Beiträge

Roman

Was ist da los in Isreal?


Der weltbekannte Dramatiker Joshua Sobol hat einen bewegenden Familienroman geschrieben, der uns den Nahen Osten besser verstehen lässt.
Text: Helmut Schneider


Der Welterfolg des 1939 in Tel Aviv als Sohn osteuropäischer Einwanderer geborenen Schriftsteller Joshua Sobol ist eng mit Wien verknüpft. Berühmt wurde er nämlich 1983 mit seinem Stück „Weiningers Nacht“ (Originaltitel: The Soul of a Jew), in dem er die letzten Minuten des an seinem Judentum und Frauenhass leidenden Selbstmörders Otto Weininger auf die Bühne brachte. Paulus Manker spielte diese Rolle zuerst in Hamburg, ehe er das Stück auch in Wien inszenierte. Die Zusammenarbeit der beiden mündete dann in dem noch größeren Erfolg „Alma − A Show Biz ans Ende“ über das Leben von Alma Mahler-Werfel, das seit 1996 an verschiedenen Orten immer wieder neu aufgeführt wird.

Joshua Sobol ist eng mit Wien verknüpft.

Sobol veröffentlicht seit 2001 auch Romane, sein jetziger „Der große Wind der Zeit“ (Luchterhand) ist aber aufgrund seiner Konzeption – eine Zeitreise mit vier Generationen einer Familie – als auch seines Umfangs – 530 Seiten – etwas Besonderes. Im Zentrum stehen zwei Frauen, nämlich die junge Armee-Verhörspezialistin Libby und ihre Urgroßmutter Eva, die als eine der ersten Siedler über Wien nach Israel gekommen war. Libby kann ihren Job nicht weitermachen, weil sie die immer gleichen Folgen der von ihr äußerst geschickt erreichten Geständnisse – „Haft. Hauszerstörung. Vergeltungsanschlag. Untersuchungshaft. Verhör. Prozess. Hauszerstörung“ – nicht mehr erträgt. Außerdem blitzt da plötzlich bei ihrem letzten Verhöropfer – einem in England studierenden Palästinenser – so etwas wie Zuneigung auf. Nach der Kündigung fährt sie in den Kibbuz zu ihrem Großvater, der allerdings gerade mit seiner Harley die Berge Israels durchpflügt. Sie findet aber das Tagebuch ihrer Urgroßmutter Eva und schon tauchen wir ein in der Siedlerbewegung der 30er-Jahre, als noch alles offen und möglich schien. Eva nützt alle Freiheiten im Kibbuz aus, ohne sich vor der harten Arbeit zu scheuen. Sie hält Beziehungen zu mehreren Männern und startet zwischendurch noch einmal eine Karriere als Tänzerin in Berlin. Ohne Scheu lässt sie sich auch mit Nazigrößen ein, verkehrt in der Clique von Bertolt Brecht und hat großen Erfolg auf der Bühne. In Wirklichkeit will sie in Erfahrung bringen, was da – vor allem für Juden – noch zu erwarten ist. Ihre präzisen Warnungen vor dem drohenden Unheil schlägt die eigene Familie in Wien freilich in den Wind.

Sobol hat freilich nicht mit weiterem Personal gespart. Evas Nachfahren werden Kriegshelden, mehr oder minder erfolgreich in diversen Berufen und einer will sogar Ministerpräsident werden, womit das Spiel inklusive Korruption und Erpressung losgeht. Sobols Kunst besteht darin, seine Figuren mit wenig Aufwand plastisch erscheinen zu lassen. Ein Computergenie wird in der Firma, die er selbst mit aufgebaut hat, gekündigt und sucht jetzt Verbündete gegen den Terror von 1 und 0, die minderjährige Tochter des Politikers schläft aus Langeweile mit dem Konkurrenten ihres Vaters und Libbys Großvater wird durch den Verkauf der Kibbuz-Betriebe steinreich – ohne sich freilich darum zu scheren. Natürlich ist das alles wohl eher die jüdische Sicht der Geschichte – obwohl Sobol und die meisten seiner Figuren immer wieder Verständnis für die Palästinenser zeigen. Opfer sind auf beiden Seiten zu beklagen, Straßensperren und gefährliche Situationen allgegenwärtig und alle wissen nur zu gut, dass sich so schnell nichts ändern wird. Trotzdem bekommt man als Leser einen ganz guten Eindruck von diesem an Konflikten reichen Gebiet im Nahen Osten in dem gerade wieder ein Krieg auszubrechen droht.


„Der große Wind der Zeit“ von Joshua Sobol, erschienen im Luchterhand Literaturverlag

Gebundene Ausgabe, 528 Seiten
Übersetzt ins Deutsche von Barbara Linner
ISBN: 978-3-630-87573-6

Rezension

Ein Sommer in den Hamptons


August Richters neuer Roman „August“ ist eine Zustandsbeschreibung unserer westlichen Welt anhand zweier Paare.
Text: Helmut Schneider


Ein deutsches Paar, das es in Amerika geschafft hat: Richard ist vom Rave-Veranstalter in Berlin zum Immobilienhändler in New York geworden, seine Frau Stefanie war früher Fernsehmoderatorin und hat jetzt jede Menge Zeit, sich um Globuli und Ernährungspläne zu kümmern. Zu Gast in deren Haus mit Pool am Strand von Long Island ist für einen lange August Richards bester Freund Alec, ein Kalifornier, der lange in Deutschland gelebt hat und jetzt mit seiner aus Chemnitz stammenden Frau und Ärztin Vera als Intellektueller mit Buchprojekt in Brooklyn lebt. Ein Leben zwischen Strand, Pool und der Lobsterbude mit viel Gelegenheit zu auch kontroversen Gesprächen, die freilich immer vor der Schmerzgrenze stoppen – man kennt sich schließlich schon ewig. Richard spielt mit dickem Auto und lockerer Geldbörse den Muster-Amerikaner, Alec den europäischen Philosophen, beide wissen nur zu gut, dass sie dabei nur Rollenklischees bedienen. Quasi als Katalysatoren dienen ein von der Hummerbar wegengagiertes Kindermädchen sowie der Guru des Viertels – originellerweise ein ehemaliger Marketingmann aus Wien. Letzterer hilft Stephanie, sich ihrem „Schmerzkörper“ zu stellen und die Büsche im Garten als Götter zu erkennen – wenn er nicht gerade seine jungen Anhängerinnen flachlegt.

Peter Richter lebte lange Jahre als Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York und schrieb schon zahlreiche Sachbücher und Romane – unter anderem das Wendebuch „89/90“ mit dem er für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Richter kennt also die amerikanischen Befindlichkeiten sehr gut. Witzig ist in „August“ (erschienen bei Hanser) aber wie er die nur zum Teil gelungene Aneignung der in New York lebenden Deutschen beschreibt. Vera weiß etwa noch immer nicht, dass eine bei der Verabschiedung ausgesprochene Einladung zum Abendessen auf einer Party mitnichten eine Aufforderung bedeutet, einen Termin auszumachen, sondern genau das Gegenteil bedeutet. Richard stellt überraschend fest, dass sich der Guru nicht nur mit Esoterik, sondern auch mit Musecle Cars auskennt und einen Tesla fährt.

Und natürlich bröckeln nach und nach die Fassaden aller Protagonisten. Richard hat zwischenzeitlich arge Finanzprobleme und flüchtet vor der eigentlichen Besitzerin seiner Protzvilla, Stefanie sieht zwischen Yoga und der Kontrolle jedes Bissens auf Bioqualität und Nährwert ihre Ehe bröckeln, Alec kommt mit seinem Buchprojekt, in dem er nichts Weniger als unser aller Leiden am Kapitalismus beschreiben will, natürlich niemals auf einen grünen Zweig und Vera ist frustriert in ihrer Rolle als alleinverdienende Mutter. Den Sommer beendet Richter mit einem großen Wums auf einer spirituellen Party, auf der der Guru Großes ankündigt und alle mit pflanzlichen Drogen high macht. Mehr sei aber nicht verraten.


„August“ – Roman von Peter Richter
256 Seiten, erschienen im Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26763-3
Preis: 22,70 €

Talking Heads

Großer Rausch auf 550 Seiten


Als die Talking Heads bei Andy Wahrhol vorbeischauten. Durch die wilden 70er-Jahre in New York – „Dive“, die Tagebücher des Künstlers Duncan Hannah.
Text: Helmut Schneider


Ein großer Rausch auf 550 Seiten ohne Gefahr eines Katers. Das sind die jetzt auf Deutsch im Rowohlt Verlag erschienenen Tagebücher von Duncan Hannah. Wir erleben wie der 18-jährige aus der Provinz nach der Highschool von Minneapolis nach New York aufbricht, um dort am Bard College Malerei zu studieren. Mit wenig Geld, aber mit immerhin halbwegs gut verdienenden Eltern im Hintergrund, erlebt er die Szene der Stadt. Aber Geld war damals noch nicht unbedingt nötig, die Mieten für die allerdings kakerlakenverseuchten heruntergekommenen Wohnungen sind billig, wenn es eng wird, findet sich immer ein Freund, den man anpumpen kann. Und Duncans Eintrittskarte ist sowieso gratis – er sieht unverschämt gut aus und passt genau in den Zeitgeist. Einzig, dass er als Hetero andauernd Schwule abwimmeln muss, nervt ihn bisweilen.

Rückblickend gesehen ist es trotzdem ein Wunder, dass er das Jahrzehnt nicht nur überlebt hat, sondern sogar seinen künstlerischen Durchbruch schaffte. Denn Duncan lässt kaum etwas aus, ist fast immer betrunken – Blackouts inklusive – nimmt Drogen (einzig von Heroin lässt er die Finger) und scheut auch vor gefährlichen Vierteln nicht zurück. Das New York der 70er war ja ebenso spannend wie kaputt, mit vielen kreativen Möglichkeiten und ebenso vielen Fallen. Duncan kennt alle in der Szene – von Patti Smith bis zu Debbie Harry oder Bill Evans und sein Idol David Bowie, von Andy Warhol bis zu David Hockney. Viele sind noch unbekannt. Als er bei Keith Haring ins Atelier kommt und seine Zeichnungen von Hunden und Babys ansieht, notiert er „Der arme Kerl hat keine Chance, dachte ich“. Und das erste, was ihn Warhol fragt ist, ob seine Eltern reich genug wären, um ein Porträt bei ihm in Auftrag zu geben.

Fast jeden Abend ist er bei einer Party oder einem Rock-Konzert. Die meisten Musiker gehen mit ihm auf Sauftour. Mit Debbie Harry (Blondie) dreht er einen irren Underground-Film und die Talking Heads lotst er in Warholds Factory. Seine Freundinnen leben ebenso grenzwertig wie er – die eine verdienst sich ihr Geld als Stripperin, die andere als Domina – alles ganz normal damals. Am Ende erleben wir, wie eine Ära zu Ende geht. Die Gentrifizierung kommt über die Stadt, die Reichen kaufen sich in die Künstlervierteln ein und AIDS macht mit der freien Liebe kurzen Prozess. Hannahs Buch ist aber auch so etwas wie ein Entwicklungsroman, denn trotz Dauerrausch weiß Duncan instinktiv, dass er nur als Künstler sein Leben in den Griff bekommen kann. Erste Ausstellungen bringen Erfolge. Ein wunderbares Zeitdokument!   


„Dive – Tagebuch der Siebziger“ von Duncan Hannah

  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Erscheinungstermin: 21.04.2021
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 560 Seiten
  • ISBN: 978-3-7371-0092-2
  • Autor: Duncan Hannah
  • Übersetzt von: Thomas Gunkel

Teresas Projekte

Teresas Projekte


Der neue Roman„Teresa hört auf“ von Silvia Pistotnig schildert die verstörenden Beziehung einer jungen Frau zu ihrem Körper. Die Autorin ist am 21. Mai beim Festival Rund um die Burg dabei.
Foto: Stefan Diesner / Text: Helmut Schneider


Eigentlich führt die Angestellte einer Agentur für Maturareisen in Wien ein komfortables Leben. Die coole Wohnung haben ihr die Eltern geschenkt, es gibt keine materiellen Sorgen und Beziehungen sind sowieso nicht ihr Ding. Wäre da nicht ihr fehlendes Vermögen, ihren Körper als Ganzes wahrzunehmen. Teresa kann nur immer Teile von sich selbst erkennen, die sie dann – durchaus talentiert – zu zeichnen versucht. Um sich zu spüren, startet sie nacheinander einige „Projekte“. So wäscht sie sich etwa monatelang nicht, versucht nicht zu schlafen, macht die Nächte durch und probiert es – nur kurz und erfolglos – mit Sex. Mitten in ihrem „Bulimie-Projekt“ lernt sie die kugelrunde Esssüchtige Nicole kennen, die ihr wie ein Luftballon entgegenschwebt und mit der sie schon bald ihre Fressorgien abhält. Nur dass Teresa ihr Essen danach im Klo wieder auskotzt, Nicole aber nicht. Was fasziniert Teresa an dieser Nicole, die anscheinend aus einer anderen sozialen Schicht stammt, geschieden ist und bereits einen erwachsenen Sohn hat? Davon handelt der Roman „Teresa hört auf“ der in Wien lebenden geborenen Kärntnerin Silvia Pistotnig.

„Der Roman hat sich aus einer Kurzgeschichte entwickelt“, erzählt sie im Gespräch, „aber Teresa und Nicole waren schon am Beginn da.“ Mit Teresa ist ihr eine Figur gelungen, die vielleicht schon mit einem Fuß in der Psychiatrie steht, die aber anfangs noch voll integriert scheint in der Konsumwelt und im aufreibenden Job in der Agentur. Für Christian, den Chef und der einzige im Laden ohne Matura, ist sie seine wichtigste Angestellte, die, die alles checkt: „Du bist eine Geheimwaffe“, flüstert er ihr zu. Aber unter der Oberfläche der jungen Karrierefrau brodelt es bereits gewaltig – die Banalität ihrer Mitmenschen ekelt sie an, im Shop findet sie Spaß daran, laut vor der Verkäuferin zu rülpsen und stellt nur lakonisch fest: „Das schlechte Karma, das bin ich.“ Wie die Obsession mit der dicken aber weit weniger oberflächlichen als anfangs vermuteten Nicole ausgeht, sei hier nicht verraten – aber es wird noch sehr turbulent. Und am Ende liefert uns die Autorin auch noch einen fulminanten Höhepunkt.

Bei RUND UM DIE BURG wird Silvia Pistotnig am 21. Mai um 15.30 Uhr aus „Teresa hört auf“ lesen.


„Teresa hört auf“ von Silvia Pistotnig
ca. 240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Leseband
Preis: € 23.00
ISBN 978-3-903184-68-8

Roman

Buchtipp von Helmut Schneider


„Über Menschen“ von Juli Zeh ist nicht nur der erste interessante Corona-Roman, sondern vor allem eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass auf dem Land Rechtspopulisten als einzige Alternative erscheinen.
Text: Helmut Schneider


Die 46jährige Juli Zeh ist spätestens nach ihrem 2016 erschienenen Dorfroman „Unterleuten“ die erfolgreichste Schriftstellerin unseres deutschen Nachbarn. Der Bestseller wurde sogar vom ZDF verfilmt. Jetzt erschien mit „Über Menschen“ ein Roman, der aufgrund des Settings – wieder sind wir in der brandenburgischen Provinz in einem fiktiven Dorf – wie eine Fortsetzung wirkt. Doch statt wie in „Unterleuten“ aus der Perspektive vieler zu erzählen, erleben wir diesmal die natürlich nicht konfliktfreie Assimilation einer jungen Werbetexterin in einer Dorfgemeinschaft. Und es ist die Geschichte einer Art Freundschaft eben dieser Berlinerin Dora, die mitten in der Coronakrise in ein altes Haus am Land zieht, und dem sich selbst als „Dorfnazi“ vorstellenden, kahlrasierten Nachbarn Gote. Zeh hat dabei viel riskiert, denn wie kann es glaubhaft erscheinen, dass eine urbane, linksliberale, junge Frau Sympathie für einen älteren Mann entwickeln kann, der mit bekannten AfD-Aktivisten nach viel Bier und Schnaps das Hort-Wessel-Lied singt und eine Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung ausgefasst hat? Aber Juli Zeh hat dabei ein Vorteil, den andere Schriftsteller nicht haben, sie wohnt nämlich schon seit einigen Jahren ebendort in der Provinz, in Brandenburg. Sie erlebt die Wut ihrer Nachbarn darüber, dass sich die Politik um ihre Bedürfnisse nicht kümmert, aus nächster Nähe mit. Und sie lässt das ihre Dora Schritt für Schritt lernen und vor allem auch erfahren wie es so ist, wenn die Busstation weit entfernt ist und nur zweimal am Tag ein Bus fährt – in einem Dorf, in dem es keine Einkaufsmöglichkeiten gibt. 

Köstlich sind aber auch die Szenen mit Doras Freund Robert im ersten Drittel des Buchs noch in Berlin. Der klimabewegte Journalist reagiert fast mit Freude auf die Pandemie, hält sich panisch an alle Vorschriften und verbietet Dora schließlich sogar längere Spaziergänge mit ihrem Hund. Corona ist für ihn und Seinesgleichen so etwas wie die gerechte Strafe für die Klimasünder. Und plötzlich lernen die gestressten Städter: „Echte Freizeit ist der Horror.“

Im Dorf gehen die Uhren natürlich anders. Und langsam stellt sich heraus, dass die Menschen auf dem Land komplexer sind als von der Hauptstadt aus gesehen. Der Nazinachbar Gote zimmert Dora ungefragt ein Bett und schenkt ihr Sesseln – einfach weil sie das nicht hat und fährt mit ihr einkaufen oder raucht eine Zigarette mit ihr zwischen den Grundstücken. Und bald schon freundet sich Dora mit Gotes kleinen Tochter Franzi an, die von der Mutter wegen Corona beim natürlich geschiedenen Vater abgegeben worden ist.

Juli Zeh gelingt es, Menschen am Land zu beschreiben und Doras Verwandlung in eine sogar spannende Handlung zu setzen. Vielleicht ist sie manchmal sehr nahe am Klischee, aber es ist sicher nicht leicht, sich ohne die übliche Pose des Besserwissenden mit Rechtsextremen auseinander zu setzen und sich dabei auch nicht vor Gefühlen zu fürchten. Die Autorin macht das, was andere nur fordern. „Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ ist schließlich die größte Lüge fast aller Politiker.   


„Über Menschen“, Juli Zeh, Luchterhand Verlag
Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
ISBN: 978-3-630-87667-2

Charlie Kaufman

Psychotrip durch ein Seelenleben


Mit dem Drehbuch zu „Being John Malkovich“ wurde Charlie Kaufman berühmt, jetzt hat er seinen ersten Roman veröffentlicht, einen 860-Seiten Psychotrip durch das Seelenleben eines erfolglosen New Yorker Filmkritikers.
Text: Helmut Schneider


So etwas muss man mögen: Schon Spike Jones Film „Being John Malkovich“ war ja äußerst schrullig. Dass ein Puppenspieler in einem Bürogebäude einen Tunnel findet, der direkt in den Kopf eines bekannten Schauspielers führt – das muss einem erst einmal einfallen. Aber der Film wurde in den USA und Europa zu einem Nischenerfolg und gilt als Kultfilm. Der Mann, der sich den Plot ausgedacht hatte, schrieb dann noch weitere ähnlich skurrile Drehbücher und produzierte bzw. inszenierte eigene Filme. Seinen letzten Streifen „I’m Thinking of Ending Things“, der allerdings ziemlich erfolglos im Kino lief, kann man sich aktuell etwa auf Netflix anschauen. 

Erstroman
Aber jetzt erschien bei Hanser sein erster Roman, und der ist fest im Kaufman-Universum angesiedelt. In „Ameisig“ geht es um den Filmkritiker B. Rosenberg (durch die Abkürzung seines Vornamens will er sein Geschlecht verschleiern, um niemanden zu nahe zu treten), der in Florida aus Zufall den sehr alten Filmemacher Ingo Cutbirth kennenlernt, der ihm als ersten seinen einzigen – allerdings drei Monate langen – Film zeigt. Der von Neurosen zerfressene New Yorker sieht darin die Chance seines Lebens, berühmt zu werden – als Entdecker eines Streifens, der die Filmgeschichte umschreiben wird. Als Cutbirth stirbt, mietet er einen LKW, um das hinterlassene Material nach New York zu schaffen. Doch leider geht der LKW in Flammen auf, Zelluloid brennt bekanntlich sehr gut und Rosenberg kommt mit leeren Händen zu Hause an. Fast das gesamte Buch hindurch versucht sich Rosenberg nun an den Film zu erinnern – unter Zuhilfenahme von Therapien und Hypnosesitzungen mit wechselnden Ärzten, die sich wie Scharlatane gebärden.

Höllentrip
In Wirklichkeit sind wir längst im persönlichen Höllentrip des B. Rosenberg gefangen, der geradezu paranoid über Regisseure, Drehbuchschreiber oder Kollegen schimpft. Auch mit seiner Tochter ist er längst im Clinch. Dazu gibt es unerfüllte Leidenschaften – er begehrt etwa heftig eine Frau im Clownskostüm –, skurrile Seitenstränge wie einen Präsidenten namens Trunk, der in Cutbirths Film auftaucht und sich klonen lässt, einen Doppelgänger, ein bisschen auch über Ameisen und so weiter und so fort. Am liebsten schimpft Rosenberg natürlich über Charlie Kaufman, diesen talentlosen Plagiator. Summa summarum ist das Buch wohl eine Satire auf die vergeistigte New Yorker Intellektuellenszene, wahrscheinlich könnte man den Roman auch „Being Charlie Kaufman“ nennen. Diese Art von Literatur auf 860 Seiten ist am ehesten etwas für Filmfans oder Menschen, die auch „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace mit Vergnügen gelesen haben.


„Ameisig“, Charlie Kaufman

  • Erscheinungsdatum: 15.03.2021
  • 864 Seiten
  • Hanser Verlag
  • Fester Einband
  • ISBN 978-3-446-26833-3
  • Deutschland: 34,00 €
  • Österreich: 35,00 €

Helmut Schneiders Leseempfehlung 4.12.20

Gummigeschoss & Vogelflug


True Stories: Colum McCann hat um das Leben eines Palästinensers und eines Israelis einen Roman geschrieben, der aus Poesie Politik macht. Damit ist ihm – jetzt lässt sich das schon sagen – der beste Roman dieses Jahres gelungen. Es geht um zwei im Schmerz vereinte ältere Männer.
Text: Helmut Schneider / Foto: Dustin Aksland


Dass gerade ein (in New York lebender) Ire einen sehr genau beobachteten und auch sehr umfangreichen Roman über Israel und Palästina schreibt, mag nur im ersten Moment verwundern. Denn der Schlüsselbegriff, um den dieser wunderbare Text kreist, ist „besetztes Land“. Damit haben die Iren wahrlich eine längere Erfahrung als die meisten Völker der Erde. Vereinfacht gesagt geht es um einen Palästinenser und einen Israeli, die beide ihre Tochter durch Gewalt jeweils der anderen Seite verloren haben. Aber statt in Hass und Bitterkeit zu versinken, finden die beiden in der Friedensbewegung zueinander. Beide sprechen sie weltweit darüber, warum nur gegenseitiges Verständnis die Grenzen überwinden kann und warum ein besetztes Land immer für beide Seiten ein Problem sein wird. McCann beruft sich auf die wahre Geschichte des Palästinensers Bassam Aramin und des Israelis Rami Elhanan. Der Autor hat genau recherchiert, aber sein Roman ist eben viel mehr als eine nüchterne Reportage. In 1.000 Kapitelchen liefert er einen poetischen Blick auf den Nahen Osten, also jene Region, die heute fast nur noch mit dem Zusatz Konflikt von uns wahrgenommen wird.

VIELECK MIT ENDLICHEN SEITEN
Die Vielstimmigkeit des Textes wird schon im Titel vorweggenommen. Ein „Apeirogon“ ist ein unendliches Polygon (Vieleck) mit einer endlichen Anzahl von Seiten. Nicht-Mathematiker werden sich wundern, dass ein Ding gleichzeitig endlich und unendlich sein kann, aber für den Roman bedeutet es wohl, dass sich zwar niemals alle Aspekte eines Konflikts beschreiben lassen, man sich aber einer Lösung desselben annähern kann. „Apeirogon“ ist nämlich trotz des großen Leids um Verlust und Tod kein pessimistisches oder gar deprimierendes Buch, wie es am Markt sowieso viel zu viele gibt. Im Gegenteil: Als Leser staunt man, wie es Bassam Aramin und Rami Elhanan gelingen kann, in ihrem Schmerz Hoffnung auf Frieden zu finden. Denn McCann erzählt etwa detailliert, wie ein israelischer Soldat die eine Tochter mit einem Gummigeschoss erschießt, als sie sich nach der Schule Süßigkeiten kaufen will, und wie die andere Tochter bei einem Selbstmordattentat eines jungen Palästinensers ums Leben gekommen ist.

Doch daneben erfahren wir auch, dass Israel eine der weltweit wichtigsten Flugrouten für Zugvögel ist oder dass der schon sterbende französische Präsident François Mitterrand sich noch schnell ein paar Ortolane – winzige Singvögel, die in Frankreich als Delikatesse gelten – servieren ließ.
Dazu die Gefängniserlebnisse des Selbstmordattentäters oder die Herstellung und Verwendung von Gummigeschossen. Und immer wieder erfahren wir von den vielen Reisen der beiden Hauptprotagonisten und wie es sich anfühlt, in einem Staat zu leben, der seine Staatsbürger ganz unterschiedlich behandelt. Während sich Israelis – mit moderaten Wasserpreisen verwöhnt – ihre Swimmingpools füllen lassen, können sich Palästinenser die Wassergebüren kaum leisten. Und dazwischen immer wieder der Alltag im Stau zwischen den sich unendlich anfüllenden Checkpoints.

MEISTER DES TONS
Schon in seinem Roman „Die große Welt“ über Philippe Petit, den Seiltänzer zwischen den Türmen des World Trade Centers, hat sich Colum McCann als grandioser Erzähler bewiesen. Es gelingt ihm mit Leichtigkeit für jede Szene den richtigen Ton zu treffen – egal ob von Schrecken oder Schönheit berichtet wird. Und so ist „Apeirogon“ eines der seltenen Bücher geworden, die man nur ungerne wieder weglegt und bei denen man sicher weiß, dass man sie nach einiger Zeit noch einmal lesen wird.


Colum McCann
apeirogon
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg.
Rowohlt Verlag,
595 Seiten, € 25,70

Eine STADT. Ein BUCH.

29 Kurzgeschichten aus Wien


Eine STADT. Ein BUCH. bereitet für 2020 etwas ganz Besonderes vor – Es wird diesmal ein ganz besonders Buch speziell für unsere Aktion: 29 Autor*innen schreiben für Eine STADT. Ein BUCH. jeweils eine eigene, neue Kurz-Geschichte! Mit anderen Worten: Wir schaffen mit 100.000 gratis verteilten Büchern unseren eigenen Bestseller!


Auch wenn heuer, im 19. Jahr der Gratisbuchaktion „Eine STADT. Ein BUCH“, alles anders ist – die 100.000 Bücher mit den 29 Kurzgeschichten aus Wien sind trotzdem frisch und rechtzeitig aus der Druckerei angeliefert worden. Begleitende Veranstaltungen müssen dieses Jahr coronabedingt leider ausfallen, aber im Zentrum steht wie jedes Jahr ohnehin das Buch selbst.

Zwischenbilanz bei EineSTADT.EinBUCH.
Bereits jetzt wurden 30.000 mal die Kurzvideos der Autorenlesungen angeschaut. Die Auslieferung der Gratisbücher wird nach dem Lockdown weitergehen, aber schon jetzt kann man sich Appetit auf die 29 Kurzgeschichten holen. Barbi Markovic, Bodo Hell, Laura Freudenthaler, Julya Rabinovic, Theodora Bauer, Edth Kneifl, Stefan Slupetzky sind bei 3-Minuten-Lesungen zu erleben – die anderen Autorinnen und Autoren folgen in den nächsten Tagen.

Kommen Sie vorbei auf www.facebook.com/eineSTADTeinBUCH oder https://einestadteinbuch.at/lesungen/

All jene Stellen, die das diesjährige Buch ausgeben, sind hier aufgelistet.
Ein Tipp: Bei der Rathausinformation im Rathaus und bei der Wien Energie Erlebniswelt Spittelau sind sicher noch Bücher vorrätig!

Tex Rubinowitz liest aus „Ich höre Farben“

Buchtipp: „Philadelphia Underground“

Der Kunst-Thriller


Der Urlaub ist zwar schon lange vorbei, Zeit zum Schmökern sollte aber immer sein, egal ob Thriller, Sachbuch, biografische Einblicke oder opulenter Bildband. Das Debüt des Kaliforniers Augustus Rose ist ein rasant erzählter, comic-
artiger Roman, in dem ausgerechnet Marcel Duchamp eine große Rolle spielt.
Text: Helmut Schneider / Foto: Piper/Augustus Rose


Gut, geklaut hat Lee schon immer, weil sie das so perfekt konnte, aber dass sie auf der Highschool mit Drogen im Spind erwischt wurde, war ein Unfall und Schuld ihrer besten Freundin Edie. Ab dann nimmt die Geschichte des seltsamen, vorerst relativ harmlosen Mädchens mit schwacher Mutter und nervendem Stiefvater in Philadelphia aber so rasant Fahrt auf wie ein D-Zug. Lee flieht aus dem Jugendgefängnis und kommt in ein Quartier voller Jugendlicher, die tagsüber betteln geschickt werden, und das „Kristallburg“ genannt wird. Im ersten Stock des Hauses werden jene, die sich bewähren, von einer Art spirituellem Führer einer speziellen Behandlung unterzogen. Bevor das passiert, haut Lee freilich wieder ab und hat fortan mehr Angst vor dieser Sekte als vor der Polizei. Denn diese Société Anonyme veranstaltet außerdem spektakuläre, als Rave getarnte Kunstfeste, bei denen immer wieder Mädchen verschwinden, um später als willenlose Zombies aufzutauchen. Werden sie als Sex-Sklavinnen missbraucht? Die Figuren, die dann auftauchen, haben merkwürdige Namen wie der Stationsvorsteher, der Priester oder der Leichenträger. Und nach und nach wird klar, dass sie alle der Phantasie von Marcel Duchamp entsprungen sind. Konkret aus seinem „Großen Glas“ mit dem rätselhaften Titel „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar“.

Zwischendurch eine Liebesgeschichte
Augustus Rose ist ein Experte für Subkultur, Metaphysik und natürlich Marcel Duchamp. Im Buch und auf seiner Homepage (augustusrose.me) finden sich viele Hinweise zur Sekundär-literatur. Was „Philadelphia Underground“ (ein englischer Titel, aber im Original heißt das Buch „The Readymade Thief“) so einzigartig macht, ist seine rasante Erzählweise. Seine Pro-tagonistin stürzt atemlos von einem Unglück ins andere und niemals weiß sie mit Sicherheit, wer ihr Freund und wer Spion oder Feind ist. Augustus Rose hat seinem Debüt quasi die Dramaturgie eines Thrillers oder einer TV-Serie verpasst – mit Cliffhanger noch und nöcher. Wäre ein Wunder, klopften da nicht längst schon Produzenten bei ihm an.
Denn auch eine Liebesgeschichte vergönnt uns der Autor, wenngleich eine komplizierte. Nach der Kristallburg stößt Lee auf dem gefährlichen Rave auf Tomi und findet in seiner WG Unterschlupf. Tomi ist ein Künstler und öffnet Lee buchstäblich die Welt der Kunst, indem er sich mit ihr im Kunstmuseum einschließen lässt, wo sie eine auch erotisch spannende Nacht verbringen. Und dann ist Lee auch noch schwanger …

Der Betrachter macht die Kunst
Erstaunlich ist auch, wie viel Rose in diesem Thriller an Kunsttheorie unterzubringen versteht. Für Marcel Duchamp war der Betrachter ein wichtiger Teil des Kunstwerks, seiner Ansicht nach produziert jeder, der sich ein Kunstwerk anschaut, sozusagen sein eigenes Kunstwerk in diesem Prozess. Und natürlich gab und gibt es viele Interpretationen zum „Großen Glas“, denn Duchamp liebte es, seine Adepten an der Nase herumzuführen. Die Mitglieder der Société Anonyme glauben jedenfalls daran, dass sich mit Hilfe von Duchamps Werk endlich die Gegensätze von Quantenmechanik und dem Einstein’schen Modell des Universums auflösen lassen. Man braucht nur die Maschine von Duchamp endlich in Gang zu setzen. Deshalb machen sie auch Jagd auf Lee, denn die hat aus einer Laune heraus einen wichtigen Teil des Kunstwerks mitgehen lassen.
„Philadelphia Underground“ ist jedenfalls mit Sicherheit ein Buch, das man, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen mag.


Eine Stadt ein Buch

Diesmal gibt es Short Storys


Eine Stadt. Ein Buch. Die Gratisbuchaktion des echo medienhauses bringt heuer 29 Kurzgeschichten aus Wien. Eine eindrucksvolle Leistungsschau der heimischen Literatur. Wir verlosen 5 Tische à 5 Personen bei der „Gala ohne Speis‘ und Trank“ anlässlich Eine STADT. Ein BUCH. am 12. November 2020.
Text: Helmut Schneider


Das heurige Wiener Gratis­buch wird unique! Denn die 29 neuen Kurzgeschichten, die in diesem Buch versammelt sind, werden nur ein Mal in dieser Form zu bekommen sein – haben doch Autorinnen und ­Autoren extra für „Eine STADT. Ein BUCH.“ zur „Feder“ gegriffen und eine Short Story beigesteuert. Und mitgemacht haben so bekannte ­Autorinnen und Autoren wie Doris Knecht, Franzobel, Renate Welsh, Julian Schutting, Eva Rossmann, Thomas Brezina, Kurt Palm, Gustav Ernst, Petra Hartlieb, Max Gruber oder Stefan Slupetzky. Die Geschichten sind so vielfältig wie das Wiener Kulturleben – der Ton ist mal pointiert, dann poetisch, anklagend, verspielt oder doppelbödig.

100.000 Gratisbücher
Die Eröffnung von „Eine STADT. Ein BUCH.“ ist für den 12. November 2020 geplant, wo der Bürgermeister wieder die ersten druckfrischen Exemplare verteilen wird. Ab 13. November, gleich in der Früh, beginnt die Verteilung aller 100.000 Bücher an den insgesamt mehr als 450 (!) Verteilstellen in Wien – wo genau? Das finden Sie rechtzeitig vor dem 13. November hier: https://einestadteinbuch.at/verteilstellen/

Dabei sein!
Wir verlosen 5 Tische à 5 Personen bei der „Gala ohne Speis‘ und Trank“ anlässlich Eine STADT. Ein BUCH. am 12. November 2020. Alles, was Sie zur Teilnahme brauchen, ist ein Interesse an Literatur. Bei der Gala wird eine Live-Diskussionsrunde zum Thema „Reiz der Kurzgeschichte“ stattfinden, bei der das Publikum den AutorInnen des Buches direkt Fragen stellen kann. Teilen Sie uns Ihre Frage mit und gewinnen Sie einen Tisch bei der Gala!

„Eine STADT. Ein BUCH.“ „Eine STADT. Ein BUCH.“ dankt allen Unterstützern der größten Gratisbuchaktion der Welt, besonders dem seit 19 Jahren treuen Hauptsponsor Wien Energie.


Weitere Informationen unter: einestadteinbuch.at