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Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis „Der Idiot“

Bild : ©Monika Ritterhaus

Das Theater an der Wien zeigt am Museumsquartier Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis „Der Idiot“.

Ein Zugabteil groß wie die Welt, könnte man in Anspielung auf Johannes Mario Simmels Jugendbuchbestseller die Inszenierung von Weinbergs Oper „Der Idiot“ durch den exilrussischen Starregisseur Vasily Barkhatov nennen. Denn der sich drehende Eisenbahnwaggon in der Mitte der Bühne ist das Zentrum dieses Abends im Museumsquartier. Am Beginn fährt Fürst Myschkin vom Sanatorium in der Schweiz nach St. Petersburg und erfährt vom Mitreisenden reichen Kaufmannssohn Rogoschin von der schönen Nastassja, der alle Männer verfallen sind – am Ende liegt dort die von Rogoschin ermordete Nastassja und Myschkin scheint wieder in Apathie zu verfallen.

„Der Idiot“ ist die sechste und letzte Oper des polnisch-jüdisch-sowjetischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, 1987 komponiert und damals höchst unmodern. Weinberg, 1919 in Warschau geboren, und wie sein Förderer Schostakowitsch sowjetischen Repressalien ausgesetzt, hat eine eigene, tonale Opernsprache entwickelt, die im Westen erst nach seinem Tod auf Verständnis stieß. Sein Kollege Thomas Sanderling, Dirigent Weinbergprophet der ersten Stunde, hatte sich längst vehement dafür eingesetzt, dass das Stück dem Vergessen entrissen und in voller Länge uraufgeführt werde. Erst 2013 wurde „Der Idiot“ in München uraufgeführt. Auch dafür schien ihm jetzt das Wiener Publikum zu danken, denn Sanderling wurde nach der österreichischen Erstaufführung heftig bejubelt. Er dirigierte das wieder famos spielende ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Auch an den Sängerinnen und Sängern gibt es nichts zu bemäkeln.

In dreieinhalb Stunden erleben wir die Geschichte des Gutmenschen Myschkin in einer vergnügungssüchtigen, dekadenten, von Geld regierten Welt, in der die Lebedame Nastassja (Ekaterina Sannikova) im Kontrast zur bürgerlich guten Aglaja (Ieva Prudnikovaitė) gewinnt, um dann alles zu verlieren. Auch Dmitri Golovin als Fürst Myschkin kann seinen Tenor bravourös einsetzen.

Zugegeben, es ist nicht immer einfach, der Geschichte des „Parzival“ Myschkin zu folgen, zumal manche Züge der St-Petersburger-Szene irrational scheinen, doch die Widersprüchlichkeiten der russischen Gesellschaft von damals sind den unseren wohl nicht ganz unähnlich. Weinbergs Musik ist zudem sehr reizvoll und bietet immer wieder Neues zu entdecken. Dem Theater an der Wien ist etwas Besonderes gelungen.

„Der Idiot“ wird noch heute am 5. Mai und am Sonntag, 7. Mai, gezeigt.


Infos & Karten: theater-wien.at

„Drei Winter“ – Schicksalsjahre in Kroatien im Burgtheater

Bild: ©Matthias Horn

Nach der Vertreibung der Nazis 1945, kurz vor dem Ausbruch des Balkankriegs 1990 und 2011, als Kroatien mit der EU über eine Mitgliedschaft verhandelt: wir sind jeweils mittendrin in einer kroatischen Familie in einem herrschaftlichen Haus, das ihnen die Kommunisten zugeteilt haben.

Die in England lebende kroatische Dramatikerin Tena Štivičić lässt in ihrem Stück „Drei Winter“ die Schicksalsjahre ihrer Heimat von einer Familie durcherleben. Es beginnt mit der Partisanin Ruža (Nina Siewert), die als Lohn für ihren Einsatz von den jetzt herrschenden Kommunisten eine Wohnung in einem Haus, in dem einst ihre Mutter als Dienstmädchen von den Besitzern rausgeschmissen worden war, einzieht und endet mit der Hochzeit der Enkelin Lucija (Andrea Wenzl), deren Zukünftiger das Haus im längst herrschenden Raubtierkapitalismus für sie erworben hat. Ihre Schwester Alisa lebt längst in London und kämpft schwer mit ihrem Erbe. Erst im Ausland ist sie sich ihrer kroatischen Herkunft bewusst geworden.

Die Autorin blickt auf die Ereignisse, die auch ihre eigene Familiengeschichte widerspiegeln, stets mit einer gehörigen Portion Ironie. Es soll immer besser werden, aber besser wird es letztendlich nur für die Mächtigen und die Besitzenden. Für die Zuseher ist es nicht immer einfach, sich in der Familiengeschichte zurechtzufinden, der Stoff, der fast 80 Jahre umfasst, wirkt episch, ja romanhaft. Aber zweifelsohne ist es gerade in Wien notwendig, sich endlich mit der wechselvollen Geschichte unserer südlichen Nachbarn zu beschäftigen. „Drei Winter“ von Tena Štivičić ist dafür eine gute Gelegenheit.

Martin Kušejs Inszenierung von „Drei Winter“ will mit Zwang aktuell sein – so mischt er Videos vom Ukraine-Kriegs mit historischen Kriegsfilmen und zeigt sie vor den jeweiligen Theaterszenen. Überhaupt stellt sich bei ihm Geschichte als eine Abfolge von Kriegen dar. Wobei manche Kriege eben sich in Verteilungskriege verwandelten. Das arbeitende Volk ist dabei immer auf der Verliererseite, die Familie kann nur durch eine Heirat mit einem undurchsichtigen Geschäftsmann ihren bescheidenen Wohlstand absichern.

Das Schauspiel-Team (u.a. Regina Fritsch, Tilman Tuppy oder Zeynep Buyraç) macht seine Sache gut, es gibt mehrere dramatische Höhepunkte. Ein fordernder, aber sicher lohnender Abend.

Alle Infos: burgtheater.at

Choreografie der Einsamkeit – „Schnee“ von Claudia Tondl im Theater Nestroyhof Hamakom

Foto: ©Marcel Köhler

Ein Mehrparteienhaus in einer Stadt, eine alte Frau stirbt in ihrer Wohnung und wird lange nicht aufgefunden – die Nachbarn bleiben betroffen zurück und stellen sich Fragen. Wäre es nicht die Pflicht des Hausmeisters gewesen, in der Wohnung einmal nachzuschauen? Das ist der Ausgangspunkt für eine Art Theatermeditation zum Thema alt und einsam. Es beginnt aber mit Musik. Lukas Lauermann, Komponist und Cellist, der schon mit Soap&Skin, Wanda, Mira Lu Kovacs, André Heller, Der Nino aus Wien, Tocotronic oder gearbeitet hat, legt einen elektronischen Soundteppich aus, den er mit dem Cello akzentuiert. Er sitzt in einer Art Kubus, der während der Aufführung mehrfach um den eigenen Kreis gedreht wird.

Die Regisseurin, Schauspielerin und Sängerin Ingrid Lang hat Claudia Tondls Text „Schnee“ zu einer Choreografie mit Text geformt. Alle Szenen werden mehrfach gespielt, die Darsteller wechseln ständig ihre Rollen und Positionen auf der Bühne. Die drei sprechenden Schauspieler – Isabella Knöll, Christoph Radakovits und Katharina von Harsdorf – spielen abwechselnd die beiden in der Paarbeziehung, Rahel Ohm ist als Geist der alten verstorbenen Frau fast immer präsent und ebenfalls in Bewegung. Während sie in Grautönen bekleidet ist, sind die anderen auffallend bunt (Bühne und Kostüme: Patrick Loibl), auch das reduzierte Bühnenbild ist grau-weiß.

Alltagssorgen machten es anscheinend unmöglich, sich um die Nachbarin zu sorgen, dazu kommt eine offenbar demente eigene Mutter, eine Partnerin oder ein Partner, der fremd geht oder zu lange arbeitet. Trotz der vielen textlichen Wiederholungen bleibt der Eindruck eines dichten nur knapp einstündigen Abends, der die Gäste nachdenklich zurücklässt.


Infos: hamakom.at

Herbert Fritsch peppt Raimunds „Die gefesselte Phantasie“ am Burgtheater auf

Bild: ©Matthias Horn

Hätte Ferdinand Raimund nur „Die gefesselte Phantasie“ hinterlassen, sein Name wäre heute wohl nur noch in der Theaterwissenschaft bekannt. Ein matter Einfall  – die bösen Magierinnen sperren die Phantasie ein, um ihren Kandidaten für die Herrschaft über eine paradiesische Insel durchzubringen – und viele umständliche Wendungen machen dieses Zauberspiel zu einem wenig ansprechenden Bühnenwerk.

Im Burgtheater spielt man es nun nur, weil der ehemalige Volksbühnen-Schauspieler und für seine grellen Inszenierungen bekannte Herbert Fritsch sich dieses Werks annimmt. Und Fritsch liefert zuverlässig: Raimunds Personal steckt in bunten Hippie-Outlooks, Lederhosen-Parodien und lässigen Gammlerklamotten und hastet gekonnt und ungezwungen von einem Gag zum anderen. Hermione, Königin des Inselidylls und gespielt von der großartigen Maria Happel, verspricht sich ständig und presst aus ihren Fehlern neue Poesie. Ausgerechnet die Phantasie selbst ist als grauer Bürohengst gezeichnet, um umso eindrucksvoller zu beweisen, dass ohne sie nichts in der Dichtkunst geht. Tim Werths kann in dieser Rolle aber glänzen.

Erstaunlich auch, dass Fritsch mehr als zwei Stunden (ohne Pause) das optische und sprachliche Feuerwerk durchhalten kann. Das Publikum wird niemals müde, die Einfälle zu bewundern – selbst wenn diese aus Wiederholungen besonders schräger Erzählungen bestehen. Bleibt am Ende ja doch noch was zum Nachdenken: Wenn pure (Zauber-) Macht alles Kreative knechtet, kann dabei nichts Gutes herauskommen. Das sollten sich die Diktatoren dieser Welt hinter die Ohren schreiben.


Infos und Karten: burgtheater.at

Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer sehr speziellen Fassung im Burgtheater

Bild: ©Matthias Horn

Ödön von Horváths auf dem Oktoberfest in München spielendes Volksstück „Kasimir und Karoline“ gehört zu den meistgespielten Repertoirestücken des deutschen Theaters. Vielleicht weil es um ein Liebespaar geht, das freilich angesichts der trüben wirtschaftlichen Lage – Kasimir ist gerade arbeitslos geworden – vor dem Ende der Beziehung steht. Horváth scheint dabei den berühmten Spruch von Karl Marx – „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ – geradezu verifizieren zu wollen.

Die serbische Regisseurin Mateja Koležnik bricht das Stück nun im Burgtheater auf eine 80-minütige Tour de Force herunter. Gespielt wird dabei auf zwei Ebenen (Bühne: Raimund Orfeo Voigt): Oben – orange gehalten und mit halbtransparenten Paneelen zum Teil verdeckt – eine Tankstelle mit Garage, in der auch gefeiert und Musik gemacht wird, unten – grünlich schmutzig – der Waschraum einer Toilette, wo sich die Mädchen umziehen aber wo auch körperliche Gewalt stattfindet. Das Geschehen läuft dabei geradezu atemlos ab, alle Figuren sind fast immer in Bewegung, es wird gestritten und gelacht, intrigiert und geprügelt. Die Sanitäter sind dabei im Dauereinsatz. Dass man dabei nicht immer jedes Wort versteht, scheint gewollt und ist der schnellen Dramatik und den abschirmenden Stellwänden geschuldet.

Vom Schauspielteam wird viel abverlangt. Felix Rech und Marie-Luise Stockinger sind das titelgebende Paar, gespiegelt durch das zweite Paar, dem brutalen Merkl Franz (Christoph Luser) und seine naiv-ergebene Erna (Mavie Hörbiger). Jonas Hackmann spielt den Zuschneider Schürzinger, der angesichts des Streits von Kasimir mit Karoline seine Chancen berechnet. Markus Hering und Markus Meyer geben nur die Karikaturen geiler, reicher, alter Männer ab.

Diese Burgtheaterfassung ist zweifelsohne ein radikal neuer Ansatz diesen Klassiker zu realisieren – um Werktreue schert sich Mateja Koležnik wenig. Wer sich darauf einlässt, erlebt ein packendes, heutiges Theater, das seine Stärken im Kampf um Zuseher, die längst eine TV-Serien-Ästhetik gewohnt sind, geschickt ausspielt.


Infos & Karten: burgtheater.at

Moritz Eggerts Operette „Die letzte Verschwörung“ an der Wiener Volksoper

Bild: ©Barbara Pálffy

Wer sagt denn, Musiktheater sei antiquiert und bringe immer nur dieselben alten Stoffe? Die Volksoper will den Gegenbeweis antreten. Ihre Chefin Lotte de Beer gab dem Komponisten und Librettisten Moritz Eggert den Auftrag zu einer Operette – dem antiquertesten Genre überhaupt –  zum vieldiskutierten Thema „Verschwörungstheorien“. Und der hat prompt und – wie die Premiere zeigte – auch zum Gefallen des Publikums geliefert. Ein zweieinhalbstündiger (mit Pause) musikalischer Spaß, der auch intellektuell nicht unterfordert.

Wir erleben den Fall des beliebten Fernsehmoderators Friedrich Quant (Timothy Fallon), der ausgerechnet nach dem Auftritt eines Spinners, der behauptet, die Erde wäre eine Scheibe, an seiner eigenen Weltanschauung zu zweifeln beginnt als dieser ihm nachkolorierte Urlaubsbilder von Quants Familie zeigt. Wie der „Schwurbler“ (Orhan Yildiz) das macht, wird nicht ganz klar, allerdings zerfleddert Quants Glaube an die Tatsachen von da an an allen Enden. Reptilienmenschen haben die Kontrolle übernommen, das FBI sowieso und bald schon schauen Außerirdische vorbei, während in der Küche der Pizzeria Kinder als Belag aufbereitet werden. In den Videoeinspielungen regnet sowieso schon die Matrix runter vom Schirm – Quant verliert Familie und findet unter den Mitkämpfern eine Geliebte (Lara: Rebecca Nelsen), die sich freilich am Ende als nicht menschlich herausstellt. Moritz Eggert hat nicht viel ausgelassen, was es so an Humbug im Netz gibt – als der Bundeskanzler mit der sagenhaft reichen Mobilfunk-Sponsorin kuschelt, wachsen beiden Stacheln und Scheren. Dazu gibt es flotte, in Ansätzen sogar schlagertaugliche Musik, bisweilen erinnert der Soundteppich auch an Film. Intergalaktisch tanzen Menschen in silberglänzenden Vollkörperkostümen dazu.

Bevor das alles völlig entgleitet, kommt Regisseurin Lotte de Beer am Ende höchstpersönlich auf die Bühne und fordert bei dieser „Probe“ eine realistischere Darbietung. Ein Hinweis darauf, dass sich das Genre selbst nicht ernst nimmt. Viel Applaus für den kurzweiligen Abend.


Infos & Karten: volksoper.at

Johannes und der Ich-Erzähler – Johannes Kalitzkes Kapitän Nemos Bibliothek

Johannes Kalitzkes Kapitän Nemos Bibliothek, basierend auf dem gleichnamigen Roman des schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist, erlebte erst jüngst seine Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen.

Johannes und der Ich-Erzähler, die gesellschaftlich nicht unterschiedlicher sein könnten, wachsen in einem nordschwedischen Dorf miteinander auf. Während Johannes aus einer „Außenseiterfamilie“ stammt, kommt der Ich-Erzähler aus „gutem Hause“. Als die beiden sechs Jahre alt sind, ergibt eine Untersuchung, dass sie bei der Geburt vertauscht wurden und das Gericht entscheidet, dass sie „zurückgetauscht“ werden müssen. Ihrer familiären Identität beraubt, müssen sie nun bei der jeweils anderen Mutter, in einer anderen gesellschaftlichen Konstellation als zuvor, leben.

In dieser unerträglichen Lebenssituation voll Unglück und Wahnsinn findet der Ich-Erzähler Zuflucht in seiner eigenen Welt. Er taucht in seiner Fantasie zur Bibliothek in Kapitän Nemos Unterseeboot Nautilus.

Wir präsentieren Ihnen dieses brandneue Stück nun in einer Inszenierung des Regisseurs Simon Meusburger; die junge Bühnenbildnerin Hana Ramujkic gibt ihr Debüt als Ausstatterin an der Neuen Oper Wien.


11., 13., 15. & 16. April 2023
19:30 Uhr
Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien (Semperdepot), Lehargasse 8, 1060 Wien

Hochverehrt, diskutiert und beschimpft: Cate Blanchett in Tár

Bild: ©EMJAG Productions, Standard Film Company Inc.

Wienlive-Autor Otto Brusatti betrachtet den aktuellen Film „Tár“ mit den Augen eines Musikkritikers.

Der gegenwärtige, Oscar-verweigerte Hit-Film „Tár“. Gelegentlich schon allzu hoch verehrt, diskutiert, beschimpft (wegen abermals einem Frauen-Schlecht-Machen) etc. (und ungemein lang):

Aber es schmerzt halt, dass in solchen Produktionen, die eigentlich seitens von (hier) Musikspezialisten überwacht werden sollten, so viel Falsches auch vorkommt und die Sache nicht nur unglaubwürdig, sondern auch dilettantisch werden lässt.

Die Hauptdarstellerin kann nicht dirigieren (o.k., es wird halt von einem Monate langen Coachings für ein paar Sekunden Endschnitt geredet), die Frau der Hauptdarstellerin ist auch Konzertmeisterin in einem Spitzenorchester und kann nicht/kaum Geige spielen. Die Management-Vorgänge dort sind, nun sagen wir, ungewöhnlich. Das ganze Dirigentinnenleben spielt sich ab, ohne dass es zu heute selbstverständlichen Einsätzen in unterschiedlichen Produktionen kommt (die an sich scheiternde Frau probt gelegentlich in New York oder in Berlin, mehr nicht). Und sonstiges: Die Kommunikation in heutigen Spitzenmusikanstalten funktioniert mit dem Nachwuchs nie (mehr) so. Probespiele detto. Und so fort (auch die Bezugnahmen auf Mahler und Karajan und Bernstein …).

O.k., ist halt ein Film. 

Aber von den Ansprüchen her, gibt er anderes vor.

Ich weiß: Man sagt dann: Ist doch egal, wer sieht und hört das schon. (N.B. die Frau Tár singt einmal etwas aus der 5. Beethoven vor, um ihre Größe als Interpretin zu beweisen; leider im Musik- und Themenbau völlig falsch.) Aber warum dann überhaupt so ein Anspruch?

Man dreht, im Vergleich, auch keinen aufwändigen Formel-1-Film, wo die Hauptdarstellerinnen erkennbar kaum Autofahren können. Alles ähnelt dem wunderbaren und über-kitschigen Film „Zwischenspiel“ von 1968 mit Oskar Werner.

Aber egal. Der Film ist halt ein wenig romantische Brutalität, Romantik für Harte sozusagen, aber ein Bild über die desidertierte Rolle vom angeblich geradezu parasakramentärem Musizieren 2023.

Allein/und: so denkt man sich, geht es zu in der geheimnisvollen Konzertwelt bei uns.


Lesen als Lebenselixier

Bild: ©Arman Rastegar

Markus Feigl ist Chef des Büchereiverbandes Österreich BVÖ, der 1.358 Büchereien in ganz Österreich betreut, und Vorsitzender der „Stiftung Lesen Österreich“. Beide Institutionen unterstützen den Vorlesetag am 23. März. Feigl im Interview über die Wichtigkeit des Lesens und über seine Liebe zu Büchern.

Von Caroline Autherry

Lange Tische mit Stapeln von Büchern – liebevoll nimmt Markus Feigl ein Exemplar in die Hand, blättert darin, legt es zurück, geht weiter, zieht ein anderes Buch hervor … Hier, im Hauptquartier des Büchereiverbandes Österreich BVÖ in Wien, warten Hunderte Werke österreichischer Verlage auf die Auslieferung an Büchereien in ganz Österreich. – Ein Dankeschön des Büchereiverbandes für Büchereien, die an Programmen und Initiativen teilnehmen. Mag. Markus Feigl ist Geschäftsführer des BVÖ – Bücher sind sein Leben. Mit 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt er Gemeinden und Pfarren in ganz Österreich bei der Erhaltung und der Führung der Büchereien. 88 öffentliche Bibliotheken gibt es in Wien, österreichweit sind es 1.358, elf Millionen Medien warten in den Büchereien auf potenzielle Leserinnen und Leser.

Nachvollziehbar, dass der „Büchereiverband Österreich“ Partner des Vorlesetages am 23. März ist. Markus Feigl, überdies Vorsitzender der „Stiftung Lesen Österreich“ weiß:
„Vorlesen ist extrem wichtig, weil es einen positiven Bezug zu Büchern schafft und die Welt des Lesens eröffnet.“

wienlive: Welches Buch lesen Sie derzeit?

Markus Feigl: „Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman. Ein sehr amüsanter und intelligenter Krimi in bester britischer Tradition.

Warum ist Lesen so wichtig?

Abseits von den pragmatischen Gründen des Lesens, wie den Alltag zu bewältigen, am Berufsleben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, bereichert uns das literarische Lesen. Das Wissen wird erweitert, Empathiefähigkeit gebildet oder ausgebaut, die Persönlichkeit entwickelt sich im Idealfall zum Besseren.

Sie sind umgeben von Büchern. Was leistet der „Büchereiverband Österreich“ BVÖ fürs Lesen?

Gegründet wurde der Verband bereits nach dem Zweiten Weltkrieg zur Unterstützung der Gemeinden und der Pfarren bei der Erhaltung und Führung der Gemeinde- bzw. Pfarrbüchereien. Das machen wir – neben zahlreichen anderen Tätigkeiten – bis heute. Der BVÖ unterstützt u. a. österreichweit Bibliotheken durch Maßnahmen wie die Abwicklung der bundesseitigen Förderung des Medienankaufs, Projekte zur Leseförderung und die Förderung von Veranstaltungen in den Bibliotheken.

Worin liegen die Aufgaben der Büchereien?

Im Vordergrund steht heute, dass man in den Büchereien kreativ sein kann, seine Phantasie ausleben darf, und natürlich kann man sich in der Bibliothek Wissen aneignen. Wichtig ist, dass hier nichts konsumiert werden muss. In der Bibliothek kann man etwa Aufgaben machen, weil zu Hause kein Platz ist. Aber in Büchereien soll es nicht nur ums Lernen gehen, sie sollen kein verlängerter Arm der Schule sein, sondern hier kann man auch Spaß haben und etwas Schönes erleben. 

Sie sprechen von Kindern und Jugendlichen. Stellen diese den Großteil der Besucherinnen und Besucher?

Nein, aber der Fokus hat sich auf Kinder und Jugendliche verlagert. Wir wollen, dass sie ganz selbstverständlich Büchereien besuchen, dass sie keine Schwellenangst haben und dass sie wissen, dass es sich lohnt hinzugehen. Um das zu erreichen gibt es beispielsweise in Wien eine Empfehlung der Bildungsdirektion, dass jede Wiener Volksschulklasse zumindest einmal pro Jahr die nächstgelegene öffentliche Bücherei besuchen sollte. Durch diese Maßnahme wird bei Kindern das Interesse an Büchereien und am Lesen geweckt. In den Büchereien finden Veranstaltungen statt, etwa Autorenlesungen, und die Kinder haben Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Das kommt sehr gut an.

Die Wiener Büchereien verzeichnen pro Jahr rund 1,6 Mio. Besucherinnen und Besucher und 4,9 Mio. Entlehnungen, österreichweit sind es mehr als 7 Mio. Besuchende und 21 Mio. Entlehnungen. Das analoge Buch ist demnach noch immer sehr gefragt?

Das analoge Buch bleibt das erste Medium zum Lesen. Die elektronischen Bücher konnten die gedruckten Bücher nicht kannibalisieren, die digitalen Bücher haben nie mehr als fünf Prozent erreicht.

Am 23. März ist Vorlesetag, der BVÖ ist Partner. Warum ist Vorlesen so wichtig?

Vorlesen eröffnet den Zugang zum Lesen, die Geschichten regen die Phantasie an. Wenn etwa die Eltern vorlesen, verbinden die Kinder etwas überaus Positives mit dem Vorlesen und generell mit Büchern, denn vorgelesen wird in einer angenehmen, schönen Atmosphäre. Und das nehmen die Kleinen mit ins Leben. Deshalb ist der BVÖ Partner des Vorlesetages, wir bewerben ihn in unseren Büchereien in ganz Österreich.

Am Vorlesetag können und sollen Menschen jedes Alters jeder Altersgruppe vorlesen, deshalb kann jede und jeder eine Vorlesung anmelden, ob im privaten Bereich oder im öffentlichen, etwa in einem Altersheim oder in einem Kindergarten. Alles ist möglich.

Wem lesen Sie am Vorlesetag vor?

Meinem kleinen Sohn und seinen Schulfreunden aus dem Buch „Die Kuh, die vom Himmel fiel“ aus der Reihe „Geschichten aus Bad Dreckskaff“ von Philip Ardagh. Sehr lustige und sehr schräge Kindergeschichten. 

Welche Bücher haben Ihr Leben bestimmt?

Als Kind haben die Karl-May-Bücher für mich eine große Rolle gespielt. Da habe ich auch die Aus-dauer entwickelt, dicke Bücher zu lesen. Später, mit etwa 17 Jahren, habe ich dann die Welt des französischen Romanciers Raymond Queneau für mich entdeckt. Den größten Einfluss auf meine Lesevorlieben und durchaus auch auf meine Weltsicht hatte aber das von Humanismus und auch von Humor und Melancholie geprägte Werk des schwedischen Schriftstellers und Philosophen Lars Gustafsson. 

Was sind für Sie die fünf wichtigsten Bücher der Weltliteratur, die man unbedingt lesen sollte?

Die Romanpentalogie „Risse in der Mauer“ von Lars Gustafsson, die sehr atmosphärisch, sehr poetisch und auch heiter vom Lebensgefühl in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erzählt.

Der Schelmenroman „Der abenteuerliche Simplicissimus“, das Hauptwerk von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, das wichtigste Prosawerk des Barock in deutscher Sprache.

„Don Quijote“ von Miguel de Cervantes, der erste große Roman der Neuzeit und neben der Bibel das meistübersetzte Buch der Weltliteratur.

„Das Leben. Gebrauchsanweisung“ von Georges Perec – eines meiner absoluten Lieblingsbücher über das Leben in einem Pariser Mietshaus, ein kunstvolles Puzzle der menschlichen Existenz

„Die Dämonen“ von Heimito von Doderer – meines Erachtens der großartigste Roman der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ein Buch, das Sie immer wieder lesen?

Eines der schönsten Bücher, das ich immer wieder lese und erst jüngst wieder zur Hand genommen habe, ist „So tun, als ob es regnet“ von der deutschen Autorin Iris Wolff. Über vier Generationen des 20. Jahrhunderts und vier Ländergrenzen hinweg wird erzählt, wie historische Ereignisse die Lebenswege von Einzelnen prägen – mit unglaublichem Sprachgefühl und poetischem Charme. 


vorlesetag.eu

Eine Hommage an Ingeborg Bachmann im Literaturmuseum

Bild: ©Heinz Bachmann/Familienarchiv Bachmann

Im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek werden bis 5. November 2023 Manuskripte, Typoskripte, Bücher und Objekte aus dem Nachlass der Autorin präsentiert. Zu sehen sind Originalbriefe aus Bachmanns Briefwechseln mit Paul Celan, Max Frisch oder Ilse Aichinger ebenso wie Gedichtentwürfe und autobiografische Aufzeichnungen.

Die Ausstellung

Ingeborg Bachmann (1926–1973) zählt zu den bedeutendsten SchriftstellerInnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Gedichten, Erzählungen, Romanprojekten, Hörspielen und Essays schuf sie ein einzigartiges, vielschichtiges Werk von ungebrochener Strahlkraft. Die neue Sonderausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek versteht sich als Hommage an die Dichterin, deren Todestag sich am 17. Oktober 2023 zum 50. Mal jährt.

Präsentiert werden von 17. November 2022 bis 5. November 2023, Manuskripte, Typoskripte, Bücher und Objekte aus dem umfangreichen Nachlass der Autorin, der sich im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek befindet. Zu sehen sind erstmals eine Reihe von Originaldokumenten wie zum Beispiel Briefe aus Bachmanns Briefwechseln mit Paul Celan, Max Frisch oder Ilse Aichinger ebenso wie Gedichtentwürfe und autobiografische Aufzeichnungen. Die Schau dokumentiert in zehn Themenkapiteln Bachmanns Auseinandersetzung mit Krieg, Krankheit, Beziehungs- und Geschlechterverhältnissen. Sie beleuchtet das leidenschaftliche Interesse der Autorin für Musik und Philosophie, führt an zentrale Orte ihrer Schreibbiografie und gibt Einblick in die Entstehungsgeschichten von Texten und in die Schreibpraxis der Dichterin

Anhand von Filmausschnitten, Fotografien und Tonaufnahmen wird außerdem jene geheimnisvolle Aura ihrer Person nachvollziehbar, die Bachmann früh zu einer Ikone der Nachkriegsliteratur werden ließ.

Die Aktualität und anhaltende Wirkung von Bachmanns Texten belegen Arbeiten und Statements zeitgenössischer AutorInnen, FilmemacherInnen und KünstlerInnen: In der Ausstellung vertreten sind etwa Ruth Beckermann, Michael Haneke, Alexander Kluge, Karoline Riha oder Sabine Gruber. Diese haben sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Bachmann auseinandergesetzt, etwa in Form von Keramiken der österreichischen Künstlerin Veronika Dirnhofer, Malereien von Anselm Kiefer, die Bachmann gewidmet sind oder durch den „Ingeborg Bachmann Altar“, den der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn in Berlin im öffentlichen Raum gestaltete.


www.onb.ac.at