grund bauen will, erinnert gar an den Deichbau des Dr. Faust.


peakyblinders.tv

Theaterkritik – Shakespeare am Burgtheater

Der Sturm ist nur ein weiches Lüfterl


Shakespeares „Der Sturm“ am Wiener Burgtheater. Eine Theaterkritik.
Foto: Burgtheater/Horn


Die Drehbühne dreht sich, die Darsteller schleichen auf der dunklen Bühne herum und singen sich ein, das Orchester spielt ein Medly aus Jazz-Standards, Schlager und Rolling-Stones-Hits, während es im Zuschauerraum anfangs noch hell bleibt. Es vergeht eine Viertelstunde, bevor das erste Wort gesprochen wird. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson macht im Wiener Burgtheater aus Shakespeares „Der Sturm“ einen Liederabend mit eingestreuten Szenen aus dem berühmten Theaterhit. So wirklich Interesse zeigt Arnarsson an dem vielgespielten Stück aber nicht.

Das Bühnenbild von Elín Hansdóttir bietet viel Platz zum Verstecken. Während eines Dialogs rieselt von oben leichtes Material auf die Sprechenden herab und versenkt sie schließlich. Das ergibt ein schönes Bild, aber eben wofür? Dabei ist das achtköpfige Ensemble durchaus erstklassig. Maria Happel verkörpert zwar souverän den Prospero, so wirklich reinziehen kann sie uns aber auch nicht in die Geschichte. Michael Maertens und Roland Koch sind als Blödelpaar Trinculo und Stephano natürlich lustig und Mavie Hörbiger scheint als fragiler Luftgeist das Geschick in Händen zu halten. Florian Teichtmeister spielt den bösen Caliban.

Fast zweieinhalb Stunden nettes Musikhören in sehr unterschiedlicher Gesangsqualität und dazu ein halbgares Theater. Schade um die vielen vergebenen Chancen, die gerade dieses Drama bieten würde.


Informationen & Details auf: burgtheater.at

Buchtipp – Abigail Assor, So reich wie der König

Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Marokko in den 90ern


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.


Marokko in den 90ern: Die Masse der Menschen ist bitterarm, doch einige wenige schwimmen in Geld und Luxus. Mit Autos und Rolex-Uhren wird der Status angezeigt. Sarah ist 16, bildschön und geht auf die französische Schule in Casablanca, wo ihre Klassenkameraden vom Chauffeur nach Hause gebracht werden. Doch sie selbst ist darauf angewiesen, sich ein Mittagessen zu schnorren, die Schule kann sie nur besuchen, weil französische Staatsbürger hier kein Schulgeld zahlen müssen. Aber Sarah hat begüterte Freunde, die sie gerne auf ein Panini einladen. Ihre Mutter, die ihr ganzes Geld an einen Betrüger verloren hat, ist eine bessere Prostituierte. Beiden leben sie am Rande einer Barackensiedlung, haarscharf vom untersten Elend der Stadt getrennt.

Sarahs einziges Kapital ist ihre Schönheit, ihre Liebhaber spendieren ihr allerdings nicht viel mehr als Jeans und ein paar Mahlzeiten. Da hört sie von Driss, dessen Familie reicher sein soll als der König. Sarah träumt davon, seine Frau zu werden und im Familienpalast zu wohnen. Aber Driss ist ein Einzelgänger, der sich fast nur für sein Motorrad zu interessieren scheint. Sarah schafft es letztendlich doch, seine Geliebte zu werden. Ja, es sieht sogar bald nach echter Liebe aus. Auf seine Weise ist allerdings auch Driss ein Gefangener seiner Herkunft. Sein Vater, der größte Textilfabrikant des Landes, hält ihn für einen Versager. Ein Deal mit einem amerikanischen Partner geht schief. In Sarah findet er endlich jemanden, der  ihm zuhört und der zu ihm zu gehören scheint. Als Driss seiner Familie eröffnet, Sarah heiraten zu wollen, erntet er nur Hohn und Ablehnung. In der Schlüsselszene des Romans kommt Sarah anlässlich des islamischen Opferfestes zum ersten Mal ins Haus der Familie. Sarah ist absichtlich schwanger geworden, um ihre Chancen auf eine Hochzeit zu erhöhen. Allerdings hat sie nicht mit der Kaltschnäuzigkeit der Reichen gerechnet. Die Mutter eröffnet ihr unumwunden, was mit den Geliebten ihres Mannes, die ein Kind von ihm haben, passiert. Sie werden ganz einfach aus dem Haus geworfen.

Abigail Assor wurde 1990 in Casablanca geboren und studierte in Paris und London. Ihr Debütroman „So reich wie der König“ schaffte es bereits auf die Shortlist für den Prix Goncourt. Denn Assor ist ohne Zweifel ein erzählerisches Talent. In ihrem Roman wird Casablanca zum nach Armut und Verfall stinkenden Moloch, mit heruntergekommenen Jugendlichen, fliegenverseuchten Imbissbuden und überquellenden Mülleimern. Die Botschaft des Romans ist einfach und brutal – sowohl bei den ganz Armen als auch bei den Reichen dreht sich alles immer nur um Geld.


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Abigail Assor: So reich wie der König
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-64284-8
220 Seiten
€ 23,70

Ein halbes Jahr Musik

Ein halbes Jahr Musik


Musik-Streaming – Wie sich meine Hörgewohnheiten nach einem halben Jahr veränderten.
Text: Helmut Schneider


1976 gründete Richard Branson seinen ersten Plattenladen in der Londoner Oxford Street. In den 90er-Jahren – am Höhepunkt der CD-Welle – gab es in hunderten Ländern Virgin Megastores mit einem breiten Angebot an Musikträgern, auch in Wien existierte bis 2004 ein komfortabler Laden in der Mariahilfer Straße. Heute sind nur noch Reste des Megastore-Imperiums übrig, bekanntlich verdient der britische Milliardär und Abenteurer sein Geld heute unter anderem mit Weltraumtouristen. Denn wer Musik hören will, bedient sich jetzt meist eines Steamingdienstes.

Lange Zeit dachte ich, das wäre nichts für mich – vor allem weil ich der Qualität der Wiedergabe misstraute. Seit einem halben Jahr bediene ich mich nun eines Netzwerkplayers von NAD und eines Abos des angeblich hochwertigsten Musikstreaminganbieters Tidal. Das kostet bei Master-Qualität 20 Euro im Monat – aber sonst würde ich mich wohl jeden Tag fragen, warum ich mir in den Jahren eine hochwertige LINN-Anlage mit B&W-Boxen angeschafft habe. Wahrscheinlich werde ich nie wieder CDs kaufen, denn die Streaming-Qualität ist wirklich beachtlich. Bei Schallplatten sieht die Sache allerdings anders aus. Da schätze ich nach wie vor den „wärmeren“ Sound von Pressungen – vor allem von jenen vor dem Beginn der Digitalisierungswelle – ich kaufe daher fast ausschließlich gebrauchte Platten. 

Was sich am meisten geändert hat, sind allerdings meine Hörgewohnheiten. Ich mag beispielsweise Filmmusik. Der amerikanische Komponist Bernard Herrmann (1911-1975) ist für mich in diesem Bereich der Maßstab, kaum jemand kommt an ihn, der die großen Hitchcock-Erfolge oder Scorseses „Taxi Driver“ komponierte, heran. Ein Genre, das wohl nicht so viele Menschen schätzen, denn nicht alles ist auf CD lieferbar oder kostet viel Geld. Auf Tidal steht nun wirklich viel von ihm auf Abruf bereit. Zum Vergleich schaue man sich auch an, wie wenig vom zurzeit wohl besten Filmkomponisten Thomas Newman auf CD oder Vinyl bei Amazon oder jpc.de angeboten wird. Mein Lieblingsscore „Angels in America“ ist überhaupt nicht verfügbar, auf Tidal aber sehr wohl.

Das „auf Abruf“ ist für mich übrigens auch nicht unwichtig, denn wer viele CDs besitzt (und nicht sehr ordentlich ist), findet das Gesuchte nicht immer gleich. Aber natürlich: kein Vorteil, wo nicht auch ein kleiner Nachteil wäre. Dadurch, dass man mit einem Antippen sofort zum nächsten Titel springen kann, muss man sich zur Geduld, die nötig ist, um ein größeres Werk zu genießen, verpflichten. Deshalb habe ich mit ein paar Ausnahmen auch weniger Klassik als sonst gehört. Natürlich nahm ich mir vor, die verschiedenen Interpretationen eines Lieblingsstück wie etwa Monteverdis Marienvesper zu vergleichen – was jetzt problemlos möglich wäre – aber irgendwie kam es bislang nicht dazu. Dafür lief etwa das neue Album von Igor Levit (On DSCH) in Dauerschleife. Auch das Jazzrepertoire ist wirklich beachtlich, da werden sich wohl nur echte Nerds beschweren können.

Wie alle Streamingdienste arbeitet natürlich auch Tidal mit Algorithmen, das heißt die wissen genau, was ich wie lange höre und schlagen mir Ähnliches vor. Was mir aber oft wirkliche Entdeckungen beschert. Gut sind auch die Funktionen wie Liedtexte zum Mitlesen oder diverse Kurzbios der Künstler. Jetzt weiß ich etwa, dass der Filmkomponist Jonny Greenwood (grad auf Netflix zu sehen ist „The Power of the Dog“) Multiinstrumentalist bei „Radiohead“ ist. Herrlich ist es aber auch im Frühwerk späterer Berühmtheiten zu stöbern, wo vieles noch wunderbar direkt oder verspielt ist. Und gut ist auch die Funktion Download von Alben, denn so lässt sich – ohne eine große Telefonrechnung zu produzieren – im Schwimmbad auf dem iphone Musik hören.

Mein Fazit: Wer wirklich viel Musik hört, für den zahlt sich das teure Abo aus, wer aber nicht so eine hohe Qualität braucht, kommt auch mit günstigeren Diensten aus.


Theaterkritik – Theater in der Josefstadt, „Rechnitz (Der Würgeengel)“


Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ im Theater in der Josefstadt.
Text: Helmut Schneider / Foto: Philine Hofmann


Als man die Geschütze der Roten Armee schon hören konnte, feierte Gräfin Margit von Batthyány mit lokaler NS-Prominenz auf ihrem burgenländischen Schloss in Rechnitz noch ein orgiastisches Fest. Als krönenden Abschluss wurden dabei 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen und verscharrt. Das Massengrab ist bis heute nicht gefunden. Nach dem Krieg setzte bekanntlich das Verdrängen ein. Erst viel später haben sich Historiker ausführlich mit diesem zynisch-schaurigen Massenmord der Nazis beschäftigt. Da waren die meisten Zeitzeugen im Ort schon tot.

Elfriede Jelinek hat aus diesem historischen Grauen ihr Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ gemacht, das 2008 uraufgeführt wurde. Die deutsche Regisseurin Anna Bergmann hat es jetzt sehr effektvoll und stimmig im Theater in der Josefstadt inszeniert. Jelineks Text wird dabei kunstvoll überhöht – fast hat man den Eindruck, einer Oper beizuwohnen. Die Drehbühne wird dabei zum Mitspieler. Sona MacDonald hinterlässt im festlichen neongrünen Abendkleid als Gräfin einen gespenstigen Eindruck, zumal im Hintergrund gerade ein Massengrab geschaufelt wird. Auch das übrige Ensemble ist überzeugend. Ein gelungener Abend in der Josefstadt.


Karten und Infos: josefstadt.org

Musikalische Meilensteine I

Syd Barrett: Kindermärchen auf LSD


„The Piper at the Gates of Dawn“ – das erste Studioalbum von Pink Floyd – zählt zu den wegweisenden Produktionen des Psychedelic Rock. Wer sich für die Pop- und Rockmusik der 1960er Jahre interessiert, sollte sich dieses Meisterwerk nicht entgehen lassen.
Text: Andreas Cavar / Foto: Getty Images


Es muss wild zugegangen sein damals im Londoner UFO Club. Auch wenn der Klub nur zwischen 1967 und 1977 existierte, genoss er einen legendären Ruf. Hier traf sich jedes Wochenende die Underground-Szene der Metropole, um zu feiern und – nicht selten unter Drogeneinfluss – experimentelle Musik zu hören. Zu einer Art Hausband des Klubs entwickelte sich eine damals noch weitgehend unbekannte Band rund um den Musiker Syd Barrett namens Pink Floyd.

Menschen, die zum ersten Mal die frühen Aufnahmen von Pink Floyd hören, können sich nur wundern, wie sehr sich die Musik vom Sound späterer Jahre unterscheidet. Keine Spur von bombastisch inszenierten und bis ins kleinste Detail ausgefeilten Konzeptalben wie „The Wall“ oder von achtminütigen Gitarrensoli David Gilmours (der war damals noch gar nicht in der Band). Der Sound der frühen Jahre war vor allem von einer Person geprägt: Syd Barrett. Gemeinsam mit seinem Schulfreund Roger Waters hatte er die Band gegründet und komponierte zu Beginn so gut wie alle Songs. In der britischen Undergroundszene machte sich die Band schnell einen Namen. Die psychodelischen Klänge und abgedrehten Texte unterschieden sich deutlich von jener Musik, die zu dieser Zeit im Radio zu hören war und muss auch ganz ohne Drogeneinfluss wie von einer anderen Welt gewirkt haben. Kombiniert wurde der Sound mit ausgefallenen Lichteffekten – ebenfalls ein Novum in der damaligen Zeit.

Im März 1967 veröffentlichte die Band mit „Arnold Layne“ ihre erste Single. Schon hier zeigt sich, dass Barrett mit seinen Kompositionen einen völlig anderen Ansatz verfolgte als die meisten populären Bands dieser Zeit. Deren Songs drehten sich fast ausschließlich um das Thema Liebe – in „Arnold Layne“ beschreibt Barrett hingegen einen Fetischisten, der Nachts durch Wohngegenden schleicht, um Frauenkleidung von Wäscheleinen zu entwenden. Für das Lied wurde sogar eines der ersten Musikvideos überhaupt gedreht. Der Song erreichte immerhin die Top-20 der britischen Charts. Der ganz große Erfolg blieb aber wohl auch aufgrund der für damalige Verhältnisse heiklen Thematik aus. Der legendäre Sender Radio London weigerte sich sogar, den Song abzuspielen.

Von Februar bis Juni begab sich die Band in die legendären Londoner Abbey Road Studios, um ihr erstes Album „The Piper at the Gates of Dawn“ aufzunehmen. Das Werk zählt zu meinen absoluten Lieblingsalben und sei allen ans Herz gelegt, die sich für die Musik der 1960er Jahre interessieren. Fun fact: Zur gleichen Zeit nahmen die Beatles ebendort ihr legendäres Album „Sgt. Pepper“ auf, das ich schon an anderer Stelle erwähnt habe. Über die Frage, ob und wie stark sich die beiden Bands beeinflussten, kann nur spekuliert werden. Die Erinnerungen der Beteiligten gehen jedenfalls stark auseinander. Keyboarder Richard Wright erzählte in Interviews, dass es durchaus einen Austausch gab und man sich sogar gegenseitig Material vorspielte. Laut Bassist Roger Waters blieb die Beziehung zwischen den beiden Studionachbarn hingegen eher kühl – man wollte sich eben nicht in die Karten schauen lassen.

„Kindermärchen auf LSD“ ist so ziemlich die beste Beschreibung, die ich einmal über das Album gelesen habe. Schon der Titel bezieht sich auf Kenneth Grahames Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“, dessen siebtes Kapitel die Überschrift „The Piper at the Gates of Dawn” („Der Pfeifer an den Toren der Morgendämmerung“) trägt. Grundsätzlich lassen sich die Songs in zwei Kategorien einteilen: Zum einen sind da die experimentellen Songs aus den Live-Shows der Band. Dabei wurde oft nur ein Akkord vorgegeben, um den herum die Band ausgiebig improvisierte. Für „Piper“ wurden diese Songs freilich in eine albumtaugliches Format gepresst. Zum anderen sind da märchenähnliche Geschichten von Zwergen und sprechenden Vogelscheuchen, in denen – so zumindest die gängige Interpretation – Barrett seine idyllische Kindheit in Cambridge wiederaufleben lies. „Arnold Layne“ findet sich ebensowenig auf der UK-Version des Albums wie die zweite und noch erfolgreichere Single „See Emily Play“. Statt auf radiotaugliche Singles zu setzen, trieb die Band lieber ihren experimentellen Live-Sound voran – durchaus zum Ärger der Plattenfirma sowie des Produzenten Norman Smith.

Wie sehr sich die Musik von Pink Floyd von den Werken anderer britischer Bands dieser Zeit unterschied, unterstreicht schon das erste Lied auf dem Album – die psychedelische Hymne „Astronomy Domine“. Zu Beginn hört man die Stimme von Pink Floyd-Manager Peter Jenner, der durch ein Megaphon die Namen von Sternen vorliest. Barrets E-Gitarre, das Orgelspiel von Wright und jede Menge Effektgeräte sorgen für einen psychedelischen Sound, dessen Stimmung sich immer wieder ändert.

Es folgt der wunderbar atmosphärische Song „Lucifer Sam“, dessen Riff perfekt in jeden James Bond-Film passen würde. Wer angesichts des Titels einen düsteren oder gar satanistischen Hintergrund befürchtet, der irrt: das Lied handelt von Barretts Siamkatze – „that cat’s something I can’t explain“. Der Song ist auch ein gutes Beispiel für Barretts humorvolle, fast kindliche Texte – „Hiding around on the ground. He’ll be found when you’re around“.

Mit „Matilda Mother“ folgt ein Highlight des Albums. Es ist einer der Songs, in denen Barrett wohl einen Blick auf seine Kindheit wirft. Dabei liest eine Mutter ihrem Kind Märchen vor, etwa über einen König, der einst über das Land herrschte – „oh mother, tell me more“ erschallt es bei jeder Strophe als Antwort. Wie bei fast allen Songs von Barrett ändert sich auch bei „Mathilda Mother“ mehrmals Stimmung und Rhythmus. Vor allem in der letzen Strophe, die von Barrett gesungen wird, nimmt das Lied kurz richtig Fahrt auf – „For all the time spent in that room. The doll’s house, darkness, old perfume. And fairy stories held me high on clouds of sunlight floating by“ – um dann am Ende mit Mantra-ähnlichen Gesängen und Wrights Orgelspiel langsam zu entschwinden.

Richtig abgedreht wird es mit dem Song „Flaming“, in dem uns Barrett auf eine Reise durch eine psychedelische Märchenwelt mitnimmt. „Sleeping on a dandelion“, „Traveling by telephone“ – hier scheint alles möglich. Zu den wohl legendärsten Songs der Frühphase von Pink Floyd zählt das Instrumentalstück „Interstellar Overdrive“, das den Live-Sound der Band gut abbildet. Tempo und Struktur – sofern überhaupt erkennbar – ändern sich auch in der Album-Version ständig. Ein fast zehnminütiger Rausch, in dem sich die Bandmitglieder so richtig austoben konnten.

Zwei meiner persönlichen Höhepunkte auf dem Album sind „The Gnome“ und das wunderbar verträumte Stück „Scarecrow“, zu dem es auch ein Musikvideo gibt (besonders die nicht gerade oscarreife Duellszene am Ende des Videos sollte man sich nicht entgehen lassen!). Hier zeigt sich auch gut, dass bei Barretts Songs meist die Akkorde dem gesprochenen Wort folgen und nicht wie üblich umgekehrt.

Das letzte Lied auf dem Album – „Bike“ unterstreicht einmal mehr Barretts Talent, abgedrehte und gleichzeitig charmante Texte zu schreiben – „I’ve got a bike, you can ride it if you like, it’s got a basket, a bell that rings and things to make it look good. I’d give it to you if I could, but I borrowed it“. Die Entengeräusche am Ende des Lieds haben übrigens keine tiefere Bedeutung. Wright verriet einmal in einem Interview, dass die Band von den vielen im Studio verfügbaren Soundeffekten so begeistert war, dass sie einige davon unbedingt in ihre Songs einbauen wollten.

„Piper at the Gates of Dawn“ erreichte Platz 6 der britischen Charts und machte die Band auch außerhalb der Underground-Szene bekannt. Heute gilt es als eines der wegweisendsten Alben des Psychedelic Rock und hat zahlreiche KünstlerInnen sowie Bands beeinflusst. David Bowie soll etwa ein großer Bewunderer Barretts gewesen sein. Vor allem imponierte ihm der Umstand, dass dieser ohne Scheu im britischen Akzent sang, während damals quasi alle Musiker auf der Insel versuchten, US-amerikanisch zu klingen.

Während Pink Floyd später zu einer der erfolgreichsten Rockbands in der Musikgeschichte aufstieg, entwickelte sich das Leben von Barrett in eine andere Richtung. Der exzessive Konsum psychedelischer Drogen richtete an seiner Psyche irreparablen Schaden an. Sein Verhalten schwankte zunehmend zwischen Chaos und totaler Lethargie. Wie Waters erzählt, starrte er oft stundenlang ins Leere und war nicht mehr ansprechbar. Sein Blick, der einst voller Lebensfreude war, wurde zunehmend leer und düster. Für alle, die ihn besser kannten, war er nicht mehr wiederzuerkennen, beschrieb Wright in einem Interview. Barretts fortschreitender Realitätsverlust machte es immer schwieriger, Songs aufzunehmen oder Konzerte zu spielen. Wright berichtete von einem US-Auftritt, bei dem Barrett weder sang noch einen einzigen Akkord spielte. Stattdessen stand er während der gesamten Show regungslos auf der Bühne, starrte ins Leere und stimmte die Seiten seiner E-Gitarre um. Als sich die Lage nicht besserte, wurde David Gilmour als Unterstützung in die Band geholt – ein Jugendfreund Barretts, der dessen Part übernehmen sollte. Anfang 1968 trennte man sich schließlich endgültig vom ehemaligen Band-Leader.

Nach zwei Solo-Alben, die Barrett unter großen Schwierigkeiten mit der Hilfe des Managers Peter Jenner und seinen ehemaligen Kollegen von Pink Floyd aufnahm, zog er schließlich zu seiner Mutter nach Cambridge, wo er bis zu seinem Tod 2006 abgeschieden von der Öffentlichkeit lebte und sich hauptsächlich mit Malerei beschäftigte.

Auf dem zweiten Pink Floyd Album „A Saucerfull of Sectrets“ ist Barrett nur noch mit einem Lied vertreten – dem grandiosen „Jugband Blues“, zu dem auch ein Video aufgenommen wurde. Die Komposition kann durchaus als eine Art Abschiedsgruß an die Realität verstanden werden. Der Text lässt darauf schließen, dass sich Barrett über seinen Zustand zumindest phasenweise durchaus bewusst war – „It’s awfully considerate of you to think of me here. And I’m most obliged to you for making it clear that I’m not here“. Am Ende des Videos blickt Barrett noch einmal mit leerem Blick in die Kamera und verabschiedet sich mit der vielsagenden Textzeile: „And what exactly is a dream? And what exactly is a joke?“


WIENschräg Nr. 4

Geckos Schwanz


WIENschräg – ein Satirebeitrag von Walter Posch.
Foto: Pixabay


Der spröden Bezeichnungen wie  T34 oder M60 für die bekanntesten Panzer des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit überdrüssig geworden, gingen Militärs stattdessen dazu über, ihre Waffen lieber mit Tiernamen zu bezeichnen, um sich so deren Fähigkeiten mimetisch anzueignen.

So schmücken die tirilierende Lerche den Hubschrauber Alouette, die gutmütigen Haflinger und kräftigen Pinzgauer Geländefahrzeuge, und der schnelle und wendige Leopard gibt statt der gepanzerten, aber doch etwas behäbigen Schildkröte einem Panzer die Ehre.

Das neueste Baby militärischer Tierfreundlichkeit an der Schwelle des neuen Jahrtausends trägt überraschend den Namen eines Uraltlebewesens: Gecko, älter als die Gattung Mensch, für den Kampf gegen einen ganz neuen Feind, das Virus. Primär sich von Insekten ernährend, die wärmende Sonne der Tropen geniessend, ist das possierliche Tier erstaunlicherweise das Schildwappen der österreichischen Covid-Krisenkoordination geworden, wiewohl niemand so genau weiss, auf welche Fertigkeiten die martialische Waffe eigentlich verweist.

Die Vermutung, dass es bloss um einen hübschen Namen für einen nicht so hübschen Sachverhalt geht, wäre zu hart geurteilt, hat doch der stellvertretende Generalstabschef des Bundesheeres dem Virus einen unerbittlichen Kampf angesagt, den die erlauchte Expert*innenrunde gegen das Virus zu führen gedenkt.

Zunächst liegt aber nicht das unfreundliche Protein im Fokus der SOKO COVID, sondern jene unbelehrbaren und beharrlichen Virus-Leugner*innen, die wie Asterix in seinem gallischen Dorf der Übermacht der gegnerischen Phalanx aus Politik und Medien trotzen und sich sehr uneinsichtig zeigen, wenn es darum geht, sich freiwillig impfen zu lassen.

Eine solche Unbotmässigkeit sich nicht gefallen lassen zu wollen, setzt das Imperium Austriacum konsequenterweise auf den Impfzwang gegen die Widerspenstigen, wobei die austriakischen Zensoren eine Million Strafbescheide samt allfälliger Einsprüche administrieren werden müssen. An die Sinnhaftigkeit einer Exekution mittels polizeilicher Zwangsgewalt mag aber selbst der Imperator Carolus Magnus nicht glauben.

Da kommen die austriakischen Legionäre mit ihrer Geheimwaffe Gecko ins Spiel, an dessen militärische Fähigkeiten zunächst niemand glauben mochte. Wenn nämlich ein Feind den Gecko am Schwanz festhält, befreit sich dieser, indem er seinen Schwanz einfach abtrennt. Und so löst sich auch ein altes anthropologisches Rätsel. Statt auf militärische Gewalt gegen unzivilisierte und wissenschaftsungläubige radikale Horden zu setzen, befreit sich das Imperium elegant wie der Gecko und zieht einfach seinen Schwanz ein. Alea iacta est!


WIENschräg Nr. 3

Draniki für Minsk


WIENschräg, der Satireblog von Walter Posch.
Foto: Pixabay


Die österreichische Aussenpolitik ist, so sagt man, abgesehen von ihrer sonstigen Konturlosigkeit seit den Zeiten des Aussenministers Mock vor allem ideologiegetrieben und weniger abgeklärt vernünftig, wie man es von einem immer noch neutralen Staat erwarten könnte.

Zwischen hehren demokratischen Zielen und geschäftspolitischen Interessen oszilliert sie insbesonders in den Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion je nach Opportunität und internationaler Gemengelage.

So begab es sich, dass kürzlich eine internationale Belaruskonferenz in Wien stattfand, an der sich alle EU-Aussenminister online beteiligten mit Ausnahme Portugals, Spaniens, Frankreichs, Italiens, Maltas, Irlands, Belgiens, der Niederlande, Luxemburgs, Dänemarks, Schwedens, Finnlands, Lettlands, Litauens, Rumäniens, Bulgariens, Griechenlands, Zyperns, Kroatiens, Tschechiens und Ungarns beteiligten, also eigentlich ohnehin fast alle.

Nun ist der seinerzeit mit 80% gewählte weissrussische Präsident Lukaschenko gewiss nicht zimperlich im Umgang mit Opposition und vermutlich etwas übertrieben erfahren in Fragen von Wahlmanipulation, weil sonst hätten ihm 50% der Stimmen auch gereicht, zumal die mit 9% unterlegene Demokratin Tichanowskaja auch unter fairen Bedingungen wohl kaum Präsidentin geworden wäre.

Insofern verdient es Beachtung, dass die mittlerweile im litauischen Exil lebende Demokratin sich gerade Österreich ausgesucht hat, wo Wahlmanipulationen eigentlich fast überhaupt nicht, und wenn dann nur sehr diskret, vorkommen, um für einen „echten“ Dialog zwischen dem Westen und den Menschen in Belarus zu werben.

Der ehemalige Aussenminister Schallenberg und der derzeitige Linhart nicken zustimmend, zumal sie, persönlich integer und über jeden Verdacht erhaben, schon erkannt haben, dass die gegenwärtige Migrationskrise an der belarussischen Grenze zur EU einer Revision der österreichischen Aussenpolitik bedarf, zumal die Erfahrungen mit der Ukraine gelehrt haben, dass Demokratie nur beschränkt gut ist, wenn die OMV etwa gemeinsam mit einem internationalen Konsortium unter der Führung der am noblen Wiener Schwarzenbergplatz residierenden russischen Gazprom gerade eine Pipeline durch die Ostsee baut, sehr zum Ärger des US-amerikanischen Konkurrenten und der solcherart um die Früchte des russischen Erdöls gebrachte Ukraine.

Auch das nicht unbedeutende Deutschland und das von der EU-Kommission heftig gescholtene Polen ignorieren inzwischen die von den Demokratie-Expert*innen der EU-Technokratie lancierten Sanktionen gegen Belarus völlig und treiben schwunghaften Handel, immer auch ein Auge auf die stacheldrahtbewehrte Grenze im Osten gerichtet.

Sogar die bedächtige Angela Merkel soll von den Störfeuern der EU-Kommission schon ziemlich genervt gewesen sein, bevor sie sich, mit einem Gläschen Krimsekt bei ihrem Kumpel Wladimir auf die Fertigstellung von Northstream 2 anstossend, in den wohlverdienten Ruhestand begab.

Solcherart nachdenklich geworden, stimmen die beiden Spitzendiplomaten Schallenberg und Linhart einer Änderung der österreichischen aussenpolitischen Linie zu und organisieren löblicherweise in der Diplomatischen Akademie in Wien für 15 junge Menschen aus der belarussischen Diaspora das Trainingsprogramm „Draniki für Minsk“ zu den Themen Diplomatie, Recht und Rechtsstaatlichkeit, an dem angeblich auch der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurz als Gasthörer teilnehmen soll.

Und kaum war die neue Strategie umgesetzt, waren die beiden im allgemeinen Kommen und Gehen ihre Posten wieder los, lacht der grimmige Autokrat in Minsk.


WIENschräg Nr. 2

WIENschräg – Hexenjagd


WIENschräg, der Satireblog von Walter Posch.
Text: Walter Posch / Foto: privat


„Du sollst nicht zotig reden!“, so das 11. Gebot des ÖVP – Ethikrats unter der Leitung der in Angelegenheiten von Missbrauch gestählten ehemaligen Landeshauptfrau der Steiermark. „Oasch“ geht keinesfalls, auch wenn die Veröffentlichung des kommunikativen Wortschatzes „ohne Rücksicht auf sämtliche Begleitumstände und aus dem Zusammenhang gerissen“ passiert sei. Ansonsten gelte die Unschuldsvermutung, so der honorige Rat zu den ungezogenen Kerlen der türkisen Hochflieger.

Und ein ehemaliger Nationalratspräsident und Bundespräsidentschafts – Kandidat versteigt sich gar zu einem Vergleich mit der „Atmosphäre einer Hexenjagd“, zumal die Nachrichten nie an die Öffentlichkeit gelangen hätten dürfen!

Da sind andere Tiroler schon aus härterem Holz geschnitzt wie ein ehemaliger EU-Kommissar, der das „System Kurz“ als „inakzeptabel“ bezeichnet, oder ein Tiroler Arbeiterkammer-Präsident, der sich vom Ethikrat schon mehr erwartet und den entstandenen Schaden beziffert wissen will.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet nämlich nicht „Schiaches Redn“, sondern Korruption, Untreue, Bestechung. Unschuldsvermutung hin, Unschuldsvermutung her. In Frankreich muss ein ehemaliger Präsident für ähnliche Delikte zwar nicht in die Bastille, aber zumindest ein Jahr lang elektronisch überwacht im Hausarrest sitzen, sehr zum Ärger seiner Frau.

Mander, s´ischt Zeit!


WIENschräg

WIENschräg – (Kultur)hauptstadt Salzburg


WIENschräg, der Satireblog von Walter Posch.
Text: Walter Posch / Foto: picturedesk.com


Mit der nicht übertrieben kurzen Reaktionszeit von einem dreiviertel Jahrhundert hat der Mahlstrom der Geschichte auch Salzburg erfasst und so wie in anderen europäischen Städten einen Prozess in Gang gesetzt, der gerne mit dem Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ beschrieben wird, gleichwohl niemand so genau weiss, was da eigentlich bewältigt wird bzw. in welcher Form dieser Prozess zum Abschluss kommen sollte. Am besten endlich einmal aufhören!

Umso mehr verdient der Beschluss des Gemeinderates der Stadt Salzburg Anerkennung, sein Stadtarchiv 2008 mit der Organisation eines Projekts zu betrauen, um die NS- Geschichte der Stadt unter Einbeziehung zahlreicher Wissenschafter*innen und Expert*innen aufzuarbeiten und Entscheidungsgrundlagen für entschlossenes Handeln zu liefern: dort, wo die finstere Vergangenheit am sichtbarsten den öffentlichen Raum beherrscht, in der Benennung von Strassen und Plätzen nach nationalsozialistischen Würdenträger*innen.

Ein zu diesem Zweck eingesetzter Fachbeirat von honorigen Expert*innen mit ausgewiesener historischer, archivarischer und publizistischer Kompetenz identifizierte schliesslich 66 solcherart „belastete“ Strassennamen. Immerhin 8 dieser Personen hatte die Stadt Salzburg nach 1945 mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet, und fast alle der Strassenbenennungen zwischen 1957 und 1991 fasste der Salzburger Gemeinderat einstimmig.

Diesem Tatbestand ist auch die Schwierigkeit geschuldet, die der unvoreingenommene Laie, wie oben beschrieben, mit der Fragestellung hat, in welcher Form welche Vergangenheit eigentlich bewältigt wurde bzw. wie diese fortlebt in deren Nachfahren.

Jene Schwierigkeit wird nicht gerade dadurch erleichtert bzw. behoben, dass der sogenannte Fachbeirat es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die 66 belasteten Personen nach dem Prinzip zu kategorisieren, inwieweit diese in die NS- Geschichte „verstrickt-verstrickter-am verstricktesten“ sind, wobei nicht eindeutig zu erkennen ist, wie diese Kategorien voneinander abgegrenzt wurden, in welche die belasteten Personen eingeteilt wurden. Eindeutig sind bloss die Handlungsempfehlungen, mit denen die Expert*innen nach mehrjähriger Forschung und Beratung ihren Kopf geschickt aus der Schlinge gezogen haben:

Kat.1: Nicht gravierende Verstrickung bedeutet nur einen Eintrag im digitalen Stadtplan auf der Website der Stadt Salzburg.

Kat.2: Gravierendere Verstrickung bedeutet zusätzlich eine Erläuterungstafel zum Strassennamen.

Kat.3: Gravierende NS- Verstrickung bedeutet Diskussions- und Handlungsbedarf für die politischen Entscheidungsträger*innen (sic!), ob nicht eine Umbenennung in Erwägung gezogen werden solle!


Derart mit über 1000 Seiten Information, zahlreichen Publikationen und Vortragsreihen und eben jenen „Empfehlungen“ ausgestattet, entscheidet demnächst der Salzburger Gemeinderat über seine zu bewältigende Vergangenheit und damit auch die heikle Angelegenheit, wem der 13 in Kategorie 3 gereihten Ehrenmänner – es sind ausschliesslich Männer! – die Ehre in der Form abhanden kommen soll, dass ihre Strasse umbenannt wird – oder auch nicht!

Denn die Sache ist noch keineswegs entschieden, und die öffentliche Meinung oszilliert breit zwischen der Position des KZ-Verbandes, alle „braunen“ Strassen umzubennen, und jener der Bürgermeisterpartei, keiner einzigen die Ehre des Namenspatrons abzuerkennen. Befinden sich doch unter den 13 gravierend „Verstrickten“ sehr illustre Namen wie der des Heimatdichters Karl Heinrich Waggerl, des Domorganisten und Professors am Mozarteum Franz Sauer, Hitlers Lieblingsbildhauers Josef Thorak, der schon 1950 mit einer Ausstellung im Rahmen der Salzburger Festspiele öffentlich rehabilitiert wurde, des Komponisten Hans Pfitzner und der des weltberühmten Dirigenten Herbert von Karajan. Auffällig ist vor allem, dass alle 13 schwer „Verstrickten“ Kulturschaffende waren mit der einzigen Ausnahme des Konstrukteurs Ferdinand Porsche, den die Ehraberkennung allerdings selbst posthum vermutlich weniger schmerzen würde, fahren doch seine Gefährte höchst erfolg- und prestigereich rund um die Welt.

Dass die delikate Angelegenheit die Salzburger Lokalpolitiker*innen schwer fordern würde, war schon in der Gemeinderatssitzung vom 22. September spürbar, deren Bedeutung noch dadurch augmentiert wurde, dass diese auch im Internet übertragen und damit der ganze Planet Zeuge eines welthistorischen Ereignisses wurde.

Eine besonders irritierende Interpretation von Vergangenheitsbewältigung lieferten dabei die NEOS, die der Umbenennung von Strassennamen nichts abgewinnen können, weil das gleichsam einer Auslöschung der Geschichte gleichkäme, dafür das Problem mit der Anbringung erklärender Zusatztafeln lösen und quasi kompensatorisch die monumentalen Statuen des Bildhauers Thorak, unter anderen Paracelsus, denkmalstürmend aus dem Kurgarten entfernt wissen wollen.

Im wesentlichen teilen den Standpunkt mit den Zusatztafeln – ganz zeitgeistig neben analogen Tafeln solche mit QR-code – auch die anderen bürgerlichen Parteien ÖVP und Liste SALZ, die ebenso Umbenennungen der Strassen ablehnen und die Vergangenheit lieber mit Zusatztafeln bewältigt wissen wollen.

Nicht ganz unerwartet stösst die FPÖ in ein ähnliches Horn, wobei die Bemerkung des Gemeinderates Heindl aufhorchen lässt, dass „Opfer vielleicht ab und zu froh sind, wenn sie Tätern verzeihen können.“

So wird der Vorstoss der Grünen, Strassen umzubenennen, wohl keine Mehrheit finden, zumal die in dieser wichtigen Causa positionslose und blasse SPÖ dem ihrer Meinung nach „weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannten Salzburger Modell“ mit den Erklärungstafeln vermutlich ihre Zustimmung geben wird.

So gesehen ist es ex post ein Glücksfall, dass niemand in der Nazizeit auf die Idee gekommen ist, den Elisabethkai zur Erinnerung an Himmlers Salzburgbesuch im Jahre 1938 in Heinrich-Himmler-Gedächtnispromenade umzubenennen. Die Vergangenheitsbewältigung wäre schier unmöglich gewesen.

Ob nun mit oder ohne Zusatztafel, der inkriminierte Herbert von Karajan hätte jedenfalls das Dirigat des diesjährigen Don Giovanni der Salzburger Festspiele nicht angenommen, dessen Premierenpublikum einer Inszenierung frenetisch applaudierte, dessen Regisseur die Interpretation nicht verständlicher Szenen gar in die Obsorge des Unterbewusstseins des Publikums entlässt und der Festspielpräsidentin Tränen der Rührung entlockte, weil zahlreiche Salzburger Frauen als Statistinnen teilgenommen hatten.

Vergangenheit hin, Bewältigung her, ganz gleich, welches Auto da vom Himmel fiel, es war kein Porsche! Das hätte sich der Porsche-Enthusiast Karajan verbeten.