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Fleißiger Autor: Im Theater in der Josefstadt gibt es innerhalb weniger Monate schon die zweite Uraufführung eines Stückes von Peter Turrini.

Uraufführung von Peter Turrinis „Es muss geschieden sein“ im Theater in der Josefstadt

Bild: ©Moritz Schell

Fleißiger Autor: Im Theater in der Josefstadt gibt es innerhalb weniger Monate schon die zweite Uraufführung eines Stückes von Peter Turrini. Nach alten grantigen Männern – „Bis nächsten Freitag“ im November – hat sich der Kärntener Autor einem historischen Thema gewidmet.

Wien im März 1848. In der Stadt rebellieren die Studenten gegen den Kaiser, während das Volk an Hunger leidet. Mittendrin der Überlebenskünstler Adam Holzapfel, der sich ein paar Kreuzer als Füsilier verdient, denn zum Tode Verurteilte gibt es gerade zuhauf. Um seine Familie zu ernähren, braucht aber einen zweiten Job und so wird er Hausmeister bei einer Theatertruppe, die gerade Ferdinand Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“ probt. Auch dort machen sich revolutionäre Gedanken breit. Und bald schon steht man vor der Frage, ob man weiterproben oder mitkämpfen soll, denn die Haubitzen und Gewehrsalven stören sowieso längst den Betrieb.

Holzapfel, souverän gespielt von Günter Franzmeier, ist dabei so etwas wie die Mutter Courage der Revolution, denn als kaiserlicher Hilfs-Infanterist ernährt ihn eben auch der Kampf um Leben und Tod. Er fordert nicht Pressfreiheit, sondern endlich die Fressfreiheit. Turrini bietet aber sogar eine Liebesgeschichte auf. Die Schauspielerin Zäzilie, die schon vieles machen musste, um zu überleben und die mit viel Herzblut von Johanna Mahaffy gespielt wird, verliebt sich in den Studenten aus reichem Haus Karl (Julian Valerio Rehrl). In der bewegenden Schlussszene singt sie das traurige „Brüderlein fein“, den raimundschen Abschiedssong der Jugend, während schon das Gewehr auf sie angelegt ist. Ihr Liebhaber Karl wird vom Vater hingegen freigekauft. Die Wiener Revolution wird von Windischgrätz mit 60.000 Mann blutigst niedergeschlagen.

Stephanie Mohr hat sich dem historischen Stück mit viel Fingerspitzengefühl angenommen. Ihre Regie zeichnet sich durch eine schöne Klarheit aus. Nach dem eher mauen Zeitstück ist Turrini mit diesem Revolutionsdrama eine Tragikomödie gelungen, die auf den Theaterbühnen bleiben könnte.

Karten und Infos: josefstadt.org

Szenefoto von „Die Zeit verkehrt herum tragen“ im Kosmostheater. – ©Bettina Frenzel

DIE ZEIT VERKEHRT HERUM TRAGEN – Ein Stück über die Demenz der Mutter im Kosmostheater

Szenefoto von „Die Zeit verkehrt herum tragen“ im Kosmostheater. – ©Bettina Frenzel

Fast alle sind in irgendeiner Weise von Demenz betroffen – viele als Angehörige, manche als Betroffene und fast alle fürchten sich davor, einmal betroffen zu sein, denn alt werden wollen alle – alt sein aber die wenigsten. Die noch in Ost-Berlin aufgewachsene Autorin Bärbel Strehlau hat sich dem Thema mittels eines „dokumentarisch-poetischen Theaterstücks“ angenähert. Bald wird klar: Hier wurde eine eigene Geschichte literarisch aufgearbeitet. Eine jüngere Frau muss ihre Mutter betreuen, nachdem der Vater im Krankenhaus liegt. Und Mutti ist eben dement. Strehlau findet dafür zahlreiche gelungene Bilder, auch der Titel des Stücks ist ein solches. Während sich die Tochter an ihre umsorgte Kindheit erinnert, erkennt sie, dass es jetzt eben umgekehrt ist und sie sich um die Mutti kümmern muss, die nach Hause gehen will, wenn sie auf der eigenen Couch sitzt und nur noch in ihrem Gehirn verwalten kann, was unmittelbar vor ihr ist. Und gut analysiert sie, dass nicht funktionierende Familien in solchen Krisen noch stärker dysfunktional werden, sprich zerbrechen. Die strenge Schwester möchte nämlich Mutti sofort in eine Pflegeeinrichtung abschieben.

Für eine zweite Ebene sorgen im Kosmostheater nicht nur ein Bühnenbild mit beweglichen Würfeln, das schnelle Szenenwechsel ermöglicht, sondern auch die Figur einer – mit Maske gespielten – Puppe, die gerne das Geschehen kommentiert oder konkretisiert. Ein guter Einfall! Mit Mareile Metzner, Else Hennig, Sabrina Strehl und Michael Gangl – letzterer darf einen aus dem Fernsehen heraustretenden Schlagerstar mit viel Sexappeal spielen und singen – ist ein sehr gutes Schauspielteam im Einsatz. Ein wichtiger Theaterabend!


Noch bis 14. Dezember, Infos: kosmostheater.at

Alte Männer ohne Frauen – Uraufführung von Peter Turrinis „Bis nächsten Freitag“ in der Josefstadt. – ©Rita Newman

Alte Männer ohne Frauen – Uraufführung von Peter Turrinis „Bis nächsten Freitag“

Alte Männer ohne Frauen – Uraufführung von Peter Turrinis „Bis nächsten Freitag“ in der Josefstadt. – ©Rita Newman

Zwei ehemalige Schulfreunde beim Treffen im Beisl „Zur tschechischen Botschaft“. Der eine ist Buchhändler und Menschenfreund, der andere Romanistikdozent und Arroganzler. Schon als Kommilitonen waren sie recht unterschiedlich, erfahren wir recht bald. Richie, der Buchhändler, hatte stets Ohren für die Anliegen seine Mitschülerinnen, während Werner nur an ihren Körpern interessiert war. Ihre Strategien haben sich als falsch erwiesen, den nun sind sie anscheinend beide allein.

Symbolik

In Peter Turrinis Auftragswerk für das Theater in der Josefstadt „Bis nächsten Freitag“ werden zwei alte Männer geradezu vorgeführt. Das ist zeitweise ganz witzig, spielen doch die Publikumslieblinge Erwin Steinhauer und Herbert Föttinger mit viel Gespür das ungleiche Paar. Silvia Meisterle als resche Kellnerin und Marcello de Nardo als taubstummer Bruder, der sich gerne für Rollen schminkt, sorgen für Akzente. Regisseur Alexander Kubelka spürte aber wohl die inhaltlichen Lücken und versuchte, dem Drama etwas Symbolik zu verpassen. Gespielt wird in einem sich öffnenden riesigen Tank, das Bühnenbild ist karg und der Auftritt eines kleinwüchsigen Brautpaars wird ins Mystische verklärt. Der längst krebskranke Werner zieht eine Waffe und schießt auf einen Leuchter, der dann im letzten Bild als Pendel schwingt. Auf Verlangen der Kellnerin tanz er mit dem Taubstummen, der sich als Totenkopf geschminkt hat – noch mehr Zeichen geht nicht.

Frust

Das alles kann freilich nicht verbergen, dass die zwei alten Männer bestenfalls skizziert sind. Der Büchermensch Richie wirkt ausgeglichen, dass ihm seine Frauen nur wegen seiner Lesesucht davonrennen, scheint aber nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Und der Romanist Werner verbreitet eine Verschwörungstheorie nach der anderen, freilich noch halbgarer als die Theorien selbst. Ausländer mag er natürlich auch nicht. So weit, so banal. Als Zuschauer hätte man aber schon gerne erfahren, woher dieser große Frust der beiden alten weißen Männer wirklich kommt. Das Publikum applaudierte freilich nicht nur den Darstellern, sondern auch Peter Turrini recht freundlich.

Infos und Karten: josefstadt.org

In England spielt man William Shakespeares Königsdrama „Heinrich V.“ öfters als seinen „Hamlet“, obwohl sich das Stück nur auf den ersten Blick für patriotischen Stolz eignet.

Wem nützt ein Krieg? – Shakespeares „Heinrich V.“ im TAG

Bild: ©Anna Stöcher

In England spielt man William Shakespeares Königsdrama „Heinrich V.“ öfters als seinen „Hamlet“, obwohl sich das Stück nur auf den ersten Blick für patriotischen Stolz eignet. Klar, hier vernichtet im sogenannten Hundertjährigen Krieg ein entkräftetes englisches Heer eine ausgeruhte französische Übermacht, doch schon wie es zum Krieg kommt, erinnert mehr an die Filmsatire „Wag the Dog“ als an Heldenepen. Die mächtigen Adeligen um den Erzbischof von Canterbury wollen eine drohende Reichensteuer abwenden und machen dem jungen König Heinrich Frankreich als lukrativere Beute schmackhaft. Mittels eines uralten obskuren Erbfolgegesetzes soll der französische König abgesetzt werden. Zudem werden an Engländern verübte Massaker von Franzosen fingiert.

Im Theater TAG in der Gumpendorfer Straße inszeniert Hausherr Gernot Plass sehr direkt und flott und sehr frei nach Shakespeare. Herausgekommen ist ein dramatischer Appell gegen den Krieg. Die meisten der 7 Darsteller und Darstellerinnen (Andreas Gaida, Markus Hamele, Michaela Kaspar, Raphael Nicolas, Lisa Schrammel, Georg Schubert) müssen in mehrere Rollen schlüpfen, nur Jens Claßen bleibt immer der junge König. Chargierend zwischen jugendlichem Ungestüm und der Weisheit eines Landeschefs macht er das sehr glaubhaft. In 100 Minuten sehen wir eine Parabel auf die Perfidie des Krieges, denn die Engländer können sich ihres Sieges nicht lange freuen. Der König erkrankt wenig später und stirbt, während sich in Frankreich eine Jungfrau anschickt, ihr Heimatland wieder von den Besatzern zu befreien.

Interessant ist, dass die Ansprache Heinrichs vor seinen zahlenmäßig eklatant unterlegenen Soldaten trotzdem zu einem Baustein des englischen Selbstbewusstseins wurde. „We few, we happy few, we band of brothers“ – die St.-Crispins-Tag-Rede – wird immer dann hervorgeholt, wenn England gerade wieder im Krieg ist und klingt gerade in unseren unruhigen Zeiten umso befremdlicher.

Infos & Karten: www.dastag.at

(c)BarbaraPálffy

Mozart in eigenwilliger Version – „Die Entführung aus dem Serail“ an der Volksoper

Klar: Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ behauptet sich auf den Bühnen wohl nicht wegen des ausgezeichneten Librettos, sondern wegen der genialen Musik. Die Vorurteile der Zeit finden sich im Operntext wieder, was kein Wunder ist, denn vieles war eben noch nicht bekannt.

Doch muss man deshalb – wie in der aktuellen Fassung an der Volksoper – gleich die Erklärungen, die sonst Programm ihre Berechtigung haben, auf die Bühne hieven? Poetry Slammer und Rap Artist Sulaiman Masomi verpasste dem Singspiel zusätzliche Dialoge und Monologe, die uns etwa den Sklavenhandel erklären und Konstanzes Gefährtin Blonde versucht gar – natürlich vergebens – Selims Harem vom Matriarchat zu überzeugen. Das zieht das Ganze nicht nur in die Länge, sondern stellt das Publikum auf die Stufe von unaufgeklärten Volksschülern, denen man im Schulunterricht historische Schandtaten – wie den Sklavenhandel der Engländer – vermitteln muss.

Dabei hat sich Regisseur Nurkan Erpulat sonst um eine durchaus flüssige Fassung des Musikdramas bemüht, Dirigent Alfred Eschwé gelingt eine nuancierte Musik und Stefan Cerny erntet als Bösewicht und Kerkermeister Osmin zurecht viel Applaus. Das übrige Sängerinnen- und Sängerensemble hielt sich zumindest tapfer.

Das eher ruhige Bühnenbild von Magda Willi zitiert den Orient nur – der zweite Teil spielt dann in und rundherum einer riesigen, aufgeschnittenen Feige (Achtung Symbol!) – und Kostümbildnerin Aleksandra Kica lässt die westliche Welt in Schwarz auftreten und gönnt nur Selim und Osmin füllige Röcke.

Eine Aufführung, die an das „gut gemeinte“ Theater der 60er- und 70er-Jahre erinnert.

Infos und Karten: volksoper.at

Albern Bergs Oper „Lulu“ bei den Wiener Festwochen – ein Ballett als Oper.

Albern Bergs Oper „Lulu“ bei den Wiener Festwochen – ein Ballett als Oper

Bild: ©Monika Rittershaus

Noch bevor die Musik einsetzt, tänzeln junge Menschen in schwarzen Hosen, blauen Schuhen und weißen Hemden mit Handtüchern um den Hals und blauen Wasserbechern auf die Bühne, die man sich als Sozialraum eines hochpreisigen Fitnessstudios denken kann. Eine Münze wird geworfen und Dirigent und Orchester legen los. Dass die aus Kap Verde stammende Marlene Monteiro Freitas vor dieser, ihrer ersten Opernregie, als Choreografin arbeitete, ist unübersehbar. Denn die stummen Tänzer bleiben während des gesamten Abends auf der Bühne, hinter der erhöht das Orchester untergebracht ist. Sie verbiegen sich akrobatisch, gehen auf nur für sie sichtbaren Bahnen, setzen sich auf Holzsesseln oder machen Auflockerungsübungen. Sie scheinen das bei „Lulu“ ja nicht ganz undramatische Geschehen zu kommentieren. Allerdings tun sie das sehr cool und emotionslos. Da nützt auch die bisweilen aufgemalte Clownschminke wenig.

Seltsam unsinnlich agieren auch die Sängerinnen und Sänger – auch wenn ihre Stimmen meist höchst delikat klingen. Etwa die wunderbare deutsche Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Titelrolle, Edgaras Montvidas als Alwa, Anne-Sofie von Otter als Gräfin Geschwitz oder Cameron Becker als suizidaler Maler. Bloß Bo Skovhus als Dr. Schön und Kurt Rydl als Schigolch ließen sich vom Regiekonzept nicht gänzlich zähmen – sie überraschen fast mit ihrem Temperament.

In dieser Gemeinschaftsarbeit der Wiener Festwochen mit dem Musiktheater an der Wien

musiziert das ORF-Radiosymphonieorchester Wien unter Dirigent Maxime Pascal fehlerlos in der nicht idealen Akustik des Raums.

Am Ende führt ein nicht erkennbarer Mann eine groteske, puppenhafte kleine (auf den Knieen rutschende) Frau als Braut vor – eine Vorstellung wie ein Statement gegen die multiblen Vereinnahmungen des Frauenkörpers. Lulu war und ist für Männer eben immer nur ein Spiegel.

Noch bis 6. Juni in der Halle E im MuseumsQuartier zu sehen.

Infos: festwochen.at

Spannendes britisches Theater bei den Wiener Festwochen – nur noch heute zu sehen: „Drive your Plow Over the Bones of the Dead“

Bild: ©Marc Brenner

Auf Deutsch hieß der Roman der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk etwas sinnbefreit „Der Gesang der Fledermäuse“. Er war ein großer Erfolg, ist er doch eine Art Öko-Thriller mit einer sehr einprägsamen, eigenwilligen Rächerin. Bei den Wiener Festwochen gastiert noch bis heute, Freitag, die Gruppe Complicité mit „Drive your Plow Over the Bones of the Dead“ wie der ins Englische übersetzte Titel des Romans in Anklang an William Blake tatsächlich heißt. Ein fast dreistündiger Abend, der zum Triumpf für die Ausnahmeschauspielerin Kathryn Hunter wird. Die kleine, ältere Dame trägt – leger gekleidet, wie man sich eben in einer Mini-Siedlung am Rande Polens und fast schon im Wald gibt – als Erzählerin das komplette Geschehen. Sie berichtet ziemlich unaufgeregt von mehreren Morden an ihren Nachbarn, die allesamt ihre Feinde waren, da sie sich an den Tieren der Gegend versündigt hatten. Die ehemalige Brückenbauerin, Tierliebhaberin, Englischlehrerin und Astrologin Janina, chronisch krank, glaubt gar, dass die Tiere sich nun gegen die Menschen verschworen haben und brutal zurückschlagen. Ihre acht Mitspielerinnen und -spieler sind nur Stichwortgeber oder bilden ab und zu eine Art Tierballett. Regisseur Simon McBurney verwendet gezielt Videomaterial, Licht und Musik, um ihre üackende Erzählung zu illustrieren. „Drive your Plow Over the Bones of the Dead“ wird so zu einem unvergesslichen Theaterereignis und zum Beweis, dass es bei entsprechendem Konzept und fähigen Spielerinnen und Spielern gelingen kann, spannender als Netflix und Co eine Geschichte zu erzählen.

Infos: festwochen.at

Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" an der Wiener Volksoper.

Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ an der Wiener Volksoper

Foto: ©Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der deutsche Komponist Otto Nicolai – nebenbei Begründer der Wiener Philharmoniker – vertonte Shakespeares Komödie „The Merry Wives of Windsor“ schon 44 Jahre vor Giuseppe Verdis berühmter „Falstaff“-Fassung. Seine Oper hatte 1849 Premiere und in der Musik hört man das natürlich auch. Längst nicht mehr klassisch, vielleicht noch eine Spur tomantisch, noch lange nicht Operette und sicher nicht Wagner-like – dafür aber mit einem großen Schuss italienischer Melodik. Die Arien machen Freude, schon die Ouvertüre hat Esprit.

In der Wiener Volksoper verlegte die junge niederländische Regisseurin Nina Spijkers gemeinsam mit Bühnenbildnerin Rae Smith die Handlung ins Wien des Jahres 1918 – als Frauen bald wählen und studieren durften. Im Finale entfaltet die aufmüpfige Tochter Anna (Lauren Urquhart) ein rotes Transparent mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht.

Aber auch sonst hat die Regisseurin die Handlung klug gestrafft und auf knapp 3 Stunden inklusive Pause gekürzt. Nicht beschnitten wurde freilich der Humor und die Komik. Da blicken und singen die beiden Strippenzieherinnen Frau Reich (Stephanie Maitland) und Frau Fluth (Anett Fritsch) aus einem riesigen Gemälde mit einer nackten Schönen heraus, während die stummen Männer – eher belämmert wirkend – ihrem Künstlertum frönen. Sie beschließen, dem alten Saufkopf und Wüstling Falstaff, der beiden verheirateten Frauen Liebesbriefe schreibt, eine Lektion zu erteilen. Für zusätzliche Dramatik sorgen ein krankhaft eifersüchtiger Ehemann und ein Gatte, der seiner Tochter Anna heiratswillige Verehrer aufdrängt.

Durch die große Spielfreude aller Mitwirkenden kommt niemals Langeweile auf, die Sängerinnen und Sänger sind stimmlich auf hohem Niveau und der Dirigent Ben Glassberg hat das fabelhafte Orchester bestens im Griff. Martin Winkler gibt den Rüpel Falstaff Charakter und JunHo You setzt seinen strahlenden Tenor als Liebhaber Annas ein. Eine sehenswerte Aufführung, die bei der Premiere gebührend bejubelt wurde.


Infos und Karten: volksoper.at

Eisbären – Dramolette im Schauspielhaus. Am besten wäre es gar nicht mehr aufzustehen, nicht aus dem Haus zu gehen oder – Gott behüte! – andere Menschen zu treffen…

Eisbären – Dramolette im Schauspielhaus

Bild: ©Matthias Heschl

Am besten wäre es gar nicht mehr aufzustehen, nicht aus dem Haus zu gehen oder – Gott behüte! – andere Menschen zu treffen. Eigentlich ist es zu Hause doch eh ganz nett – und das Alleinsein vielleicht sogar die einzige Art von Freiheit, die einem heute noch bleibt… Im Wiener Schauspielhaus wurden jetzt vier „Dramolette zum Alleinsein“ uraufgeführt, die das Theaterkollektiv FUX in Auftrag gegeben hat. Eines der Stücke heißt „Oblomows Plan“ – nach dem berühmten russischen Verweigerer jeglicher Produktivität.

Wir sehen eine Bühne mit einem Podest und einem Minifoyer, einem Schaukelpferd und einem Passbuldautomaten – rechts mündet sie in eine Höhle und oben erinnert sie an einen Supermarkt. Zwischen den Geschoßen kann man mit einem Lift wechseln, der an und ab auch von einem Eisbären benutzt wird. Mit wechselnden Plakaten wird zum Einkauf für sich allein bei Billo geworben, eine Schnapswerbung verspricht glückliche Stunden und ein „Big Nothing Burger“ soll einfach gut schmecken. Mit „Don`t do it“ wird eine Sportschuhmarke parodiert. Immer wieder gibt es auch elektronische Musik zu hören und Menschen stellen sich an der Kassa an. Supermärkte und Einkaufszentren sind ja die Wärmestuben der Einsamen.

Die von Falk Rößler inszenierten Stücke kreisen um das Thema Isolation, wobei der Rückzug ins absolut Private durchaus – ironisch – als etwas Positives dargestellt wird. Wenn alle auf sich schauen, geht es doch allen gut, oder?

Der zweieinhalbstündige Abend ist trotzdem sehr vergnüglich und oft sogar witzig. Ein Performer, der nichts zu performen hat, eine Frau denkt über den armen Pluto nach, der grausam aus der Familie der Planeten ausgestoßen wurde. Viel zu schauen und vieles, das nachwirkt.

Aufführungen bis 19. Mai – Infos & Karten: schauspielhaus.at

Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis „Der Idiot“

Bild : ©Monika Ritterhaus

Das Theater an der Wien zeigt am Museumsquartier Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis „Der Idiot“.

Ein Zugabteil groß wie die Welt, könnte man in Anspielung auf Johannes Mario Simmels Jugendbuchbestseller die Inszenierung von Weinbergs Oper „Der Idiot“ durch den exilrussischen Starregisseur Vasily Barkhatov nennen. Denn der sich drehende Eisenbahnwaggon in der Mitte der Bühne ist das Zentrum dieses Abends im Museumsquartier. Am Beginn fährt Fürst Myschkin vom Sanatorium in der Schweiz nach St. Petersburg und erfährt vom Mitreisenden reichen Kaufmannssohn Rogoschin von der schönen Nastassja, der alle Männer verfallen sind – am Ende liegt dort die von Rogoschin ermordete Nastassja und Myschkin scheint wieder in Apathie zu verfallen.

„Der Idiot“ ist die sechste und letzte Oper des polnisch-jüdisch-sowjetischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, 1987 komponiert und damals höchst unmodern. Weinberg, 1919 in Warschau geboren, und wie sein Förderer Schostakowitsch sowjetischen Repressalien ausgesetzt, hat eine eigene, tonale Opernsprache entwickelt, die im Westen erst nach seinem Tod auf Verständnis stieß. Sein Kollege Thomas Sanderling, Dirigent Weinbergprophet der ersten Stunde, hatte sich längst vehement dafür eingesetzt, dass das Stück dem Vergessen entrissen und in voller Länge uraufgeführt werde. Erst 2013 wurde „Der Idiot“ in München uraufgeführt. Auch dafür schien ihm jetzt das Wiener Publikum zu danken, denn Sanderling wurde nach der österreichischen Erstaufführung heftig bejubelt. Er dirigierte das wieder famos spielende ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Auch an den Sängerinnen und Sängern gibt es nichts zu bemäkeln.

In dreieinhalb Stunden erleben wir die Geschichte des Gutmenschen Myschkin in einer vergnügungssüchtigen, dekadenten, von Geld regierten Welt, in der die Lebedame Nastassja (Ekaterina Sannikova) im Kontrast zur bürgerlich guten Aglaja (Ieva Prudnikovaitė) gewinnt, um dann alles zu verlieren. Auch Dmitri Golovin als Fürst Myschkin kann seinen Tenor bravourös einsetzen.

Zugegeben, es ist nicht immer einfach, der Geschichte des „Parzival“ Myschkin zu folgen, zumal manche Züge der St-Petersburger-Szene irrational scheinen, doch die Widersprüchlichkeiten der russischen Gesellschaft von damals sind den unseren wohl nicht ganz unähnlich. Weinbergs Musik ist zudem sehr reizvoll und bietet immer wieder Neues zu entdecken. Dem Theater an der Wien ist etwas Besonderes gelungen.

„Der Idiot“ wird noch heute am 5. Mai und am Sonntag, 7. Mai, gezeigt.


Infos & Karten: theater-wien.at