Beiträge

TV-Premiere

Pelinka mit Hirn – Dr. Peter Stippl


Anlässlich des 100. Geburtstags von Psychotherapeut Erwin Ringel befassen sich die Philosophin Lisz Hirn und der Journalist Peter Pelinka mit der österreichischen Seele. Die Corona-Pandemie hat 2020 die größte gesundheits-, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Krise seit 1945 hervorgerufen. Das ganze psychosoziale Leben ist von der Krise betroffen. Nun gilt es zu klären, wie wir Österreich zukunftsfit machen können.


„Die Emotionen der Menschen reichen von Verzweiflung bis Hoffnung. Wir wollen breit denken, durch alle gesellschaftlichen Bereiche hindurch Lehren ziehen und an optimistische Perspektiven für ‚danach‘ denken. Viele psychosoziale und wirtschaftliche Folgen werden erst jetzt verstärkt zum Tragen kommen“, betont Peter Pelinka, Historiker, Journalist und Politikwissenschaftler. In der neuen Talk-Reihe „Pelinka mit Hirn“ diskutiert er zusammen mit Philosophin und Autorin Lisz Hirn, sowie ausgewählten Gästen, im Sigmund Freud Museum über aktuelle psychosoziale Themen wie Gesundheitsversorgung, psychische Erkrankungen und Auswirkungen der Coronakrise.

„Die Dauerbelastung durch die Corona-Krise lässt die psychischen Auswirkungen auf die ‚Österreichische Seele‘ alarmierend steigen. Und vergrößert die Gefahr eines Zerbrechens jenes Minimalkonsenses, welcher unerlässlich ist für die Bewältigung der künftigen Aufgaben, die ‚nach‘ der Krise noch größer sein werden als sie es schon vor 2020/2021 waren“, erklärt Peter Pelinka.

In Gedenken an den „Psychiater der Nation“ Erwin Ringel
Zum Sendungsstart am 27. April 2021 wird Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, zu Gast sein. „Der 100. Geburtstag von Erwin Ringl ist als Datum unserer Erstausstrahlung bewusst gewählt. Denn für mich sind die zentral zu klärenden Fragen, rund um die Probleme der Corona-Pandemie, wie können wir die unangenehmen Folgen abfedern? Und wie kommen wir möglichst schnell wieder zu einer guten Lebensqualität zurück?“, erläutert Lisz Hirn.

Professor Erwin Ringel, der „Psychiater der Nation“, war ein mitreißender Redner und ein enthusiastischer Menschenfreund. Wenn er über die Bedeutung eines wertschätzenden Umgangs mit Kindern sprach, füllte er Säle und Auditorien – auch seine Medienauftritte waren Quotengaranten. Am 27. April 2021 wäre der Autor des Bestsellers „Die österreichische Seele“, 100 Jahre alt geworden. Als Zeichen der Wertschätzung wird das 30-minütige Format „Pelinka mit Hirn“ Dienstagabend um 20.00 Uhr auf W24 und w24.at erstausgestrahlt. „Wir werden mit Fachleuten und ExpertInnen darüber sprechen, was die Pandemie mit der Psyche der Menschen macht und wie wir der wachsenden Verzweiflung, aber auch der Aggression, entgegen wirken können“, kündigt Peter Pelinka für seine neue Talk-Reihe an.

„Seinerzeit landete der verstorbene Psychiater mit den österreichischen ‚Abgründen‘ einen Bestseller. Doch hat sich was geändert? Wie ‚gesund‘ ist Österreich? Nach zwanzig Seiten wird klar, wie wenig das Buch an Aktualität eingebüßt hat. Österreich tickt anders. Ringels Diagnose sitzt: ‚Aber gerade aus Liebe zu diesem Land müssen wir uns der Wirklichkeit stellen.‘ Mit dieser Sendung versuchen wir einen Teil dazu beizutragen“,  erklärt Lisz Hirn.

„Die Pandemie hat uns alle getroffen. Auch im Fernsehen erzählen wir seit über einem Jahr andere Geschichten als noch davor. Mit diesem neuen Format können wir nicht nur wie bisher individuelle Schicksale, sondern auch strukturelle Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft der WienerInnen aufzeigen“, so W24-Geschäftsführer Marcin Kotlowski über die neue Talk-Reihe.

„Wir brauchen das offene und tabulose Gespräch über psychische Gesundheit, damit wir das Stigma rund um psychosoziale Probleme und die dafür benötigte Versorgung aufbrechen. Nur so können wir zukunftsgerichtet eine übergreifende und multiprofessionelle Versorgung für alle sicherstellen“, betont Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien.

„Ob psychische Belastung oder psychische Erkrankung – durch die Coronakrise ist das Thema in aller Munde. Doch was genau steckt dahinter, was können wir für unsere eigene Gesundheit tun und was brauchen wir als Gesellschaft, um die Krise gut zu bewältigen? All diese Fragen müssen vielseitig diskutiert werden. Deshalb ist ein solches Format im Fernsehen nur zu begr üßen“, so Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien.


In Therapie

Anspruchsvolle TV-Unterhaltung


In Therapie. Die Arte Mediathek lädt zu einer Psychoanalyse nach den Terroranschlägen in Paris 2015 – die momentan anspruchsvollste TV-Unterhaltung.
Text: Helmut Schneider / Foto: ARTE


2005 ging in Israel eine TV-Serie auf Sendung, deren Konzept ebenso einfach wie spannend ist: Die Zuschauer erleben eine halbstündige Therapiesitzung bei einem Analytiker und bekommen dabei eindrucksvoll mit, wie Menschen Probleme, Ängste, Begierden verdrängen und wie das Unbewusste ihr Leben bestimmt. Jede Folge eine Sitzung, nach ein paar Folgen sind wir wieder bei Patient 1 und so weiter. Die Serie „BeTipul“ (deutsch: In Behandlung) wurde zu einem internationalen Erfolg, denn sie ließ sich leicht für jedes Land adaptieren. In den USA hieß sie etwa „In Treatment“, es gibt aber auch eigene Fassungen in den Niederlanden, Serbien, Polen oder in Tschechien. Fast fragt man sich, warum in Österreich, wo bekanntlich die Psychotherapie erfunden wurde, noch niemand an eine Adaption gedacht hat.

Neufassung
Jetzt hat Frankreich die Idee aufgegriffen und dem Ganzen noch einen zusätzlichen Kick verpasst. „En thérapie“ (Hier geht es zum Trailer.) spielt nämlich in Paris unmittelbar nach dem größten Terroranschlag, den die Stadt nach dem 2. Weltkrieg erleiden musste. Kein Franzose wird je vergessen, wo er am 13. November 2015 war, als 130 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt wurden – mitten bei einem Sport- oder Kulturevent, im Café oder auf der Straße im Zentrum von Paris. Ein solcher Anschlag lässt niemand kalt, auch wenn er nicht direkt betroffen ist. Und das wird auch bei den Therapiesitzungen schnell klar, in denen es natürlich zuvorderst um Probleme wie Leistungsdruck, Ehekrisen oder männliche und weibliche Rollenzwänge geht. Die Serie ist in Frankreich jedenfalls schon ein Hit. Noch vor dem Fernsehstart hatten dort bereits sechs Millionen Menschen die Serie in der Arte-Mediathek angeklickt, wo bis Sommer jetzt auch bei uns alle 35 Folgen jederzeit online zu sehen sind.

Talent
Die beiden Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano konnten – und das ist auch das Wichtigste bei dieser Art von TV-Show – grandiose Schauspieler verpflichten. Allen voran Frédéric Pierrot als Therapeut Philippe Dayan, der natürlich in allen Folgen zu sehen ist. Ein bisschen erinnert er in seiner professionellen Distanz an Michelle Piccoli. Auch wenn ihm selten aber doch einmal der Kragen platzt, wenn seine Patienten ihre Vorurteile und Neurosen an ihm abzuarbeiten versuchen. Deswegen geht er ja auch wie jeder gute Analytiker zu einer Supervision, nämlich zu einer früheren Kollegin und Freundin, dargestellt von Carole Bouquet, die als 20-Jährige für Buñuel spielte, neben Roger Moore in „James Bond – In tödlicher Mission“ das Bondgirl und viele Jahre lang das Gesicht für Nummer 5 von Chanel war. Zu seinen Patienten gehören so unterschiedliche Charaktere wie die 16-jährige Hochleistungsschwimmerin Camille (Céleste Brunnquell), eine Chirurgin (Mélanie Thierry), die am Abend der Attentate Notdienst hatte, ein Paar (Clémence Poésy und Pio Marmaï), das vor der Frage steht, ob es das zweite Kind abtreiben soll oder nicht und Adel Chibane, Mitglied einer Spezialeinheit der französischen Polizei, der an Panikattacken leidet und sich das natürlich nicht eingestehen will. TV-Unterhaltung ist selten anspruchsvoller.


Wetterlady und Powerfrau

Wir müssen Barrieren brechen


Eser Akbaba hat eine klare Botschaft in ihr neues Buch „Sie sprechen ja Deutsch!“ verpackt. Im Interview mit wienlive spricht sie offen über Stolpersteine und will Mut machen.
Text: Ursula Scheidl / Foto: Stefan Joham


Strahlend wirbelt sie mit wildem Lockenkopf herein – unverkennbar ihr Markenzeichen. Seit März 2013 präsentiert Eser Akbaba das ORF-1-Wetter, aber der Weg dorthin war nicht immer einfach. In ihrem Buch erzählt sie, mit welchen Schwierigkeiten ihre Familie konfrontiert war, als sie in Österreich ankam, und was es heißt, als Gastarbeiterkind zwischen zwei Welten aufzuwachsen.

wienlive: Sie sind in Wien geboren. Wann waren Sie das erste Mal mit diesem erstaunten Satz „Sie sprechen ja Deutsch!“ konfrontiert?
ESER AKBABA: Ich bin mit Deutsch als Erstsprache aufgewachsen und kam mit einem Jahr in den Kindergarten. Zu Hause wurde mehrheitlich türkisch gesprochen, aber ich kann Deutsch viel besser als meine Muttersprache Zaza oder Türkisch. Einmal kam ein älterer, sehr netter, adrett gekleideter Mann auf mich zu. Offenbar kannte er mich aus dem Fernsehen. Er sagte: „Sie sprechen aber sehr gut Deutsch.“ Ich war so verdutzt, das passiert mir wirklich sehr selten (lacht)! Ich antwortete: „Danke sehr, Sie aber auch.“ Es passiert immer wieder, ich weiß nicht warum. Mittlerweile sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass die Nachgeneration sehr gut Deutsch spricht, teilweise sogar noch besser als die Muttersprache.

Sie sprechen ein sehr schönes Deutsch, obwohl Sie in Simmering aufgewachsen sind. Wieso wollten Sie schon als kleines Mädchen Moderatorin werden, das ist doch eher ungewöhnlich?
AKBABA: Wir sechs Kinder haben mit den Eltern immer „Zeit im Bild“ geschaut, danach kam das Wetter. Carl Michael Belcredi hat mich fasziniert – mit seinen karierten Pullis –, wie er über das Wetter, die Wolken und Hochs und Tiefs gesprochen hat. Das wollte ich auch machen. In unserer Souterrain-Wohnung gab es zudem einen kleinen Spiegel, der mich magisch angezogen hat, da habe ich immer reingesprochen.

Wie haben Ihre Freunde und Eltern auf Ihren Berufswunsch reagiert?
AKBABA: Das war ein Traum, den ich aufblühen lassen habe. 2009 wurde ich entdeckt, habe das aber selber noch nicht so wirklich realisieren können. Ich war bei der Zeitschrift „biber“ bei einer Podiumsdiskussion. Bibi Handlos, meine Entdeckerin, hat mich angesprochen, dass ich als Moderatorin zum ORF sollte. Das war schon ein großes Thema, medial, aber auch natürlich innerhalb der Familie.

Warum glauben Sie, haben Sie es geschafft?
AKBABA: Ich bin ja nicht die Einzige, die das alles, was ich erlebt habe, erlebt hat, aber ich bin die einzig Sichtbare. Es gibt so viele andere Esers da draußen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Managerinnen. Aber man sieht sie nicht so wie mich jeden Tag im Fernsehen. Deswegen kann ich sagen, ich habe es geschafft im Sinne, dass ich sichtbar bin – vom Gastarbeiterkind zur ORF-Moderatorin – da gibt’s wirklich nicht viele. Aber man kann es schaffen. Man kann es wirklich schaffen.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
AKBABA: Eigentlich wollte ich es mit 80 schreiben. Aber mein Kollege Jürgen Pettinger hat mich letztes Jahr dazu überredet. Da bin ich genau 40 geworden. Ich habe ihm im Studio zwischendurch immer Geschichten erzählt, diese andere Welt, die er nicht kennt, hat ihn sehr interessiert. Nach einem Todesfall in der Familie war ich nicht sicher, ob ich das schaffe. Er hat gesagt, wir machen das jetzt einfach!

Was ist Ihnen in Ihrem Leben besonders gut oder weniger gut gelungen?
AKBABA: Meine Haare (lacht). Nein. Das war ein Scherz, ich glaube, was mir gut gelungen ist, ist mein Buch. Ich glaube auch, dass ich gezeigt habe, dass ich etwas in diesem Land erreicht habe, was viele vielleicht noch erträumen oder vielleicht gar nicht einmal zu träumen wagen. Ich bin stolz darauf, weil es war schon ein steiniger Weg. Was ist mir weniger gut gelungen? Na ja, ich hab’s nicht so mit der Männerwelt, wobei, wer weiß? Was nicht ist, kann ja noch werden!

Sie wirken immer so fröhlich, optimistisch und ausgeglichen, gibt es irgendetwas, das Sie aus dem Gleichgewicht bringen kann?
AKBABA: Es fällt mir nicht schwer, ein fröhlicher Mensch zu sein, ich denke, mir geht’s gut, ich lebe in einem schönen, sicheren Land, wenn wir es mit anderen vergleichen. Ich versuche immer das Positive zu sehen, aber natürlich bringen mich manche Situationen auch auf die Palme, da kommt dann mein südländisches Blut durch. In Anatolien kann man ordentlich streiten. Meine Familie kennt das. Unsere Gesprächskultur ist anders, ich rede gerne mit Händen und Füßen. Da ist man temperamentvoll, obwohl ich mittlerweile schon viel gelassener bin.

Sie sind Vorbild für viele junge Mädchen. Welche Botschaft, möchten Sie ihnen mitgeben?
AKBABA: Ich tu mir sehr schwer mit dem Begriff Vorbild. Weil jeder sollte aus sich selbst das Beste mitnehmen. Wenn ich aber der Nachgeneration vermitteln kann, du schaffst es, wenn du es willst, du musst nur dahinter sein, dann bin ich gerne ein Vorbild.

Wo ist Ihre Heimat?
AKBABA: Ich habe schon als kleines Kind immer im Sommer einen Monat im Dorf bei den Großeltern oder auch in Istanbul verbracht. Natürlich fühle ich mich zu meinen Wurzeln stark hingezogen. Aber Heimat ist für mich Wien. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. 


„Sie sprechen ja Deutsch“
Eser Akbaba, Jürgen Pettinger.
Mit Illustrationen von Hüseyin Işık
184 Seiten, Format 13,5 x 21,5
Kremayr & Scheriau, € 22,–