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Hoch soll sie leben! Die amerikanische Krimi-Diva Donna Leon stürmt mit ihrem 31. Brunetti-Band „Milde Gaben“ die Charts, tourt mit ihrer Barock-Band Il Pomo d’Oro um die Welt und feiert am 28. September ihren 80. Geburtstag.

Hoch soll sie leben – Donna Leon

Hoch soll sie leben! Die amerikanische Krimi-Diva Donna Leon stürmt mit ihrem 31. Brunetti-Band „Milde Gaben“ die Charts, tourt mit ihrer Barock-Band Il Pomo d’Oro um die Welt und feiert am 28. September ihren 80. Geburtstag.
Foto: Michiel Hendry / Interview: Elisabeth Hirschmann

Die US-Bestsellerautorin Donna Leon, Dozentin für englische Literatur und Erfinderin des venezianischen Commissario Brunetti, bringt seit 30 Jahren im Zürcher Diogenes Verlag immer Ende Mai einen neuen Venedig-Krimi heraus, jeder mit einem Opernzitat als Motto und monatelang an der Spitze der Belletristik-Charts. Im 31. Band, „Milde Gaben“ („Give unto Others“), verzichtet sie ganz auf Gewaltverbrechen und erforscht mit großer Eleganz in philosophischer Manier und melancholischem Ton Schwächen, Verrat, Eifersucht und das Altwerden.

Vor 41 Jahren hatte sie sich in Venedig niedergelassen, heute lebt die passionierte Liebhaberin der Barockoper, besonders des „Caro Sassone“ Georg Friedrich Händel, im schweizerischen Graubünden. „La Serenissima“ ist nur noch gelegentliches Sehnsuchtsziel, wenn sie Freunde besuchen will. Die reiche Ausbeute ihrer literarischen Erfolge steckt Donna Leon, die sich als „Händel-Junkie“ bezeichnet, in die Barockmusik. 2012 hat sie das Schweizer Originalklang-Ensemble Il Pomo d’Oro gegründet, und sie begleitet – mit finanzieller und geistiger Unterstützung – die Aufnahmen der 42 erhaltenen Händel-Opern. Am 28. September feiert die kleine, kluge Lady mit dem stechenden Blick ihren 80. Geburtstag. Ad multos annos!

wienlive: „Milde Gaben“ ist ein unüblicher Krimi ohne Mord. Warum verzichten Sie darauf?

Donna Leon: Ich habe immer gesagt, dass ich die Bücher nicht plane. Ich beginne einfach, die Geschichte zu erzählen, und schreibe immer weiter, sodass ich entdecken kann, was passiert. Ob es einen Mord geben wird oder ein anderes Verbrechen, weiß ich nicht, das muss ich erst herausfinden. Wenn Dinge passieren oder nicht, ist es für mich eine ebenso große Überraschung wie für den Leser. Ich bin sicher, dass alle dramaturgischen Entscheidungen an einem unbewussten Ort in meinem Gehirn getroffen werden, aber sie springen erst im richtigen Moment auf die Seite.

Es geht um Gier, Betrug, Eifersucht, Vertrauensverlust und Altwerden. Wird Brunetti pessimistischer, je älter er wird?

Ich fürchte, er wird pessimistischer oder erschöpfter wegen der vielen Gräueltaten, welche die Leute einander antun. Das ist weit verbreitet unter den Menschen, wenn sie alt werden. Ich werde pessimistischer auf eine intellektuelle Weise: Es genügt, den „Guardian“ zu lesen, um pessimistisch zu sein. Aber, und es ist ein glückliches „Aber“ für mich, ich finde das Leben sehr angenehm und habe viel Freude daran. Das ist allerdings eine gefühlsmäßige Reaktion auf meine eigene Welt. Wenn ich auf die größere Welt schaue, ist es schwierig, nicht schwarzzusehen.

Wenn Brunetti über Leben und Tod nachdenkt, holt er sich Rat in der klassischen Literatur; diesmal liest er Ciceros „Orationes in Verrem“, die Reden gegen den korrupten römischen Proprätor
in Sizilien, und die „Oneirokritika“ von Artemidoros, die einzige Traumdeutung der antiken Welt …

Brunetti liest klassische Literatur auf die gleiche Weise wie ich. Ich lese die alten Texte, um herauszufinden, wie Menschen Tausende Jahre vor uns dachten und Entscheidungen trafen, was sie für selbstverständlich hielten, für gut und schlecht, für moralisch und unmoralisch. Ich finde Artemidoros faszinierend, weil für ihn und seine Zeitgenossen Träume die Zukunft voraussagten, während wir wollen, dass sie über die Vergangenheit erzählen, ein verborgenes Geheimnis enthüllen. Vielleicht sind sie nicht mehr als Träume, das psychologische Pendant zum Beine-Ausstrecken oder Schnarchen.

Das Motto stammt wieder aus einem Werk von Händel, der Hymne „Blessed are they that considereth the poor“, die „Il caro Sassone“ für das Foundling Hospital in London komponierte. Warum diesmal ein Kirchenlied?

Weil diese Hymne sagt, dass diejenigen, die den Armen geben, gesegnet sein werden. „Milde Gaben“ ist ein Buch über die Armenfürsorge.

Sie haben das Buch Heike Bischoff-Ferrari gewidmet, der Professorin für Altersmedizin in Zürich …

Über die Jahre ist Heike eine gute Freundin geworden: Sie ist anständig, intelligent und lebt für das Wohlbefinden ihrer Patienten. Vergessen wir nicht Vitamin D, Omega-3 und die körperliche Ertüchtigung! Sie erinnert mich an die Ärzte meiner Jugend, die sich auch darum gekümmert haben, dass es den Leuten gut geht.

Am 28. September feiern Sie Ihren 80. Geburtstag. Herzliche Gratulation! Was wünschen Sie sich vom Universum?

Spaß haben, liebenswürdig sein, Händels Musik hören.

Ist Ihnen Händels Musik wichtiger als die Bücher, die Sie schreiben?

Händels Musik ist sicherlich viel wichtiger als meine Bücher. Das sind Krimis, vergessen Sie das nicht! Seine Musik ist auf der gleichen Höhe, was Schönheit und Genialität betrifft, wie die besten Gedichte oder Romane der Weltliteratur.

Vor zehn Jahren haben Sie ein Originalklang-Orchester gegründet, das auf alten Instrumenten sehr viel Händel spielt: Il Pomo d’Oro. Sie treten mit den Musikern auf und unterstützen ihre Aufnahmen. Haben Sie nie daran gedacht, selbst Musikerin zu werden?

Einige Freunde und ich hatten die Idee, ein Barock-Ensemble zu gründen. Aber weil ich keine Musikerin bin und wenig über die Musikwelt wusste, konnte ich – abgesehen von meinem Enthusiasmus – nicht viel beitragen. Ich bin Zuschauerin und Zuhörerin. Ich habe nie gelernt, eine Partitur zu lesen, außerdem spiele ich kein Instrument. Aber ich liebe die Barockmusik, kenne und schätze die Musiker im Orchester und habe einen Riesenspaß daran, ihnen zuzuhören, auf den Proben oder bei den Aufführungen.

Sie leben seit ein paar Jahren nicht mehr in Venedig, sondern in der Schweiz. Wenn Sie die Palazzi der „Serenissima“ und Vivaldis Musik mit den Bergen und den Kühen vergleichen: Was sind die Vorteile der Schweiz?

Ich bin vor einigen Jahren nach Graubünden übersiedelt, davor habe ich den Sommer in der Schweiz verbracht, um der Hitze zu entfliehen und meinen kleinen Garten umzugraben. Die Gegend hat so ziemlich dieselbe Landschaft, die ich als Kind in New Jersey kannte; es gibt auch viele Kühe und wenig Leute. Ein weiterer Vorteil ist die Nähe zu Italien.         


Matthias Jakisic ist ein Musiker, der auch für Theater & Film komponiert. Ein Studiobesuch.

Studiobesuch bei Matthias Jakisic

Matthias Jakisic ist ein Musiker, der auch für Theater & Film komponiert. Ein Studiobesuch.
Foto: ©Stefan Diesner

Hier im Schlossquadrat am Margaretenplatz würde man nicht vermuten, dass jemand in Ruhe komponieren kann. Aber Matthias Jakisic arbeitet natürlich tagsüber und ein Teil seines Studios ist schallisoliert. 1977 als Sohn von Eltern, die beide an der Oper sangen, geboren, erhielt er schon mit 6 Violinunterricht, studierte auch Musik, aber eine Karriere als Orchestermusiker kam für ihn nie in Frage – Jakisic: „Ich wollte nicht nachspielen, was es seit hunderten Jahren gibt, sondern von Anfang an kreativ sein.“ Neben Geige lernte er auch Schlagzeug, aber mit 16 entdeckte er die Möglichkeiten, die Computersoftware für Musiker bieten. Und schnell spielte er in eigenen und fremden Bands – tourte mit österreichischen Freunden als „Ballycotton“ und performte irische Musik so authentisch, dass sie als Support der „Dubliners“ engagiert wurden. „Wir waren wirklich gut und vor allem trinkfest“, erinnert sich Jakisic. Ein paar Jahre arbeitete er dann auch als Studiomusiker in England, um – zurückgekehrt in Wien  – „Bauchklang“, eine A-capella-Band, zu produzieren und die Musik mitzuschreiben. Im „Dschungel“ schnupperte er als Komponist erstmals Theaterluft und wurde über die „Junge Burg“ auch ans Burgtheater engagiert. Für die größte Wiener Sprechbühne verfasste er die Musik zu Erfolgsproduktionen wie „Hotel Europa oder der Antichrist“, „Engel des Vergessens“ oder „Die letzten Tage der Menschheit“. Daneben gab es Aufträge für die Josefstadt, die Salzburger Festspiele, das Schauspielhaus sowie diverse Landesbühnen.

Vor kurzem arbeitete Jakisic mit Archim Freyer an Raimunds „Die gefesselte Fantasie“ in Gutenstein, (wird noch bis 8. August gespielt). Wobei die Zusammenarbeit mit der Regielegende denkbar einfach war, denn Freyer befand, dass die Grundlage für seine Theatermusik Jakisic’ neues Streichquartett-Album „Fragmente“ bilden soll.

Musik für Theater und Film

Was hat ihn überhaupt an der Arbeit fürs Theater gereizt? Jakisic: „Mir hat es getaugt, weil ich dabei zu Bildern komponieren kann. Musik ist da ja – wie auch beim Film – eine zweite Ebene, auf der man das Geschehen beeinflussen und etwa die Stimmung verändern kann. Das finde ich noch immer wahnsinnig spannend.“

Über seinen Kollegen Paul Haslinger, der schon lange in L.A. lebt, kam Jakisic auch zum Film. Er steuerte etwa Teile in dessen Score zur Netflix-Serie „Die Bande aus der Baker Street“ (Originaltitel „The Irregulars“) bei. Zurzeit arbeitet Jakisic an einem Megaprojekt. Gemeinsam mit einem Kollegen aus Israel schreibt er die Musik zur deutschen Serie „Two Sides of the Abyss“, die über HBO und Warner bzw. RTL international in 62 Ländern vermarktet wird – die Autorin ist Kristin Derfler. Damit ist der Musiker fast ein Jahr lang beschäftigt. „Am Anfang heißt das immer liefern, liefern, liefern, denn die Regie will für jede Stimmung etwas zur Hand haben. Vom Material bleibt dann aber nur ein Bruchteil übrig. “ Auch bei der Filmmusik gibt es Trends und Moden. Jakisic: „Es geht mehr in Richtung Kammermusik – der Hans-Zimmer-Sound ist definitiv weg. Es geht mehr um das nicht Perfekte, sogar Verstimmte – das hört man etwa bei Serien wie ,Breaking Bad‘ oder ,Ozark‘ – und das kommt mir sehr gelegen.“

Komponieren heute

Während man früher meist mit Klavier seine Komposition vorantrieb und dabei die Noten notierte, arbeitet man heute mit Computer und Software – die Noten schreibt der Rechner nebenbei. „Deshalb heißt mein Album mit Streichquartette auch ,Fragmente‘, denn ich bin dabei praktisch von Takt zu Takt vorgegangen. Ich habe einen Takt, schreibe die vier Stimmen und überlege mir für jedes der vier Instrumente, wo ich im zweiten Takt hinwill. Das Album hat sich sozusagen entwickelt – es gab keine große Anfangsidee. Man nennt das fragmentarisches Komponieren.“

Das jetzt erschienene Album klingt dann auch wie serielle Musik. Und ein Streichquartett im 21. Jahrhundert zu schreiben ist natürlich ein Wagnis, denn so etwas bedient nur eine sehr kleine Nische – die erste Live-Aufführung wird erst nächstes Jahr im Konzerthaus beim Festival „Gemischter Satz“ stattfinden.

Kinder als Publikum

Für Kinder zu komponieren ist dann wieder etwas ganz Eigenes, erzählt der Musiker: „Die haben keine Schubladen, und man kann die Reaktion nie vorhersehen. Der größte Erfolg im ,Dschungel‘ war Stephan Rabls Tanzperformance ,Überraschung‘, die für Kinder ab 2 Jahren geeignet war und nicht wirklich leichte Kost darstellte. Wir sind damit bis nach Sydney getourt. Und in allen Ländern war der Response ganz unterschiedlich – es gab da etwa vor Begeisterung tobende Kinder in Taiwan. Ein wirklich tolles Erlebnis!“


Matthias Jakisic ist ein Musiker, der auch für Theater & Film komponiert. Ein Studiobesuch.

Matthias Jakisic: Fragmente
Musik für ein Streichquartett im 21. Jahrhundert
Es spielen Lena Fankhauser, Emily Stewart, Nikolai Tunkowitsch und Asja
Erschienen auf col legno.

Ocean State – Interview mit Stewart O’Nan

©Trudy O’Nan

Mörderische Liebe

In „Ocean State“ erzählt Stewart O’Nan vom Mord unter Teenagern – und von den Bruchlinien der Gesellschaft. Ein Interview.

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“ Mit diesem Spannung versprechenden Satz beginnt der in Pittsburgh lebende Autor Stewart O’Nan seinen neuen Roman. Marie erzählt rückblickend von ihrer Schwester Angel, die gegen Ende des Romans gemeinsam mit ihrem Freund Myles wegen Mordes an der ebenfalls in Myles verliebten Birdy vor Gericht steht. Wir sind an der Küste von Rhode Island in einer ehemaligen Industriestadt, in der die Menschen eher schlecht als recht über die Runden kommen. Sogar die Schülerinnen schuften, miserabel bezahlt in Aushilfejobs im Supermarkt & Diner.

Stewart O’Nan, der 2017 mit seinem Roman über ein schließendes Lokal „Letzte Nacht“ Gast bei „Eine Stadt.Ein Buch.“ war, ist ein Meister der Darstellung von gesellschaftlichen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen. Als Leser erleben wir Liebe und Neid, Hass, Verzweiflung und Hoffnung sogenannter „einfacher“ Menschen hautnah ohne moralische Verurteilung mit. Am Schluss ist es natürlich die Tochter der geschiedenen Krankenschwester, die länger ins Gefängnis gesteckt wird als der Sohn der reichen Familie.

Wie entstand „Ocean State“? Gibt es einen realen Fall?

Stewart O’Nan: Der Fall, der meinen Roman inspiriert hat, ist der Mord an der 13-jährigen Mary Ann Measles in einer kleinen Flussstadt in Connecticut.

War der eindrucksvolle erste Satz des Romans  gleich zu Beginn Ihres Schreibens da?

Mein ursprünglich erster Satz war „Diesen Sommer lebten wir in einem Haus am Fluss.“ – eine Verneigung vor Hemingways „In einem anderen Land“ und Shirley Jacksons „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“. Mein tatsächlicher erster Satz kam also später.

Der Satz bringt natürlich Spannung, aber Sie scheinen mehr an den Umständen als am Mord selbst interessiert, warum?

Das „Wie“ und besonders das „Warum“ ist für mich wichtiger – und dann vor allem die Konsequenzen des Mordes, also wie die Betroffenen damit leben müssen.

Nur eine Person spricht direkt – und zwar ausgerechnet die jüngste, die 13-jährige Marie, die natürlich am wenigsten versteht, warum?

Marie ist ruhig und introvertiert, aber sie ist auch die moralisch Wertende – und bis zum Mord war ihre große Schwester Angel ihr Idol. Ohne ihr Vorbild weiß sie nicht, wie sie sein soll – sie muss sich quasi neu erfinden. Sie versteht die Geschichte nicht ganz, obwohl sie ja auch betroffen ist, und deshalb trägt sie den Roman. 

Sie haben vier Hauptcharaktere, alle sind weiblich, warum?

Die Männer sind in dieser Geschichte schwach und kümmern sich nicht um das, worauf es ankommt, nämlich ihre Familien. Sie sind passiv, wärend Carol, Angel und Birdie die Konsequenzen ihres Handeln tragen müssen.

Die Gegend um Rhode Island scheint wie ein zusätzlicher Charakter im Roman, warum spielt der Roman gerade hier?

Ich habe die Küste von Rhode Island gewählt, weil ich sie besser kenne als die Kleinstadt in Connecticut. Im Lockdown konnte ich auch meine üblichen Erkundungen vor dem Schreiben nicht machen. Und die Küste bringt mehr Romantik und mehr Kontrast.

Der Roman spielt 2009, im ersten Jahr von Obama als Präsident, ist das wichtig für die Geschichte?

Ich wollte eine retrospektive Erzählerin, brauchte also eine Zeit, die zehn Jahre vergangen ist. Es passte auch gut in die Zeit des Zusammenbruchs der Immobilienblase, die wie ein Echo aus der Epoche des Industrieverfalls in den 70er- und 80er-Jahren erschien.

Ich lese den Roman als eine Parabel über Besitz. Beide Mädchen wollen den schönen, reichen Myles?

Ja, daran besteht kein Zweifel. Myles ist eine Trophäe. Sie brauchen ihn als eine Bestätigung ihrer Besonderheit, ihres Wertes. Aber was passiert, wenn sie diese Trophäe verlieren?

Das Streben nach Besitz erzeugt Gewalt – eine Kapitalismuskritik?

Ich denke, es ist mehr eine Warnung davor, was Liebe vermag. Uns in dem einen Moment erhöhen und im nächsten Moment unser Selbstwertgefühl völlig zu zerstören. Liebe macht uns glücklich, aber auch verzweifelt und eigentümlich. Birdy denkt sich Liebe als Besitz, der sie verändern kann und uns Dinge machen lässt, von denen wir wissen, dass wir sie nicht tun sollten.     


Stewart O’Nan: Ocean State
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00268-8
254 Seiten
€24,70

Interview mit Karola Kraus

20 Jahre mumok im MuseumsQuartier


Interview mit der Direktorin des mumok Karola Kraus anlässlich 20 Jahre mumok im MuseumsQuartier und 40 Jahre Österreichische Ludwig-Stiftung.
Text: Helmut Schneider / Foto: Stefan Joham


„Enjoy“ – das ist der programmatische Titel der Jubiläumsschau, mit der sich das mumok seiner Aufgabe und Geschichte stellt. Gezeigt werden Werke aus der Sammlung sowie Neuerwerbungen unter der Direktion von Karola Kraus. Der Ausstellungstitel „Enjoy“ zitiert dabei ein Motiv aus einer Plakatserie von Corita Kent (Sister Corita), die sich in ihren Arbeiten Text- und Bildmaterial aus der Konsum- und Populärkultur, aus Kunst, Politik und Religion aneignet.

Die studierte Kunsthistorikerin Karola Kraus wurde im Schwarzwald geboren und baute von 1999 bis 2006 den Kunstverein Braunschweig zu einer renommierten internationalen Institution aus. 2006 übernahm sie die Leitung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, seit Oktober 2010 ist sie Direktorin des mumok Wien, wo sie bereits mit ihrer Antrittsausstellung „Museum der Wünsche“ für viel Beachtung sorgte. Weitere Highlights waren eine Schau der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin, die von Jakob Lena Knebl kuratierte Ausstellung der Sammlung und im Vorjahr die letzte Werkschau der österreichischen Künstlerin Ingeborg Strobl.

wienlive: Fangen wir mit dem längsten Jubiläum an: 40 Jahre Österreichische Ludwig-Stiftung. Ist die Stiftung immer noch bedeutsam?

KAROLA KRAUS: Ja, die Österreichische Ludwig-Stiftung ist für das mumok von immenser Bedeutung. Sie prägt die Sammlung bis heute entscheidend mit, indem sie Werke und Werkblöcke von Künstlerinnen und Künstlern für das mumok ankauft, die wir aus unserem Budget nicht finanzieren könnten. Dabei handelt es sich um die einzigen Dauerleihgaben im mumok. Mit Hilfe der Stiftung konnten wir in den letzten Jahren unsere Sammlungsschwerpunkte um kapitale Werke erweitern. Ein erklärtes Ziel von mir war von Beginn an, in die stark von Männern dominierten Sammlungen der 60er- und 70er-Jahre vermehrt Künstlerinnen zu integrieren – wie etwa Evelyne Axell, Sister Corita, Kiki Kogelnik, Lee Lozano oder Ree Morton, die alle in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind.

Jetzt zu 10 Jahre Karola Kraus im mumok. Was hat Sie in den ersten beiden Perioden angetrieben?

KRAUS: Anlässlich meiner Antrittsausstellung, dem „Museum der Wünsche“, erarbeitete ich mit meinem Team Schwerpunkte für die zukünftige Sammlungserweiterung. Den ersten habe ich bereits genannt – die fehlenden Künstlerinnen.

Das zweite Ziel war, aufgrund der geopolitischen Lage Wiens im Zentrum Europas und der Brückenfunktion zwischen dem Westen und dem Osten vermehrt Werke osteuropäischer Künstlerinnen und Künstler an unsere Sammlung zu binden, so beispielsweise von Július Koller, dem wir im mumok eine Retrospektive ausrichteten. Unlängst wurden wir von einem Sammler mit einem umfangreichen Konvolut an Werken von Stano Filko beschenkt.

Und drittens haben wir den Fokus auf Malerei gelenkt, nachdem mein Vorgänger verstärkt auf neue Medien und Fotografie gesetzt hatte. Eine weitere Konzentration lag auf Werken von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Nicht zuletzt konnten wir außereuropäische nichtwestliche Positionen in die Sammlung integrieren.

Gibt es persönliche Highlights in Ihrer Arbeit?

KRAUS: Die Vermittlung ist in einem Museum moderner Kunst von zentraler Bedeutung. Zeitgenössische Kunst kann durchaus sperrig und erklärungsbedürftig sein. Mein Team und ich haben sehr strukturiert unsere Zielgruppen definiert und für jede Zielgruppe entsprechende Angebote entwickelt. So haben wir einen Kinderclub gegründet, der mittlerweile Tausende von Mitgliedern hat. Das mumok richtet als einziges Museum jedes Jahr einen Kinderaktionstag aus. Letztes Jahr musste dieser aufgrund der Pandemie leider ausfallen, aber 2019 wurde das Haus von Kindern überrannt und im Eingang haben sich die Kinderwägen getürmt. Wir stellen den Kindern auch Saalfolder und Audioguides zur Verfügung. Für Erwachsene bieten wir multilinguale Führungen in Farsi, Slowakisch oder Türkisch, Führungen in Gebärdensprache und Kunstgespräche per Zoom an. Mit dem Format „Weltbilder“ und dem EU-Projekt „Cope“ etablierten wir zwei Integrationsprojekte, die Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen.

Haben Sie dabei auch auf die Corona-Situation reagiert?

KRAUS: Während der Pandemie etablierten wir den mumok Blog, auf dem wir Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern publizieren oder Einblicke in die mumok Sammlung und Tipps von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geben oder DIY-Projekte für Kinder zeigen. Worauf ich auch stolz bin: das mumok bietet als einziges Museum weltweit Scratchkurse an, bei denen Kinder spielerisch Programmierbasics lernen, eigene digitale Kunstwerke erschaffen und wichtige mediale Kompetenzen entwickeln. Scratch ist eine visuelle Open-Resource Computersprache, die am MIT (USA) von der Long Life Kindergarten Group entwickelt wurde. Mit Hilfe einer großzügigen Förderung der Art Mentor Stiftung Lucerne können wir die Scratch-Kurse auch Familien anbieten, die sich solche Weiterbildungen normalerweise nicht leisten können. Auch die Laptops können wir dank einer Förderung den Kindern zur Verfügung stellen.

Kunstvermittlung ist also ein zentraler Bereich Ihrer Arbeit …

KRAUS: Die Architektur des mumok und die Treppe können durchaus eine Hemmschwelle sein. Mir ist es wichtig, nicht in einem Elfenbeinturm zu sitzen, sondern möglichst viele Menschen abzuholen. Daher bieten wir ein breit gefächertes Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm sowohl für ein dezidiertes Fachpublikum als auch für eine breite Öffentlichkeit an.

Das mumok kino hat sich zu einer Anlaufstelle für ein junges Publikum entwickelt. Auch die alljährliche Kooperation mit ImPulsTanz ist bei unserem Publikum äußerst beliebt. Das mumok ist ein lebendiges Museum für Besucherinnen und Besucher jeglicher Altersgruppen und sozialer Herkunft. Mein Ziel ist es, das Museum in den viereinhalb Jahren bis zu meiner Pension wieder dort hinzubringen, wo unsere Erfolgsgeschichte durch die Krise gestoppt wurde: auf das Niveau von 2019, dem Jahr mit den höchsten Besucherzahlen seit Bestehen des Museums. Das ist ein ambitioniertes Ziel, denn der Wien-Tourismus rechnet nicht damit, dass sich der Fremdenverkehr vor 2024 normalisieren wird.

Noch einmal wollen Sie Ihren Vertrag nicht verlängern?

KRAUS: Nein, ich bin dann 15 Jahre als Direktorin im Haus – aber ich habe jetzt schon die längste Amtszeit in der Geschichte des Museums. Und was man in 15 Jahren nicht erreicht hat, schafft man auch in 20 Jahren nicht.

Haben Sie noch weitere Ziele?

KRAUS: Ja, ich möchte bis zu meinem Ausscheiden zumindest den Grundstein für eine räumliche Erweiterung des Museums legen. Anhand unserer aktuellen Sammlungsausstellung wird einem wieder sehr deutlich vor Augen geführt, dass unsere Schätze permanent präsentiert werden müssen. Unsere unterschiedlichen Sammlungsschwerpunkte sind Touristenmagnete, die von der klassischen Moderne bin hin zur zeitgenössischen Kunst der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen müssen. In dem Erweiterungsgebäude würde ich Sonderausstellungen ausrichten sowie auf einer Ebene unsere Archive für Forschungszwecke öffentlich zugänglich machen.

Das Gebäude lässt sich ja nicht erweitern, was gäbe es da für Möglichkeiten?

KRAUS: Ich habe mehrere Konzepte in der Schublade, die ich mit den verantwortlichen Personen besprechen werde.

Die aktuelle Ausstellung „Enjoy“ soll das verdeutlichen …

KRAUS: „Enjoy“ ist einerseits Resümee der letzten 10 Jahre und gleichzeitig auch Ausblick. Sie zeigt auf beinahe allen Ebenen in einer losen Chronologie von der Klassischen Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst die Schwerpunkte unserer Sammlung, wobei auf jeder Ebene generationsübergreifende Dialoge stattfinden.


„Enjoy“ im mumok, MuseumsQuartier Wien, Samstag, 19. Juni 2021 bis Montag, 18. April 2022

Bildrecht:
Corita Kent (Sister Corita)
the sea queen, 1973
50 x 58 cm
Siebdruck
mumok -Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien,
erworben mit Unterstützung des mumok Boards/acquired with support of mumok Board 2020
© Bildrecht, Wien 2021

Eine Stadt. Ein Buch. – 2021

Der Hase mit den Bernsteinaugen


„Eine Stadt. Ein Buch.“ Heuer werden ab 11. November 100.000 Exemplare von Edmund de Waals Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ verteilt. Ein Interview mit dem in London lebenden Künstler & Autor.
Text: Helmut Schneider / Foto: Tom Jamieson


Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, war längst ein weltbekannter Keramikkünstler und Professor in London, als er von seinem Großonkel Iggy in Tokio 264 japanische Netsukefiguren erbte und plötzlich mit seiner Familiengeschichte konfrontiert wurde, die ihn auch wieder nach Wien brachte. De Waal ist ein Nachfahre der berühmten Ephrussis, die im Wien um 1900 an Reichtum den Rothschilds um nicht viel nachstanden. Das Palais Ephrussi gegenüber der Universität am Ring war bis zur Enteignung durch die Nazis das Stammhaus der Bankerfamilie. Wie durch ein Wunder waren die kleinen japanischen Netsukefiguren aus Elfenbein oder Holz – Tierfiguren wie eben der Hase mit den Bernsteinaugen, aber auch Menschenfigürchen – der Plünderung entgangen. Ein Dienstmädchen hatte sie in seiner Kittelfalte nach und nach in Sicherheit gebracht. De Waal recherchierte vier Jahre lang anhand der abenteuerlichen Reise dieser Netsuke – von Japan nach Paris, dann nach Wien und wieder retour – und somit auch des Hasen mit den Bernsteinaugen die Geschichte seiner Urahnen. Die Ephrussis stammten ursprünglich aus Odessa, wo sie mit dem Verkauf von Getreide reich geworden waren. Später schufen sie Bankhäuser und Dynastien in Paris und Wien, ehe sie von den Nazis in die ganze Welt vertrieben wurden. De Waals Mühe hat sich freilich gelohnt. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ wurde 2010 zu einem internationalen Bestseller und Edmund de Waal ist seither nicht nur ein gefragter Künstler, sondern auch ein gefragter Autor.

Und durch diesen Bucherfolg wurde die Geschichte der Familie Ephrussi auch in Wien wieder bekannt. Das Jüdische Museum Wien stellte 2019/2020 die Familiengeschichte in der Ausstellung „Die Ephrussis. Eine Zeitreise“ dar. Das Kunsthistorische Museum zeigte Edmund de Waals Keramikarbeiten zuerst zu einer Schau im Theseustempel und lud ihn dann ein, eine persönliche Ausstellung mit Objekten aus der Schatzkammer zu kuratieren – „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer. During the Night.“ 2018 übergab Edmund de Waal den größten Teil seiner Netsuke-Sammlung dem Jüdischen Museum als Dauerleihgabe. Und im Vorjahr wurde Edmunds Vater Victor de Waal österreichischer Staatsbürger – ein Herzenswunsch des Vertriebenen.

Wir erreichten Edmund de Waal am Tag des EM-Spiels England gegen Deutschland („die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher, aber nicht alle halten zu England …“) telefonisch in London.


wienlive: Wann waren Sie das erste Mal in Wien und wie haben Sie sich damals gefühlt?

Edmund de Waal: Das war vor 25 Jahren. Ich habe die Stadt nicht verstanden, war sogar ängstlich und irgendwie fremd. Das war ja lange bevor ich begonnen hatte „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ zu schreiben. Ich kannte einige Geschichten meines Großonkels Iggy in Japan und von meiner Großmutter, aber mein Vater wollte überhaupt nicht über seine Kindheit sprechen. Kurz: Wien war damals für mich ein sehr schwieriger und komplizierter Ort. Ich erinnere mich, dass ich vor unserem alten Familienhaus gestanden bin und ich mich sehr schlecht fühlte – so völlig von der Geschichte des Ortes ausgeschlossen. Ich traute mich auch gar nicht hineinzugehen.

Sie haben alle Ihre Netsuke dem Jüdischen Museum in Wien vermacht. Warum wollten Sie, dass sie in Wien bleiben?

De Waal: Wir haben in der Familie beschlossen, unser ganzes Archiv – also Papiere, Fotografien und Briefe – an das Jüdische Museum zu geben. Die Netsuke sind eine 10-jährige Leihgabe. Der Grund ist sehr einfach: Diese Figuren können sehr kraftvoll eine Geschichte über eine jüdische Familie in Wien erzählen. Ich liebe sie sehr und habe sie auch gerne bei mir, aber ich dachte, während der nächsten zehn Jahre könnten sie hier in Wien ihre Geschichten erzählen, was sie sicher wundervoll tun werden. Es ist also ein Statement.

Ihr Vater hat letztes Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Warum war ihm das so wichtig?

De Waal: Er sagte sehr deutlich, dass er das für seinen Großvater tut, der als Flüchtling staatenlos starb, weil man ihm die österreichische Staatsbürgerschaft weggenommen hatte. Interessant ist, dass jetzt meine Brüder und auch ich um die Staatsbürgerschaft angesucht haben. Ich möchte Teil von Österreich sein – und zwar nicht nur symbolisch, sondern ich möchte wirklich mit diesem Land verbunden sein. Deshalb bedeutet mir auch die Einladung zu „Eine Stadt. Ein Buch.“ sehr viel.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ war ein internationaler Hit. War das Buch in deutschsprachigen Ländern am erfolgreichsten?

De Waal: Ja, tatsächlich – ist das nicht außergewöhnlich? Einer der unglaublichsten
Momente in meinem Leben war, als ich 2010 anlässlich der Veröffentlichung des Buches eine Rede in Wien im Palais Ephrussi halten durfte. Die ersten beiden Besprechungen in Deutsch kamen heraus, ich fühlte, dass das Buch in der deutschsprachigen Welt gelesen und ernst genommen wurde. Absolut außergewöhnlich! Es ist für mich immer noch erstaunlich, dass eine Familiengeschichte eine so große Wirkung entfalten konnte.

Wer hat diesen genialen Buchtitel erfunden?

De Waal: Das war ich, aber wir hatten in der Familie eine lange Diskussion darüber.

Sie waren inzwischen schon oft in Wien. Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen, vielleicht ein Besuch in einem Kaffeehaus?

De Waal: Immer wenn ich in Wien bin, gehe ich sehr viel alleine herum – um mit meinem Vater, meiner Großmutter, meinem Großonkel in Verbindung zu treten, die zum Teil hier gelebt haben – das sind ganz private Orte. Aber natürlich bewege ich mich in Wien von einer Schale Kaffee zur nächsten. Schon bevor ich das Buch zu schreiben begonnen habe, war mein Verlangen nach Kaffee tief in mir verankert. Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater hatten alle ihre Lieblings-Kaffeehäuser. Ich werde von einem zum anderen gehen.       


Interview mit Renate Brauner

Unser Netz gibt Sicherheit


Am 23. Juni ist Tag der Daseinsvorsorge. Daseinsvorsorge ist geradezu lebensnotwendig, geht es doch um so wichtige kommunale Services wie Energie, Müllabfuhr, Gesundheit, Wasser, Verkehr & Wohnen. Renate Brauner leitet das Wiener Büro.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Stefan Joham; iStock


Es sind die Dinge, die man erst bemerkt, wenn sie einmal nicht funktionieren. Aber wir alle kennen Bilder von überquellenden Müllcontainern in italienischen Städten oder erst zuletzt vom Ausfall des Stromnetzes in Texas aufgrund veralteter Infrastruktur nach einem Schneesturm. Zumeist passiert das gerade dort, wo Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie etwa der öffentliche Verkehr, die Wasserversorgung, die Müllabfuhr oder die Energieanbieter privatisiert wurden. Denn in der Regel fühlen sich Private mehr ihren Aktionären als ihren Kunden verpflichtet. Die Wiener Stadtregierung ist niemals der Verlockung des schnellen Geldes durch den Verkauf kommunaler Einrichtungen wie etwa der vielen Gemeindebauten erlegen. Anders als beispielsweise viele deutsche Städte, die bei exorbitant steigenden Mieten jetzt voll Neid auf Wien schauen. Wiens langjährige Vizebürgermeisterin und Finanzstadträtin Renate Brauner kümmert sich jetzt im Büro für Daseinsvorsorge um Daten und das Image aller kommunalen Einrichtungen.

wienlive: Ihr Büro hat – gemeinsam mit dem Städtebund – die Studie „Die Qualität der Daseinsvorsorge in Österreichs Städten und deren Auswirkungen auf die Lebensumstände im Europavergleich“ veröffentlicht – was sind die wichtigsten Erkenntnisse daraus?
RENATE BRAUNER: Kurz zusammengefasst: Daseinsvorsorge bringt wirklich allen etwas, weil im Vergleich mit anderen Städten den Wienerinnen und Wienern mehr Geld im Börsel übrig bleibt. Ganz entscheidend dabei sind die Preise fürs Wohnen – vor allem international gesehen. Dazu kommt eine gute und günstige Infrastruktur wie das öffentliche Verkehrsnetz oder die Energieversorgung. Der Gratis-Kindergarten und die Gratis-Ganztagsschule tun ein Übriges. Was die Studie aber auch empfiehlt, ist der Ausbau der Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige – aber das ist auch schon im Programm der Stadtregierung. Ganz entscheidend dabei ist die Qualität der Einrichtungen – was hat man etwa von einem Kindergarten, der um 14 Uhr schließt oder den ganzen Sommer geschlossen hält – das ist kein Angebot für berufstätige Eltern. Und hier ist Wien top.

Also ein Plädoyer für mehr Kommunales und weniger Privates?
BRAUNER: So generell würde ich das nicht ausdrücken. Denn eine gut funktionierende Daseinsvorsorge ist sicher auch im Interesse der Privatwirtschaft. Die Hauptgründe, warum sich Betriebe in Wien ansiedeln, sind die qualifizierten Arbeitskräfte sowie die funktionierende Infrastruktur. In Wien muss niemand Angst haben, dass – wie kürzlich in Texas nach einem Schneesturm – alles zusammenbricht, von der Schneeräumung bis zur Energieversorgung. Soziale Sicherheit – wie etwa ein gutes Gesundheitssystem – ist ebenfalls ein wichtiger Standortvorteil.

Vor der Krise wurde gelästert, dass Wien zu viele Spitalsbetten hätte – jetzt schweigen die Kritiker …

Was ist die zentrale Aufgabe des Büros für Daseinsvorsorge?
BRAUNER: Daseinsvorsorge ist ein sehr wichtiges Thema der Stadtregierung und deshalb ist es auch wichtig, in diesem Bereich national und international Vernetzungsarbeit zu leisten sowie dieses Thema in der Öffentlichkeit zu promoten. Ich war ja schon zuvor genau in diesem Feld tätig und bin seit zehn Jahren Präsidentin des Verbandes für gemeinwirtschaftliche Unternehmungen in Österreich. Die Daseinsvorsorge wird ja hierzulande als Selbstverständlichkeit gesehen, aber wie der Blick über die Grenzen zeigt, ist es das anderswo nicht. Wir haben alle verfolgt, wie das etwa in Großbritannien schief gegangen ist, wo etwa die Wasserversorgung oder die Bahn privatisiert wurden – im Endeffekt bringt das meist höhere Preise für die Kunden bei einer schlechteren Qualität der Leistungen. Zusätzlich wird in der Regel die Infrastruktur vernachlässigt und die Arbeitnehmer werden schlechter bezahlt. Von Umweltschutzmaßnahmen ganz zu schweigen. Gleich im ersten Jahr meiner Tätigkeit habe ich gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung (ÖGPP) eine Studie beauftragt, die 200 Fälle dokumentiert hat, in denen in Europa rekommunalisiert wurde – also auf Deutsch: wo die Kommunen private Versorgungsunternehmen meist mit sehr viel Geld wieder zurückkaufen mussten. Bei einer Konferenz in Amsterdam wurden weltweite Beispiele von Rekommunalisierung in mehr als 2.400 Städten diskutiert, ich habe dort als positives Beispiel das Wiener Modell der Daseinsvorsorge präsentieren dürfen.

Wird Daseinsvorsorge jetzt in der Krise mehr geschätzt?
BRAUNER: Ja, denn die Corona-Krise ist mittlerweile eine schwere Wirtschaftskrise. Keinesfalls dürfen jene Leistungen, die uns jetzt durch die Krise bringen, später wieder gekürzt oder gar eingespart werden, und jene Menschen, die diese Leistungen für uns erbringen, zu Verlierern werden. Starke, gut ausgebaute Daseinsvorsorge-Einrichtungen mit ausreichend Personal und guten Arbeitsbedingungen brauchen wir alle auch in Zukunft für unsere Lebensqualität und Sicherheit.


Ina Regen

Begegnung mit sich selbst


Top. Nicht nur ihre Songs sind großartig, auch mit ihr zu skypen ist sehr erfrischend. Die Rede ist von Amadeus-Preisträgerin Ina Regen, die vor kurzem ihr neues Album „ROT“ präsentierte.
Text: Andrea Buday / Fotos: Gerd Schneider


Sie befinde sich gerade in einer Phase der Erholung, erzählt die 36-jährige Sing-Songwriterin, die rund zwei Jahre an ihrem neuen Album „ROT“ gearbeitet hat. Das erste Lied begann Ina Regen schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Klee“ zu schreiben. „Weil ich möglichst unabhängig von den Kritiken und Feedbacks auf ,Klee‘ sein wollte.“ Gemeinsam mit Florian Cojocaru hat sie sich an die Arbeit gemacht. Ursprünglich hätte das Album bereits im April 2020 fertig und im Herbst veröffentlich werden sollen, aber sie habe gespürt, dass diese außergewöhnliche Zeit auch das Zeitgefühl bzw. das Bedürfnis der Menschen verändert habe. Zudem entschied die Wahlwienerin, ein paar Songs, die vielleicht noch lauter oder verstörender sein wollten, zurückzuhalten. „Ich dachte nämlich, dass die Menschen jetzt mehr Ruhe und Zuversicht brauchen“, so die gebürtige Oberösterreicherin im Skype-Interview, die zudem gesteht, dass auch sie selbst das eine oder andere Lied brauchte, um Hoffnung zu schöpfen.

„Fenster“ von Ina Regen – aus dem neuen Album „ROT“.

wienlive: Die Musik Ihres neuen Albums ist ruhig und angenehm, die Texte regen zum bewussten Zuhören bzw. Nachdenken an.
INA REGEN: Meine Lieder sollen schon dazu bewegen, bewusst reinzuhören und sich mit sich selbst zu konfrontieren. Es ist Musik, um sich berühren zu lassen, sich auf sich selbst einzulassen genauso sehr wie auf meine Gedanken.

Ihre Lieder haben teils auch eine kritische Message.
REGEN: Ich beschreibe, was ich an unserer Zeit verstörend finde, und mitunter auch das, was ich an mir selbst verstörend finde oder wo ich selbst nicht so eindeutig zuzuordnen bin, sondern merke, ich befinde mich in einem Prozess. Bei der Flüchtlingsthematik etwa, die mich seit 2015 sehr beschäftigt, stelle ich fest, wie mich neue Sichtweisen und Gespräche immer wieder neu beeinflussen. Und ich merke dann auch, wie vermeintliche Lösungen bzw. Antworten, die ich gefunden zu haben glaubte, neu evaluiert werden müssen. Aber: „ROT“ soll nicht anprangern, sondern ein Aufruf sein, um im Gespärch und im Mitgefühl zu bleiben. Sobald wir ein Ideal von Menschen haben, neigen wir dazu, den Kontakt zu jenen zu verlieren, die eine andere Meinung vertreten. „ROT“ ist ein verzweifelter Aufschrei, damit wir speziell mit jenen kommunizieren, mit denen wir nicht übereinstimmen.

Sind Sie ein streitbarer Mensch oder harmoniebedürftig?
REGEN: Ich tendiere mehr zu Harmonie, aber ich habe zu streiten gelernt, weil ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich selbst zu behaupten und seine Grenzen zu wahren. Was voraussetzt, dass man die eigenen Grenzen erst entdecken muss, und das wiederum funktioniert nur, wenn man viel reflektiert und seine eigenen Fehler großherzig annimmt.

Ihre Texte sind eher ernst, nicht gerade Leichtigkeit versprühend …
REGEN: „Wien am Meer“ z. B. ist ein Sommersong, der zum Leben einlädt. Auch „Leuchten“ ist positiv und feiert die Kraft der Veränderung, die in jedem von uns steckt. Aber ich gebe zu, ich halte nicht zu viel von Oberflächlichkeit. Ich habe Leichtigkeit in meinem Leben erst gefunden, als ich integrieren konnte, dass das Leben auch kompliziert und manchmal schwierig ist, und dass es Diskrepanzen gibt, denen man sich stellen muss. Selbst das Liebeslied auf dem Album ist keine Überhöhung, sondern eine realistische Betrachtung einer Liebe. Ich verteile keine leichten Rezepte. Es gibt aber einen Bonustrack: „Jo, na eh“ ist ein Lied, das augenzwinkernd gemeint ist und zur Leichtigkeit aufruft.

Wie geht es Ihnen in Zeiten wie diesen?
REGEN: Es gab schon Phasen, in denen ich verzweifelt war, weil alles, wofür ich die letzten Jahre hart gearbeitet hatte, plötzlich zu implodieren schien. Da drücken die eigenen Gedanken und Ängste natürlich sehr auf die Stimmung. Dann habe ich immer wieder nach der Nadel gesucht, mit der ich meine Gedankenblase aufstechen konnte, um neue Perspektiven einzunehmen. Außerdem muss ich dankend erwähnen, dass meine Fans mich großzügig unterstützten mit Spenden via Spotify bzw. einem Paypal-Konto.

Was erwarten Sie sich vom neuen Album?
REGEN: Immer, wenn man ein weiteres Stückchen von sich selbst preisgibt, ist es mit einer Grundanspannung verbunden, die einerseits aus Euphorie besteht, andererseits mit der Sorge, dass es den Menschen gar nicht so gut gefällt. Diesen Erwartungsdruck spüre ich schon, aber ich versuche, diese Gedanken beiseite zu schieben. „ROT“ ist ein positives Signal. Eine Einladung zum Menschsein, neugierig zu bleiben – auf den Menschen, der man gerade ist und auch auf den, der man vielleicht gerade nicht so gern wäre, aber trotzdem ist. Es ist jedenfalls eine Einladung zum Leben.


Ina Regen – ROT

Erhältlich hier.

Interview mit T.C. Boyle

„Sam soll uns das Herz brechen!“


Affenliebe. Im neuen Roman des US-Bestsellerautors geht es um die Zuneigung einer Studentin zu dem Jungschimpansen Sam, der im Rahmen eines Forschungsprojekts die Zeichensprache erlernt. T.C. Boyle im Interview aus Santa Barbara, Kalifornien.
Text: Helmut Schneider / Foto: Stefan Joham


„Sprich mit mir“ – so der Romantitel – ist eine Aufforderung, die nach der Lektüre wie ein Flehen klingt. Sam ist ein junger Schimpanse, dem ein karrierefixierter Wissenschaftler Ende der 70er-Jahre in Kalifornien die Zeichensprache beibringt und der bei ihm zu Hause wie ein Kleinkind aufwächst. Zur Betreuung holt er sich Studierende, und eine von ihnen –
Aimee – baut eine besonders intensive Bindung zu ihrem „Forschungsobjekt“ auf. Als Sam wieder an seinen Besitzer, einen anderen Wissenschaftler in Utah, der Affen eher als Kapitalanlage hält, zurückgegeben werden muss, fasst Aimee einen tollkühnen Plan. Sie will Sam befreien. Wir konnten dazu den Autor des Romans, T. C. Boyle,
befragen und dabei auch den Zustand der USA nach der Erstürmung des Kapitols ansprechen.

wienlive: 2020 war hart für uns alle – besonders für Sie als Schriftsteller?
T. C. BOYLE: Die permanente Anspannung war natürlich erschöpfend für mich. Mein Sohn hat vergangenen Frühling seine Facharztausbildung in einem der größten Krankenhäuser von L.A. begonnen und war damit gleich an der vordersten Front in der Pandemie, was für uns sehr beunruhigend war – er wurde aber vor kurzem bereits geimpft. Unnötig zu erwähnen, dass die ganze Situation tausendmal verschärft wurde durch das Spektakel des Möchtegern-Diktators im Weißen Haus. Trumps Mangel an Interesse für die Pandemie und seine Inkompetenz haben Tausenden von Menschen das Leben gekostet. Ich persönlich habe das getan, was ich immer mache: früh aufstehen, schreiben, lange Wanderungen am Strand oder in den Bergen, schlafen und den Traum vom reinen Herzen träumen. Und das immer wieder und wieder und wieder.

Wie schätzen Sie den Angriff, den Sturm aufs Kapitol ein?
BOYLE: Ich bin wütend auf die Machthaber, die es nicht geschafft haben, Trump im Zaum zu halten und dabei nur an ihre eigenen Ambitionen gedacht haben. Es klebt Blut an ihren Händen und ich hoffe, sie werden für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen ebenso wie jene, die ins Weiße Haus eingefallen sind. In jeder anderen Demokratie wäre Trump jetzt hinter Gittern – ebenso wie die Aufpeitscher, die ihn unterstützen, wie die Senatoren Josh Hawley und Ted Cruz.

Was erwarten Sie vom neuen Präsidenten Joe Biden?
BOYLE: Frieden, Normalität und Vernunft.

Wie sind Sie auf die Idee zu „Sprich mit mir“ gekommen?
BOYLE: Als ich in Iowa als Student des Writers’ Workshop war, erfuhr ich, dass Wissenschaftler versuchten, Affen Sprache beizubringen – das hat mich fasziniert. Mein erster Band Kurzgeschichten, von denen ich viele noch als Student geschrieben habe, hieß „Descent of Man“ (Die Abstammung der Menschheit), und die erste Geschichte ist ein absurdes Gespräch zu diesem Thema. Ich bin also Jahre später zu diesem Material zurückgekehrt und habe einen Roman über die Fremdpflege-Experimente in den 70er- und 80er-Jahren konstruiert, in denen Affen von Menschen aufgezogen wurden, um herauszufinden, wie viel Sprache man ihnen beibringen kann.



Gab es historische Vorbilder? Die Schimpansin Washoe war etwa schon in den 60er-Jahren fähig, mit Zeichensprache zu kommunizieren …
BOYLE: Ja, die gab es. Ich war von mehreren Sachbüchern über diese Experimente inspiriert, besonders von der herzerwärmenden Biografie von Elizabeth Hess „Nim Chimpsky: The Chimp Who Would Be Human“.

Haben Sie persönliche Erlebnisse mit Menschenaffen?
BOYLE: Eine enge Freundin von mir ist Primatenforscherin. Sie hat mich eingeladen, mit Menschen zu sprechen, die im Zoo von L.A. arbeiten, und mich dort umzusehen. Bei der Schaffung der Figur des Sam musste ich mich aber auf meine schriftstellerischen Instinkte verlassen, Sam wurde für mich immer deutlicher, je mehr das Buch anwuchs.

Das geht ja so weit, dass jedes zweite Kapitel aus Sams Sicht erzählt wird …
BOYLE: Der Reiz und die Herausforderung bestand ja gerade darin, in die Rolle eines Schimpansen zu schlüpfen und seine Sicht der Dinge darzulegen.

Kennen Sie Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“?
BOYLE: Ja, natürlich, eine meiner liebsten Kafka-Erzählungen, in der wunderbar witzig die Frage nach dem Menschlichen im Tier und dem Tierischen im Menschen gestellt wird.

Die meisten gelehrigen Schimpansen in der Wissenschaft waren Weibchen, Sie haben sich für ein Männchen entschieden – wegen der Beinahe-Love-Story?
BOYLE: Im Unterschied zu unserer Spezies, wo die weiblichen Exemplare viel intelligenter sind als die männlichen, dürfte bei den Schimpansen das Geschlecht in Sachen Intelligenz keine Rolle spielen. Dass Wissenschaftler lieber mit weiblichen Jungtieren arbeiten, dürfte daran liegen, dass sie verträglicher sind – obwohl sie genauso viel Kraft haben und auch gefährlich sein können. Aber für meinen Roman war eine Art Dreiecksbeziehung – der Professor verliebt sich ja auch in die Studentin Aimee – natürlich spannend.

Die Hauptfigur Aimee scheint etwas unentschlossen – will sie quasi ihre innere Leere mit Sam ausgleichen?
BOYLE: Ich verstehe Ihre Interpretation, aber ich teile sie nicht. Aimee ist scheu und unartikuliert – das schien mir in einem Roman über Sprache und Identität sehr passend.

Eines meiner TV-Highlights als Kind war die Serie „Daktari“ mit dem Schimpansen Judy. Was haben Sie als Kind gesehen?
BOYLE: Eigentlich nur Cowboys, Cowboys und wieder Cowboys. Tod durch Drücken eines Abzugs. Selbstgezüchtete amerikanische Gewalt, was sonst? Sie konnten das im echten Leben sehen, als Trumps Mob das Kapitol stürmte.

Wie wichtig ist Ihnen Tierwohl? Sie sind ja Vegetarier und hatten auch immer Haustiere …
BOYLE: Ich bin zwar kein echter Vegetarier, aber ich beschränke mich auf Fisch und Putenfleisch – wenn ich denn einmal Fleisch esse, und zwar aus ethischen Gründen. Ich leide mit den Tieren mit – aber natürlich auch mit Menschen. „Sprich mit mir“ soll Menschen aufrütteln. Möge Sam sie bezirzen und ihnen das Herz brechen!

Angeblich arbeiten Sie schon am nächsten Roman – können Sie uns verraten, worum es gehen wird?
BOYLE: Nächstes Jahr wird ein Band mit 13 Kurzgeschichten mit dem Titel „I Walk Between the Raindrops“ (nach der in der New York Times erschienenen Titelstory) herauskommen. Und ich habe gerade die ersten 50 Seiten meines neuen Romans „Blue Skies“ geschrieben, der im Heute beginnt und in der Zukunft meines Romans „Ein Freund der Erde“ weitergeht. Es geht darin um Umweltzerstörung, den Klimakollaps und das Verschwinden anderer Lebewesen, die mit uns die Erde bewohnen. Wird irgendeine Spezies übrig bleiben mit Ausnahme von Mikroorganismen? Denn nicht zuletzt das Coronavirus hat uns gezeigt, dass wir – auch wenn wir das gerne glauben – nicht an der Spitze der Nahrungskette stehen …


ING in Österreich

Immer einen Schritt voraus


Individuelle Finanzlösungen: Roman Ermantraut leitet das Großkundengeschäft der ING in Österreich. Er will mit grünen Finanzierungen sowie der Anbindung an das globale ING Netzwerk mit Niederlassungen in mehr als 40 Ländern der Welt punkten.
Text: Ursula Scheidl / Foto: Stefan Joham


Mehr als 30 Billionen Euro wird es laut Internationaler Energieagentur bis 2035 brauchen, um das Pariser Klimaziel von 1,5 bis 2 Grad zu erreichen. Dafür bedarf es nicht nur der Anstrengung von Regierungen, Technologie- und Infrastrukturkonzernen, sondern auch ganz besonders des Beitrags der Finanzwirtschaft. Selbst bereits seit 2007 klimaneutral, setzt die ING einen Schwerpunkt bei Nachhaltigkeitsfinanzierungen. So entstanden nicht nur Handlungsgrundsätze wie die Abkehr von der Finanzierung der Kohleindustrie, sondern auch ein Finanzierungsangebot, das Anstrengungen zur Klimaverbesserung vorantreibt, und ein Pool von Experten, die ihr Know-how einbringen wie Roman Ermantraut.

wienlive: Hatten Sie schon als Kind eine Affinität zu Zahlen?
ROMAN ERMANTRAUT: Ja, aber meine Leidenschaft ist das Gespräch mit Menschen, um Geschäfte zu machen und einen Mehrwert zu schaffen. Die Corona-Krise trifft mich hart, weil ich anstatt mit Menschen zu arbeiten den ganzen Tag vor meinem Bildschirm sitze. Seit 15 Jahren bin ich bei der Bank, und von Anfang an war ich viel unterwegs, um unsere Kunden zu betreuen.

Wie sieht diese Betreuung genau aus?
ERMANTRAUT: Bei einer Bankenbetreuung geht es nicht nur um Finanzierung, sondern auch um Dienstleistungen. Wenn Sie z. B. 50 Euro von Wien nach Belgien überweisen, dann braucht es eine Partnerbank in Belgien, die diese Zahlung annimmt und weiterverteilt. Es gibt auch Dienstleistungen bei Handelsfinanzierungen, wenn Sie als Unternehmen Waren verschicken. Meistens sichern das Banken über Akkreditive oder Garantien ab. Und es gibt natürlich den Kapitalmarkt, wo es etwa um die Finanzierung mittels Anleihen geht.

Wie gehen Sie dabei vor ?
ERMANTRAUT: Wir verstehen uns als Partner, um gemeinsam mit unseren Kunden Wege und Lösungen in immer herausfordernder werdenden Umfeldern zu erarbeiten. Persönliche Kundenbetreuer und globale Experten-Teams in Amsterdam, London und Frankfurt mit Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Bereichen stehen dabei zur Verfügung. Jeder Kunde ist einzigartig und verdient auf seine speziellen Bedürfnisse optimal zugeschnittene Lösungen. Wir servicieren sowohl große österreichische Unternehmen als auch internationale, in Österreich aktive Unternehmen und bringen dabei lokale und globale Expertise mit ein.

Was unterscheidet ING von anderen Banken?
ERMANTRAUT: Wir haben uns der Nachhaltigkeit verschrieben. Wir glauben, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen langfristig besser dastehen und auch ein besseres Credit Rating haben werden. Daher haben wir Produkte entwickelt, die nachhaltiges Wirtschaften fördern. Vor zwei Jahren haben wir auch in Österreich mit einem grünen Kredit begonnen, wir nennen ihn Sustainability Improvement Loan. Wenn ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, dann wird der Kredit über die Jahre billiger. Ratingagenturen machen ein Nachhaltigkeitsrating, das direkt an den Zins des Kredits gekoppelt ist: je besser das Rating, desto weniger Zinsen. Wir glauben, dass wir als Bank einen gesellschaftlichen Auftrag haben, die Nachhaltigkeit voranzutreiben.

Was verstehen Sie unter nachhaltiger Finanzierung?
ERMANTRAUT: Wir bieten Unternehmen in Österreich die gesamte Palette grüner Finanzierungen an und begleiten sie auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Freilich setzen wir dabei hohe Standards an, nicht nur bei uns selbst, sondern auch bei den Finanzierungswerbern, die – um in den Genuss des günstigen Nachhaltigkeitszinssatzes zu kommen – besondere Voraussetzungen im Bereich Umwelt und Soziales erfüllen müssen. Mittlerweile stieß diese Idee auch beim Finanz- und Umweltministerium auf großes Gehör. Weil es nicht darum geht, wie grün man schon ist, sondern um die Transformation, wie man sich verbessert. Der Ausstieg aus Kohle hin zu Gas und idealerweise Ökostrom muss auch finanziert werden. Diesen Energiewandel sollen der Staat und die Banken finanzieren, und wenn es Anreize gibt, tun sich die Unternehmen leichter.

Wie soll das Unternehmen trotz Corona wachsen?
ERMANTRAUT: Wir setzen auf grünes Wachstum und wollen Branchenführer für Sustainable Finance werden und Vorbild sein. Von 2018 bis Ende 2019 sind wir stark gewachsen. Corona trifft uns natürlich, aber wir haben uns auf eine relativ überschaubare Kundengruppe fixiert, die wir ordentlich betreuen, nicht nur in Österreich, sondern auch international, in Ost- und Westeuropa, aber auch in Asien und Nord- und Südamerika. Unsere Kunden schätzen langfristige Beziehungen, wobei der Mensch im Vordergrund steht. Wir sind nicht hier, um schnelle Profite zu machen, sondern wollen das Geld der österreichischen Sparer in die österreichische Wirtschaft zurückinvestieren. Derzeit haben wir hier etwa 7 Milliarden an Einlagen, das Kreditvolumen beträgt aber erst eine Milliarde. Mein Ziel ist, dass wir so stark wachsen, dass das Geld, das hier eingelegt wird, auch weiter hier verborgt wird.


„Bank. Aber besser.“ lautet das Motto, unter dem die ING in Österreich Services der digitalen Vollbank anbietet. Über eine halbe Million Kunden nutzen Girokonten, Verbraucherkredite, Immobilienfinanzierungen, Sparkonten und Depots. Firmenkunden bietet die ING Finanzlösungen auf internationalem Niveau unter Einbindung der weltweit tätigen ING Group.
www.ing.at

Martin Schläpfer – der neue Direktor

Tänzer, Choreograf & Philosoph


Gewinnend ehrlich. Leicht hat es sich Martin Schläpfer nie gemacht. Als neuer Direktor möchte er das Wiener Staatsballett international noch bekannter machen.
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Ashley Taylor, Tillmann Franzen


Dass das Interview anders als sonst ablaufen würde, darauf war ich vorbereitet: Fiebermessen beim Eingang in die Staatsoper, zweimalige Registrierung, FFP2-Maske aufsetzen, kein Fotograf, viel Abstand – die Sicherheitsmaßnahmen sind enorm! Schließlich geht es doch darum, den Probe- und Spielbetrieb unter keinen Umständen zu gefährden. Martin Schläpfer verspätet sich – um drei (!) Minuten – und entschuldigt sich ausführlich. Pünktlichkeit ist dem gebürtigen Schweizer wichtig. Er ist sehr freundlich, aber kein „Showman“ und lässt sich gerne zu Gedankenspielen verführen. Für seine Antworten nimmt er sich viel Zeit, so viel, dass er beinahe seinen Folgetermin vergisst. Geschwätz ist ihm fremd, was er sagt, muss stimmen, aber nicht immer stimmig sein. Aus einer Appenzeller Bauernfamilie stammend, sollte der jüngste von drei Brüdern entweder Biobauer oder Lehrer werden. Während seiner Schulzeit nahm er Geigenunterricht und erlernte den Eiskunstlauf. Da sah ihn die lokale Ballettlehrerin Marianne Fuchs und überredete ihn 1975, im Alter von fünfzehn Jahren, eine Ballettausbildung zu beginnen. 1977 gewann Schläpfer als bester Schweizer beim Prix de Lausanne ein Stipendium, das ihm ein weiteres Ballettstudium an der Royal Ballet School in London ermöglichte.

Martin Schläpfer ist der neue Direktor des Wiener Staats-balletts. Davor war er 11 Jahre Ballettdirektor und Chefchoreograf an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg, wo er das Ballett komplett neu formierte.

wienlive: Sie haben – gegen den anfänglichen Widerstand Ihrer Eltern – relativ spät mit dem Tanzen angefangen …
MARTIN SCHLÄPFER: Ich war ein Spätzünder und sah im Alter von 15 aus wie elf. Aber ich war völlig begeistert von diesem Ballett, das war für mich einfach alles. Darum habe ich mich wahrscheinlich auch über die Grenzen verausgabt, wurde schlechter in der Schule. In St. Gallen, in der Provinz in den 70er-Jahren war das für meine Eltern sicherlich sehr belastend.

Trotzdem haben Sie international Karriere gemacht. Wie ist Ihnen das gelungen?
SCHLÄPFER: Man muss ab und zu einen Widerstand überwinden, um herauszufinden, was man unbedingt will. Ich hatte auch immer das Glück, wirklich die für mich besten Lehrer zu haben. Und auch nicht angepasste Künstler, die mich ein Stück weit unterstützt haben.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie ein wenig störrisch und eigensinnig waren, sind Sie es noch?
SCHLÄPFER: Ja, ich denke schon, aber weniger emotional, sondern mehr der Tanzkunst wegen, die man durchaus ab und an zu verteidigen hat. Ein wenig hat das auch mit meiner bäuerlichen Erziehung zu tun, dass man sich nur bis zu einem gewissen Punkt dreinreden lässt. Aber ich hoffe, dass ich heute durchaus auch zur Diplomatie fähig bin.

Warum haben Sie bereits mit 27 aufgehört zu tanzen?
SCHLÄPFER: Ich war beim Basler Ballett künstlerisch verloren und habe intuitiv gemerkt, dass ich einen Wechsel brauche. Ich war ein sehr scheuer und gleichzeitig sehr kraftvoller Mensch, aber ich spürte, dass ich als Persönlichkeit etwas auffüllen muss und nicht immer anecken kann.

Tut es Ihnen leid, das Tanzen so früh aufgegeben zu haben?
SCHLÄPFER: Nein, weil ich heute nicht dort wäre ohne diesen Schnitt, aber natürlich tut es mir weh. Ich war hochbegabt und hätte eine Weltkarriere machen können, aber ich habe die Entscheidung selber zu verantworten.

In Bern haben Sie als Choreograf begonnen. Was braucht ein guter Choreograf?
SCHLÄPFER: Eine sehr starke Verbindung zu sich selber und zu den Dingen, die einem wichtig sind. Die Stücke können schön aussehen, aber ein Stück braucht eine Handschrift. Im besten Falle kommt man mit den Jahren zu einem unaustauschbaren Look. Vorbilder in dem Sinne habe ich nie gehabt, aber ich brauche Lehrer, jemanden wie Hans van Manen, den ich sehr respektiere. Aber ich bin nie jemand gewesen, der ihnen nacheifert, deshalb hat es so lange gedauert. Ich brauchte etwa zehn Jahre, um ein bisschen besser als der Durchschnitt zu sein. Denn ich möchte nicht öffentlich arbeiten und mittelmäßig sein, ich glaube, dann muss man es lassen.

Sie waren in Düsseldorf sehr erfolgreich. Warum sind Sie nach Wien gekommen?
SCHLÄPFER: Als ich das erste Mal gefragt wurde, war ich zu jung. Jetzt hatte ich eigentlich auch einen anderen Lebensplan und wollte zurückschalten. Nach drei intensiven Gesprächen hat mich Bogdan Roščić überzeugt. Ich spüre, dass ich von dem Mann intellektuell lernen kann.

Was zeichnet das Wiener Staatsballett aus?
SCHLÄPFER: Manuel Legris hat eine tolle Compagnie mit virtuosen Tänzern aufgebaut. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Im Moment ist die Energie einfach wunderschön, wir sind sehr schnell zusammengekommen. Natürlich gibt’s da Platz nach oben, aber alle arbeiten gerne, es gibt kein Beamtentum hier. Ich bin fordernd, aber ein fairer Typ, der gerne persönlich mit den Tänzern arbeitet.

Als erste Premiere haben Sie sich „Live“ und Mahlers Vierte ausgesucht. Warum?
SCHLÄPFER: Über viele Jahre ist die Freundschaft mit Hans van Manen gewachsen. Ich hatte immer zu viel Respekt, ich bin Schweizer und nicht so ein „buddy type“. Aber er hat mir bereitwillig das Stück, das praktisch nirgends zu sehen ist, für Wien gegeben. Dann wollte ich für die erste Vorstellung unbedingt dieses großartige Orchester integrieren. Musik ist beim Tanz sehr wichtig für mich. Mahlers Vierte ist eine der leichteren, spielerischen Symphonien, trotzdem nicht ohne Hinterlist. Dieses Paradies am Schluss ist keines. Die Opulenz einerseits mit mehr als hundert Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne und andererseits dieses grandiose Meisterstück mit einer Tänzerin – mir schien diese Kombination einfach schön. Zudem passt Mahler gut zu Wien: sinnlich und plötzlich wieder so tief-traurig oder fast suizidal.

Was mögen Sie an Wien und woran müssen Sie sich noch gewöhnen?
SCHLÄPFER: Die Stadt ist nicht so gehetzt, nicht so aufgepeitscht. Sie ist eine Metropole, aber sie hat eine Sinnlichkeit. Allerdings muss ich die indirekte, wienerische Mentalität noch ein bisschen erforschen. In der Schweiz überlegen wir uns fünfmal, ob wir überhaupt etwas sagen. In Wien wird unglaublich viel geredet. Ich muss mich bemühen, das zu mögen, aber das ist nichts Schlimmes.

Was möchten Sie nach den ersten fünf Jahren erreicht haben?
SCHLÄPFER: Dass wir als Wiener Staatsballett unentbehrlich wichtig geworden sind. Die erste Premiere wird wegweisend sein, ob ich es geschafft habe, mit dem Publikum zu kommunizieren oder nicht!

Sie sind jetzt fast 61, sind Sie glücklich mit der Person, die Sie geworden sind?
SCHLÄPFER: Ich bin zufrieden, es gibt einiges, das ich für mich persönlich noch gerne hinkriegen würde, aber ob mir das gelingt, wird meine Gesundheit zeigen.