Regieberserker und Autor Rainer Werner Fassbinder gestaltete den Übergang zwischen Bühne und Film zeitlebens fluid. Vieles, was im Theater uraufgeführt wurde, verfilmte er später.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Rainer Werner Fassbinder am Akademietheater

Bild: ©Matthias Horn

Regieberserker und Autor Rainer Werner Fassbinder gestaltete den Übergang zwischen Bühne und Film zeitlebens fluid. Vieles, was im Theater uraufgeführt wurde, verfilmte er später. So auch „Die bitteren Tränen der Petra Kant“, 1971 erstmals als Theaterstück in Frankfurt und 1972 mit Hanna Schygulla als Film. Seine Themen waren ja auch immer ähnlich. Zerstörerische Lieben im falschen gesellschaftlichen System.

Im Akademietheater hat Lilja Rupprecht dieses Drama in einen zeitlosen Rahmen gestellt, man telefoniert zwar noch mit einem Wählscheibentelefon, aber es hat keine Schnur mehr und der Raum sieht aus wie ein modernes Schwimmbad – weiße Kacheln, viel Glas, die Wände werden mittels Videoprojektionen zum erweiterten Spielplatz. Dörte Lyssewski als Titelheldin, die am Beginn schon als Wrack auf dem Boden liegt, wird erweckt und angekleidet von ihrer Marlene (Annamária Láng). Nach dem Ende einer Beziehung mit einem Mann wird sie von einem zufällig eintreffenden jungen Mädchen im Gefolge ihrer Freundin Sidonie (Stefanie Dvorak) wieder aufgebaut und verliebt sich prompt in sie. Als gefeierte Modeschöpferin kann sie dieser Karin (Nina Siewert) eine Karriere als Model bieten. Die Klassenunterschiede zwischen den beiden können krasser nicht sein. Karin ist in schwierigen sozialen Familienverhältnissen aufgewachsen (der trinkende Vater hat die Mutter erstochen und sich dann erhängt), während Petra an ihrer gutbürgerlichen Abstammung kaut.

Das Liebesdrama mit vorhersehbarem Ausgang – die junge Karin lässt die viel ältere Petra als erfolgreiches Model zurück und geht zu ihrem australischen Ehemann – bekommt durch die extremen Kostüme (Annelies Vanlaere) eine futuristischen Schwung, in den Wortgefechten geht es freilich wie immer um Abhängigkeiten, Macht und immer mehr um die existenzielle Einsamkeit, die Lyssewski sehr anschaulich darzustellen vermag. Überhaupt ist das Ensemble perfekt eingespielt, man ist als Zuseher bereit, ihnen alle Worte zu glauben. Das im letzten Drittel eingefügte Gespräch einer Journalistin (Stefanie Dvorak) mit Fassbinder (Norman Hacker), ein Zusammenschnitt zweier realer Interviews mit dem Regisseur, bringt biografische und zeithistorische Authentizität. Ein dichter Abend, der trotz der wenig überraschenden Handlung niemals langweilig wird, wozu auch die Live-Musik (Viktoria Mezovsky /Jessica Choma) entscheidend beiträgt.


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