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Thomas Manns Zauberberg – 2 Bücher zum Literatur-Jubiläum

1924 erschien Thomas Manns wohl bekanntester Roman „Der Zauberberg“. Die Geschichte des lungenkranken Hans Castorp gilt zurecht als einer der profiliertesten Romane in deutscher Sprache – ein Jahrhundertbuch und ein Abgesang auf eine Epoche, die mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs endete.

Der deutsche Autor Norman Ohler hat jetzt ein Buch über Davos geschrieben, das er selbstbewusst „Der Zauberberg, die ganze Geschichte“ nennt und etwas kokett in einer Art Rahmenhandlung als Steuerabschreibprogramm definiert. Er fährt mit Tochter und deren Freundinnen zum Schiurlaub nach Davos, wo er dann tatsächlich über die Geschichte des Ortes recherchiert. Und das ist nicht uninteressant. Ausgerechnet ein deutscher politischer Flüchtling und Arzt begründete den Ruf dieses Ortes, der Mitte des 19. Jahrhunderts noch völlig unbekannt war. Dem Arzt fiel auf, dass hier hoch in den Bergen niemand an der Geisel der Zeit – der Tuberkulose – erkrankt war. Er schaffte es, das erste Sanatorium einzurichten und bald schon kamen vor allem Gutbetuchte, um sich hier zu kurieren. Ein wissenschaftlicher Nachweis fehlte allerdings bis zuletzt. Schließlich wurde bekannt, dass Tbc von einem Bakterium ausgelöst wird. Antibiotika waren allerdings noch nicht erfunden. Ohler zeichnet die Entwicklungsstufen von Davos sehr plastisch nach, denn natürlich reagierten die Ärzte auch auf die neuen medizinischen Erkenntnisse. Nach und nach traten strenge Hygienemaßnahmen in Kraft – man war auf den Weg in eine Gesundheitsdiktatur. Das profitable Geschäft mit den Kranken blieb freilich und so manch Gesunder wurde gleich mitbehandelt. Thomas Manns Begegnung mit einem Davoser Arzt ist bekannt – der Dichter, der ja nur seine Frau besuchte, floh vor der falschen Diagnose und schrieb eben den Zauberberg. Heute ist Davos aber auch durch das Treffen der Superreichen beim World Economic Forum bekannt und unter Verschwörungstheoretikern berüchtigt. Spannend ist auch die Nazi-Geschichte des Ortes. Wilhelm Gustloff baute hier mitten in der Schweiz eine starke NS-Ortsgruppe auf, ehe er von einem jungen Juden erschossen wurde. Hitler hatte seinen ersten Märtyrer…

Während Ohler doch eher ein Sachbuch geschrieben hat, stürzt sich Heinz Strunk in die Literatur. Sein „Zauberberg 2“ spielt allerdings nicht in den Bergen, sondern in eine psychiatrische Klinik im sumpfigen Niemandsland Mecklenburg-Vorpommerns. Dort kommt sein 36 Jahre alter Unternehmer Jonas Heidbrink, um seine Angstzustände zu überwinden. Dabei ist Heidbrink in einer sozial privilegierten Situation – als reich gewordener Start-up-Unternehmer hat er mehr Geld, als er ausgeben kann. In der Klinik trifft er ein Panoptikum heutiger psychisch angeschlagener Bürger, die in diversen Therapien – von Musik, Theater, Physio – behandelt werden, die alle aber in ihrem eigenen existenziellen Saft schwimmen. Das ist eine Zeit lang ganz unterhaltsam, wirklich interessieren können die an der Nähe zur Karikatur angesiedelten Leiden und Figuren aber nicht. Die philosophischen Dispute in Manns Zauberberg verkommen zur Brabbelei. Ausgerechnet ein 80-jähriger, der sich zu seinem Geburtstag mit Hochprozentigem ins Koma säuft, kann da am ehesten noch mithalten.


Heinz Strunk: Zauberberg 2
Rowohlt, 228 Seiten, € 25

Ein Walzer soll das Land retten – Mario Vargas Llosas Roman „Die große Versuchung“ über die Musik Perus

Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist schon 88, also vielleicht ist sein aktueller Roman „Die große Versuchung“ sein letzter großer Roman. Wobei er im Nachwort noch einen Essay über Sartre ankündigt.

Toño Azpilcueta ist ein Kenner der peruanischen Volksmusik – seine Familie mit zwei Töchtern lebt freilich von den kargen Einkünften seiner Ehefrau, die sich nie beschwert. Seine Artikel in Zeitschriften bringen kaum Geld, seine Hoffnung auf eine Professur hat sich zerschlagen. Da hört er eines Abends den ungemein talentierten Gitarristen Lalo Molfino spielen und ist bezaubert. Als dieser junge Musiker dann unerwartet stirbt, beschließt er, eine Biografie zu schreiben, in der er nebenbei auch noch die komplette peruanische Volksmusikgeschichte erklären will. Ein Freund hilft ihm, die Recherchen zu finanzieren. Das Buch erscheint und hat sogar Erfolg. Doch Toño ist trotzdem unzufrieden – immer wieder erweitert er sein Buch, in dem er nichts Geringeres als die Entwicklung, ja Erlösung Perus aus dem Geist der Volksmusik und des Walzers – des Vals – propagiert.

Mario Vargas Llosa hat seinen Roman zweigeteilt – jedes zweite Kapitel ist sozusagen von Toño Azpilcuetas Buch über Lalo, der von seiner Mutter auf einer Müllhalde ausgesetzt und von einem Pfarrer gerettet wurde, übernommen. Leser bekommen also auch die Geschichte Perus mitgeliefert.

Das klappt leider nur teilweise. Zu spröde ist die Historie. Und für Toño Azpilcueta kann man sich auch nicht wirklich begeistern. Zwar erregt seine Besessenheit von seinem Thema und seine psychische Krankheit – er wähnt sich in Stresssituationen von Ratten angegriffen, die in seiner Kleidung stecken – Mitleid. Aber wirklich interessant ist die Geschichte seines Scheiterns nicht. Immerhin – wir erfahren einiges über das Alltagsleben in Lima.


Mario Vargas Llosa: Die große Versuchung
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Suhrkamp
304 Seiten
€26,00

10 Romane aus 2024, die ich für gelungen halte – Die Buchliste von Helmut Schneider

Eine subjektive Auswahl der Bücher, die ich 2024 gelesen habe.

Gaea Schoeters: Trophäe, Zsolnay
Eine Jagd in Afrika, die unter die Haut geht. Die Niederländerin stellt mit ihrer Geschichte Fragen an unsere Zivilisation. Wieviel ist ein Menschenleben im Kapitalismus wert? Ein ebenso wuchtiger wie schmaler Roman, der sich ins Gedächtnis bohrt.

Karl Ove Knausgård: Das dritte Königreich, Luchterhand
Der Norweger setzt sein Morgenstern-Romanprojekt fort und präsentiert sich als der vielleicht beste lebende Erzähler. Gespenstische Begegnungen zwischen Leben und Tod, heutige Menschen taumeln entlang der philosophischen Grundfragen.

Colson Whitehead: Die Intuitionistin, Hanser
Die erste schwarze Aufzugsinspektorin gerät in ein Spinnennetz aus Intrigen. Es geht um einen Richtungsstreit: Was funktioniert besser? – die Faktencheckerei oder Menschen, die sich in Maschinen einfühlen? Whiteheads Debütroman aus 1999 ist erschreckend aktuell.

Colm Tóibín: Long Island, Hanser
Die Fortsetzung des auch grandios verfilmten Bestsellers „Brooklyn“. Zwanzig Jahre später steht Elis wieder vor einer schweren Entscheidung zwischen ihrem Mann und ihrer Jugendliebe in der alten Heimat Irland. Grandios erzählt.

Arno Geiger: Reise nach Laredo, Hanser
Der Autor kleidet seine Untersuchung zu den menschlichen Urfragen nach dem Warum des Lebens und dem Zeitpunkt des Abschieds in ein historisches Gewand. Kaiser Karl bricht nach seiner Abdankung zu einer wundersamen Reise auf.

Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht, Suhrkamp
Im Debütroman der Kärntner Dramatikerin wirkt die Nazi-Vergangenheit bis in die 90er-Jahre nach, als ein Kärntner Politiker sich anschickt, die Bundespolitik zu verändern und sich zwei Mädchen ineinander verlieben ohne zu wissen, wie ihnen geschieht.

John Wray: Unter Wölfen, Rowohlt
Der Autor, der abwechselnd in Brooklyn und Friesach lebt, erzählt eine Geschichte von Liebe und Freundschaft aus den 80er-Jahren im Umfeld der Death-Metal-Szene, die in Norwegen gänzlich surreal wird. Realitätsverlust in diversen Blasen ist freilich hochaktuell. Wrays Roman wurde von der Kritik etwas unterschätzt.

Kurt Palm: Trockenes Feld, leykam
Der Autor sucht nach den Wurzeln seiner Familie, die aus dem ehemals deutschsprachigen Gebiet in Kroatien stammt. Unsentimental und ohne Scheuklappen wird da eine Geschichte von Vertriebenen erzählt.

Gian Marco Griffi: Die Eisenbahnen Mexikos, Claasen
Piemont in den letzten Tagen der deutschen Besetzung: Ein kleiner Eisenbahnsoldat bekommt aus Berlin den Auftrag eine Karte der Zugverbindungen Mexikos zu beschaffen und stürzt in einen skurrilen Strudel an Ereignissen. Ein Roman in der Nachfolge von Roberto Bolaño.

Phillip B. Williams: Ours – die Stadt, S. Fischer
Williams wagt einen magischen Roman über eine Stadt nur für befreite Sklaven, in dem ohne Fantasy-Kitsch gezaubert wird. Ours ist aber keineswegs ein Idyll, sondern ein Spiegel für menschliche Sehnsüchte und Fehler. Wer sich auf diesen Text einlässt, taucht in einen Kosmos der Gefühle.

Interview mit Richard Cockett über Wien als Wiege der modernen Welt

Bild: ©Elisabeth Lechner

Richard Cockett ist nach dem Erscheinen seines äußerst fundierten Buches „Vienna. How the City of Ideas Created the Modern World“, das jetzt auch auf deutsch bei Molden vorliegt, Stadtgespräch unter Intellektuellen. Im MAK war er zu Gast bei den Wiener Vorlesungen. Das Erstaunlichste seiner Beschreibung ist die Fülle der Persönlichkeiten Wiens, die prägend wirkten und so Unterschiedliches wie das moderne Management (Peter Drucker), die empirische Sozialforschung (Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda), die Einbauküche (Margarete Schütte-Lihotzky) und das Einkaufszentrum (Viktor Gruen) erfanden – um nur wenige Highlights zu nennen. Auch das Wiener Kaffeehaus hatte seinen Anteil an der Moderne und so erwies sich sogar das von Touristen belagerte Café Central als ideal für das Interview.

Wie haben Sie Wien bei Ihrem ersten Besuch 1987 erlebt?

Richard Cockett: Ich kam damals noch als Tourist und nur für eine Woche. Also ging ich zum Belvedere, sah mir die Klimt-Bilder an und Schönbrunn. Ich dachte auch nicht viel über Wien nach. Erst später, als ich viel über Wien erfahren und die vielen Wiener Intellektuellen entdeckt hatte, begann es mich weiter zu interessieren. 

Gibt es Orte in Wien, die sie jedes Mal aufsuchen?

Ich habe ein paar Lieblingscafés wie das Landtmann, das Museum und das Prückel – das sind meine Top 3.

Wie wurde Wien für Sie als Historiker interessant – durch Lazarsfeld und Hayek?

Als Wirtschaftsjournalist und Historiker habe ich mit Hayek und Mises angefangen, denn ich schrieb in den frühen 90er-Jahren ein Buch über das Aufkommen der Politik von Thatcher und Reagan. Und schon bald wurde mir klar, dass die beiden sehr von diesen liberalen Wiener Wirtschaftsdenkern beeinflusst waren. Auch von Karl Popper. Ich fand, dass das ein interessantes Gebiet wäre.

Damals wusste niemand, dass der Reaganismus seine Wurzeln in Wien hat?

Ja, das ist auch heute noch teilweise so. Es wird auch schwer sein, einen Amerikaner zu finden, der Peter Drucker kennt oder gar weiß, dass er aus Wien kommt.

Wie sehr erinnert Sie die heutige politische Situation mit Brexit und dem Erstarken der Rechten an die 30er-Jahre?

Es gibt viele Parallelen, wie eine Welle von harter rechter Politik. Aber hier in Wien habt ihr ja eine sozialdemokratische Partei, die eine gesunde Mehrheit hat – wenngleich sie von feindlichen Kräften im In- und Ausland umgeben ist. Das weckt Erinnerungen an die 20er- und 30er-Jahre. Und wie Sie wissen, hatte die rechte Politik in Österreich ein schreckliches Ende. Aber Österreich ist jetzt eine stabile Demokratie, ein Mitglied der EU und hat eine starke Verfassung. Ich sehe also keine apokalyptische Gefahr für Österreich.

Das ganze Interview lesen Sie in der nächsten Ausgabe von Wien live.


„Vienna“ von Richard Cockett
Verlag Yale University Press
464 Seiten
Sprache: Englisch

Weihnachtliche Mordsgeschichten – „Killer Bells“ von Franziska Waltz, Claus Schönhofer und Norbert Peter

Wer sagt denn, dass Weihnachten immer besinnlich sein muss? Für Menschen, denen die Dauerberieselung mit Stille Nacht & Co. schon gehörig gegen den Strich geht, sei ein höchst unterhaltsames Büchlein mit „Weihnachtlichen Mordsgeschichten“ empfohlen.

In den 9 Stories gibt es jede Menge schräger Vögel, dystopische Familien und skurrile Situationen. Da hat ein Familienvater einen Wutanfall nach dem anderen, als er den Christbaum aufputzen soll, während seine Frau politisch korrekte Geschenke für den Sohn kaufen geht. Das kann nur schiefgehen. Und was passiert, wenn die Motorsäge beim Tranchieren einer Leiche den Geist aufgibt? Nach jeder Geschichte glaubt man, es könne nicht noch schlimmer werden. Aber Franziska Waltz, Claus Schönhofer und Norbert Peter beweisen, dass es möglich ist.

Franziska Waltz ist Kommunikationswissenschaftlerin, Filmproduzentin, Buchautorin und Lyrikerin mit Hang zu mörderischen Weihnachtsfantasien und toten Schneemännern. Sie baut in ihrer Freizeit gerne Insektenhotels.

Claus Schönhofer ist Buch- und TV-Autor, Kabarett-Regisseur und vom Namen her weihnachtsaffin, schreibt er sich gerne seine Mordgelüste von der Seele. In diesem Falle liegt der Tatort unterm Christbaum.  

Norbert Peter ist Kabarettist (Peter & Tekal), Journalist, Buch-Autor und Verfasser von satirischen Kolumnen. Steht auf Weihnachten, solange alle Morde restlos aufgeklärt sind, bevor „Stille Nacht“ zu Ende gesungen ist.


Piemont in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs – Gian Marco Griffi: „Die Eisenbahnen Mexikos“

Für manche gilt Griffis Monumentalwerk (800 Seiten) als das wichtigste italienische Buch nach dem Ableben Umberto Ecos, wenngleich sich der 1976 geborene Autor dabei eher in der Nachfolge von Roberto Bolaño oder Borges befindet. Denn die Geschichte um den Protagonisten Cesco Magetti, der für die Nazis eine Karte des Eisenbahnnetzes von Mexiko auftreiben soll, ist herrlich skurril und mit historischen Anspielungen gespickt. Denn irgendwo an einem geheimen Ort soll dort eine Wunderwaffe versteckt sein. Cesco hat aber im Februar 1944 auch noch ein ganz anderes dringendes Problem, er leidet nämlich unter heftigsten Zahnschmerzen und an einer schrecklichen Furcht vor Zahnärzten. Sein Zahnarzt sitzt zudem gerade wegen regierungskritischer Äußerungen im Gefängnis. Deshalb stinkt er dauernd nach Alkohol, denn es fällt ihm nichts Besseres ein als den Zahn mit Grappabandagen zu behandeln.

Wie Cesco dann von einer skurrilen Situation in die nächste stolpert und sich dabei auch noch unsterblich in die unkonventionelle Bibliothekarin Tilda verliebt, macht den Hauptstrang dieses Romans aus, der freilich noch eine Menge anderer herrlicher Personen aufbietet. Dabei schert sich Griffi wenig um historische Genauigkeit. In einer der herrlichsten Episoden des Buches trifft er zwei Totengräber, die vormals beim Eisenbahnbau in Mexiko beschäftigt waren. Und die berichten auch, dass die Nazis jetzt zur Verwaltung des Friedhofs Rechner einsetzen – was zu noch mehr Fehlern führt. Und der Kaffeeautomat spuckt nur ungenießbare Brühe aus.

Auch die Szene, in der die Nazis aus Rache für von Partisanen getötete Soldaten willkürlich Menschen nach dem Kirchgang zur Erschießung zusammentreiben ist mehr schwarzhumorig denn realistisch. Der Kommandant will von den Opfern, die großen Leistungen des Faschismus abfragen. Und gänzlich grotesk ist die Schilderung des Besuchs der Bayreuther Festspiele durch Adolf Hitler. Er kann sich nicht zwischen Frack und Galauniform entscheiden, aber Eva Braun rät ihm zum Frack und so ist Adolf dann bei der anschließenden Feier der einzige Nazi in Zivil, was ihn unsäglich ärgert und befangen macht. Sein „Outfit“ wie er sagt – Eva rügt ihn wegen seiner englischen Ausdrucksweise – ist völlig unpassend.

Viele Nebenstränge spielen direkt in Mexiko, in einer geheimnisvollen Stadt, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Gian Marco Griffi hat in seinem Monumentalwerk eine literarische Alternative des unrühmlichsten Abschnitts der Geschichte Italiens geschaffen ohne die große Schuld seiner Landsleute zu verschleiern. Wer Fabulierkunst und skurrile Szenen und Figuren zu schätzen weiß, wird mit diesem Roman viel Freude haben. Echte Literatur eben. 


Gian Marco Griffi: „Die Eisenbahnen Mexikos“
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
800 Seiten
Claasen
€ 38,50

Abhängigkeiten und Missbrauch – der verstörende Roman „Der Teufelsgriff“ von Lina Wolff

Er nennt sie Minnie, sie nennt ihn den Reinlichen – obwohl sie ihn erst zu Deo und schickeren Hemden überreden muss. Sie sind körperlich voneinander angezogen, da stört sein dicker Bauch auch nicht. Sie liebt ihn, trotzdem er sie immer öfter schlägt. Ihre Flucht zu einem Amerikaner nach New Orleans endet tragisch. Die Schwedin Lina Wolff hat einen Roman geschrieben, in der eine Frau sich in Florenz neu erfinden will und die dabei gleich in eine Beziehungsfalle stürzt. Die beiden haben wenig gemein, er hat auch seine guten Seiten – so will er etwa reuig, dass sie eine Psychotherapie machen. Die Psychologin rät der Frau unumwunden: Verlassen Sie diesen Mann sofort. Doch Minnie zögert, glaubt an das Gute in ihm. Aber wie viele Männer, die prügeln, ändern sich tatsächlich? Doch Minnie ist seelisch labil und ist ebenso eifersüchtig wie er. In Florenz lernt sie Ben kennen und folgt ihm nach Hause nach New Orleans – doch Ben ist nicht alleinstehend, seine Freundin ist noch gefährlicher als der Reinliche. Sie wird in einer Hütte angekettet. Statt zur Polizei zu flüchten, ruft sie aber wieder ihren Geliebten an. Lina Wolf ist ein ebenso spannender wie verstörender Roman gelungen. Ein Buch, das nichts für Menschen mit schwachen Nerven ist.


Lina Wolff: Der Teufelsgriff
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Rowohlt Verlag
254 Seiten
€ 25,00

Lina Wolff: Der Teufelsgriff
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Rowohlt Verlag
254 Seiten
€ 25,00

Eine STADT. Ein BUCH – Gratis-Buch Aktion im Wiener Rathaus eröffnet

Michael Ludwig eröffnete die Aktion um 11 Uhr im Wiener Rathaus.
Alle Fotos: ©Stefan Burghart

Am Dienstag, dem 19. November, um 11 Uhr, wurde die beliebte Gratisbuch-Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ feierlich im Wiener Rathaus eröffnet. Bürgermeister Dr. Michael Ludwig und das echo medienhaus begrüßten zahlreiche Leseinteressierte im festlichen Saal beim Nordbuffet, der bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Erste Exemplare verteilt

Die Stimmung war von Anfang an enthusiastisch, und der Büchertisch, auf dem das diesjährige Buch „Picknick auf dem Eis“ auflag, war nach der Eröffnung in Windeseile leergeräumt. Das Highlight der Veranstaltung war zweifellos die Signierstunde mit dem Ukrainischen Autor Andrej Kurkow. Geduldig signierte der Schriftsteller jede Ausgabe seines Werks, damit alle Gäste mit einem persönlichen Andenken nach Hause gehen konnten.

Bei der größten Gratisbuchaktion der Welt, werden ab sofort an 396 Stellen in ganz Wien 100.000 Exemplare kostenlos verteilt, um möglichst vielen Menschen Zugang zu Literatur zu ermöglichen.


Literatur verbindet Menschen und Kulturen

Im Rahmen der Eröffnung sprach Helmut Schneider, Literaturkenner und Initiator der Aktion, über den Inhalt des Buches und stellte dabei die Aktualität des Werks von Andrej Kurkow in den Vordergrund. Bürgermeister Dr. Michael Ludwig nutzte die Gelegenheit, um im Interview Solidarität mit der Bevölkerung der Ukraine zu bekunden. Gemeinsam mit Helmut Schneider sprach er über die geschichtlichen Verbindungen zwischen Österreich und der Ukraine sowie über die essenzielle Rolle der Literatur in gesellschaftlichen und politischen Diskursen. „Literatur kann keine politischen Probleme lösen, aber Literatur kann einladen, gemeinsam eine Lösung für politische Probleme zu finden“, betonte Bürgermeister Ludwig in seiner Ansprache. Andrej Kurkow ließ die Gäste mit seinen Worten schmunzeln: „Ohne Humor kann man nicht überleben. Ohne Geld schon, aber nicht ohne Humor.“ Seine pointierten Aussagen und die tiefgründige Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der heutigen Zeit spiegeln sich auch in seinem Werk wider.


Einladung zur Podiumsdiskussion

Die Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ lädt am Mittwoch, dem 20. November, zu einer Podiumsdiskussion mit Autor Andrej Kurkow. Um 18:30 Uhr im Service-Treff der Wiener Stadtwerke Spittelau (Spittelauer-Lände 45, 1090 Wien). Der Eintritt ist frei, und alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an diesem inspirierenden Austausch teilzunehmen.


INFO
einestadteinbuch.at

Das heurige Aktionsbuch „Eine STADT. Ein BUCH“: Andrej Kurkows „Picknick auf dem Eis“

Erschienen 1996 in der Ukraine und 1999 auf Deutsch (aus dem Russischen von Christa Vogel) bei Diogenes, Originaltitel Смерть постороннего (Tod eines Fremden).

Viktor lebt in Kiew als Schriftsteller, der bisher nur wenig geschrieben und kaum etwas veröffentlicht hat. Er bietet seine Texte erfolglos Zeitungen an. Gerade hat sich seine Freundin von ihm getrennt. Stattdessen hat einen Pinguin, den er Mischa nennt, bei sich aufgenommen, da der Zoo nicht mehr in der Lage war, ihn zu versorgen. „Er hatte sich einsam gefühlt. Aber der Pinguin Mischa brachte seine eigene Einsamkeit mit, jetzt ergänzten sich die beiden Einsamkeiten, was eher den Eindruck einer gegenseitigen Abhängigkeit als den einer Freundschaft erweckte.“ Mischa steht meistens da und starrt auf die Wand, frisst gefrorenen Fisch und hält sich im Winter gerne auf dem Balkon auf.

Da bekommt er plötzlich von der Hauptstadtzeitung das Angebot, Nachrufe zu schreiben. Auf Vorrat, denn die Personen, die ihm der Chefredakteur der Zeitung in jeweiligen Dossiers zukommen lässt, sind noch nicht verstorben. All diesen Prominenten ist freilich gemeinsam, dass sie in Skandale verstrickt sind.

Aber Viktor ist froh über die gut bezahlte Arbeit. Seine Nekrologe unterschreibt er mit „der engste Freundeskreis“.

Als er beruflich nach Charkow verreisen soll, weiß er nicht, wem er die Fütterung des Pinguins anvertrauen kann, und ruft bei der Polizei an. Revierpolizist Leutnant Fischbein übernimmt die Aufgabe und die beiden freunden sich an.  Fischbein heißt eigentlich Stepanenko. Er hatte sich zum Juden gemacht, weil er emigrieren wollte. »Dann habe ich erfahren, wie die Emigranten im Ausland leben«, vertraut er Viktor bei einem Abendessen an. Nämlich miserabel. »So habe ich beschlossen, hier zu bleiben, und um als Jude nicht unbewaffnet rumzulaufen, bin ich zur Polizei gegangen.« 

Und Viktor bekommt noch eine Mitbewohnerin. Ein Bekannter bittet ihn, auf seine etwa fünfjährige Tochter Sonja aufzupassen und kommt nicht wieder, denn er wird erschossen. Sonja und Mischa sind bald ein Herz und eine Seele. In Charkow entgeht Viktor nur knapp einem Mordanschlag und auch in Kiew gibt es täglich Tote und Schießereien – anscheinend ist ein Krieg zwischen Mafia-Clans im Gange. Das Leben in der seit 1991 souveränen Ukraine ist nicht ungefährlich, die Menschen sind damit beschäftigt den Alltag am Laufen zu halten. Sein Chefredakteur erklärt ihm „Das Leben ist es nicht wert, dass man darum Angst haben müsste. Glaube mir!“, als sein Chauffeur ermordet wird.

Viktor will mehr über Pinguine und Mischa wissen und besucht den ehemaligen Pinguinologen des Zoos, der ihm erklärt, dass Mischa ein depressives Syndrom und ein Herzleiden hat.

Neujahr verbringt Viktor mit Mischa und Sonja in der Datscha von Fischbein, weil ihm sein Chefredakteur empfohlen hat, kurzfristig unterzutauchen. Es kommt dann auch tatsächlich zum Picknick auf dem Eis auf dem zugefrorenen Dnepr. Mischa springt in ein Eisloch und schwimmt vergnügt. Inzwischen sind mehrere Menschen, für die Viktor Todesanzeigen geschrieben hatte, tatsächlich verstorben. Viktor ahnt Schreckliches.

Um Sonja nicht so lange allein zu lassen, stellt Viktor die arbeitslose Nichte von Fischbein – Nina – als Kindermädchen an. Die hätte gerne eine Familie, sie schlafen auch zusammen, der Sex ist allerdings leidenschaftslos.

Da bekommt Viktor ein Angebot, das er sich nicht abschlagen traut. Er soll den Pinguin für viel Geld bei Trauerfeiern bekannter Persönlichkeiten sozusagen vermieten. Doch da wird Mischa krank und muss ins Spital. Er braucht eine Herztransplantation – doch die Organisation, die die Begräbnisse organisiert, verschafft ihm mühelos das Spenderherz eines 3jährigen Kindes.

Inzwischen stirbt Fischbein bei einem Einsatz in Moskau, wohin er wegen des besseren Gehalts gezogen war. Die Polizistenkollegen schicken ihm die Urne. Als dann auch der Chefredakteur stirbt, der Viktor erklärt hatte, wenn er einmal den Sinn der Nekrologe erfahren würde, wäre auch sein Leben dahin, ist dieser natürlich alarmiert. Da erfährt er, dass Nina von einem Mann über ihn befragt wurde. Er verfolgt den Unbekannten und setzt diesen mit einer Pistole unter Druck. Der zeigt ihm den bereits verfassten Nekrolog auf Viktor.

Bei Internetrecherchen hatte Viktor herausgefunden, dass die Ukraine auf der Antarktis eine Forschungsstation betreibt. Mit einer großzügigen Spende erkauft sich Viktor ein Ticket für die nächste Reise zur Station. Eigentlich wäre die Passage für Mischa bestimmt gewesen, doch Viktor weiß, dass er in Kiew auf einer Todesliste steht.

Andrej Kurkow hat auch eine Fortsetzung des Romans geschrieben: „Pinguine frieren nicht“ (Diogenes) ist noch abenteuerlicher, Viktor reist in der ganzen ehemaligen Sowjetunion auf der Suche nach Mischa herum.


Erhältlich bei der Aktion Eine STADT. Ein BUCH.

Eine STADT. Ein BUCH. – Große Eröffnung im Rathaus

Bild: ©Bubu Dujmic

Am 19. 11. um 11 Uhr wird im Rathaus die große Leseaktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ eröffnet, die ersten Gratisexemplare von Andrij Kurkows „Picknick auf dem Eis“ werden verteilt.

Wer sich sein Gratisexemplar sichern und gleich von Autor Andrij Kurkow signieren lassen will, kann ins Nordbuffet des Rathauses kommen – zur Eröffnung von „Eine STADT. Ein BUCH.“ mit dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und natürlich dem ukrainischen Autor Andrij Kurkow, der direkt aus Kiew anreist.

In dem Roman geht es um einen Schriftsteller, der Nachrufe auf Vorrat schreibt und einen Pinguin aus dem Zoo gerettet hat. Nach und nach wird das Buch zum Krimi (siehe Beschreibung in diesem Newsletter).

Andrij Kurkow wurde 2000 mit „Picknick auf dem Eis“ weltberühmt. Seither hat er noch zahlreiche weitere Bestseller veröffentlicht, seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist er weltweit unterwegs, um auf die Situation in seiner Heimat aufmerksam zu machen.

Am 20. November wird Andrij Kurkow im Kundenzentrum der Wien Energie Spittelau, ab 18.30 Uhr mit Helmut Schneider über sein Buch und die Ukraine diskutieren und kurz aus dem Roman lesen. Der Eintritt ist frei und natürlich kann man auch dort ein Exemplar von „Picknick auf dem Eis“ bekommen.

Ort: Spittelauer Lände 45, 1090 Wien
einestadteinbuch.at