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Buchtipp – Marente de Moor, Phon

In den verlassenen Wäldern Russlands


Helmut Schneiders Buchtipp diese Woche: Marente de Moors Roman „Phon“.


So geht zoologische Forschung wohl eher nicht. Als die Sowjetunion zerfällt und die Gegend um die Station nicht weit von Lettland entfernt sich nach dem Niedergang einer Batteriefabrik entvölkert, nimmt das Forscherpaar Nadja und Lew Praktikantinnen und Praktikanten auf, die ihnen für viele Dollars die Drecksarbeit machen sollen. Russische Waldromantik inbegriffen. Am besten geht das Geschäft, wenn sie verwaiste Bärenjunge aufziehen, die ihnen ein örtlicher Krimineller zuverlässig liefert. Dass dafür die Bärenmutter abgeknallt werden muss, wollen sie nicht so genau wissen.

Im Roman „Phon“ erzählt das alles Nadja völlig illusionslos, aber keineswegs unpoetisch im Rückblick. Wir schreiben inzwischen 2016 und Lew wird mehr und mehr dement. Er hört ohrenbetäubend laute Geräusche am Himmel – oder gibt es die wirklich?

Doch das Unglück hat natürlich schon viel früher begonnen. Etwa als Nadja erkennen muss, dass Lew auch von anderen Frauen attraktiv gefunden wird und deren Wünschen nicht abgeneigt ist. Sie tröstet sich mit reichlich Wodka. Und dann gerät auch noch die von ihr vergötterte Tochter in St. Petersburg ins Drogenmilieu, während der phantasielose Sohn nach dem Militärdienst Geschäfte mit der Mafia organisiert. Am Ende passiert auch noch ein schlimmer Unfall mit einem Bärenjungen – ausgerechnet als eine Niederländerin, die Lem schöne Augen macht, da ist.

Die 1972 geborene niederländische Schriftstellerin Marente de Moor – Tochter der Erfolgsautorin Margriet de Moor – lebte nach dem Studium als Korrespondentin für niederländische und russische Medien in St. Petersburg. Längst hat sie sich aber als Autorin etabliert, ihr voriger Roman „Aus dem Licht“ wurde viel gelobt.

„Phon“ liest sich nun streckenweise wie eine realistische Dystopie, doch Erzählerin Nadja kann durchaus einen oft bitteren Humor anbieten, der das Düstere dann wieder interessant macht. Außerdem weiß man nie, ob sie sich Geschichten einfach zurechterzählt, wie das das gute Recht jeder Erzählerin ist. Da kommt etwa ab und zu ein Pope zu ihr, um Essen und Wodka abzustauben, die Stromrechnung ist astronomisch obwohl man außer für die Wasserpumpe kaum etwas braucht und sogar die zwei Polizisten, die bei ihr nachschauen als sie den kurzfristig einmal verschwundenen Lem sucht, haben etwas Unwirkliches. Ein Roman aus der Wildnis.


Marente de Moor – „Phon“ liest sich streckenweise als Dystopie, doch Erzählerin Nadja macht das Düstere durch bitteren Humor interessant.

Marente de Moor: Phon
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Hanser Verlag
336 Seiten
ISBN: 978-3-446-27081-7
€ 24,70

Buchtipp: Stephan Thome, Spielball der Mächte

Spielball der Mächte


Stephan Thomes Familienroman „Pflaumenregen“ im Buchtipp von Helmut Schneider.


Über Taiwan wissen die meisten nur, dass es gerade wieder massiv von China beansprucht wird und jene Insel ist, auf die sich der Diktator Chiang Kai-Shek nach seiner Niederlage gegen Mao zurückgezogen hat. Erst 1987 wurde der Ausnahmezustand beendet, erste freie Wahlen gibt es seit 1996. Taiwan ist nicht einmal halb so groß wie Österreich, hat aber fast 24 Millionen Einwohner.

Der immer wieder auch in Taipeh lebende deutsche Schriftsteller Stephan Thome legt nun einen Familienroman vor, der uns die wechselvolle Geschichte Taiwans nahebringt. In „Pflaumenregen“ ist die Insel zunächst noch fest in japanischer Hand, denn erst die Niederlage Japans im 2. Weltkrieg beendete die 50jährige Herrschaft des Tennō. Hauptfigur ist die kleine Umeko, die alles Japanische und ihren Bruder, den Baseball-Star der Schule, verehrt. Die Idylle – ihr Vater arbeitet gut bezahlt als Personalchef der Goldmine – bekommt Risse, als im Krieg die ersten englischen und amerikanischen Gefangenen eintreffen, die als Zwangsarbeiter schuften müssen. Man glaubt aber noch an einen schnellen Sieg Japans und die Feinde werden als Teufel dargestellt, vor denen man sich fürchten muss. Wenige Jahre später werden die Amerikaner als Befreier begrüßt, aber letztendlich kommen die Festlandchinesen und richten 1947 ein Massaker unter der einheimischen Bevölkerung an. Die neuen Feinde werden schließlich die Kommunisten, die meist nur als Banditen bezeichnet werden. In diesen politischen Verwerfungen ist es fast unmöglich, sich aus der Politik rauszuhalten wie es Umekos Vater versucht. Umeko muss jetzt einen chinesischen Namen tragen und wiederum die Sprache der Besatzer lernen und ihr Bruder, der nur harmlos mit ein paar Mitstudenten über Bücher reden wollte, wird verhaftet und zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Sehr viele andere verschwinden einfach von einem Tag auf den anderen.

Thome hat geschickt die Story in eine zweite Handlung integriert, die heute spielt. Umeko ist jetzt eine Greisin und ihr in den USA lebender Sohn Harry plus Enkel Paul besuchen sie zu ihrem Geburtstag. Harry ist Historiker und überlegt, eine Familiengeschichte zu schreiben. Positiv fällt auf, dass in diesem Buch fast alle Figuren ihre Licht- und Schattenseiten haben. Selbst Umeko hat als übereifriges propagandagläubiges Mädchen einen Obdachlosen angeschwärzt. Auch Fremdherrschaft wird nicht undifferenziert verteufelt – die Japaner brachten sehr viel Kultur und Stabilität auf die Insel, die sie wirtschaftlich natürlich ausbeuteten. „Pflaumenregen“ ist ein wunderbar nuancierter Familienroman, der nicht nur spannend zu lesen ist, sondern uns viel über die Machtverhältnisse in Asien erzählt.


Stephan Thome: Pflaumenregen
Suhrkamp Verlag
524 Seiten
ISBN: 978-3-518-43011-8
€ 25,95

Buchtipp: Johanna Adorján, Ciao

Alter, weißer Mann in Nöten


Helmut Schneiders Buchtipp: Johanna Adorjáns Journalismussatire „Ciao“ über einen alten, weißen Mann in Nöten.


Früher nannte man Journalisten wie ihn „Edelfeder“, heute kämpft Hans Benedek – im Feuilleton einer großen deutschen Zeitung angestellt – mit von der Geschäftsstelle abgelehnten Mittagessenabrechnungen, plötzlichen Fallstricken wie kulturelle Aneignung und dem Gendern. Da bringt ihn seine Frau, die vor Jahren einen Lyrikband mit dem Titel „Frau mit Hut“ geschrieben hat, auf die Idee, einmal etwas über eine junge Influencerin und Feminist*in zu schreiben. Kann ja nicht schaden, einmal in der Redaktionskonferenz ein neues, cooles Thema vorzuschlagen statt dauernd über Andy-Warhol-Ausstellungen zu schreiben. Aber dort wird er – schließlich ist das ein Frauenthema – schon dazu angehalten, seine Praktikantin Niki mitzunehmen mit der er freilich sowieso ein Verhältnis hat. Dass das schief gehen muss, weiß man natürlich da schon, die Spannung dieser Satire besteht darin, herauszufinden wie.

ABSCHIED

Johanna Adorján, 1971 in Stockholm geboren und in München aufgewachsen, weiß wovon sie schreibt, denn sie arbeitet seit Jahrzehnten im deutschen Journalismus. Die Schilderungen von Sitzungen und den Sparmaßnahmen in der Branche wirken auch durchaus real und machen einen Gutteil des Vergnügens aus, dieses Buch zu lesen. Sie schafft es auch, Verständnis für ihre Figuren aufzubringen – Hans und die Influencerin Xandi Lochner kommen übrigens aus Österreich, ein dezenter Hinweis auf eine von manchen deutschen Kollegen als störend empfundene kulturelle Aneignung. Zwar desavouiert die auch nicht so wirklich sympathisch gezeichnete Xandi dann mit Killerinstinkt noch vor dem Treffen mit Hans einen alternden deutschen Talkmeister vor laufender Kamera, der Fauxpas den Hans begeht, ist allerdings nicht so groß. Statt ein sachlich professionelles Gespräch mit ihr zu führen, landen beide nach einem Barbesuch in seinem Hotelzimmer, viel mehr als ein – durchaus von beiden gewollter – Kuss passiert dort aber nicht. Trotzdem findet sich Hans danach auf Instagram wieder und versteht die Welt nicht mehr. Der Titel des Buches „Ciao“ verweist auf das Abschiednehmen von einer Welt, in der alles noch einfacher war.


Johanna Adorján: Ciao
Kiepenheuer & Witsch
270 Seiten
€ 20,60
ISBN: 978-3-462-00171-6

Buchtipp – Hubert Mingarelli, Ein Notizbuch

Kleine Leute im Krieg


Helmut Schneiders Buchtipp: Hubert Mingarellis „Ein Notizbuch“.


Hubert Mingarelli ist bei uns weitgehend unbekannt. Der 1956 geborene und 2020 verstorbene französische Schriftsteller gewann mit seinen wirklich außergewöhnlichen Büchern zwar viele Preise, einen Bestseller hat er aber nicht hinterlassen, zumal nur vier Romane Zeit seines Lebens erschienen. Sein Thema war der einfache Mann, der im Krieg zu überleben versucht. Als 17jähriger war er selbst zur Marine gegangen und wurde dabei auch Zeuge der letzten französischen Atomtests. Dass er schließlich noch nicht sehr alt an Krebs verstarb, könnte man damit natürlich in Zusammenhang bringen.

PREISGEKRÖNT

Der Roman „Ein Notizbuch“ erschien 2004 unter dem Titel „Quatre soldats“ und gewann den renommierten Prix Médicis. Der deutsche ars vivendi verlag bringt Mingarellis Werk jetzt in sehr ansprechenden Ausgaben heraus. Mingarelli erzählt in „Ein Notizbuch“ wie vier durch Zufall zusammengewürfelte Soldaten den russischen Bürgerkrieg 1919 erleben. Die meiste Zeit über gibt es keine direkten Kriegshandlungen. Sie marschieren endlos dahin und müssen dann einen ganzen langen Winter auf weitere Befehle warten. Also bauen sie sich einen Unterstand und vertreiben sich die Zeit mit Würfelspiel und Neckereien. Jeder einzelne hat seine Stärken und Schwächen und sie wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind und gemeinsam mehr Chancen haben, aus dem Schlamassel herauszukommen. Durch die lange Zeit fast friedliche Situation lässt sich die Sinnlosigkeit des Krieges noch stärker erfahren. Und die ungekünstelte Sprache dieses Romans entfaltet eine maximale Wirkung. Wer ein Buch dieses Autors gelesen hat, möchte sofort mit seinen anderen Werken weitermachen. 


Hubert Mingarelli: Ein Notizbuch
Aus dem Französischen von Elmar Tannert
Ars vivendi verlag
174 Seiten
€ 18,90
ISBN: 978-3-7472-0318-7

Buchtipp – Phil Klay, Den Sturm ernten

Das Gesicht des modernen Krieges


Phil Klay und sein Kolumbien-Roman „Den Sturm ernten“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Der klägliche Rückzug der Amerikaner aus Afghanistan wurde jetzt täglich berichtet und kommentiert. Wie sich dieser Krieg tatsächlich angefühlt hat, davon bekommt man nach der Lektüre von Phil Klays Roman „Den Sturm ernten“ zumindest ein Gefühl, denn das Thema des US-Amerikaners ist die moderne, hochtechnologische Kriegsführung mit Kriegsmaterial aus aller Welt – eingesetzt in Staaten, die kaum ihre Bürger ernähren geschweige denn ausbilden können. Klay war selbst US-Marine und wurde 2014 mit seinem Kurzgeschichtenband „Wir erschossen auch Hunde“ berühmt. Der Mann weiß also, wovon er erzählt, aber eben nicht nur das: „Den Sturm ernten“ ist ein packender Roman, emotional aufgeladen, aber ziemlich unkitschig erzählt. Zynismus klingt nur manchmal an, etwa wenn er berichtet, wie viel hochtechnisches Know-How, Präzision und internationale Militärtechnologie nötig ist, um ein paar Menschen zu töten, die nicht einmal eine Glühbirne zusammenbauen könnten.

Im ersten Teil lässt Klay seine vier Hauptpersonen – einen kolumbianischen Militär, eine amerikanische Kriegsreporterin, einen US-Elite-Soldaten und einen zum Paramilitär gezwungenen Jungen auf verschiedenen Zeitebenen in der Ich-Form erzählen. Im zweiten Teil wird dann auktorial von einem Zwischenfall kurz vor der Abstimmung über den Friedenvertrag mit den Farc-Rebellen 2016 berichtet. War die Lage im Irak und in Afghanistan schon kompliziert, ist sie in Kolumbien bereits seit den 60er-Jahren völlig unübersichtlich. Die arme Landbevölkerung wird sowohl von den Rebellen, als auch von den Paramilitärs geschunden und ausgebeutet. Das Militär ist selbst korrupt und überhaupt nicht in der Lage, einzelne Gebiete zu befrieden. Dazu kommen natürlich auch noch die spätestens durch die Netflix-Serie berühmt gewordenen Narcos, die vielfach die einzige Einnahmequelle für die Bauern – den Coca-Anbau – garantieren. Die USA unterstützen großzügig die Militärs, vor allem mit Hochtechnologie, bilden Kampftruppen aus aber legen großen Wert darauf, selbst keine Menschen zu töten. Klay schildert das Schlamassel eindrucksvoll aus der Sicht eines Jungen, der seine Familie verliert und dann völlig mittellos vor der Entscheidung steht, für die Mörder seiner Eltern zu arbeiten oder umgebracht zu werden.

Der Hauptplot dreht sich dann allerdings um die quasi ungeplante Entführung der Reporterin, die eine Kettenreaktion auslöst. Ein widerlicher Konflikt, bei dem es keine Sieger geben kann und bei dem aber auf jeden Fall immer die Armen verlieren. Fürsie ist es egal, wer sie unterdrückt, Ungerechtigkeiten sind sie seit Jahrzehnten gewohnt, Hauptsache es herrscht eine minimale Ordnung, denn in der Anarchie sterben noch mehr Menschen. Thomas Hobbes „Leviathan“ lässt grüßen. Klay schafft es in diesem wirklich lesenswerten Roman, sogar noch für den größten Verbrecher ein bisschen Empathie aufzubringen. Sein Feind sind wohl jene Staaten – und das sind fast alle –, die die tödlichsten Waffen an Länder ausliefern, die keinen Gedanken an Menschenrechte verschwenden.


Phil Klay: „Den Sturm ernten“. Aus dem Englischen von Hannes Meyer, Suhrkamp
496 Seiten, € 25,70
ISBN: 978-3-518-43003-3

Buchtipp – Antje Rá, Blaue Frau

Der Roman, der den Deutschen Buchpreis gewann


Der Roman, der den Deutschen Buchpreis gewann – Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Harrachov im tschechischen Riesengebirge, Berlin, ein deutsches Nest an der Grenze zu Polen und Helsinki – das sind die Schauplätze an denen die 1974 in Potsdam geborene Autorin Antje Rávik Strubel ihre Protagonistin mit mehreren Namen – Adina, Sala und im Netz nennt sie sich „Letzter Mohikaner“ – schickt. So richtig wohl fühlt sie sich am ehesten noch im Berlin, wo sie freilich eine Fotografin kennenlernt, die sie in die feministische Bohéme einführt, sie ziemlich sicher aber auch verführen will. Schon in ihrem tschechischen Heimatort wurde Adina im Job beim Aprés Ski von deutschen Schifahrern belästigt, weil sie Minderjährigen keinen Alkohol ausschenken wollte. Ihr Martyrium, um das das ganze Buch kreist, erlebt sie dann auf einem deutschen Schloss mitten im Wald, wo sie vom Besitzer an einen Investor als Sexgefährtin zugespielt, vergewaltigt und dann auch noch eingesperrt wird. Sie flieht nach Helsinki und geht eine eher lockere Beziehung zu einem estnischen EU-Abgeordneten ein, der sich für Menschenrechte einsetzt. Aber erst bei einem zufälligen Treffen mit einer finnischen Aktivistin, als sie ausgerechnet ihren Peiniger bei einer Feier im Rathaus wiedersieht, gewinnt sie den Mut, den es braucht, um das an ihr begangene Verbrechen anzuzeigen. Aber hat sie auch nur die leiseste Chance, vor Gericht zu gewinnen? Ohne Zeugen und ein Jahr später könnte sie bald selbst als Täterin angeklagt werden. Und dann soll ihr Vergewaltiger auch noch einen Preis für Menschenrechte bekommen…

Ein fast klassischer #MeToo-Fall, könnte man meinen. Aber Strubel berichtet den Missbrauch und die Folgen eher indirekt indem sie zeigt, was Gewalt an Menschen anrichtet. Adina fällt es nach der Vergewaltigung natürlich schwer, ein normales Leben zu führen. Sie verkriecht sich in einem Plattenbau in Helsinki, wo sie kaum mehr vor die Tür geht. Und jedes Kapitel wird von einem Dialog mit der „Blauen Frau“ beschlossen, die am Strand auftaucht und keine Fragen beantwortet. Die innere Stimme der Autorin oder ihrer Protagonistin?

Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“ ist kein Buch, das man so nebenbei lesen könnte. Es empfiehlt sich dringend dran zu bleiben, da man sonst leicht den Faden verliert. Die Stärken dieses Romans liegen an der versuchten Spiegelung des inneren Zustandes eines Missbrauchsopfers. Manchmal würde man sich freilich wünschen, die Autorin hätte uns einen direkteren Kontakt zu ihren Figuren gegönnt.


Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“, S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397101-9
428 Seiten, € 24,70

Buchtipp: Natascha Wodin, Nastjas Tränen

Die Geschichte einer Putzhilfe


Natascha Wodins berührendes Porträt einer ukrainischen Migrantin im Deutschland der 90er-Jahre. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Natascha Wodin, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Bayern geboren, ist spätestens seit ihrem Romanerfolg „Sie kam aus Mariupol“ – die Geschichte ihrer frühverstorbenen Mutter – auch hierzulande bekannt. 1992 zog sie von Nürnberg nach Berlin und brauchte da, weil ihr Rücken ramponiert war, eine Hilfe. Aus der Fülle an Bewerbungen wählte sie per Zufall eine Frau aus der Ukraine aus, die ihr ungewöhnlich erschien. Froh bei jemanden zu putzen, bei dem sie Russisch sprechen konnte, öffnete sich Nastja nach langem Zögern ihrer Arbeitgeberin und erzählte ihre Lebensgeschichte. Das Ergebnis ist ein Roman, der uns die Ost-West-Historie in Europa anhand eines persönlichen Schicksals eindrucksvoll vor Augen führt.

1942 geboren und in einer Kleinstadt im Westen der Ukraine aufgewachsen, in der viele Juden lebten, erlebte Nastja auch noch die Folgen des Holocaust und des Krieges. Schlimm erging es etwa den nach Deutschland als Zwangsarbeiter verschleppten Ukrainern, die nach ihrer Rückkehr als Verräter angesehen wurden und die nirgendwo mehr eine Arbeitsstelle bekamen. Aus dem wirtschaftlichen und politischen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR reiste Nastja mit einem Touristenvisa nach Deutschland. In ihrer Heimat war sie Bauingenieurin – in Berlin jagte sie von Putzstelle zu Putzstelle und rutschte nach dem Ablauf ihres Visums geradewegs in die Illegalität. Von einem Deutschen, den sie nur zur Erlangung einer Aufenthaltsbewilligung heiratete, wurde sie nach Strich und Faden ausgenützt.

Dabei waren ihre Ansprüche stets bescheiden. Natascha Wodin verleiht mit Nastja einer der vielen Putzhilfen und Pflegekräften, die es natürlich auch in Österreich gibt und die auch bei uns oft am Rande der Illegalität leben müssen, ein Gesicht. Und so wird dieses wunderbar zu lesende Buch gerade jetzt auch politisch höchst relevant.


Natascha Wodin: Nastjas Tränen, Rowohlt
192 Seiten
€ 22,70
ISBN: 978-3-498-00260-2

Buchtipp: Angela Lehner, 2001

Aufwachsen im Tal


Aufwachsen in Tal – Wie Teenager das Jahr 2001 am Land erleben, der neue Roman von Angela Lehner. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Julia ist 15 und Hauptschülerin in einer Schule in Tal, einem fiktiven österreichischen Ort nicht sehr weit von der italienischen Grenze entfernt. Sie geht, wenn überhaupt, nur ungern zur Schule und wird dort in eine Klasse mit besonders lernunwilligen Schülerinnen und Schülern – genannt der „Restmüll“ – gesteckt. An Handlung gibt es nicht sehr viel an Dramatik – wir erleben wie Julia vom Jänner bis September mit ihren Freundinnen und Freunden abhängt, sich ihr Bruder verletzt, weil er betrunken an einer Bergwand klettert, die Rechten Menschen, die nach Ausländer oder Unangepassten ausschauen, verprügeln und Julia am Ende doch noch abwenden will, eine Klasse wiederholen zu müssen.

Wie der Titel schon klar macht, sind wir im Jahr 2001 – mit den Freiheitlichen in der Regierung, lahmem Internet und am Ende des Buches crashen dann zwei Linienmaschine in die Zwillingstürme von New York. An Freuden bietet Tal nur Wochenende-Besäufnisse sowie diverse Volksfest, bei denen noch mehr Alkohol getrunken wird. Für Julia und ihr „Rudel“ gibt es dann immerhin noch Hip-Hip – am liebsten würde sie die Schule vergessen und Rapperin werden. Und schließlich will ein karrieregeiler Lehrer die Klasse mit einem Experiment aufmischen. Alle müssen eine Figur aus der aktuellen Politik spielen und die brennenden Fragen der Zeit in deren Namen abhandeln. Soetwas kann natürlich nur schief gehen. Am Ende steuern die Konflikte zwischen dem inzwischen schon zerfallenen „Rudel“ und den Rechten auf eine große Lokalschlacht zu.

Angela Lehner wuchs in Lienz, Osttirol auf und wurde 2019 mit ihrem Debütroman „Vater unser“ über ein Geschwisterpaar im psychiatrischen Spital am Steinhof schlagartig bekannt. Das Buch stand sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Charakteristisch ist Lehners ungekünstelter Stil, auch in „2001“ gibt sie die Jugendsprache, die natürlich voll ist von politisch unkorrekten Ausdrücken wie „Mongo“, ”Homo“, „Wacher“ wieder. Aber wie sonst sollte ein von direkter Rede bestimmter Text über dieses Milieu sonst auch funktionieren? Angela Lehners „2001“ ist jedenfalls ein mutig geschriebener Roman über ein wichtiges Thema.


Angela Lehner: 2001, Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27106-7
384 Seiten
€ 24,70

Buchtipp – Colm Tóibín, Der Zauberer

Die Stimme Deutschlands


Der irische Schriftsteller Colm Tóibín und sein Thomas Mann-Roman „Der Zauberer“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Spätestens nachdem sein Auswandererroman „Brooklyn“ von John Crowley (mehrfach für den Oscar nominiert) 2015 verfilmt wurde, ist der irische Autor Colm Tóibín auch bei uns bekannt. Jetzt legt der 1955 in Enniscorthy geborene frühere Journalist eine romanhafte Biografie des wohl anerkanntesten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts vor. Im deutschen Feuilleton wurde er dafür ziemlich zerrupft. Für Leserinnen und Leser, die nicht mit der sicher tonnenschweren Literatur über Thomas Mann belastet sind, liest sich das 500 Seiten-Buch allerdings wirklich spannend und regt an, wieder einmal die großen Romane Manns wie „Der Zauberberg“, „Buddenbrooks“ und „Doktor Faustus“ oder zumindest die Novellen „Der Tod in Venedig“ und „Wälsungenblut“ zu lesen.

Wir erleben hautnah mit, wie sich der Senatorensohn in Lübeck aus reicher Unternehmerfamilie im Schatten seines längst erfolgreichen älteren Bruders Heinrich („Professor Unrat“) gegen Widerstände in seiner Familie zu dem deutschen Schriftsteller entwickelt, der – nachdem er auch noch den Nobelpreis für Literatur bekommen hat – von der ganzen Welt hofiert wird. Sogar die Nazis schmissen anfangs seine Werke noch nicht ins Feuer. Und das obwohl Thomas Mann mit einer reichen Münchner Jüdin – allerdings aus komplett unreligiöser Familie – verheiratet war und sowohl sein Bruder Heinrich als auch seine Kinder Klaus und Erika längst gegen Hitler wetterten. Dazu erleben wir die Entstehung seiner großen Romane von Beginn an mit. Es gehört zu den großen Verdiensten Tóibíns, dass er es schaffte, den im Umgang eher spröden Literaten, der zu keinen seiner sechs Kinder wirklich eine Beziehung aufbauen konnte, als Mensch verstehbar zu machen. Zwar vollführt er vor seinen Kindern gerne Zaubertricks – deshalb auch der Titel des Romans „Der Zauberer“ –, aber als Erwachsene fühlen sich alle in seiner großen Familie von ihm in Stich gelassen – vielleicht gerade weil er meist ihre Rechnungen bezahlte.

Die Familie von Thomas Mann ist freilich trotzdem immer präsent. Wir erleben mehrere Selbstmorde, die Drogensucht von Klaus Mann, seltsame Ehen – man brauchte schlicht einen englischen Pass für die Flucht – sowie die ziemlich stabile Beziehung von Thomas Mann mit seiner Frau Katia. Und viel Raum nehmen auch seine so gut es ging geheim gehaltenen homosexuellen Begierden ein, denen er sich allerdings mehr als selten tatsächlich hingab. Ab der Machtergreifung Hitlers lebten die Manns im Ausland, ab dem Krieg in den USA. Dort trafen sie mit den Roosevelts zusammen – Thomas Mann wurde, neben Einstein, die wichtigste deutsche Stimme gegen die Nazis. Wunderbar geschildert ist auch wie sich die Stimmung nach Kriegsende komplett verändert. Jetzt gilt er in den USA für manche als Kommunist und in Deutschland als Verräter, der nicht da war, als die Bomben auf die deutschen Städte fielen. Auch zeitgeschichtlich gibt diese Biografie eben einiges her.


Colm Tóibín: „Der Zauberer“, Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27089-3
556 Seiten
€ 28,80

Buchtipp – Jonathan Lethem, Anatomie eines Spielers

Anatomie eines Spielers


Berlin, Berkeley, Singapur – Jonathan Lethem zeichnet einen Gambler im Kampf mit dem Kapitalismus. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Der Amerikaner Alexander Bruno ist weltweit agierender Profispieler, freilich auf dem eher ungewöhnlichen Feld des Backgammon-Spiels. Doch seit kurzem hat er schlechte Karten, das heißt bei ihm natürlich Steine. Denn nicht nur hat er in Singapur eine Art Pechsträhne, er bemerkt in einem Auge auch einen massiven Gesichtsfeldverlust, einen schwarzen Fleck – was leider sehr wahrscheinlich auf einen Tumor hinweist. In Berlin fällt er während eines Spiels mit einem reichen Gegner in dessen Villa zusammen und landet in der Charité. Er hat inzwischen eine Wucherung im Gehirn, der nach Ansicht der deutschen Ärzte nicht operierbar ist. Allerdings soll es in San Francisco einen Neurochirurgen geben, der dem Tumor von vorne zu Leibe rückt, indem er das Gesicht „wegklappt“. So genau will man sich das gar nicht vorstellen – allein Jonathan Lethem beschreibt die Operation des Hippiearztes und Jimmy-Hendrix-Fans in aller Ausführlichkeit.

Finanziert wird Brunos zig-teure Operation von einem College-Klassenkameraden, den er zufällig in Singapur trifft und der – obschon gekleidet wie ein Obdachloser – in beider Heimatstadt Berkeley ein Immobilien- und Fastfood-Imperium aufgebaut hat. Frisch operiert wacht Bruno schließlich in Berkeley auf – geheilt, aber natürlich ziemlich entstellt und weiterhin von den Zuwendungen seines „Freundes“ abhängig. Dankbar will Bruno aber nicht sein, im Gegenteil: er schließt sich der Protestbewegung gegen die neue Ausbeutung durch das Großkapital – namentlich durch seinen Ex-Klassenkameraden an.

„Anatomie eines Spielers“ ist ein witziger, literarisch ambitionierter Noir-Krimi Jonathan Lethems, der mit seinen Brooklyn-Romanen „Die Festung der Einsamkeit“ und „Motherless Brooklyn“ (verfilmt mit  Bruce Willis, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Willem Dafoe) berühmt wurde. Inzwischen lebt er allerdings in Kalifornien. Auf den knapp 400 Seiten findet er auch Platz für einige Romanzen, denn Bruno ist sowohl von der Freundin seines Gönners als auch von einer Berlinerin angezogen. Letztere lernte er beim Privatspiel eines reichen Magnaten kennen, als sie unten ohne und oben komplett in Leder eingepackt Sandwichs servierte. Die Schrecken des Turbokapitalismus werden in dem Universitätsstädtchen Berkeley, das ja eigentlich ein Stadtteil von SF ist, anschaulich gemacht. Die völlig unakzeptable bezahlte Unterschichte hat da schön langsam die Nase voll. Eat the Rich!


Jonathan Lethem: Anatomie eines Spielers, Tropen Verlag
432 Seiten
ISBN: 978-3-608-50154-4
€ 25,90