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David Mitchells „Utopia Avenue“ über die Beatles- und Stones-Area. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Die Band, die es leider nie gab – David Mitchell, Utopia Avenue

David Mitchells „Utopia Avenue“ über die Beatles- und Stones-Area. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Kann es sein, dass man zum Fan einer Band werden soll, die es nie gegeben hat? Der Brite David Mitchell – seit seinem von Tom Tykwer verfilmten Bestseller „Der Wolkenatlas“ in der Liga der Autoren, die weltweit beachtet werden – entwirft in seinem neuen 750-Seiten-Wälzer eine alternative Pop-Historie mit ebendiesem Ziel. Denn natürlich will man spätestens am Ende gerne die Songs der vier sympathischen Mitglieder seiner fiktiven Londoner Band „Utopia Avenue“ tatsächlich hören. Dass Mitchell seine Band nach nur zwei Alben unter dramatischen Umständen wieder auflöst, ist da nur ein schwacher Trost. Viel zu viel Emotion hat man als Leser da bereits in die Folk-Sängerin Elf, den Blues-Bassisten Dean, den Jazz-Drummer Griff und den Gitarrengott Jasper investiert als dass man nicht zumindest nach Musik-Alternativen im Netz (eine jazzige Rockband mit einer Folksängerin?) suchen würde. Das ist gleichzeitig die Stärke und die Schwäche dieses Romans, der freilich zumindest auf jeder Seite zu unterhalten vermag.

Das liegt vor allem daran, dass Mitchell jedem seiner Hauptpersonen genügend Raum für Entwicklung gibt. Da ist etwa der unter schwierigen sozialen Verhältnissen bei seinem Alkoholiker-Vater aufgewachsene Bassist Dean, der als einziger der Band anfällig für den Lohn des Erfolgs ist und vor allem weiblichen Versuchungen nicht widerstehen kann. Da ist die an die Ideale der Zeit glaubende Elf, die auch dann nicht an das Böse im Menschen glauben will als sie mit einem Bösen liiert ist und da ist vor allem der Niederländer Jasper de Zoet, der als illegitimer Sohn einer reichen Familie an schweren psychischen Problemen leidet. Denn in Jasper lebt sozusagen ein anderer, der sich mit Klopfzeichen bemerkbar macht und ihn in den Wahnsinn zu treiben versucht. Mitchell spielt dabei mit seinen Fans, denn zur Auflösung dieser Geschichte verweist er auf seinen früheren Japan-Roman „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“, in dem ein vampirhafter Mönch sein blutiges Unwesen treibt. Es ist nicht die einzige Reverenz des 1969 in Southport geborenen und inzwischen in Irland lebenden Autors an frühere Werke, Mitchell schafft sich einen eigenen selbstreferenziellen Hintergrund – glücklicherweise muss man als Leser aber nicht all das kennen, um „Utopia Avenue“ zu verstehen.

Was Mitchell in diesem Roman auch gut hinbekommt ist popkulturelles Namedropping. Die Band und ihr schwuler kanadischer Manager treffen so gut wie alle umstrittenen Helden der 60er-Jahre – von John Lennon, Jimmie Hendrix, Leonard Cohen und David Bowie bis zu Joan Baez, Francis Bacon und den später erst entlarvten Vergewaltiger und einflussreichen DJ Jimmy Savile. Und natürlich gibt es auch gut recherchierte Szenen aus dem damaligen noch voll analogen Alltag. Mit Dean erleben wir gleich am Anfang das harte Los von Musikern, die noch ihre Gitarre abstottern müssen, während sie in miesen Zimmern wohnen, in denen die Vermieterin ausdrücklich Iren und Schwarze nicht reinlässt. Und die durchaus nicht ungefährlichen Auftritte in der englischen Provinz – als die Band noch völlig unbekannt ist –bleiben auch im Gedächtnis.

Nun, wer die Sixties mag, wird in „Utopia Avenue“ wirklich gut bedient – von den Partys der Reichen und Schönen über das Chelsea Hotel bis zu Kalifornien kommt wirklich ein Gutteil aller Ikonen vor. Doch die Frage, warum mir der Autor dies alles erzählt, kann ich nicht befriedigend beantworten. Die utopische Geschichte von Jaspers Psychose ist dafür zu schwach und zu wenig ausgeführt. Immerhin gibt es am Ende zur Draufgabe auch noch eine tragisch-komische Überraschung in San Francisco.


David Mitchells „Utopia Avenue“ über die Beatles- und Stones-Area. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

David Mitchell: Utopia Avenue
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Rowohlt Verlag
752 Seiten
€ 26,95

Nachbarschaft einmal anders – Dominik Barta, Tür an Tür

Dominik Bartas Wien-Roman „Tür an Tür“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Als der Erzähler Kurt die Genossenschaftswohnung seiner Tante in der Laimgrubengasse übernimmt, nachdem diese wieder ins Burgenland ziehen wollte, ahn er noch nicht, dass aus seiner Nachbarschaft eine Gemeinschaft werden sollte. Er leidet bloß unter der Husterei seines älteren Nachbarn Drechsler. Hat er mit diesem aber erst einmal geplaudert, geht es Schlag auf Schlag. Er lernt die Biologin Regina kennen und bald schon zieht sein Jugendfreund nach Differenzen mit seiner Freundin bei ihm ein. Kurt ist Lehrer und schwul – und so verliebt er sich ausgerechnet in einen kurdischen Schüler und die politischen Verwicklungen nehmen seinen Lauf.

Was Dominik Barta da in seinem zweiten Roman erzählt ist nicht unspannend, wenngleich vieles etwas konstruiert wirkt. Dazu kommen sprachliche Schwächen – es sind mehr Monologe als Dialoge, die er seinen Leserinnen und Lesern vorsetzt. Die Probleme eines schwulen Lehrers, der sich zwar längst geoutet hat, aber gleichzeitig vor sexuellen Begegnungen davonzulaufen scheint, werden etwas zu breit ausgewalzt. Dass Reginas Forschungsfeld ausgerechnet die Biologie des sexuellen Begehrens umfasst, wird vom Autor dann freilich nicht für seine Geschichte genützt. Und so liest sich „Tür an Tür“ ganz amüsant, warum der 1982 in Oberösterreich geborene Dominik Barta uns das alles erzählen muss, ist mir am Ende aber nicht wirklich klar.


Dominik Barta: Tür an Tür
Zsolnay
208 Seiten
€ 23,70

Buchtipp – Karl Ove Knausgård, Der Morgenstern

Der neue Skandinavien-Thriller

Der neue Skandinavien-Thriller kommt ausgerechnet von Karl Ove Knausgård.

Der Norweger Karl Ove Knausgård schrieb sich mit seinem autobiografischen, sechsbändigen Mammutwerk „Min Kamp“ (wörtlich: Mein Kampf) in die Spitzenriege der Weltliteratur. Eine derartige Selbstreflexion muss man natürlich mögen, zumal man heute als „alter weißer Mann“ (Knausgård ist Jahrgang 1968) nicht eben offene Türen einrennt. Aber Knausgård hat es geschafft und gilt längst als Kultautor. Als solcher hat er natürlich auch viele Feinde.

Sein neuer Roman „Der Morgenstern“ ist freilich endlich wieder ein fiktionales Werk. Und was für eines. Die knapp 900 Seiten sind erst der Anfang. Es ist daher noch unmöglich zu beurteilen, ob diese sehr spezielle Geschichte aufgeht. Knausgård überrascht nämlich mit einer Art Mysterienthriller. Er erzählt nur zwei Tage Ende August 2023, in Bergen, Norwegen. 9 Personen verfolgt er in diesen wenigen Stunden und alle sind mehr oder weniger fasziniert von einem Himmelsphänomen. Es erscheint nämlich ein besonders großer, heller Stern am Horizont, der alle rätseln lässt. Ist es eine Supernova oder die Ankündigung des Weltuntergangs? Zumal sich gleichzeitig merkwürdige Dinge ereignen. Da ist eine Straße plötzlich voller Krebse, ein Raubvogel reißt mitten unter Menschen eine Taube und Marienkäfer treten in Massen auf. Dazu kommt ein besonders grausamer Kriminalfall – drei von vier Mitgliedern einer Metal-Band werden bestialisch im Wald ermordet. Ein satanistisches Ritual? Die unsympathischste Figur des Romans ist natürlich ein Journalist, der von der Chronik ins Kulturressort strafversetzt wurde und jetzt eine neue Chance wittert – was ihn aber nicht davon abhält zu saufen und seine Frau zu betrügen, während sich sein Sohn das Leben zu nehmen versucht. Sehr breiten Raum erfährt ein Literaturprofessor aus Oslo mit seiner psychisch labilen Frau Tove, die Katzen den Kopf abschlägt, und den gemeinsamen drei Kindern. Knausgård beschreibt aber auch eine Krankenschwester, einen Kindergärtner oder eine Pfarrerin, die plötzlich einen Mann beerdigen soll, der ihr noch vor wenigen Stunden im Flugzeug auf die Nerven gegangen ist. In Wirklichkeit sind es ganz normale Alltagsszenen, die durch das Talent des Autors ziemlich lebendig werden. Keine Frage: Knausgård kann auch unterhalten. Wer bei diesem Schuss Mystik, der ja auch immer bei Haruki Murakami wohlfeil zu bekommen ist, nicht gleich abschnallt, wird „Morgenstern“ mit Interesse lesen und schon auf den nächsten Band gespannt sein.

Am Schluss noch eine Bemerkung zu dicken Büchern, die von vielen ja – von wegen Zeitaufwand – kritisiert werden. Dabei können schmale Bücher genauso leicht ausufernd sein und Nerven kosten. Echte Leserinnen und Leser haben Schmöker freilich noch nie abgeschreckt, zumal sie auf Seitenpreis berechnet, viel, viel billiger als dünne sind. Das ist doch in Zeiten einer galoppierenden Inflation ein Argument, oder?


Der neue Skandinavien-Thriller kommt ausgerechnet von Karl Ove Knausgård. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Karl Ove Knausgård: Der Morgenstern
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand
894 Seiten
€ 28,95

Buchtipp – Amélie Nothomb, Ambivalenz

DER RÄCHER UND DAS KIND

Der Rächer und das Kind – Amélie Nothombs kurzer Roman „Ambivalenz“.

Amélie Nothomb ist nicht einfach nur eine Bestsellerautorin, sondern ein Phänomen der Pop-Kultur. Schon früh hat sie ihr eigenes Leben – das Aufwachsen als Diplomatentochter belgischer Eltern in verschiedensten Weltgegenden und mit diversen psychischen Störungen wie Magersucht – in Romanen beschrieben und so für die Literatur fruchtbar gemacht. In Paris, wo sie seit Jahrzehnten lebt, kennt man sie nicht nur aufgrund ihrer extravaganten Erscheinung – sie trägt immer große Hüte –, sondern auch wegen ihres ungewöhnlichen Lebensstils. Die Nächte verbringt sie mit Champagner, aber im Morgengrauen schreibt sie gedopt mit schwarzem Tee stundenlang manisch ihre Romane von denen sie nur wenige zur Veröffentlichung freigibt, wie sie mir bei einem Interview in Köln erzählte. Mein Versuch, sie für „EineStadt.EinBuch.“ zu gewinnen, scheiterte allerdings daran, dass sie Paris immer nur höchstens für eine Nach verlassen will.

Ihr neuer Roman „Ambivalenz“ ist natürlich wieder 100 Prozent typisch Amélie Nothomb. Es geht um die Geschichte einer seltsamen Rache eines verschmähten Mannes. Weil die schöne Reine ihren jungen Liebhaber Claude zugunsten eines bereits reichen Galans aufgibt, will der sich rächen, indem er mit der scheinbar „einfach gestrickten“ Dominique eine Familie gründet und selbst sehr erfolgreich wird. An der gemeinsamen Tochter hat er kein Interesse, obwohl sie hyperbegabt ist. Am Ende kommt es natürlich zum Bruch, aber Nothombs Erzählweise ist unnachahmbar. Sie springt nach Belieben im Plot und schafft es, gleich auf mehreren Ebenen ihrer Figuren spannend zu bleiben. Wer sich an der oft unrealistischen Handlung stößt, sollte aber einmal in Nothombs echter Familiengeschichte nachlesen… Zweifelsohne wieder ein Buch für ein paar amüsante Stunden.


Der Rächer und das Kind – Amélie Nothombs kurzer Roman „Ambivalenz“ is der neue Buchtipp von Helmut Schneider.

Amélie Nothomb: Ambivalenz
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Diogenes
128 Seiten
€ 20,70 

Buchtipp – Milena Busquets, Meine verlorene Freundin

Als Frau in Barcelona

„Meine verlorene Freundin“ von Milena Busquets. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Die 1972 in Barcelona und dort auch wieder lebende Schriftstellerin und frühere Verlegerin Milena Busquets, die 2014 mit ihrem Roman „Auch dies wird vergehen“ international erfolgreich war, arbeitet nach wie vor auch als Journalistin und Übersetzerin. Ihr neues Buch „Meine verlorene Freundin“ verhandelt weniger eine Recherche nach einer verstorbenen Klassenkameradin wie der Titel suggeriert, sondern es sind die Gedanken einer Frau, nicht mehr jung, noch nicht alt mit zwei Kindern, alleinlebend und neuerdings wieder mit einem Mann zusammen. Denn die Ich-Erzählerin, die noch dazu als Autorin und Übersetzerin arbeitet, findet über die jung Verstorbene – nach gut 30 Jahren – nicht viel heraus. Sie war die Tochter von Restaurantbetreibern, die auch später noch vom Unglück verfolgt wurden. Dafür erfahren wir im Buch viel über die Freundinnen der Erzählerin, ihren Geliebten, einen erfolgreichen Schauspieler, den sie am Ende des Buches wieder verlässt, und das Lebensgefühl einer Frau in Barcelona. Das ist ganz interessant und auch sehr charmant erzählt, ergibt aber eigentlich noch nicht wirklich einen Roman. Am ehesten könnte man den Text noch als Novelle lesen – nach Goethe „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ – wenn man den allerdings nicht wirklich unerhörten Bericht eines Restaurantkritikers über das Schicksal der Familie der tragisch jung verstorbenen Klassenkameradin miteinrechnet. Aber die Bezeichnung „Novelle“ verkauft sich wahrscheinlich nicht so gut wie „Roman“, weshalb Verlage das zumeist vermeiden. Vielleicht ist „Meine verlorene Freundin“ aber einfach die passende Lektüre für einen entspannten Tag am Strand.


Milena Busquets: Meine verlorene Freundin
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-43047-7
136 Seiten
€ 22,70

Buchtipp – Tahmima Anam, Unser Plan für die Welt

Existenzielle Supergaus

Tahmima Anams „Unser Plan für die Welt“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Eine wahrlich internationale Biografie: Tahmima Ahnam wurde 1975 in Bangladesch geboren, wuchs in Paris, New York und Bangkok auf, studierte an der Harvard University und lebt in London. Seit 2010 veröffentlicht sie vielbeachtete Romane, ihr neuester „Unser Plan für die Welt“ spielt in New York, wo Asha, Cyrus und Jules ein Start-up gründen, das zu einer Art spirituellem Facebook wird. Mehr noch als ein Gründerroman ist das Buch allerdings eine Liebesgeschichte, denn Asha und Cyrus sind ein Paar und alle, die sich in der Szene auskennen, rechnen damit, dass der wirtschaftliche Erfolg und die Mühen des Aufbaus ihrer Liebe den Garaus machen wird. Noch dazu wo die beiden ziemlich unterschiedliche Charaktere sind. Asha, deren Familie aus Bangladesch eingewandert ist, hat nicht nur eine technische Begabung – sie programmiert die neue Plattform –, sondern auch die Idee dahinter. Denn Cyrus saugt alles Spirituelle auf wie ein Schwamm und kennt sich auch noch bei den abgelegensten Religionen dieser Welt aus. Die Idee der neuen App: Sie soll all jenen eine Heimat bieten, die in unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft Hilfe brauchen wenn sie etwa ihre Katze oder ihren Großvater begraben müssen oder eine perfekte, stilvolle Hochzeit ohne Priester feiern wollen. Ihr Freund Jules ist der einzige mit reicher Familie, deren Mitglieder ihn allerdings nicht ernst nehmen. Gemeinsam arbeiten sie unter dem Dach einer stylischen New Yorker Entwicklerfirma, die sich auf Apps für den als sicher angenommenen Weltuntergang spezialisiert hat, an einer Plattform, die sich bald als Ersatzreligion entwickelt. Cyrus wird für viele zu einem neuen Messias während er lernen muss, sein Charisma auch geschäftlich auszunützen um Geldgeber zu überzeugen.

„Unser Plan für die Welt“ liest sich sehr locker, die Schwierigkeiten bei der Gründung und Etablierung eines Start-ups werden sehr realistisch dargestellt. Anam schafft es auch immer neue – oft auch skurrile – Charaktere einzuführen. Sprachlich zwar nicht immer top entwickelt die Geschichte einen unwiderstehlichen Sog. Sehr gelungen ist ihr auch die Darstellung der speziellen Schwierigkeiten, die sich in dieser noch immer männerdominierten Szene für Frauen auftun. Als Asha vor der dann eintretenden drohenden Katastrophe warnt, wird sie aus dem Vorstand gedrängt. Dass es schier unmöglich ist mit einem Mann zusammenzuleben, der als neuer Jesus auftritt, versteht sich natürlich von selbst. Ein wunderbarer Roman, der sich auch als spannende Strandlektüre eignet.


Tahmima Anam: Unser Plan für die Welt
Aus dem Englischen von Kirsten Risselmann
Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-01426-6
352 Seiten
€ 22,70

Buchtipp – Fang Fang, Wütendes Feuer

DIE HARTE REALITÄT FÜR CHINESISCHE FRAUEN – HELMUT SCHNEIDERS BUCHTIPP

Die harte Realität für chinesische Frauen – Fang Fangs eindrucksvoller Roman „Wütendes Feuer“.

Das Bild von China ist das der neuen wirtschaftlichen Supermacht mit Millionenstädten, die manche westliche Metropolen wie Kleinstädte ausschauen lassen – doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. In „Wütendes Feuer“ sehen wir eine andere Wirklichkeit. Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang wurde 2020 bei uns mit ihrem Blog aus dem komplett gesperrten Wuhan („Wuhan Diary“) bekannt. In China ist sie, die sich bis dahin niemals offen gegen die Regierung gestellt hatte, aber schon längst eine literarische Größe. Jetzt erschien erstmals in deutscher Übersetzung ihr Roman „Wütendes Feuer“ aus dem Jahr 2002 über die besonders für Frauen schlimmen sozialen Verwerfungen im Zuge der Einführung der kapitalistischen Marktwirtschaft. In den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts boomte plötzlich die Industrie im Süden Chinas und die bis dahin dominierende Landwirtschaft litt unter der Abwanderung der Intelligenz. Nur die Alten und Arbeitsunwilligen blieben zurück. 

Fang Fang schildert nun in ihrem Roman das Schicksal des aufgeweckten Mädchens Yingzhi, das eine für sie fatal falsche Entscheidung trifft, als sie sich mit einem Nichtsnutz einlässt und schwanger wird. Im Dorf herrschen noch die alten patriarchalen Clan-Regeln – mit der Hochzeit wird sie Teil der Familie ihres Mannes und muss für sie arbeiten, während ihr von den Eltern verwöhnter Mann an nichts anderes als seine Vergnügungen denkt und auch noch munter Spielschulden anhäuft.  Zwar kann die als Sängerin begabte Yingzhi bei Auftritten viel Geld verdienen, doch für einen Hausbau reicht es wegen der Spielsucht ihres Mannes nicht. Statt selbst zu arbeiten ist er – bald schon nicht grundlos – eifersüchtig und schlägt sie fast tot. Fang Fang hat die Geschichte in eine Rahmenhandlung gestellt. Im ersten Kapitel sitzt Yingzhi bereits im Gefängnis, aber auch ohne diesen Hinweis ahnen wir als Leser schon bald, dass ihr Schicksal bereits besiegelt war, als sie schwanger wurde. Aber natürlich hofft man bis zum Schluss, dass sich für sie ein Ausweg auftut, sie es als Arbeiterin in den Süden schafft oder zumindest die schwer verpönte Scheidung erzwingen kann.

Die Jahrzehnte des Maoismus samt der verheerenden Kulturrevolution haben die jahrtausendealten chinesischen Strukturen mitnichten verändern können, wie Fang Fang mit ihrer Geschichte von Yingzhi eindrucksvoll aufzeigt. Wir erfahren viel in diesem Roman über den Umbruch in der chinesischen Gesellschaft, der mit Sicherheit noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Roman zeichnet ein komplett anderes Bild von China.  


Die harte Realität für chinesische Frauen – Fang Fangs eindrucksvoller Roman „Wütendes Feuer“ ist Helmut Schneiders Buchtipp.

Fang Fang: Wütendes Feuer
Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann
Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-01384-9
206 Seiten
€ 22,70

Buchtipp – Raffaela Romagnolo, Das Flirren der Dinge

Der Fluch der Vorsehung

Helmut Schneiders Buchtipp: Raffaella Romagnolos Nachfolgeroman nach dem Welterfolg „Bella Ciao“.

Die Italienerin Raffaella Romagnolo wurde vor zwei Jahren mit ihrem transatlantischen Familienroman „Bella Ciao“ auch bei uns bekannt. Die im Piemont lebende Autorin kann zweifelsohne packend persönlichen Geschichten erzählen, die innigst mit der Geschichte Italiens verwoben sind. Ganz nebenbei lernt man bei ihr immer auch jede Menge Historie. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Das Flirren der Dinge“, in dem Romagnolo das Schicksal eines Waisenkindes in Genua mit der italienischen Freiheitsbewegung unter und nach Garibaldi und Mazzini verknüpft. Antonio wird wie durch ein Wunder vom Fotografen Alessandro Pavia zum Lehrling auserkoren, obwohl er auf einem Auge fast blind ist. Fotografieren in der Mitte des 19. Jahrhunderts war ein kompliziertes Handwerk, man musste mit Platten und Substanzen umgehen können und die Porträtierten durften sich minutenlang nicht bewegen. Pavia, ein überzeugter Republikaner, hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Mitstreiter Garibaldis beim berühmten Zug der Tausend zu fotografieren und die Abzüge dann zu verkaufen. Ein Unternehmen, bei dem er allerdings grandios scheitert und vor seinen Gläubigern in die USA fliehen muss.

Doch sein Lehrling Antonio macht indessen Karriere – auch weil er sich nicht scheut, für die geschäftstüchtige Puffmutter Madame Carmen Abzüge ihrer Modelle anzufertigen. Allerdings lastet auf Antonio der Fluch der Vorsehung. Wenn er mit seinem kranken Auge durch das Objektiv blickt, sieht er den zukünftigen Tod seiner Porträtierten in allen Details. Und das will er bei manchen – vor allem bei Menschen, die ihm lieb sind – sicher nicht sehen…

„Das Flirren der Dinge“ ist ein wunderbar lesbarer Roman, der sich für historisch Interessierte sogar als Strandlektüre eignet – ich brauchte dafür 3 Nachmittage im Bad… Romagnolo kann wirklich sehr gekonnt historische Ereignisse wie den Hungeraufstand in Mailand von 1898, der von König und Armee blutigst niedergeschlagen wurde, in die Handlung integrieren. Und sie schafft es, Personen zu zeichnen, die so lebendig wirken, dass man sich schon nach wenigen Seiten um ihr Schicksal bangt.


Raffaella Romagnolo: Das Flirren der Dinge
Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07196-2
368 Seiten
€ 24,70

Buchtipp – Dirk Kurbjuweit, Der Ausflug

Menschenjagd im Flussdelta

Vier Berliner Freunde seit Jugendtagen wollen sich mit Paddeln und gemütlichen Picknicks ein nettes Wochenende an einem Flussdelta gönnen.

Alle vier sind gut drauf und halbwegs mit ihren Leben zufrieden. Doch als sie am Abend vor dem Paddelausflug im örtlichen Gasthof zu Abend essen, schlägt ihnen Feindlichkeit entgegen – speziell Josef, der zwar in Deutschland aufgewachsen und als Apotheker in Berlin hochangesehen ist, dessen Hautfarbe aber schwarz ist. Man verwehrt ihm den Gang aufs Klo, was alle vier natürlich empört. Sollen sie den Ausflug abbrechen?

Dirk Kurbjuweit – im Hauptberuf Spiegel-Journalist – hat schon einige spannende Romane vorgelegt. In „Der Ausflug“ geht es um Fremdenfeindlichkeit, und dabei natürlich nicht nur unter der Landbevölkerung, denn Kurbjuweit stellt auch die liberale Gesinnung der vier Freunde auf die Probe. Als sich die vier – die Geschwister Bodo und Amalia sowie Gero und Josef – verirren, werden sie nach einer Reihe von unangenehmen Zwischenfällen mit den Landbewohnern mittels eines mit einer Drohne transportierten Pakets vor eine schwere Entscheidung gestellt. Im Paket befindet sich nämlich nebst einem Revolver mit einem Schuss Munition ein Zettel, der ihnen den sicheren Tod in Aussicht stellt, wenn sie Josef nicht umbringen. Niemand zweifelt daran, dass das bitterernst gemeint ist. Die letzten Seiten des Romans lesen sich dann naturgemäß wie ein Thriller, das Ende soll hier auch nicht verraten werden. Kompliziert ist die Story auch, weil Josef einmal mit Amalia zusammen war und sie ihr gemeinsames Kind abtreiben ließ, ohne ihm davon zu erzählen. Sie begründet das mit der ungünstigen Zeit noch vor dem Studium, er sieht darin ein Ressentiment gegenüber seiner Hautfarbe. Interessanterweise weigert sich der Autor das N-Wort auszuschreiben, obwohl natürlich klar ist, dass es zumindest die Landbevölkerung verwendet. Wozu das gut sein soll, ist fraglich, denn wie soll man über etwas schreiben ohne es zu benennen?

„Der Ausflug“ ist ein spannendes Buch zu einem wichtigen Thema, das sich problemlos an einem Wochenende lesen lässt. Eine differenziertere Personenzeichnung hätte der Geschichte allerdings gutgetan, die Einheimischen sind bloß wandelnde Klischees. Mitten im Roman verweist Kurbjuweit auch noch auf eine berühmte Szene in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, ohne dass er mit dem eingeführten Personal – einem Guru samt weiblicher Gemeinde – viel anfangen kann.


Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60171-5
188 Seiten
€ 20,60

Buchtipp – Tash Aw, Wir, die Überlebenden

Moderne Sklaven


In Tash Aws Roman „Wir, die Überlebenden“ erzählt ein zum Mörder Gewordener vom Arbeitsalltag in Malaysia. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Liest man heimische Zeitungen könnte man meinen, alle Abgehängten dieser Welt würden nach Europa kommen und unseren Arbeitsmarkt überschwemmen. Tatsächlich finden die wirklich großen Migrationsbewegungen anderswo statt. Etwa in Asien, wo es klare Abstufungen des Elends in Ländern wie China, Indien, Bangladesch, Indonesien, Thailand und Malaysia gibt. Zwischen diesen Staaten findet ein meist illegaler Austausch von Arbeitskräften statt, die oft für nicht viel mehr als ein bisschen Essen und ein Wellblechdach über dem Kopf in der sengenden Sonne schuften. In Malaysia, wo Tash Aws Roman „Wir, die Überlebenden“ spielt, gibt es zusätzlich noch den Stadtstaat Singapur, der mit seinem unglaublichen Wohlstand sozusagen das Maß aller Dinge ist und für viele aus Malaysia das unerreichbare Ziel ihrer Wünsche darstellt.

Die Hauptperson des Romans – Ah Hock – ist chinesischer Abstammung und wächst an einer kleinen Küstenstadt auf, die vom Fischfang und immer mehr von der Palmölindustrie lebt. Er ist ein Außenseiter, lebt bei seiner Mutter und beide haben nicht viel zum Leben. Wie der Leibhaftige kommt aber plötzlich ein älterer Mitschüler in sein Leben – Keong ist der typische kleine Gangster, der schon in der Hauptstadt Kuala Lumpur auf dem Weg zur kriminellen Karriere eingeschlagen hatte, ehe seine Mutter ihn jäh in eine Kleinstadt verfrachtete um ihn vor dem endgültigen Abrutschen in die Kriminalität der Millionenmetropole zu bewahren. Gemeinsam leben sie dann aber nach der Schule wieder in KL wie Kuala Lumpur im Buch genannt wird, Ah Hock verdingt sich als Kellner, Keong verfolgt weiterhin eher erfolglos halbseidene Geschäfte.

Als Ah Hock in seiner kleinen Heimatstadt eine gute Anstellung als Aufseher und Mädchen für alles in einer Fischzucht findet, ist er froh, Keong nicht mehr sehen zu müssen. Er heiratet sogar und kann sich ein kleines Häuschen leisten. Doch als alle Arbeiter plötzlich während der Abwesenheit des chinesischen Chefs erkranken und die Fischzucht zu verrotten droht, trifft sich Ah Hock wieder mit Keong und das Unheil nimmt seinen Verlauf. Keong verspricht, Arbeiter aufzutreiben, bei einem Treffen mit einem weiteren Vermittler kommt es aber zu einem Streit und Ah Hock erschlägt den Mann aus Bangladesch um Keong zu retten mit einem Stock.  Der Roman setzt ein, als Ah Hock bereits seine Gefängnisstrafe abgesessen hat und höchst bescheiden wieder in seiner Heimatstadt lebt, wo er der aus New York nach Malaysia zurückgekehrten Dissertantin Su-Min sein Leben erzählt. Geschickt deutet Tash Aw auch Su-Mins Schicksal in einer besseren Familie an. Sie kann studieren, erträgt aber die Korruption und die Ungerechtigkeiten in ihrer Heimat nur schwer, während sie Ah Hock als völlig normal empfindet.

Tash Aw selbst konnte als Sohn malaysischer Eltern in Großbritannien studieren und lebt inzwischen in der Provence, wo er neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch für die NYT und die BBC schreibt. Seine Sprache wirkt nüchtern, aber immer treffsicher. So kann er die Welt, in der Menschen nur im Stück gezählt werden und es keine soziale Absicherung für Arbeitskräfte gibt, in ihrer Brutalität schonungslos abbilden. Ein wichtiger Roman, der uns erlaubt, über den Tellerrand zu blicken.


Tash Aw: Wir, die Überlebenden
Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87623-8
416 Seiten
€ 24,70