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„Freitag, der Dreizehnte“ – die Hommage an Arnold Schönberg zu seinem 150. Geburtstag

Mit dem Erfinder der 12-Ton-Musik Arnold Schönberg verbindet man nicht unbedingt Spaß und gute Laune, wobei man seiner Person möglicherweise Unrecht tut, denn der Komponist war ein sehr vielfältiger Mensch, der neben Malerei und Spielkarten auch an Fahrkarten für Öffis tüftelte. Und angefangen hat er mit Musik für Kabaretts – er musste ja auch von etwas leben. Im Reaktor in Hernals, dem ehemaligen Etablissement Gschwandner, gratuliert das Theater an der Wien jetzt Schönberg mit einem sehr gemischten und auch abwechslungsreichen Abend. Das Publikum wechselt da zwischen den drei Sälen – zunehmend auch immer gespannter, was sich das Pruduktionsteam (Regisseur Johannes Erath und der leider vor Kurzem verstorbene Dirigent Michael Broder) Neues einfallen hat lassen. 16 Kompositionen von Schönberg werden angestimmt, höchst delikat gespielt vom Klagforum Wien und dem Arnold Schönberg Chor. Im Zentrum stehen die beiden Sängerinnen Anna Magdalena Hofmann und Christine Schäfer, die auch lose eine Handlung improvisieren. Am Pult: Anna Sushon. Immer wieder sehen wir den Mond in Großaufnahme, Schönbergs Wurzeln aus dem Fin de Siecle werden nicht verleugnet und manchmal wehen auch Musiken von Richard und Johann Strauss herüber.

Schönberg litt ja an Triskaidekaphobie, also der Angst vor Freitag, den 13. An einem solchen ist er auch 1951 in Los Angeles verstorben. Lieber schrieb er den Titel seiner Oper „Moses und Aron“ (statt Aaron) falsch, statt auf 13 Buchstaben zu kommen. Am Ende treten im Reaktor auch phantastische Figuren aus dem von ihm entworfenen Kartenspiel auf – der leicht morbide Charme des Hauses bietet dazu einen wunderbaren Rahmen.

Das Premierenpublikum spendete enorm viel Applaus – auch weil sich die großen Häuser Staats- und Volksoper um den Jubilar drücken. 

Infos und Karten: www.theater-wien.at, wird noch am 3., 5. und 7. Mai gespielt

Zu Tode gelacht? – „Zentralfriedhof“ als Slapstick im Burgtheater

Szenenbild aus „Zentralfriedhof“. – ©Matthias Horn

Zum „Zentral“ haben die meisten Wiener sicher ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse. Und Wolfgang Ambros „Es lebe der Zentralfriedhof“ (Text Joesi Prokopetz) ist soetwas wie eine Wiener Hymne. Die Erwartungen sind also groß, wenn sich der Deutsche Herbert Fritsch, den man am Burgtheater durch eine sehr witzige und flüssige Shakespeare-Inszenierung kennt, sich diesem urwiener Thema annimmt.

In anderthalb Stunden sehen wir dann auch ein exzellent eingestimmtes Ballett aus 11 Totengräber (und innen – gibt es die inzwischen auch schon in echt?), die wie die großen Vorbilder Jaques Tati oder Charly Chaplin in den kleinen Alltagsdingen scheitern. Bewundernswert ist etwa die Choreografie aller auf schweren Fahrrädern mit Schaufeln. Da sitzt jedes Treten in die Pedale. Hinten auf der Bühne ein Würstelstand mit der Aufschrift „Weils eh schon wurst ist“.

Am meisten nach Friedhofstimmung erinnert der Mittelteil des Abends, als sich die Bestatter in schwarz und in Rüschenkleidung aus dem 19. Jahrhundert verwandeln und sich ein großes Skelett als riesiger Hampelmann bewegt. Immer wieder fallen manche in eine Grube und werden von einem Trampolin wieder nach oben geschleudert. Und aus dem Boden wachsen Köpfe, die sich nicht so leicht wieder nach unten drücken lassen. Am Ende wird ein schauriger Donauwalzer als Totentanz intoniert.

In Summe hat die Vorstellung freilich zu wenig gedankliches Fleisch, viele Gags kranken an Beliebigkeit – man hätte dergleichen auch mit dem orangen Ballett der MA48 aufführen können, da hätte man sich vielleicht weniger Hintergrundgedanken erwartet.

Die Aufführung ist die letzte Premiere in der Direktion von Martin Kušej, der was sein künstlerisches Programm betrifft sicher unter Wert geschlagen wurde. Es gab nicht wenige interessante Premieren und Überraschungen – letztlich scheiterte er an der schlechten Stimmung im Haus, was allerdings auch zu den wesentlichen Aufgaben eines erfolgreichen Leaderships gehört. 

Infos & Karten: burgtheater.at

Angst vor dem Frieden – 4 Shakespeare-Dramen in einer Fassung von Julia Jost am Volkstheater

Szenenbild aus „Rom“. – ©Marcel Urlaub

„Rom“ heißt die Produktion, die Shakespeares Tragödien „Titus Andronicus“, „Coriolanus“, „Julius Caesar“ und „Antonius und Kleopatra“ in einer 2-Stunden-Fassung plus Pause umfasst. Julia Jost, die mit ihrem vielbeachteten Roman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ auch am 10. Mai bei „Rund um die Burg“ auftreten wird (17 Uhr, Burgtheater Vestibül) hat aber auch Worte u.a. von David Bowie, Canetti, Bachmann, Lenin, Marx und Theweleit hineinverwoben.

Regie führte der belgische Regisseur Luk Perceval, der vor einem Vierteljahrhundert mit „SCHLACHTEN!“, der Zusammenstellung mehrerer Shakespeare-Königsdramen einen Mammuterfolg u.a. bei den Salzburger Festspielen feierte. Das Bühnenbild ist reduziert. Meist spielt das zehnköpfige Ensemble (Andreas Beck, Runa Schymanski, Friederike Tiefenbacher, Stefan Suske, Lavinia Nowak, Evi Kehrstephan, Claudia Sabitzer, Uwe Rohbeck, Frank Genser, Julia Riedler) vor einer hohen Wand aus hellen Quadern, die bei entsprechender Beleuchtung auch schwarz erscheinen kann und aus der manchmal Wasser quillt. Ein starkes Bild, geht es doch um Macht und wie man diese mit oder gegen das Volk erringen kann. Shakespeare hatte ja bereits in „Coriolanus“ den modernen Populismus bloßgestellt. So richtig wohl fühlen sich die Führer sowieso nur im Krieg, vor dem Frieden haben sie Angst – das kennt man ja auch heute noch.

Fast immer herrscht Finsternis, die mit elektronischen Sounds (Lila-Zoé Krauß) aufgeladen wird, die Gesichter der Darsteller werden von Taschenlampenschein zugleich erleuchtet und verzerrt. Zum Höhepunkt wird ein erotisch aufgeladener Ringkampf zwischen Kleopatra und Antonius in einem knöchelhoch mit Wasser gefüllten Becken vor der Wand.

Keine leichte Kost – ein Abend vielmehr für Menschen, die zuhören können. Die erleben spannende Minuten und gewinnen bisweilen Einblicke in die Mechanismen der Machterhaltung.

Infos & Karten: volkstheater.at

Ab Herbst ist das Burgtheater unter der Leitung von Stefan Bachmann – sein erstes Programm

Stefan Bachmann bei der Präsentation. – ©Inés Bacher

Gemeinsam mit seinem Chefdramaturgen Thomas Jonigk präsentierte der neue Burg-Chef Stefan Bachmann die Highlights ihres Programms ab der Saison 2024/25. Ja, und man darf wieder Burg sagen – Vorgänger Martin Kušej bestand ja darauf, sein Haus Burgtheater zu nennen, da er die Konnotation mit einer Befestigungsanlage ablehnte obwohl die Burg im Wiener Sprachgebrauch ja ziemlich verankert ist.

Geradezu klassisch mutet die erste Premiere – Shakespeares HAMLET am 5. September – inszeniert von Karin Henkel – an, während es in der Akademie mit einer Romanadaption von Virginia Woolfs ORLANDO losgeht. Der Spielplan klingt durchaus ambitioniert, einige Erfolgsproduktionen aus Köln wie Rafael Sanchez‘ KÖNIG LEAR oder JOHANN HOLTROP nach dem Roman Rainald Goetz – ein Manageralptraum gespielt von einem rein weiblichen Ensemble – sind natürlich dabei. Bachmann bringt aber auch LILIOM ans große Haus, gespielt von der ans Haus wiederkehrenden Stefanie Reinsperger oder die erfolgreiche „Musicbanda Franui“, die Thomas Bernhards HOLZFÄLLEN vorbereitet. Neben Reinsperger wird auch die großartige Caroline Peters ans Burgtheater zurückkehren. Die größte Sensation kommt erst am Ende. Festwochenintendant Milo Rau wird Elfriede Jelineks BURGTHEATER endlich quasi am Originalschauplatz aufführen – die Autorin hatte sich nach heftigen Anfeindungen ja lange gegen eine Aufführung des Dramas um eine berühmte Burg-Schauspielerdynastie (Hörbiger/Wessely) ausgesprochen und gab nur zu ganz speziellen Aufführungen ihr okay. Mit eigenen Programmen sollen auch inklusive Projekte gefödert werden – schließlich fehlt wie überall auf der Welt im Publikum der Nachwuchs.

Bei der Pressekonferenz auf der Bühne des Burgtheaters wirkte Stefan Bachmann sehr versöhnlich und betonte mehrmals, dass er es als Privileg empfinde, hier arbeiten zu dürfen, zumal er starke Tendenzen in der Gesellschaft gegen „alles Bunte und Vielfältige“ ausmache.

Den kompletten Spielplan finden Sie unter burgtheater.at

„Maria Stuart“ frei nach Schiller im Theater DasTAG

©Anna Stöcher

Höhepunkt aller „Maria Stuart“-Fassungen ist immer die direkte Konfrontation der beiden Königinnen – der herrschenden Elisabeth und der ehemaligen schottischen Königin Maria, die seit Jahren in einem englischen Kerker dahinschmachtet. Im Theater DasTAG in der Gumpendorfer Straße ist die Szene schnell erledigt, nur zu bald beschimpfen sich die beiden und Elisabeth unterzeichnet das Todesurteil ihrer Rivalin. Denn Gernot Plass interessiert am Drama von Friedrich Schiller vor allem die Politik und die Intrige – zweifelsohne ein sehr aktuelles Thema, das sich täglich in den Nachrichten verfolgen lässt. Wobei wir das meiste ja sowieso nur vermuten und ahnen können.

Und der Intrigen gibt es auch bei Schiller mehr als genug. Am Hof von Elisabeth tummeln sich Günstlinge und Einflüsterer, Doppelspione und Karrieristen. Leicester (Markus Hamele) unterstützt heimlich Maria, opfert aber kaltblütig den jungen Mortimer (Raphael Nicholas), um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Elisabeth (Michaela Kaspar) ist im Zentrum des Ganzen, als Königin kann sie sich auch nicht die kleineste Schwäche erlauben, während Maria (Lisa Schrammel) zum Spielball der Mächte verkommt und sich mit ihrem Hochmut das eigene Grab schaufelt.

Politik wird ja von vielen als das denkbar Langweiligste angesehen. Das ist nicht nur gesellschaftlich betrachtet gefährlich, sondern auch falsch wie auch heutige Adaptionen im Unterhaltungsgeschäft – wie etwa die TV-Serie „Borgen“ – zeigen. „Maria Stuart“ im DasTAG ist tatsächlich auch spannend, gegen Ende streut Plass, der sich im Groben an Schiller hält, auch noch ein paar sprachliche Witze ein und ordnet die Besessenheit der Engländer an Ballspielen schon im Elisabethanischen Zeitalter beginnen.

Infos und Karten: dastag.at

Das Off-Theater verquickt gekonnt den Sommernachtstraum mit Ulrich Seidls Kultfilm „Hundstage“

Die Besetzung von Sommer.Hunds.Traum. – ©Walter Mussil

Sogar das Wetter meinte es gut mit der Premiere von „Sommer.Hunds.Traum“ im Neubauer Off-Theaters, denn es war der erste wirklich heiße Tag des Jahres.

Und wir sind jetzt im Stück vor einem rustikalen Speckstand irgendwo in der Wiener Vorstadt bei irgendeinem Baumarkt, wo alle bereits in der Früh schwitzen. Schon vorher hat Anna – die Frau mit dem Rededurchfall aus den „Hundstagen“ – die Zuschauer mit Fragen genervt, auf die sie selbst am besten die Antworten kennt wie „Was sind die 10 häufigsten Geschlechtskrankheiten“. Mit dieser Figur im Film ist die Schauspielerin Maria Hofstätter 2001 erst so richtig berühmt geworden. Im Theater ist Sophie Resch – äußerst gekonnt – aber nicht nur die Anna, sondern auch der schelmische Puck aus dem „Sommernachtstraum“. Gelegentlich versucht sie zu zaubern, aber nicht zu oft – Shakespeares Komödie wurde ja – besonders im Sommertheater – schon mindestens 1x zu oft gespielt, nicht wenige Zuseher winken bereits genervt ab, wenn sie von einer Neuinszenierung hören. Doch Regisseur Ernst Kurt Weigel hat sich aus dem Klassiker nur jene Teile geholt, die sich in der Welt von Ulrich Seidl auch richtig gut entfalten können.

Das ergibt fast 2 Stunden höchst unterhaltsames, interessantes Theater. Ein paar Wiener Vorstadttypen richten ein Hochzeitsjubiläum aus, bei dem zu Schweinsbraten und Bier auch ein seltsames Stück aufgeführt werden soll. Es gibt lesbische Liebe, eine überqualifizierte Putzfrau mit migrantischem Hintergrund, Baumarktangestellte, Probleme mit Diebstahl auf dem Parkplatz und jede Menge Vorurteile, die die Figuren vor sich auftürmen. Alle Mitwirkenden müssen zwischendurch  auch tanzen. Neben Sophie Resch als Anna spielen Yvonne Brandstetter, Matthias Böhm, Kajetan Dick, Bernhardt Jammernegg, Christian Kohlhofer, Ylva Maj Rohsmann und Leonie Wahl. Beste Abwechslung in der Wiener Theaterszene.

Alle Infos & Karten: off-theater.at

Nestroys „Häuptling Abendwind“ als Rap-Tragikomödie im Rabenhof

Bild: ©Rita Newman

Johann Nestroys Menschenfresserstück „Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl“ ist so politisch unkorrekt, dass man es sich heute kaum mehr spielen traut. Nun hat sich die Musikerin und Poetry Slammerin Yasmin Hafedh aka Yasmo bei ihrer allerersten Regiearbeit dem Stoff angenommen und für den Rabenhof ein aktuelles Schauerstück mit antizipatorischem Anspruch gemacht. Ihre zwei „Wilden“ – die Häuptlinge Abendwind und Biberhahn – agieren durchaus heutig, ihr Appetit auf Menschenfleisch ist eben ihre Leitkultur (oder Leidkultur) und ihr Abwehrkampf gegen die Zivilisation und den Fortschritt irgendwie verständlich. Roman Gregory, der umtriebige Mastermind der Szeneband „Alkbottle“, kann in der Titelpartie voll Überzeugung singen: „I wü ka Gemüse / I wü ka Obst“.

Doch auch in der Leitkultur gibt es Probleme. Die beiden Chefs haben sich gegenseitig die Ehefrauen wortwörtlich einverleibt und Abendwinds Tochter Atala begehrt gegen die Pläne ihres Vaters, sie mit Biberhahns Sohn Artur zu vermählen. Das geht sowieso schief, denn blöderweise landet dieser im Kochtopf. Davor präsentiert sich Artur aber noch als völliger Schnösel, der ebenso wie Atala an seinen Followern interessiert scheint. Influencer gibt es anscheinend schon auf der letzten Südseeinsel. Auch das junge Paar ist exzellent besetzt mit der aus Ghana stammenden Musikerin Bex und dem Schlagzeuger Raphael Rameis, der gemeinsam mit Yasmo auch die Musik beigesteuert hat. Und Christian Strasser spielt den Biberhahn als Pendant zu seinem Prolo-Chefkollegen mit Döblinger Zungenschlag. Klar, dass am Schluss die Häuptlingstochter die Macht übernimmt, obwohl sie keine Vorstellung davon hat, was sie politisch durchsetzen will. Das bringt Jubel aus der feministischen Ecke, stimmt für die Zukunft der Insel aber nicht hoffnungsfroh, denn im ersten Teil wurde Atala als nicht gerade helle Influencerin gezeichnet.  Yasmo sitzt als Autorin und Beobachterin die ganze Zeit am Rand der Bühne und kommentiert das Geschehen, zweimal auch mit Raps.

Das Publikum im Rabenhof applautierte schon während der Vorstellung bei allen Songs heftig, die Kombi Musik und Theaterkomödie ist immer für einen Triumpf gut. 

Karten und Infos: rabenhof.at

 „Ein bisschen trallalala“ in der Volksoper

Fritzi Massary (1882-1969) und Max Pallenberg (1877-1934) waren das Glamour-Paar der Zwischenkriegszeit. Beide aus Wiener jüdischen Familien stammend, machten sie in Berlin Karriere – er auch im Charakterfach unter Max Reinhardt, sie zuerst in Revuen und dann als Operettensoubrette. Und beide setzen dabei ihren Charme ein, denn die Massary soll weder besonders schön gewesen sein, noch wirklich gut gesungen haben. Trotzdem ist ihre Karriere beeindruckend – Oscar Straus, ebenfalls ein Wiener, schrieb mehrere Operetten für sie. Sein Song „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ wurde sozusagen zu Massarys Trademark und wurde später von vielen Sängerinnen interpretiert.

Ruth Brauer-Kvam hat nun gemeinsam mit Regisseurin Martina Gredler für die Volksoper eine Hommage an Massary und Pallenberg gestaltet. Den Pallenberg gibt Publikumsliebling Robert Palfrader. Getreu ihren Originalen machen sie sie es mit viel Charme und Schmäh. Jüdische Witze werden erzählt, die Liebesanbahnung durchgespielt (zumindest Pallenberg war bei ihrem Kennenlernen noch verheiratet) und ein paar Details aus ihrer beiden Leben verraten. Vor allem wird aber natürlich viel gesungen – ein kleines Orchester samt einem musikalischen Leiter (Adam Benzwi) steht auf der Bühne, gespielt wird auf dem abgedeckten Orchestergraben.

Fast am eindrucksvollsten sind aber die kleinen Ausschnitte aus einem Interview mit Fritzi Massary, das 1965 vom deutschen Fernsehen geführt wurde und das auf großer Leinwand gezeigt wird. Wir erleben eine noch immer sehr selbstbewusste Frau, die den Verlust ihres Geliebten – Max Pallenberg starb nach der Flucht vor den Nazis bei einem Flugzeugabsturz – niemals verwinden konnte. Ein ebenso beschwingter wie besinnlicher Abend.

Infos & Karten: volksoper.at (nächste Vorstellung am 8. April)

Henrik Ibsens „Peer Gynt“ im Burgtheater Kasino

Szenefoto aus dem Stück. – ©Marcella Ruiz Cruz

„Peer Gynt“ war ursprünglich ein dramatisches Gedicht, das Ibsen erst später für die Bühne adaptierte. In der jetzt im Burgtheater Kasino gezeigten Fassung des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson ist das auch noch in jeder Minute spürbar.

Gabriel Cazes stimmt schon zu Beginn mit Klaviermusik am Flügel auf die Poesie des Abends ein, und bald schon muss der Selbstsucher Peer im Gespräch mit einem seltsamen Fremden sein Scheitern einbekennen. Mavie Hörbiger ist Peer Gynt – durch die weibliche Besetzung lenkt der Regisseur den Blick geschickt weg vom männlichen Helden- und Lügengetöse hin zum existenziellen Kampf eines Menschen, der immer nur sich selbst treu sein will. Knapp 2 Stunden können wir die grazile Schauspielerin – meist in kurzen Hosen und schwarzer Mütze – erleben, wie sie sich aus den von ihr selbst verursachten Katastrophen wieder herauszuwinden versucht. Eine höchst beachtliche schauspielerische Leistung. Ihr zur Seite stehen nur 4 Kollegen/Kolleginnen:  Barbara Petritsch als Mutter Aase, Lilith Häßle als die drei Frauen Peers, sowie Johannes Zirner und Lukas Vogelsang in verschiedensten Rollen. Ein dichtes, poetisches Schauspiel auf meist leerer Bühne. Ein paar Sessel, ein durchsichtiger Plastikkobel als Schiff oder Irrenhaus sowie wechselnde Kostüme – von Glitzer-Disco-Look bis zu absurden Nacktsuits – bringen bei großzügigem Einsatz von Nebel die nötige Atmosphäre. Dass dieser auf das Wesentliche reduzierte „Peer Gynt“ gelungen ist, lässt sich schon aus der niemals fehlenden Aufmerksamkeit des Publikums erkennen, das die Premiere dann auch ausgiebig bejubelte.

Infos: burgtheater.at

„Leben und Sterben in Wien“ von Thomas Arzt als Uraufführung im Theater in der Josefstadt

„Leben und Sterben in Wien“ ist ein schwungvoller Abend. – ©Moritz Schell

Ursprünglich hätte das Auftragsstück schon in der Corona-Zeit 2021 uraufgeführt werden sollen, doch heuer – zum 90. Jahrestag der Februarkämpfe, als die Sozialdemokraten gegen den Dollfußschen Klerikalfaschismus ankämpften – passt es sowieso besser. Denn „Leben und Sterben in Wien“ von Thomas Arzt ist zeitlich zwischen dem „Schandurteil“ im Prozess gegen die Mörder von Schattendorf 1927 –inklusive Brand des Justizpalastes – und dem gescheiterten Aufstand der Sozialdemokraten im Februar 1934 begrenzt. Mittendrin die Magd Fanni, die in ihrem Heimatdorf nicht nur unmenschlich schwer arbeiten muss, sondern dort auch vom Bauern sexuell missbraucht wird. Ihre für sie verwirrende Liebe zu der anderen Außenseiterin Sara bringt sie noch dazu in große Gefahr. Sie flieht ins Rote Wien, wo gerade der Freispruch für die Schattendorf-Mörder verkündet wird, und gerät in die Kreise der „Sozis“. Dabei ist sie schwanger, aber ausgerechnet eine Gräfin sowie Saras Vater – ein Revuetheaterdirektor (Günter Franzmeier) – helfen ihr.

Nun klingt das freilich alles ziemlich konstruiert, aber Regisseur und Hausherr Herbert Föttinger hat daraus mit Hilfe der exzellenten Live-Musik von Matthias Jakisic – er selbst sitzt mit Geige und Elektronik vorne in der großen Loge – einen recht wirkungsvollen Musiktheater-Abend geschaffen, der vom Publikum der Premiere ausgiebig gefeiert wurde. Vieles erinnert an Brecht/Weill, einiges an Jura Soyfer, wobei Arzt auch nicht vor modernem Jargon zurückschreckt. Oft bleiben Sätze unvollständig, man muss sich auch beeilen, die viele Handlung in den nicht einmal 3 Stunden (inklusive Pause) unterzubringen.

Im engagierten Ensemble stechen vor allem Frauenrollen hervor. Katharina Klar spielt die Hauptrolle der Fanni sehr glaubhaft und umschifft gekonnt überall lauernde Klischees. Ebenso schnörkellos agieren Johanna Mahaffy als ihre Geliebte und Schutzbündlerin und Ulli Maier als Gräfin. Selbst Fannis Kind  (Clara Bruckmann) ist überzeugend. Als böse Dorfalte und brutale Apologetin der Gewalt glänzt Lore Stefanek auf der dunklen Seite der Macht.

Ein schwungvoller Abend, der über so manche Schwächen des Textes und der Handlung (Fanni schießt auf einen Polizisten, wird verhaftet und gefoltert und ist schon wenig später wieder hoffnungsvolle Studentin in der Freiheit) hinwegtröstet.

Infos & Karten: josefstadt.org