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Buchtipp: Otto Brusatti, Der Gaukler mit Beethoven & Co

Anti-Künstler-Roman


Otto Brusattis schildert in „Der Gaukler mit Beethoven & Co.“ Das Leben eines Komponisten heute. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Der „kleine Komponist und Kunstbezweifler“ Edgar Arnold David Niehaus (EADN) wird 1968 in Halle/Saale in der DDR geboren und hätte als Partei-Günstling überall Karriere machen können. Alleine – er entschied sich für die Musik. Und bei erstbester Gelegenheit nutzte er die offenen Grenzen und setzte nach Westberlin über, wo er in der alternativen Hausbesetzer-Szene bald schon die linken Freunde mit neuer und somit unverständlicher Musik nervte. Früh wird er auch krank. Wie es dazu kam, dass EADN in den fest eingezirkelten Kreisen der Avantgarde reüssieren und recht gut von Stipendien leben konnte, letztlich aber nicht unzufrieden als besserer Unterhaltungsmusiker auf Kreuzfahrtschiffen endete, davon erzählt Otto Brusatti in seinem Musik-Roman Roman „Der Gaukler mit Beethoven & Co.“ Das Buch ist zugleich Parodie, Satire, Schelmenroman und Anti-Künstlerroman. Thomas Manns berühmter Komponistenroman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“ wird dabei ebenso lustvoll geplündert und parodiert wie Nietzsches Biografie oder Wittgensteins „Tractatus“. Sein Edgar Niehaus ist ebenso arrogant wie anscheinend untalentiert, er zieht dabei aber ungeniert über Musikerkollegen her und hat damit auch lange Zeiten beträchtliche Erfolge in Talkshows und bei akademischen Symposien.

Geht er auch einen Pakt mit dem Teufel ein? Just an zwei Weihnachtsabenden kommt es zu seltsamen Begegnungen mit zwei mysteriösen Zeitgenossen, krank ist er ja schon und in der Liebe hat er auch wenig Glück. Einmal bringt er in Wien – neben Berlin und Leipzig seine Schicksalsstadt – eine angehende feministische Literatin dazu, ihm Textfetzen für ein Oratorium zu liefern und einmal findet er tatsächlich ausgerechnet in Ungarn eine von Primzahlen besessene Frau, mit der er einige unbeschwerte Tage verbringen kann. Nach einem vielversprechenden Abschied, begeht die anscheinend schwerkranke Frau allerdings Suizid. Niehaus macht weiter mit der Zerstörung von Traditionen, er will Wittgenstein vernichten, was ihm wiederum ein Stipendium einbringt. Er macht auch das zu Musik. Das letzte große Werk, dessen Aufführung mindestens sieben Stunden dauern würde, ist schließlich ein Balladenprojekt. Stefan George und immer wieder Franz Schubert sind seine geistigen Führer, an denen er sich abarbeitet. Letztlich holt ihn seine Krankheit, die nie genau diagnostiziert wird, aber ein und er stirbt mit nur 51 Jahren – immerhin keine Primzahl und immerhin bleibt ihm ein langes Darben in geistiger Umnachtung wie Nietzsche und Manns Adrian Leverkühn erspart.

Der Roman ist natürlich in erster Linie für musikalische und literarische Feinspitze ein Vergnügen, da allerlei Verweise und Anspielungen zu entschlüsseln wären. Brusatti beschreibt mit den Augen seines Protagonisten die eitlen musikalischen Eliten und den trägen, selbstgefälligen Kulturbetrieb. Beim Festival „Rund um die Burg“ am 20./21. Mai wird er seinen Roman dem Publikum vorstellen.

Otto Brusatti wird am 20. Mai, 18.30 Uhr, bei „Rund um die Burg“ im Landtmann Bel Etage bei freiem Eintritt aus seinem Roman lesen.


Otto Brusatti: „Der Gaukler mit Beethoven & Co. Ein Musik-Roman“
Morio Verlag
ISBN: 978-3-945424-98-8
364 Seiten
€ 16,50

Buchtipp: Joseph Henrich, die seltsamsten Menschen der Welt

Die seltsamsten Menschen der Welt


Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde – die sehr andere Kulturgeschichte von Joseph Henrich. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Als wir bei EineStadt.EinBuch. den in China aufgewachsenen Dichter und Filmer Dai Sijie zu Gast hatten, erzählte er mir im Interview vom Kulturschock den er erlitt, als er in Paris zu studieren anfing und ihm eine Putzfrau beiläufig mitteilte, dass sie heute Abend in die Pariser Oper ginge. Nicht die Tatsache, dass eine Putzfrau in die Oper geht, war der Schock, sondern dass anscheinend jeder und jede in Paris einfach so „ich“ sagt. Das machte mir zum ersten Mal bewusst, dass wir die westliche Kultur des Individualismus als für alle geltend und alternativlos ansehen. Dieser Hochmut hat nicht nur schon Kriege entschieden – die USA scheiterten in Vietnam, Irak oder Afghanistan auch an der Unfähigkeit, sich in ihre Gegner einzufühlen –, sondern behindert schlicht das Verständnis für anderer Gesellschaftsformen. Es ist eben auch eine Art kulturelle Aneignung, allen Ländern dieser Welt die Demokratie aufzwingen zu wollen – eine schmerzliche Erfahrung, die wir im Westen kaum akzeptieren können. Ein Beispiel: Als in Afghanistan noch halbwegs demokratische Wahlen abgehalten wurden, befragte man Wähler, warum sie eine bestimmte Partei gewählt hatten und bekam dabei erstaunliche Antworten. Die meisten erklärten ohne Umschweife, dass sie den bestimmten Politiker gewählt hatten, weil der über 7 Ecken mit ihnen verwandt war. Politische Programme interessierten sie gleich Null.

Der amerikanische Anthropologe Joseph Henrich hat nun auf 650 Seiten nachzuzeichnen versucht, warum der Westen in Wirklichkeit höchst „sonderbar“ ist. Sonderbar oder seltsam ist die Übersetzung des englischen WEIRD, das bei Henrich für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic steht. In „Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde“ beschreibt der Professor in British Columbia die Entstehung der vieldiskutierten westlichen Werte aus den Verboten, die die Kirche im untergehenden Römischen Reich und im Frühmittelalter durchsetzen konnte. Konkret die Monogamie und das Verbot der Vetternehe. In den Jahrhunderten davor war es in den meisten Kulturen üblich, dass die erfolgreichsten/reichsten Männer mehrere Frauen für sich beanspruchten. Für die Frauen ein gar nicht so schlechter Deal wie man auf dem ersten Blick meinen könnte, denn es lebt sich als 3. oder 4. Frau eines mächtigen Mannes sicher besser als als einzige Frau eines Hungerleiders. Allerdings blieben dadurch viele junge Männer unbeweibt und ohne Perspektive auf ein besseres Leben. Ein Umstand, der in allen Kulturen der Kriminalität Vorschub leistet. Doch dadurch, dass erfolgreiche Männer sehr viele Kinder hatten legten sie auch nur wenig Wert auf deren Ausbildung – etwas, das Gesellschaften in ihrer Weiterentwicklung allerdings brauchen. Die weitverbreitete Sitte der Heirat zwischen Verwandten (Vettern und Cousinen) trug außerdem zur Bildung von Clans bei – Verwandtschaft wurde wichtiger als Talent und Eignung. In ihrem Absolutheitsanspruch für Gott waren dem Christentum und später dem katholischen Papsttum starke verwandtschaftliche Beziehungen allerdings ein Dorn im Auge. Alle sollten sich Gott unterordnen, auch für die Könige sollten die heiligen Gesetze der Ehe gelten.

Einen weiteren Schub in Richtung einer sonderbaren Gesellschaft brachten die Ideen des Protestantismus und der Alphabetisierung. Als Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg nagelte, konnte in Deutschland gerade einmal 1 Prozent der Bevölkerung lesen. Die eigentlich revolutionäre Idee Luthers bestand nun nicht in der Ablehnung des Papsttums, sondern in der Eigenermächtigung des Individuums. Jeder sollte selbst die Bibel lesen können und so übersetze er dann auch die – bis dahin nur Priestern in Lateinisch vorbehaltene – Bibel ins Deutsche. Die Erfindung des Buchdrucks tat ein Übriges und so waren bis ins beginnende 20. Jahrhunderts protestantische Länder wesentlich besser alphabetisiert als katholische. Die Idee, jeder solle für seinen Glauben selbst verantwortlich sein, bewirkte aber auch, dass andere Bindungen in der Gemeinschaft weniger wichtig wurden.

Es gibt etwa einen einfachen Test, um herauszufinden, wie sehr sich Menschen als eigenständige Personen fühlen. Bittet man Probanten verschiedener Kulturen den Satz „Ich bin…“ zu vervollständigen, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten. Im Westen definieren sich Individuen etwa über ihren Beruf, ihre Bildung, ihre Heimat oder ihre Vorlieben. In den nicht sonderbaren Kulturen hingegen viel stärker über ihre Bindungen innerhalb ihrer Gesellschaft – etwa „Ich bin der Sohn von, der Ehemann von, der Bote meines Onkels usw.“

Henrich behauptet gleich zu Beginn, dass sich in den westlichen Kulturen über die Jahrhunderte die Gehirne neu verdrahtet hätten. Unsere Fähigkeit zu Lesen ging etwa zu Lasten der Fähigkeiten, ein Gesicht schnell zu erkennen. Warum aber wurde das westliche Modell so erfolgreich? Hätte jemand von außen auf die Welt um 1000 nach Christus geblickt, hätte er vorhergesagt, dass sich entweder die Araber oder die Chinesen zur Weltherrschaft aufschwingen würden – beide Kulturen waren wesentlich weiter entwickelt als die nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums rückständigen Europäer. Während der Kreuzzüge staunten die christlichen Ritter über die hohe Kultur der Moslems, kluge Herrscher wie Friedrich II. lernten viel von der arabischen Welt – so erfuhren Europäer etwa nur über die Vermittlung von arabischen Gelehrten von der Existenz eines Aristoteles. Um 1900 war hingegen ein Gutteil der Welt entweder direkt als Kolonie oder als schwache Staaten von Europa oder den USA abhängig. Die meisten Forscher machen dafür das Aufkommen der Wissenschaften im Gefolge der Kolonialisierung verantwortlich. Henrich will in seinem Buch aber erklären, warum sich gerade im Westen die Wissenschaften so erfolgreich entwickelt haben. Er beschreibt die vielbeschworenen westlichen Werte wie Menschenrechte, Freiheit, repräsentative Demokratie oder Wissenschaft nicht als Resultat der Aufklärung oder der Vernunft, sondern als Folge psychologischer Phänomene, die durch ein Bündel von Regeln in der Frühzeit des Christentums aufgestellt worden waren. Interessanterweise sind sonderbare, also westlichen Gesellschaften, Fremden gegenüber weniger misstrauisch, halten sich eher an Gesetze und sind mehr am Tausch von Waren interessiert.  

Henrich unterstützt seine These durch eine Reihe psychologischer Tests. Etwa das berühmte Ultimatum-Spiel. Sie werden gebeten mit einem ihnen unbekannten Menschen in einem anderen Raum 100 Euro zu teilen. Und zwar mit folgenden Spielregeln: Sie teilen, der Deal hält aber nur, wenn ihr Partner dem zustimmt. Lehnt er ab, bekommen beide kein Geld. In den westlichen Kulturen bieten die Spieler meist 50:50 an, in allen anderen Kulturen behält der, der das Geld aufteilt. in der Regel mehr – etwa im Verhältnis 80:20. Das Interessante ist nun, dass die Westler geringe Beträge ablehnen – mit dem Ergebnis, dass niemand etwas bekommt –, während überall sonst sich die zweiten Spieler auch mit kleinen Beträgen zufriedengeben. Das ist objektiv gesehen natürlich eine rationale Entscheidung – allerdings eine, die Westler als unfair empfinden. In einigen wenigen Kulturen, in denen das Schenken ein hoher Stellenwert einräumt wird, bieten die ersten Spieler sogar mehr als sie für sich selbst behalten wollen.

Henrichs Thesen sind zweifelsohne faszinierend und in den meisten Punkten nachvollziehbar. Sein Werk ist fast so etwas wie eine Ergänzung zum meistdiskutierten Buch der letzten Jahre, nämlich Yuvak Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Alles lässt sich mit seinen Ideen natürlich nicht erklären. Warum sind die größten Verbrechen der Menschheit – wie etwa der Holocaust – gerade in den hochentwickelten Gesellschaften verübt worden oder wie konnte ein noch radikaleres System gegen die Vetternwirtschaft wie der Kommunismus sich in Ländern wie Russland oder China durchsetzen. Doch das meiste ist schlüssig. Wer etwa wissen will, warum autokratische regierte Staaten für Korruption stärker anfällig sind als Demokratien, wird auch eine Antwort finden. Und psychologischen Studien, die rein auf Untersuchungen an westlichen Universitäten nach dem Motto „Wir befragen unsere Collegestudentinnen und Collegestudenten und schließen dann auf die ganze Welt“ durchgeführt werden, wird man nach diesem Buch sicher grundsätzlich misstrauen.


Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde
Aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann und Jan-Erik Strasser
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-58780-5
650 Seiten
€ 35,-

Buchtipp: Berit Glanz, Automaton

Vernetzt und prekär


Berit Glanz beschreibt in seinem neuen Roman „Automaton“ die Working-Class-Poor der Globalisierung. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Unter Automaton versteht man Menschen, die digitale Foto- und Videoaufnahmen sichten und bewerten. Tiff ist eine von ihnen, die von zuhause Aufträge für Firmen annimmt, die anscheinend behaupten, schon eine funktionierende KI zu besitzen, in Wirklichkeit aber ihre Überwachungsvideos von Menschen sichten zu lassen. Der Job bei einer Plattform, den sie vorher hatte und bei dem sie Fotos rauslöschen musste, die den Anstand oder gesetzliche Bestimmungen verletzen, war noch anstrengender und noch schlechter bezahlt. Mit einigen digitalen Leidensgenossen hat sie eine Chatgruppe gegründet, um sich bei der öden Arbeit die Zeit zu vertreiben. Als sie bei der Überwachung eines Garagentors ein paarmal einen Mann sieht, der zum Einschlafen seinem Hund vorliest, ist sie fasziniert. Als dann der Mann verschwindet und der Hund verzweifelt nach ihm Ausschau hält, ist sie alarmiert. Was ist mit dem augenscheinlich obdachlosen Mann geschehen. Mit ihren Chat-Freunden versucht sie, herauszufinden, was geschehen ist. Sie hat dabei anfangs keine Ahnung, wo auf der Welt sich dieses anonyme Garagentor befindet. Die Firma für die sie arbeitet hat alle eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben lassen – sie kann dort also auch nicht nachfragen.

Als Leser wird einem aber bald klar, dass es sich um den anderen Erzählstrang des Romans handeln muss. Die Autorin schildert das ebenso karge und von Finanznöten geplagte Leben von Stella in Oakland, einem wenig reizvollen Stadtteil von San Francisco. Nach Jobs in einer Fischfabrik und als Erntehelferin in einer Marihuana-Farm arbeitet sie jetzt in einer Suppenküche für Bedürftige. Und dort trifft sie einen Mann, der niemals lange an einem Ort bleiben will. Wir ahnen es, das muss jener Obdachlose sein, der verschwunden ist und wir erleben, wie die globale Rettungsversuche von Tiff letztlich erfolgreich werden.

Berit Glanz ist ein Roman gelungen, der uns nicht nur die prekäre Situation von Onlinearbeiterinnen zeigt, sondern auch eindrucksvoll beschreibt, wie vernetzt unsere Welt inzwischen geworden ist. Die digitalen Fäden, die um den Erdball gesponnen sind, verbreiten aber auch ein gehöriges Gefühl von Unbehagen.


Berit Glanz: Automaton
Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1438-2
288 Seiten
€ 22,70

Buchtipp: Kim Hye-Jin, Die Tochter

Annäherung zwischen Generationen


Annäherung zwischen Generationen – Kim Hye-Jins Mutter-Tochter-Roman aus Südkorea. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Ein Blick in die Untiefen der Wirtschaftsboom-Region Südkorea: Kim Hye-Jin zeigt uns in ihrem ersten auf Deutsch erhältlichen Roman „Die Tochter“ Menschen, die kaum etwas vom großen Wohlstand abbekommen und die an der noch immer sehr traditionellen Gesellschaft leiden. Die Mutter besitzt zwar nach dem Tod ihres Mannes ein Mietshaus, doch das ist so desolat und die Mieter so knapp bei der Kasse, dass sie auch noch im Alter in einem Seniorenheim als Pflegerin arbeiten muss, während ihre Tochter Green trotz Studiums nur eine kaum bezahlte Assistentenstelle an der Uni hat. Doch das macht der Mutter weniger Sorgen als Greens Beziehungsstatus, denn diese lebt mit einer Köchin zusammen, die im Roman immer nur das Mädchen genannt wird. Aus der Traum vom sicheren Hafen der Ehe mit Enkelkindern. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in Korea bestenfalls vom Gesetz geduldet, in der Gesellschaft aber weiterhin verpönt.

Kim Hye-Jin erzählt aus der Sicht der Mutter, wir bekommen somit ihre große Abneigung gegen die Partnerin ihrer Tochter unmittelbar mit. Aber im Lauf der Handlung dürfen wir erleben, dass die beiden mehr gemeinsam haben als sie zugeben würden. Um Geld zu sparen, das sie nicht haben, ziehen die Tochter und das Mädchen bei der Mutter ein. Green engagiert sich auf der Uni für Lehrende, denen man aufgrund ihrer Homosexualität ohne Angabe von Gründen den Lehrvertrag nicht mehr verlängert hatte. Ein aussichtsloser Kampf bei dem Green schließlich sogar brutal von Gegendemonstranten verprügelt wird.

Aber die Mutter ist auf ihre Art nicht weniger engagiert. Als sie mitbekommt, dass ihre demente Patientin trotz der großen Summen, die sie für das Seniorenheim bezahlt hat, in eine Abteilung ohne intensive Pflege abgeschoben wird, „befreit“ sie diese kurzerhand und bringt sie zu sich nach Hause. Kim Hye-Jin zeichnet das Bild einer sozialdarwinistischen Gesellschaft, in der nicht einmal mehr Reichtum ein gutes Leben garantiert. Wenn sich niemand um einen kümmert, kümmert es eben niemand mehr. Ein hartes, aber notwendiges Buch, das Wert ist, gelesen und diskutiert zu werden.    


Kim Hye-Jin: Die Tochter
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27232-3
172 Seiten
€ 20,60

Buchtipp – Abigail Assor, So reich wie der König

Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Marokko in den 90ern


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.


Marokko in den 90ern: Die Masse der Menschen ist bitterarm, doch einige wenige schwimmen in Geld und Luxus. Mit Autos und Rolex-Uhren wird der Status angezeigt. Sarah ist 16, bildschön und geht auf die französische Schule in Casablanca, wo ihre Klassenkameraden vom Chauffeur nach Hause gebracht werden. Doch sie selbst ist darauf angewiesen, sich ein Mittagessen zu schnorren, die Schule kann sie nur besuchen, weil französische Staatsbürger hier kein Schulgeld zahlen müssen. Aber Sarah hat begüterte Freunde, die sie gerne auf ein Panini einladen. Ihre Mutter, die ihr ganzes Geld an einen Betrüger verloren hat, ist eine bessere Prostituierte. Beiden leben sie am Rande einer Barackensiedlung, haarscharf vom untersten Elend der Stadt getrennt.

Sarahs einziges Kapital ist ihre Schönheit, ihre Liebhaber spendieren ihr allerdings nicht viel mehr als Jeans und ein paar Mahlzeiten. Da hört sie von Driss, dessen Familie reicher sein soll als der König. Sarah träumt davon, seine Frau zu werden und im Familienpalast zu wohnen. Aber Driss ist ein Einzelgänger, der sich fast nur für sein Motorrad zu interessieren scheint. Sarah schafft es letztendlich doch, seine Geliebte zu werden. Ja, es sieht sogar bald nach echter Liebe aus. Auf seine Weise ist allerdings auch Driss ein Gefangener seiner Herkunft. Sein Vater, der größte Textilfabrikant des Landes, hält ihn für einen Versager. Ein Deal mit einem amerikanischen Partner geht schief. In Sarah findet er endlich jemanden, der  ihm zuhört und der zu ihm zu gehören scheint. Als Driss seiner Familie eröffnet, Sarah heiraten zu wollen, erntet er nur Hohn und Ablehnung. In der Schlüsselszene des Romans kommt Sarah anlässlich des islamischen Opferfestes zum ersten Mal ins Haus der Familie. Sarah ist absichtlich schwanger geworden, um ihre Chancen auf eine Hochzeit zu erhöhen. Allerdings hat sie nicht mit der Kaltschnäuzigkeit der Reichen gerechnet. Die Mutter eröffnet ihr unumwunden, was mit den Geliebten ihres Mannes, die ein Kind von ihm haben, passiert. Sie werden ganz einfach aus dem Haus geworfen.

Abigail Assor wurde 1990 in Casablanca geboren und studierte in Paris und London. Ihr Debütroman „So reich wie der König“ schaffte es bereits auf die Shortlist für den Prix Goncourt. Denn Assor ist ohne Zweifel ein erzählerisches Talent. In ihrem Roman wird Casablanca zum nach Armut und Verfall stinkenden Moloch, mit heruntergekommenen Jugendlichen, fliegenverseuchten Imbissbuden und überquellenden Mülleimern. Die Botschaft des Romans ist einfach und brutal – sowohl bei den ganz Armen als auch bei den Reichen dreht sich alles immer nur um Geld.


Als junge, arme Französin in Marokko – Helmut Schneiders Buchtipp über Abigail Assors harten Liebesroman „So reich wie der König“.

Abigail Assor: So reich wie der König
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-64284-8
220 Seiten
€ 23,70

Buchtipp – Michel Houellebecq, Vernichten

Der Literatur-Agent-Provocateur


Michel Houellebecq überrascht mit einem Familienroman. Eine Buchkritik von Helmut Schneider.


Ganz ehrlich – die letzten Romane des französischen Starschreibers Michel Houellebecq waren kein Vergnügen für Leser, blieb man doch stets völlig deprimiert zurück. Alter weißer Mann schimpft auf die Gesellschaft, deren Niedergang er zugegebenermaßen sehr beredt und kompromisslos seziert – dafür reichte es aber auch, die Standard-Kommentare zu lesen. „Vernichten“, der neue mehr als 600 Seiten starke neue Roman des Parisers, ist trotz des wenig hoffnungsvollen Titels und die nicht minder traurigen Vorkommnisse, die darin geschildert werden, aber anders. Denn Houellebecq zeigt uns, wie eine Familie irgendwie doch zusammenhält und das Wachkoma des Vaters zu bewältigen versucht und wie sogar eheliche Liebe in schwierigen Zeiten wieder aufzublühen vermag.

Der Plot: Paul ist ein gutverdienender Finanzexperte im Stab des französischen Wirtschaftsministers Bruno, der ihm fast ein Freund geworden ist. Seine Luxusmaisonette ist nur wenige Schritte vom Ministerium entfernt, seine ebenfalls im Staatsdienst arbeitende Frau Prudence sieht er seit 10 Jahren allerdings kaum noch. Sie haben sich auseinandergelebt und ihre Zeiten in der gemeinsamen Wohnung so getaktet, dass sie sich so gut wie nie sehen. Im Bett läuft sowieso schon längst nichts mehr.

Beunruhigend im Büro sind einige Cyberattacken auf den Wirtschaftsminister – ein Meme zeigt gar seine Enthauptung als perfekt gemachten Comic-Strip. Die Geheimdienste der freien Welt stehen vor einem Rätsel. Wir sind dabei mitten in einer heiklen politischen Situation – der Sanierer Bruno steigt zum starken Mann in Frankreich auf, weil der Präsident nach seinen 2 Regierungsperioden (unverkennbar Macron) jetzt einen Platzhalter bis zur wieder möglichen Kandidatur braucht. Der Roman spielt im Jahr 2027 und der tatsächlich als Präsident kandidierende Mann ist ein substanzloser Fernsehmann und Populist, der letztendlich nur gegen seinen geschickten jungen Konkurrenten von der Rechten gewinnt, weil die Terroristen vor der Wahl ein Massaker im Mittelmeer verüben.

Houellebecq zeigt uns in „Vernichten“, wie eine Familie irgendwie doch zusammenhält und das Wachkoma des Vaters zu bewältigen versucht. – ©Pensamento Porto Alegre 2016

Just da bekommt Pauls Vater einen Schlaganfall und fällt in ein Wachkoma, das heißt er versteht alles, was um ihn herum geschieht, kann aber nur blinzeln und bestenfalls den Finger bewegen. Die Familie – neben Paul gibt es noch die überzeugte Katholikin Cécile und den lebensfremden jüngeren Bruder Aurélien – findet sich um die zweite Frau des Vaters – die herzensgute, aber ungebildete Madleine – im großen Haus der Familie in der Provinz ein. Dabei war der alte Mann anscheinend ein führender Geheimdienstler, was er vor seiner Familie aber gut versteckt hatte. Bald wird klar: Wenn der Vater im Spital bleibt, wird er sterben, denn die Betreuung in den staatlichen Einrichtungen ist nach den Budgetkürzungen katastrophal – Houellebecq scheut sich nicht, diesen Umstand Euthanasie zu nennen. Also lässt die Familie – eingefädelt durch Céciles Ehemann, einen arbeitslosen Notar mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene – den Vater aus dem Spital entführen. Die Ärzte erstatten sowieso keine Anzeige. Doch leider hat das Auswirkungen auf die helfende Krankenschwester, die längst zur Geliebten von Aurélien geworden ist und die noch dazu keine bleibende Aufenthaltsgenehmigung hat. Der erste Hammerschlag: Aurélien bringt sich um. Der zweite folgt wenig später. Paul geht nach längeren Zahnschmerzen endlich zum Zahnarzt und der hat sofort den Verdacht, dass bei ihm ein Mundhöhlenkrebs wuchert. Es folgt eine ziemlich detaillierte Schilderung der Behandlung durch Chemotherapie – eine komplizierte, aber lebensverlängernde Operation, die ihm das Kiefer und die Zunge kosten würde, lehnt Paul entschieden ab.

Schwere Kost also, doch schon vor der Erkrankung haben Paul und Prudence wieder zueinander gefunden, sie erleben einen zweiten Frühling in ihrer Beziehung – für Houellebecq eine Gelegenheit, wieder ein paar Sexszenen einzufügen. Die hätte man ehrlicherweise genauso wenig gebraucht wie die vielen Träume von Paul, die im Buch auftauchen. Früher hieß es unter Schriftstellern: Erzähle einen Traum und die verlierst einen Leser, aber Houellebecq kann sich das anscheinend leisten. Am Ende gewährt er dem Paar einen fast heiligen Frieden. Das ist dann echt berührend, wenn der Grantscherm der modernen Literatur die letzten innigsten Momente eines Ehepaars mit gröstmöglicher Anteilnahme schildert. Ein Houellebecq also, den man auch psychisch weniger gefestigten Lesern empfehlen kann. Die vielen Unwahrscheinlichkeiten und die doch ziemlich undifferenzierte Darstellung der Terroristen – wer sie sind, wird nie aufgeklärt – nimmt man da in Kauf.


Michel Houellebecq: Vernichten
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek
DuMont Verlag
ISBN: 978-3-8321-8193-2
622 Seiten
€ 28,80

Buchtipp – Wolfgang Hermann, Insel im Sommer

Wiedererwachen in der Provence


Helmut Schneiders Buchtipp: Wolfgang Hermanns Erzählung „Inseln im Sommer“.


Ein Mann leidet, denn sein minderjähriger Sohn war einfach so im Bett gestorben. „Die Angst überfiel mich wie ein Raubtier…“ – der Erzähler, ein Mitarbeiter an einer Universität in Wien, stürzt in eine schwere, langanhaltende Depression. Er reist nach Paris, wo er vor Jahren schon gelebt hatte. Aber die Stadt ist ihm zu laut, will zu viel von ihm und er kann nichts zurückgeben. Erst in der Provence, wo er ein befreundetes Paar besucht, findet er langsam wieder zu sich. Zumal er die Österreicherin Klara und ihre Tochter Maria kennenlernt und mit ihnen ein paar wundervolle Tage am Strand und am See verbringt. Klara ist Künstlerin – sie macht Skulpturen, die Töne erzeugen, wenn der Wind durch sie durchströmt – und sie hat ebenfalls eine unerfreuliche Geschichte mit ihrem Ex-Mann – ausgerechnet ein ehemaliger Mönch aus einem Zen-Kloster –, der sie stalkte, zu verarbeiten.

Hermann braucht nur knapp 70 Seiten, um eine Geschichte zu erzählen, die voller Emotionen ist. Wir leiden mit dem Vater, freuen uns, wenn er wieder ein Zipfelchen von Glück zu fassen bekommt und nehmen das ungewisse Ende doch als eine Verheißung besserer Tage.

Wolfgang Hermann wuchs in Dornbirn in Vorarlberg auf und studierte ab 1981 Philosophie und Germanistik an der Universität Wien. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über Friedrich Hölderlin zum Doktor der Philosophie. Anschließend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien. Seit 1987 ist er freier Schriftsteller. Er hat schon ein beachtliches Werk geschaffen – mit zahlreichen Romanen, Theaterstücken und Libretti. Zu einiger Bekanntheit gelangte er durch seinen Roman „Herr Faustini verreist“, dem noch einige Faustini-Romane folgten. „Inseln im Sommer“ ist ein empfehlenswertes Leseabenteuer.


Wolfgang Hermann, Inseln im Sommer – Erzählung
Czernin Verlag
ISBN: 978-3-7076-0754-3
74 Seiten
€ 17,-

Buchtipp – Wir sind das Licht, Gerda Blees

Verhungern in den Niederlanden


Gerda Blees‘ Roman über eine sektenähnliche Hausgemeinschaft „Wir sind das Licht“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Eines Nachts ist Elisabeth zu schwach zum Aufstehen und stirbt auf der Luftmatratze, auf der sie seit Monaten im Haus ihrer Schwester schläft. Weder ihre Schwester Melodie noch die beiden Mitbewohner Muriel und Petrus rufen einen Notarzt. Denn die vier nehmen seit Monaten kaum noch Nahrung zu sich, weil sie davon überzeugt sind, dass Licht, Musik und Liebe ausreichen, um einen Körper ausreichend zu versorgen.

Die Niederländerin Gerda Blees erzählt in ihrem Debütroman „Wir sind das Licht“ von einer seltsamen Wohngemeinschaft rund um die dominante Musikerin und Gruppenleiterin Melodie. Eines Tages haben sich die vier – angeleitet von obskuren Kursen und Videos im Internet – darauf geeinigt, dass Nahrung ihre Körper nur vom Wesentlichen ablenkt und behindert. Ihre Gemeinschaft nennen sie „Klang und Liebe“, ihre Zeit verbringen sie mit singen und meditieren. Der Tod der schweigsamen Elisabeth ruft dann freilich die Behörden auf den Plan. Der zuständige Arzt hält ihren Tod für nicht natürlich, der Pathologe stellt eine krasse Unterernährung fest. Die Polizistin Lisa, die selbst Probleme mit ihrer magersüchtigen Tochter hat, untersucht den Fall aufgrund des Verdachts auf unterlassener Hilfeleistung und nimmt Melodie, Petrus und Muriel in Untersuchungshaft. Die Beweisführung ist allerdings schwierig, da alle davon überzeugt sind, das Beste für Elisabeth getan zu haben. Nur langsam kommen bei Muriel Zweifel. Ob sie nach der Freilassung die Gruppe verlässt bleibt aber ungewiss.

Blees‘ Erzählweise ist dabei höchst kreativ. Sie lässt in jedem Kapitel andere Menschen, aber auch Dinge und Gedanken zu Wort kommen. So berichten etwa der „Tatort“, „Klang und Liebe“, ein Kugelschreiber oder die Eltern von Elisabeth aus ihrer Sicht. Zutage kommen toxische Beziehungen innerhalb der Gruppe – Muriel und Petrus sind in ihrer Psyche gefangen und können sich der manipulativen Kraft Melodies nicht entziehen. Petrus leidet an Wutanfällen, Muriel ist hochgradig entscheidungsschwach. Als Anregung diente der Autorin ein Zeitungsbericht über einen ähnlichen Fall. Allerdings hat Blees die Figuren neu erfunden. Sie schafft es aber, dass wir die Geschichte als erschreckend real und durchaus plausibel empfinden. Eine interessante, aber nicht leicht verkraftbare Lektüre.


Wir sind das Licht von Gerda Blees
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Erschienen im Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07274-9
240 Seiten
€ 23,70

Buchtipp: Uns zusammen halten, Mirthe van Doornik

Aufwachsen in prekärer Lage


„Uns zusammen halten“ von Mirthe van Doornik – oder vom Aufwachsen in prekärer Lage & zwei Schwestern in den Niederlanden. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Am Beginn des Romans ist Kine 11 und Nico 15 und die kleine Schwester bewundert die größere, die cooler ist und Menschen mit Blicken töten kann. Am Ende taumelt Nico nach den Anschlägen von Nine Eleven aus purer Angst vor Gefahren und Unglücksfällen durch ihr Leben, während Kine zu studieren beginnt und im Job erfolgreich ist. Dazwischen das Drama eines Aufwachsens in höchst schwierigen Verhältnissen in einem Sozialghetto mit einer alkoholkranken Mutter, die bis zuletzt das Bild einer intakten Familie aufrecht erhalten will. Tageweise gibt es nur Nudeln mit Ketchup, manchmal ist gar nichts Essbares da, wenn das Geld nur noch für die Weinflaschen reicht, die die Mutter bis zum Abend braucht. Der Vater lebt längst woanders und kann nur sporadisch aushelfen.

Mirthe van Doornik arbeitet als Dokumentarfilmerin, der Roman „uns zusammenhalten“ ist ihr autobiografisch gefärbtes Debüt und ein Buch, das von Beginn an berührt. Doornik erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Kine und Nico und trotz der vielen sozialen Katastrophen mit einem lakonischen Humor. Es wird klar was es heißt, nicht am allgegenwärtigen Wohlstand in einem der reichsten Ländern Europas teilhaben zu können – etwa mit aus den Sammelstellen für die Dritte Welt aufgeklaubten Kleidern in die Schule zu gehen oder im Supermarkt klauen zu müssen. Mutter Nina versucht immer wieder ihren Kindern auch etwas zu bieten. Sie gewinnen bei einem Bastel-Wettbewerb den Besuch im Disneyland oder machen einen Ausflug zu einer Hippiekolonie in Amsterdam. Zeitweise lebt ein Indianerfan in einem Tipi im Wohnzimmer bei ihnen. Aber die Tücken des Alltags holen sie immer wieder ein – Armut ist eine große Herausforderung und purer Stress.

Nach der emotionalen Stärke der Geschichte und der gelungenen erzählerischen Umsetzung müsste „uns zusammenhalten“ ein Bestseller werden.


„Uns zusammen halten“ von Mirthe van Doornik – oder vom Aufwachsen in prekärer Lage & zwei Schwestern in den Niederlanden.

Mirthe van Doornik: Uns zusammenhalten
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Haymon Verlag
ISBN: 978-3-7099-8126-9
312 Seiten
€ 22,95

Buchtipp – Eva Tind, Ursprung

Auf der Suche nach dem Ursprung


Kopenhagen, Indien, Korea und Schweden – Eva Tind geht in ihrem Roman auf die Suche nach dem „Ursprung“.
Text: Helmut Schneider


Die 1974 geborene dänische Autorin Eva Tind ist in ihrer Heimat bereits ein Star, aber erst jetzt erscheint ein erster Roman von ihr auf Deutsch. In „Ursprung“ geht es um eine Kernfamilie, die allerdings die meiste Zeit getrennt voneinander lebt. Die international gefeierte Künstlerin Miriam hat Kai nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Sui verlassen, weil sie ihre Karriere nicht behindern wollte. Kai ist Architekt in Kopenhagen und stürzt in eine Krise als ihn Tochter Sui mit nur 18 Jahren verlässt, um fortan für die Kunst zu leben. Kai fährt daraufhin zu einer alternativen Gemeinschaft nach Indien und wird dort eine Art Wunderheiler. Sui besucht ihre inzwischen alte Mutter, die in einem einsamen Waldgebiet in Schweden nur noch an ihrem Mausoleum – ein von einer unüberwindbaren Mauer umgebener Kreis – arbeitet. Anfreunden können sich die beiden aber nicht und so will Sui ihre Großeltern in Korea kennenlernen und gerät unvermutet auf die kleine Insel Marado, wo die Frauen das Sagen haben, weil sie als Perlenfischerinnen steuerfrei arbeiten können.

Die hier nur grob angerissene Handlung klingt reichlich konstruiert, aber Eva Tind schafft es, die Geschichte – trotz einiger Anleihen aus der Kolportage – doch recht plausibel zu präsentieren. Vor allem weil sie jedes Kapitel von einem der drei Hauptpersonen erzählen lässt. Und dass sich in einem Roman ordentlich was tut, ist ja auch kein Fehler. Das Thema wird dabei schon im Titel, der auch im Dänischen Ursprung heißt, angerissen. Irgendwann muss sich wohl jeder seiner Herkunft stellen. Tind macht das mit viel literarischem Geschick, es ist ein Vergnügen diesen Roman zu lesen, zumal man dabei als Leser viel herumkommt. Und am Ende stehen – wie bei jedem guten Roman – mehr Fragen als Antworten.


Eva Tind: Ursprung
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Mare Verlag
320 Seiten
€ 25,70