Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) veröffentlichen ein Wimmelbilderbuch von Lisa Manneh. Dieses Buch lädt Leser*innen jeden Alters ein, die facettenreiche Welt von Oper, Musical und Operette zu entdecken.
Ab ins Musiktheater! zeigt auf bunten Seiten eine Vielzahl von Szenen, die das Leben auf und hinter der Bühne lebendig werden lassen. Sänger*innen und Schauspieler*innen präsentieren sich inmitten von Bühnenbildern, während im Orchestergraben musiziert wird und hinter den Kulissen Vorbereitungen für die nächste Aufführung getroffen werden.
Das Wimmelbuch bietet eine anschauliche Einführung in die Abläufe von der ersten Probe bis zur Premiere. Leser*innen können humorvolle Momente, typische Theaterszenen und beliebte Charaktere aus der Welt des Musiktheaters erkunden.
Ab ins Musiktheater! Entstand in Kooperation mit dem Tyrolia Verlag und ist ab sofort in den Verkaufsstellen der Vereinigten Bühnen Wien sowie im gut sortierten Buchhandel erhältlich.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/10/MusiktheaterBB.png11001800wienlive Redaktionhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngwienlive Redaktion2024-10-15 08:49:452024-10-15 08:49:47Ab ins Musiktheater! – Das Wimmelbuch zu Oper, Musical und Operette
Passt ja: Der 1980 in Linz geborene Schauspieler Stefko Hanushevsky kehrt nach vielen Jahren auf deutschen Bühnen mit dem neuen Burgdirektor Stefan Bachmann nach Österreich ins Burg-Ensemble zurück. Heim ins Reich könnte man fast sagen, denn aus Köln bringt Hanushevsky eine ebenso witzige wie böse Abrechnung mit der in Österreich und Deutschland noch immer lebendigen Naziideologie mit. In „Der große Diktator“ spiegelt er seine Biografie – aufgepeppt mit einiger Fiktion – mit Chaplins Filmklassiker und dem nicht ganz so lange währenden Tausendjährigen Reich. Stefko Hanushevsky war nämlich tatsächlich eine Zeitlang Führer – Reiseführer für amerikanische Touristen in Deutschland. Und die wollten am liebsten Nazistätten besuchen. Im Gasthof gibt es als Spezialität „Chicken à la Göring “.
Als der Reisebus – ein solcher steht als Requisite auch auf der Bühne – einen Reifenplatzer hat, erzählt er von seiner Kindheit und Jugend in einem kleinen Ort in Oberösterreich, wo er Friseur werden sollte. Wie eben der Hitler-Doppelgänger in Chaplins „Der große Diktator“. Allzu viel Chaplin erlebt man an diesem nachdenklich-unterhaltsamen Abend, der von Hanushevsky, dem Regisseur Rafael Sanchez und dem österreichischen Autor Eberhard Petschinka gemeinsam erarbeitet wurde, aber nicht. Macht nichts, die Halb-Fake-Bio ist ja ebenso interessant und wirkt nach dem Ergebnis der Nationalratswahl doppelt brisant. Das meine auch das Premierenpublikum und spendete sehr viel Applaus.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/10/DiktatorBB.png11001800Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-10-08 13:34:322024-10-17 09:46:58Nazis überall – Stefko Hanushevsky und seine One-Man-Show „Der große Diktator“ im Akademietheater
Im Westen wurde es meistens nur gemeldet, im Osten war es aber – zurecht – eine Sensation. 2016 unterlag der koreanische Go-Weltmeister Lee Sedol dem Google-Computerprogramm AlphaGo. Dazu muss man wissen, dass Go ein um ein Vielfaches komplexeres Spiel als Schach ist (Kasparow unterlag bekanntlich schon 1997 dem IBM Deep Blue–Programm), deshalb hat es auch so lange gedauert, bis eine KI die Fähigkeit entwickelte, einen Menschen zu schlagen. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der durch seinen Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ quasi zum Erklärer unserer Zivilisation geworden ist, widmet in seinem neuen Buch „Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz“ diesem Ereignis seine volle Aufmerksamkeit – sieht er es nämlich als Beweis, dass Maschinen kreativ sein können. Beim historischen Spiel waren sich nämlich alle kiebitzenden Experten einig, dass AlphaGo einen Fehler gemacht hatte. Dieser stellte sich dann freilich als spielentscheidend heraus. Harari sieht das als Beweis für Kreativität und er prophezeit, dass wir uns schon bald mit einem neuen Individuum auseinandersetzen müssen, nämlich der KI. Darüber lässt sich trefflich diskutieren – dass KI unsere Zukunft bestimmen wird, steht freilich schon jetzt fest.
Davor beschreibt Harari allerdings sehr anschaulich, dass viele Entwicklungen der Menschheit ohne Informationsnetzwerke gar nicht möglich gewesen wären. Aber mehr Information ist nicht gleich mehr Wahrheit, warnt er mehrmals. Erst die Schrift hat größere Gesellschaften möglich gemacht, weil sie Ordnung herstellen konnte. Nur durch schriftliche Dokumente ließen sich Gesetze für alle durchsetzen. Aber bekanntlich schafft die Bürokratie auch Schubladen, in denen die Wirklichkeit oder gar die Wahrheit erst gezwängt werden muss. Zwar habe etwa der Buchdruck und die Verbreitung von Information moderne Wissenschaft erst möglich gemacht, doch ein erster und größter Buchbestseller war der berüchtigte „Hexenhammer“ – ein Werk zum Aufspüren und zur Folterung von Hexen. Ohne Massenmedien sind große demokratische Staaten nicht denkbar – das Volk muss ja entscheiden können, was oder wen es wählt. Aber die modernen Technologien wie Telefon und Radio ermöglichen auch erstmals die totalitäre Überwachung aller Bürger. Wichtig für die Wissenschaft und für Demokratien ist dabei immer eine funktionierende Fehlerkultur. Diktatoren machen bekanntlich keine Fehler, sie können einfach niemals zugeben, dass sie sich irren.
Was Harari schafft, ist den jetzigen Stand der Diskussion zu formulieren und zu zeigen, wo unsere Kontrollsysteme versagen. Soziale Medien haben bekanntlich die Tendenz, Hass und Verschwörungstheorien zu stärken – denn ihre Algorithmen zielen auf Aufmerksamkeit und schlechte Nachrichten sind in der Medienwelt immer die besten Nachrichten. Nachdem die US-Regierung schon vor 2000 Soziale Medien von der Verantwortung für ihre von Usern generierten Beiträge freisprach (ganz im Gegensatz zu allen anderen Medien, die jederzeit geklagt werden können, wenn sie mit ihren Berichten jemanden schaden), kann sie jetzt niemand mehr in Zaun halten. Einer der größten politischen Fehler der letzten Jahrzehnte.
Die rasante Entwicklung der KI lässt nun nichtmenschliche, anorganische Akteure entstehen, denen wir uns in Zukunft gegenübersehen werden. Was aber passiert erst, wenn wir einer viel mächtigeren KI freien Lauf lassen? Und vielleicht noch viel dringender: KI ist das ideale Werkzeug für totalitäre Staaten. Was Stalin und Hitler versuchten, aber nicht geschafft haben – die komplette Überwachung aller Bürger – ist heute machbar. Man braucht sich nur die Entwicklung des Sozialkreditwesens in China ansehen. Wer nicht funktioniert, dem werden alle Grundlagen für ein angenehmeres Leben entzogen.
Aber ist eine KI wirklich kreativ? AlphaGO mag einen für Menschen unmöglich zu findenden neuen Zug geschafft haben, aber ist es kreativ, hunderte oder tausende Züge vorauszuberechnen? Sicher, eine KI kann schon heute Texte schreiben, die Menschen nicht mehr von „natürlich“ entstandenen Texten unterscheiden können. Und gewiss erscheint auch schon heute viel Mittelmaß auf dem Buchmarkt – aber pro Jahr eben auch eine Handvoll wirklich beglückender Bücher, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie eine KI jemals zustande bringen könnte.
Yuval Noah Harari: „Nexus“ Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Andreas Wirthensohn Penguin Verlag 656 Seiten 28,99 €
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/10/NexusBB.png11001800Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-10-08 13:28:552024-10-17 09:47:12Eine Geschichte der Information und die neue Macht KI – Yuval Noah Hararis „Nexus“ wird heiß diskutiert
Er spielt sie alle: den Erzähler, den reichen US-Industriellen, den Schachweltmeister, den Freund und nicht zuletzt die beiden ich des Dr. B – Nils Strunk ist tatsächlich ein Einmann-Theater und nebenbei auch noch Klavierspieler. Gemeinsam mit Lukas Schrenk, der die Musik gestaltete und mit dem er auch schon die Erfolgsproduktion „Die Zauberflöte“ gemacht hatte, zaubert er aus Stefan Zweigs „Schachnovelle“ einen sehr unterhaltsamen Abend zu einem sehr traurigen Thema. Bekanntlich geht es in Zweigs Werk ja um einen von der Gestapo gefolterten Anwalt, der die Isolationshaft nur dadurch übersteht, dass er gegen sich selbst Schach spielt und damit natürlich nachhaltig seine geistige Gesundheit gefährdet. Dramatisch aufgeladen spielt das Geschehen auf einem Ozeandampfer auf der Fahrt von New York nach Buenos Aires, auf dem das entkommene Opfer gegen einen intellektuell bescheidenen Schachweltmeister antreten soll.
Im Burgtheater wird dieser spannende, wenngleich nicht wirklich klischeefreie Stoff von viel Musik – Schlager, Swing, Jazz und Wiener Walzer – von Live-Musik (Martin Ptak, Hans Wagner, Jörg Mikula) kongenial begleitet. Das Publikum ist dabei vom ersten Augenblick an fasziniert. Strunk ist Entertainer im besten Sinne und er vermag zu beweisen, was Erzählen auch im digitalen Zeitalter noch vermag, nämlich Menschen mit einer Story zu fesseln. Am Ende gab es frenetischen Applaus samt Standing Ovations – meine Smartwatsch warnte mich – erstmals bei einer Premiere –, vor einer zu lauten Umgebung. Das Burgtheater hat zweifelsohne wieder einen Hit.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/10/SchachnovelleBB.png11001800Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-10-04 07:07:002024-10-03 12:42:33Stefan Zweigs „Schachnovelle“ in einer sehr musikalischen Fassung von Nils Strunk und Lukas Schrenk am Burgtheater
Ein Mann, der sich für Jesus hält und Gottvater sucht, eine Greisin, die klüger ist als der Primar, eine junge Wut-Patientin und Dimsch, der mit seinem verstorbenen Freund redet – im Pavillon 44 kommen nur die interessantesten Fälle des psychiatrischen Krankenhauses, denn Primarius Lobell hat schon lange „Narrenfreiheit“, weil er ein persönlicher Freund des Wiener Bürgermeisters ist. Dabei ist er selbst seit Jahren von Psychopharmaka abhängig. Als sich Jesus und Dimsch für einen Tag aus dem Krankenhaus verdrücken, droht das System zusammenzubrechen – zumal Lobell gerade an diesem Tag vom Bürgermeister in einem Beisl mit Wein abgefüllt wird.
In Thomas Sautners opulenten Roman „Pavillon 44“ wird Steinhof und eigentlich ganz Wien zu einem psychologischen Grenzfall. Der in Wien und Niederösterreich lebende Autor psychologisiert sogar den eigenen Stand, indem er eine Schriftstellerin dort einquartiert, die für ihre Arbeit recherchiert und die natürlich selbst bald professionelle Hilfe zu brauchen scheint.
Das ist alles sehr unterhaltsam, wenngleich nicht immer originell. Sautner scheint bisweilen selbstverliebt in seinen Erzählstil. Aber er geht auch sehr sorgfältig mit seinem Personal um. Sogar der Busfahrer, der die Ausreißer in die City bringt, wird von Sautner liebevoll porträtiert. Und bei der Diskussion was denn eigentlich normal und was psychisch krank ist kann sich der Autor voll entfalten. In langen Spaziergängen um die eindrucksvolle Kirche am Steinhof von Otto Wagner diskutieren der Primar und die Schriftstellerin über Gott und die Welt. Auch ein karrieresüchtiger junger Nebenbuhler von Lobell, der alles mit Psychopharmaka für heilbar hält, darf nicht fehlen. Ein quasi philosophischer Roman für einige vergnügliche Lesestunden.
Thomas Sautner liest am 8. Oktober, 19 Uhr, in der Buchhandlung Seeseiten in der Seestadt aus seinem Roman.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/10/PavillonBB.png11001800Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-10-04 07:00:002024-10-03 12:40:41In Steinhof stellt man sich Fragen über das Leben – Thomas Sautners „Pavillon 44“
Zwei Tage vor der Nationalratswahl hatte im Schauspielhaus ein Stück Premiere, das sich konkret mit der politischen Stimmung in Österreich beschäftigt. Das Schauspielhaus Graz und das Schauspielhaus Wien baten den 1986 in Oberösterreich geborenen Dramatiker Thomas Köck, literarisch auf die Innenpolitik des Landes zu reagieren. Herausgekommen ist mit „Chronik der laufenden Entgleisungen“ eine Art Tagebuch, in dem der Autor versuchte, das speziell Österreichische am globalen Rechtsruck zu reflektieren. Österreich als Avantgarde des Nazismus sollte man vielleicht unter UNO-Mandat stellen und Menschen, die hier einreisen wollen, klar vor den Gefahren warnen ist etwa eine seiner Überlegungen. Dabei beginnt Köck durchaus persönlich, indem er von seiner Biografie und seiner Familie aus Arbeitern berichtet. Seiner Mutter riet die Gymnasiallehrerin, ihn sofort von der Schule zu nehmen, weil der Bub einfach nicht in die bürgerliche Klasse passe. Überhaupt wundert sich der Autor durchaus zurecht, dass soziale Zugehörigkeit heutzutage nicht mehr wichtig ist. Die Arbeiterklasse scheint verschwunden, es gibt nur noch das anonyme Volk.
Die Regisseurin Marie Bues hat den Text geschickt in 6 Personen aufgespaltet. In rot-weiß-roten Adidas-Trainingsanzügen sind sie im „Haus Österreich“ immer in Bewegung, ein Kubus strukturiert den Raum, auf den mit Leinwänden umspannten Wänden können auch Bilder projiziert werden. Dazu gibt es rhythmisierte Live-Musik von Lila-Zoé Krauß, die selbst ab und zu Texte spricht. Otiti Engelhardt, Kaspar Locher, Sophia Löffler, Karola Niederhuber, Mervan Ürkmez und Tala Al-Deen agieren mit maximaler Präsenz. Ein starker Abend zwischen Rechtsradikalen-Polizeieinsätzen (natürlich in Oberösterreich) und der MacDonalds-Empfehlung des Kanzlers, der leider wenig Hoffnung auf einen Wahlausgang macht, der Österreich weiterbringen könnte.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/09/1725903864811-scaled.jpg17072560Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-09-27 09:54:022024-10-17 09:47:50Thomas Köcks „Chronik der laufenden Entgleisungen“ im Schauspielhaus Wien
Salim wächst in armen, aber stabilen Familienverhältnissen in Sansibar auf – er besucht die Schule und die Koranschule. Da verlässt plötzlich sein Vater das Haus ohne Erklärung, während sein Onkel Amir im Gefängnis ist und Salims schöne Mutter öfters nachmittags verschwindet. Niemand klärt Salim auf, was wirklich vor sich geht. Und das macht auch die Spannung dieses Romans aus. Erst am Ende, als die Mutter bereits gestorben ist, klärt Salims Vater – Baba – auf.
Salim ist auch der Erzähler der Geschichte. Wir folgen ihm zu seinem Studium und seinem Leben in London, wo er auch puren Rassismus erleben muss. Ausgerechnet eine aus Indien stammende Frau nennt ihn vor der Salim liebenden Tochter einen „muslimischen Nigger“. Doch Salim findet in London auch viele Freunde – die meisten sind wie er Einwanderer aus allen Teilen der Welt.
Abdulrazak Gurnah, 1948 in Sansibar, das heute zu Tansania gehört, geboren, erhielt 2021 den Nobelpreis für Literatur. Zu diesem Zeitpunkt war keiner seiner fünf in die deutsche Sprache übersetzten Titel mehr im Buchhandel verfügbar. Gurnah ist ein großartiger Erzähler, der in einer schnörkellosen Sprache die Hoffnungen und Ängste seiner Protagonisten vermitteln kann. Er lebt wie Salim in England und war lange Zeit Professor an der Universität in Kent.
In „Das versteinerte Herz“ (2017 im Original erschienen) erfährt man viel über das Leben in Sansibar und das eines Migranten in London. In seiner Heimat herrschen korrupte Politiker, das Volk wird durch staatlichen Terror in Abhängigkeit gehalten. In London erlebt Salim die Zeit des Balkankriegs und 9/11 – Misstrauen überall. Aber der Roman ist trotz des drückenden Geheimnisses kein Buch der Trauer. Salim muss seinen Weg finden, er ist einsam, findet aber immer wieder auch Menschen, die ihn aufheitern. Am Ende korrespondiert die Familiengeschichte mit Shakespeares „Maß um Maß“, in dem eine junge Frau ihren geliebten Bruder retten will und mit dem Mann schlafen soll, der ihn zum Tode verurteilt hat. Es geht um Schande und Liebe, Opfer und Enttäuschung – große Literatur!
Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann brachte aus Köln seine bejubelte Neufassung von Molières „Der eingebildete Kranke“ (durch Plinio Bachmann und die Dramaturgin Barbara Sommer) mit und adaptierte sie für das Akademietheater. Da Regina Fritsch erkrankt war, musste Rosa Enskat einspringen, die schon in Köln die Titelrolle gespielt hatte. Und überhaupt sind fast alle Figuren konträr zu ihrem Geschlecht besetzt. Das bringt diesmal aber sogar besonderen Witz ins extrem kurzweilige Spiel (ein wehleidiger Mann wäre wohl ja gar zu realistisch…). In nur 100 Minuten erleben wir einen Molière in aktueller Sprache – ja eher in Parodie derselben, denn Bachmann bringt an dem Abend jede Menge Seitenhiebe auf heutige Modetrends wie politisch korrekte Sprechweise, auf Wissenschaftsgläubigkeit und Esoterikklimbim sowie sogar auf das Patriachat unter. Als die Produktion 2022 gespielt wurde, war Corona noch nicht verklungen, die harsche Kritik an der geldgierigen Ärzteschaft, die in diesem Stück angelegt ist, also nochmals brisanter. Aber wieder einmal erweist sich Molières Satire als zeitlos. Und das wunderbare Ensemble (Paul Basonga, Lola Klamroth, Melanie Kretschmann, Barbara Petritsch, Justus Maier, Tilman Tuppy und Ernest Allan Hausmann) weiß die Pointen zu setzen. Dafür braucht man fast kein Bühnenbild, eine Chaiselongue und einen Kübel zur Entleerung von Argans Darm, reichen. Dabei geigt allerdings – das darf auch nicht vergessen werden – eine auf Tod geschminkte Spielerin nachdenklich machende Musik.
Ich muss zugeben, Virginie Despentes Roman „Liebes Arschloch“ habe ich im Vorjahr nach wenigen Seiten wieder weggelegt. Warum ein Buch über einen Aufreger in den Sozialen Netzen lesen – so plump sollte Literatur nicht sein. Jetzt also auf der großen Bühne. Der deutsche Regisseur Stephan Kimmig breitet die Vorwürfe und persönlichen Tragödien von nur drei Beteiligten – einen zu Selbstmitleid verkommenen Literaten, eine in die Jahre gekommene Schauspielerin und eine wütende junge Feministin – auf fast drei Stunden (mit Pause) aus. Das macht er teilweise auch sehr unterhaltend – vor allem weil die drei Darsteller – Birgit Unterweger als Diva, Paul Grill als sie anfangs beleidigender Schriftsteller und Irem Gökçen als seine Verlagsassistentin, die sich vor Jahren seiner sexuellen Belästigungen fast nicht erwehren konnte. Mit der Zeit ist es aber dann doch wie immer in den Sozialen Medien – es wird trotz der vielen Themen, die durchs Dorf getrieben werden – #metoo, Corona, Feminismus, Patriarchat, Hass im Netz und Alkohol- und Drogenmissbrauch – schnell langweilig. Dazu die üblichen Ingredienzien heutiger Inszenierungen. Es wird live auf die Leinwand übertragen, dazu viel – gute – Pop-Musik und die Drehbühne lässt munter zwischen den angedeuteten Wohnungen der Schauspielerin und des Literaten wechseln. Manchmal kommen sich die beiden sogar näher und tanzen zaghaft miteinander, man weiß freilich, dass sie sich nur schreiben, wenngleich gerade in diesen Szenen ihre große Einsamkeit spürbar wird. Aber vielleicht ist das ja das Problem heute: wir haben uns viel zu sagen, sprechen aber nicht mehr direkt miteinander.
Der Vater gehörte zu jenen Unglücklichen, die nach der Zerschlagung der Demokratie durch die Austrofaschisten unter Dollfuß aus Wien nach Moskau geflohen waren, um dort in die Fänge des Diktators Stalin zu geraten. Karl wandert in den Gulag und kommt erst 1953 nach Wien zurück. Mit einer russischen Frau und de facto heimatlos, denn auch Deutsch spricht er nur noch schlecht. Dafür findet er immer wieder junge Frauen, die ihn heiraten. Die beiden Töchter parkt er zwischendurch in Waisenheimen – das scheint nicht nur heute ziemlich grausam. Und diesen beiden Töchtern – Lara und Lund – widmet Ljuba Arnautović, 1954 in Kursk geboren und seit 1987 in Wien lebend, im dritten Teil ihrer autobiografisch geprägten Trilogie ihr Hauptaugenmerk. Die Jüngere wächst in Wien auf, die Ältere gutbürgerlich in München. Die Jüngere wäre fast am Praterstrich verkommen, die Ältere wird von der Alternativszene geprägt. Sie bleiben aber mittels Briefe miteinander verbunden und finden als Erwachsene wieder zueinander. Arnautović erzählt eher nüchtern, wenngleich nicht chronologisch – die Ereignisse sprechen aber auch für sich. Nur ein schmaler Roman, aber trotzdem können wir die schwierigen Verhältnisse, in denen die Figuren – etwa auch Karls erste russische Frau in Wien – gut nachempfinden. Ein berührendes Buch.
https://wienlive.at/wp-content/uploads/2024/09/ToechterBB.png11001800Helmut Schneiderhttps://wienlive.at/wp-content/uploads/2021/03/Bildschirmfoto-2020-04-15-um-14.31.27-1-300x138.pngHelmut Schneider2024-09-20 08:22:482024-09-20 09:42:17Aufwachsen in Wien und München – Ljuba Arnautovićs bewegender Roman „Erste Töchter“